Weihnachtsshopping auf der Ossi-Messe

von Nadja Sayej

Eins ist sicher: Die Weihnachtszeit ist für alle stressig.
Wäre ich in meiner nordamerikanischen Heimat Kanada, würden Mitarbeiter des Einkaufszentrum meine Kreditkarte durchs Kartenlesegerät ziehen und es käme eine Ansage durch die Lautsprecher:„Die Geschäfte schließen in 15 Minuten. Bitte bringen Sie Ihre Waren an die Kasse.“
 
In Deutschland erinnert die Weihnachtszeit an ein romantisches Märchen. Du gehst zu altmodischen, mit glitzernden Lichtern geschmückten Holzhütten, um dir einen Becher Glühwein zu kaufen, und zahlst dabei einen Euro extra fürs Pfand. Aber im Endeffekt kriegst du ihn wieder—oder eine tolle Erinnerung an den Tag, an dem du die Glühweintasse gestohlen hast (Ich habe fünf solcher Tassen in meiner Küche stehen, aber die haben Leuten geklaut, die früher hier gewohnt haben. Das war nicht ich.)

Warum also habe ich mich bereiterklärt, auf die OSTPRO zu gehen? Auf LSD!
Ich konnte einfach nicht widerstehen. Für zwei Euro Eintritt kann man in eine Welt eintauchen, die so komplett anders ist als alles bisher Gesehene. Die OSTPRO ist ein Ort, den wirklich jeder seltsam findet.


 
So wie ich das verstehe, ist das gar kein Weihnachtsmarkt, sondern eine ostdeutsche Handelsmesse ganz spezieller Dinge. Höchstens die Hälfte davon hatte mit Weihnachten zu tun.
Die Stimmung war ein wenig unterkühlt—keiner der Aussteller erlaubte mir, Fotos zu machen. Aber die Räumlichkeiten waren mit etwa 100 Ausstellern und einer Beton-Cafeteria, die mich an ein Gefängnis erinnerte, gemütlich.
 
Was bedeuten diese Produkte für mich? Wenn ich meiner Mum zu Weihnachten etwas aus Deutschland schicken wollte, welchen Unterschied würde es machen, etwas hier auf der OSTPRO oder bei LIDL zu kaufen? Der Käse ist etwas teuer.

Der Unterschied bestand in den unterschiedlichen seltsamen Sachen. Ich war total fasziniert von diesem Cartoon-Zeugs wie den Süßigkeiten oder den sanften Lichtern, wie diesen Hippie-Aura-Lampen aus Salzkristallen. Ich fühlte mich sehr einsam, aber auch entspannt. Ich sprach mit niemanden Deutsch. Ich konnte noch nicht einmal Englisch sprechen. Das LSD wirkte noch und alles, was ich wollte, war umhergehen, Fotos machen und naschen.
 
Hier meine Top-10 der glamourösesten Weihnachtsentdeckungen, die ich auf der OSTPRO gemacht habe:


1. Diese orangene Retro-Couch begrüßte die Besucher am Haupteingang der OSTPRO. Der Besitzer des Möbelgeschäfts war sehr nett, aber ich fühlte mich wie in die 1970er zurückversetzt.

 
2. Ich liebte die Werbe-Flyer. HERZGUT Omeghurt.


3. Unbezahlbar—ein Vintage-Golden-Girls-Glasplatten-Garten-Tisch mit sechs Stühlen, mit einer Blumenprint-Tischdecke, die man eigentlich so bisher nur als Vorhang gesehen hat. 


4. Diese Sammlung kleiner Wandlampen faszinierte mich. Die einsame Küstenlandschaft, die Schmetterlinge und die mysteriöse arabische Frau ließen mich noch mehr an Naked Lunch denken.  


5. Auralampen aus Salzkristallen in Form von Engeln, Delfinen und Pyramiden. Das ideale Geschenk für jeden, der die 12-Schritte geschafft hat.


6. Man kann nie wissen, wann man mal eine Heizkörperbürste braucht.


7. Sehr disneymäßige Märchenregenschirme in Lila und Pink. Seltsamerweise waren sie nicht für Kinder gedacht, sondern groß genug für Erwachsene.


8.  Die Profi-OSTPRO-Besucher wissen, dass man hierfür nicht sein Mittagessen ausfallen lässt. Da es hier so viele Snacks gibt, bestellst du dir einfach eine Fischsemmel für 3 Euro und machst weiter.

 
9. Kaffeetassen, auf denen „Held der Arbeit“ und „DDR“ steht. Sowas will ich meiner Familie schicken.


10. Ich fand eine Konzeptkunst-Installation—eine Schaufensterpuppe in einer Dusche in einem blauen Messestand. Für einen Moment fühlte ich mich wie in der Abteilung für Nachwuchskünstler  auf der Art Basel. Wo ist die Preisliste?

 


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