Soll dieses Schaf sterben? Ihr stimmt ab!

von Karola Madeleine

Friedlich liegt sein brauner, wuscheliger Kopf auf dem lila Stützbalken der Guillotine, die großpupilligen Schafsaugen starren ins Leere. Seine beiden potenziellen Henker in weißen Overalls tragen Basecap und eine fahrradschlossdicke Goldkette, die auch ihrem vierbeinigen Gefährten umgehangen wird. Sichtlich zufrieden posieren die Meisterschüler der Universität der Künste, Rouven Materne und Iman Rezai vor ihrem „perfekten“, neonfarbenen Hinrichtungsgerät. Darüber, ob sie am 17. Mai 2012 zu shisharauchenden Schlächtern werden, entscheidet das Publikum. Die Online-Abstimmung über die Hinrichtung des zotteligen Vierbeiners ist Teil ihres Experiments „Die Guillotine“. Was vermeintlich aussieht wie ein „großes Spielzeug“, stellt in ihren Augen die „kompakteste Reflektion der Gesellschaft“ dar. Und diese ist nunmal nicht nur farbenfroh und freundlich, sondern von Krieg, Tod und medialen Lügen bestimmt. Daher sahen die beiden Künstler es als ihre Pflicht an, eine Mordwaffe zu erschaffen, die diesen Kontrast repräsentiert. Ob das Schaf am Ende des Votings noch in der Lage sein wird, Halsschmuck zu tragen, wird sich daher zeigen.


Foto: Grey Hutton

VICE: Wer hatte heute morgen Wurst zum Frühstück?
Iman Rezai: Ich hab gar nichts gegessen. Nur einen Apfel. Aber ich esse sehr gerne oder nur Fleisch generell. Heute musste ich einen Apfel essen, weil es nichts Anderes im Kühlschrank gab.
Rouven Materne: Ich hab Pute gegessen. Also Vegetarier oder Veganer sind wir nicht.
Iman Rezai: Ich hab als kleines Kind im Iran auch kleine Hühner geschlachtet. Das war lustig. Was heißt lustig, das ist normal. Aber hier, ich bin hier seit 13-14 Jahren in Deutschland. Jetzt ist das nicht mehr lustig. Gut und schlecht ist relativ. Fragen, Zeiten, Persönlichkeiten und Perspektive. Also, von wo und wer du bist und wie du das betrachtest.
Rouven Materne: Da ist es ja auch egal, ob das im Iran ist oder in Brandenburg. Da sind auch Kinder, die das machen. Auf dem Bauernhof ist das eine alltägliche Sache.
 
Wo ist denn jetzt das Schaf?
Rouven Materne: In Sicherheit.
Iman Rezai: Wir schweigen, wir dürfen das nicht sagen.
Rouven Materne: Bis zum Ende der Wahl ist es auf jedem Fall in Sicherheit und dann wird die Wahl entscheiden, ob es weiterhin in Sicherheit bleibt oder in ganz große Sicherheit kommt.
 
Ist es auch das Schaf, was man im Video sieht?
Rouven Materne: Ja, wobei es uns nicht um irgendein bestimmtes Schaf geht. Es hat Symbolcharakter, wie jedes andere Schaf. Weil es steht ja nicht für das Tier. Es steht für den Menschen.
Iman Rezai: Die Leute verstehen es oft falsch. Es ging darum, dass wir nachdenken, dass wir uns Fragen stellen, dass wir unsere eigenen Fragen definieren und unsere Antworten dazu. Es ging darum, dass wir die Sache wachsamer betrachten. Die Freiheit ist relativ und deshalb ist es eine Illusion. Und sobald wir in einer Illusion leben, leben wir in einer Welt, wo Disformation als Information verkauft wird. Und sobald wir Informationen an die Realität zurückschicken, beschweren wir uns wieder. Weil wir im Spiegel sehen, wie grausam wir sind. Das ist nicht meine oder unsere Kunst, sondern das, was wir zusammen gebaut haben. Menschen bzw. die Gesellschaft haben uns auch dazu gezwungen. Und jetzt sehen wir uns und denken: „Oh mein Gott“. Bei Youtube sind über 90% dagegen.
Rouven Materne: Das ist das Paradoxe. Es ist ein Experiment, weil es fast wissenschaftlichen Charakter hat. Bei vielen Leuten liegt der Fokus auf dem Schaf und auf dem Tierschutz, weil sie noch nicht auf die Meta-Ebene gegangen sind und nicht gemerkt haben, dass das Schaf Symbolcharakter hat und es sich um eine Kunstaktion handelt. Provokation ist natürlich dabei, wir haben laut mit dem Hammer aufgeschlagen, um große Aufmerksamkeit zu bekommen, aber nicht zur Selbstdarstellung und dazu unsere Meinung zu präsentieren, sondern um das zu erreichen, was jetzt in manchen Teilen schon erreicht ist. Sie sind jetzt in der Lage, sich von ihrem Bildschirm ein Schritt weg zu bewegen, sich die Kommentare, die sie zum Teil selbst geschrieben haben, mal durchzulesen und sich ein Bild zu machen, in welcher Gesellschaft wir leben. Und diese Gesellschaft wird weltweit als Demokratie, als menschenrechtsbefürwortend verkauft. Als eins der reichsten und gebildetsten Länder. Mal Land der Dichter und Denker gewesen. Jetzt gerade ist es das Land der Richter und Henker.

