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      Taliban Holiday

      January 17, 2011

      Von Suroosh Alvi

      Mitglieder der Taliban-Splittergruppe Tehreek-e-Taliban beim Beten im Dorf Mamoon Zai in der Region Orakzai

      Das Pearl Continental Hotel in Peschawar, Pakistan, war sechs Monate vor meinem Eintreffen bombardiert worden. Als wir Anfang Dezember vorfuhren, fühlte ich mich an das Bagdad aus der Zeit des Irak-Kriegs erinnert—allein, um vor dem Hotel halten zu dürfen, mussten wir bewaffnete Sicherheitsleute, Bombenschutzmauern, Bombenspürhunde und noch mehr Sicherheitsleute passieren. Darauf folgten dann noch zwei weitere Sicherheitschecks, bevor wir ins Hotel hinein durften. Als wir 2006 hier waren, liefen die Dinge noch völlig anders: Das Hotel war damals noch einer der wenigen Orte in Peschawar, wo man Spaß haben konnte, wo Ausländern Alkohol serviert wurde und Partys und Hochzeiten stattfanden. Das Pearl war damals—für pakistanische Verhältnisse—extrem freizügig.

      Heute ist das Hotel eine Geisterstadt. Ich war einer von insgesamt vielleicht zehn Gästen und die Angestellten waren überglücklich, mich bzw. überhaupt mal einen Gast zu sehen. Außer mir waren noch eine wohlhabende pakistanische Familie und zwei mysteriöse, rundliche, langhaarige, hellhäutige Typen hier, die irgendeine zentralasiatische