Aber ihr habt euch das Schaf schon bewusst ausgesucht?
Rouven Materne: Natürlich. Das Schaf ist ein Symbol für den Menschen. Es war schon immer ein Symbol für den Menschen. Und das beweist es auch jetzt gerade, dass der Mensch sich gut mit dem identifiziert, da es sich auch um ein Herdentier handelt. Der Kurier hat das Wort „pervers“ zuerst genutzt. Und jetzt liest du in jedem zweiten negativen Kommentar, dass wir pervers sind. Die Menschen rennen alle, bis auf einige wenige, in eine Richtung. Sie haben einen Täter gefunden, an dem sie sich ergötzen können, sie können sich selbst wunderbar darstellen. Und was uns verwundert, wo ich nicht mit gerechnet hätte, ist dieses extrem rassistische Potential.
Iman Rezai: Ich hab sogar Familie, die uns kritisiert und sagt, dass das, was wir machen, unmenschlich ist. Deren eigene Familie arbeitet in der Bundeswehr, Tornadoflieger oder in Afghanistan. Und die sagen: „Das ist menschlich“, aber das ist der Punkt, an dem ich sage: „Wo leben wir?“. Ich drohe nicht, dass ich ein Schaf töte, es ist eine Wahl, man kann es auch retten. Viele sagen: „Diese Wahl ist nicht demokratisch, du kannst wählen, so viel du willst.“ Ich respektiere deine Gefühle, du kannst dich ausdrücken, so viel du willst. Du bist kein Roboter, dass du nur einmal ja oder nein sagst, du kannst dich pro Tag 20 Mal äußern, heute sagst du, du bist für ja, morgen sagst du: „Ich bereue das“, machst auf nein.
 
Soll das Schaf sterben?
Rouven Materne: Unserer Meinung nach?
 
Ja.
Rouven Materne: Unserer Meinung nach ist es die Entscheidung der Leute, die abstimmen. Hätten wir gesagt, das soll sterben, dann hätten wir keine Abstimmung gemacht. Letzten Endes ist der Ausgang dieser Wahl das Essentielle. Und nicht, ob wir es töten oder nicht, sondern, wie die Leute entschieden haben. Es liegt nicht in unserer Hand. Wir sind so eine Art Übertragungstäter, weil wir die Entscheidung, ob es getan wird oder nicht, von uns weisen. Das entscheiden andere. Wir selber sind zwar eigenständig handelnde Wesen und müssen es mit unserer Moral in Einklang kriegen, dass wir dieses Schaf töten müssen. Uns war von Anfang an klar, dass wir da Gewissensbisse haben werden und dass uns das auch nicht leicht fallen wird.

Was passiert mit dem Kadaver danach?
Iman Rezai: Es wird beerdigt. Weil es ein Mensch ist und kein Schaf. Es hat Würde. Es ist ein Symbol für einen Menschen. Was würdest du denn von einer Menschenleiche essen?
Rouven Materne: Würde es gegessen werden, hätte es diesen Sinn, der ja auch in unserem Tierschutzgesetz steht, dass man für einen anerkannten Zweck Tiere töten und leiden lassen kann. Außerdem würde es damit ja wieder zum Tier werden, wenn wir eine Grill-Session machen würden. Es wäre ja auch noch perverser, würde es zum Tier werden. Da es für einen Menschen steht, wird es beerdigt. Viele denken sich dann: „Das stirbt dann völlig sinnlos.“ Genau, es stirbt völlig sinnlos, so wie die Leute, die durch unsere Demokratie und unseren Freiheitskampf in anderen Ländern auch sinnlos sterben. Die Demokratie ist zum Synonym geworden für: „Ich bringe Krieg in dein Land.“ Und diesen Krieg kann man nur anzetteln und führen durch Leute, die sich so echauffieren wie die Leute im Internet, die einfach nur einen Täter und ein Feindbild brauchen, um den ganzen Hass, den sie haben, auf diesen Punkt zu fixieren. Man muss nur ein Feindbild schaffen und Hetze und eine Kontroverse. Aber bloß nicht zu stark, weil ansonsten die Kontroverse in dein eigenes Land wandert. Somit kannst du dann einfach, ganz leicht Krieg, Leid, Ausnutzung und moderne Sklaverei unter dem Decknamen von Freiheit und Menschenrechten in andere Länder bringen.
 
Hätte man auch eine andere Waffe nehmen können?
Rouven Materne: Man hätte eine andere Waffe nehmen können, wenn wir was Anderes hätten aussagen wollen. Aber wir haben uns direkt für die Guillotine entscheiden. Sie ist unter der absolutistischen Regierung in Frankreich entworfen worden, wurde dann gegen die absolutistische Regierung eingesetzt. Bis 1981 wurde sie in Frankreich noch benutzt, bis in die 50er Jahre noch in Deutschland, das heißt, sie ist sehr aktuell. Sie wurde bis zuletzt in Europa für Todesstrafen benutzt, weil sie als humanitäre Tötungsmaschine gilt. Und das ist das Paradoxe an sich, humanitär zu töten. Deswegen wäre es mit keiner anderen Waffe gegangen, aber auch mit keinem anderen Tier, weil wir mit dem Schaf das beste Symbol für den Menschen haben.
 
Habt ihr schon irgendetwas da rein gesteckt zum Testen?
Iman Rezai: Dazu schweigen wir lieber.
 
Habt ihr außer diesen Facebook-Kommentaren oder den YouTube-Kommentaren irgendein anderes Feedback oder Kritik bekommen? Standen Leute bei euch vor der Tür? Oder habt ihr blutende Schafsköpfe gefunden?
Iman Rezai: Viele wollten uns umbringen. Telefonnummer und Adresse von mir, meinem Bruder und meiner Familie wurden im Internet von Unbekannten veröffentlicht. Telefonate mit „Wir töten dich“ gibt es wirklich.
 
Habt ihr Angst?
Iman Rezai: Nein, das sind einfach alles Spinner und wenn die kommen, dann kriegen sie auf die Fresse, wenn es sein muss. Die sollen kommen, wir sind offen.
Rouven Materne: Von 100 Leuten, die sich so aufregen und solche Sachen schreiben, da ist einer, der es angefangen hat, der es vielleicht auch ernst meint. Und die anderen, die hinterherrennen. Ich hab bis auf Facebook und YouTube auch nichts weiter bekommen, außer Morddrohungen und so weiter. Ansonsten nichts Besonderes. Ich mache mir da keine großen Sorgen. Das ist so, als würde man unschuldig von der Polizei verhaftet werden und dabei eine blutige Nase kassieren, ohne dass man etwas gemacht hat. Dann ist das für mich kein Grund, auf den Polizisten loszugehen, sondern eher eine Bestätigung dafür, dass er seinen Job nicht richtig gemacht hat. Und wenn jetzt jemand wegen seinen moralischen Prinzipien zu mir kommt und mir Leid antun will, dann weiß ich, was es für ein Mensch ist. Dann ist es im besten Fall so: „Komm stich zu, aber dann ist das ein Urteil, was du gerade fällst und kein gewähltes Urteil.“ Wir werden so hingestellt, als wären wir die Mörder, aber wir sind die, die es zur Wahl gestellt haben und die Leute, die auf ja klicken, sind die eigentlichen Mörder.
 
Ihr habt euch ja bewusst mit der Shisha hingesetzt und mit der Goldkette, die du jetzt auch anhast. Dann ist es klar, dass die Leute darauf reagieren. Ihr hättet euch ja auch mit einem grauen Pulli und einem Glas Wasser hinsetzten können.
Iman Rezai: Wir sollten und wollten ja auch provozieren. Wir sind so, wir sind immer provokant. Aber nur weil ich provoziere, heißt es nicht, dass Leute meine Familie beleidigen müssen. Ich bin ein Mensch. Ich hab denen nur ihr Gesicht im Spiegel gezeigt und jetzt können die das nicht ertragen.
 
Möchtet ihr noch was loswerden?
Rouven Materne: Wir haben getan, was wir tun mussten, weil es an der Zeit war und Provokation gehört natürlich dazu. Auch vor allem zu Kunst und jetzt liegt es bei jedem Einzelnen, ob er es schafft, über seinen eigenen Schatten zu springen und die Intention dahinter zu verstehen. Und ob er es schafft, sich über diese eventuell bevorstehende Gräueltat Gedanken zu machen, über die Gräueltaten, die jeden Tag überall in der Welt passieren, ohne dass jemand dort eine Stimme oder ein Forum hat.

Soll dieses Schaf getötet werden? Sein Leben liegt in euerer Hand. Hier geht es zum Online-Voting.

 

ARTIKEL EMPFEHLUNGEN:

Herr, erlöse uns von dem Bösen
Ist ein Besessener denn überhaupt lukrativ für den Teufel?
Ich habe mich auf Dämonen testen lassen
Die Chancen stehen gut, dass du momentan nicht von einem Dämon besessen bist. Vielleicht aber doch, dann solltest du dich wegen paranormaler Aktivitäten testen lassen.
Scientology ohne Scientology
Auch bei Scientology gibt es Rebellen. Diese Scientologen der „Freie Zone“ lehnen die Scientology-Kirche strikt ab und berufen sich auf den „wahren Glauben“ von L. Ron Hubbard

 

Kommentieren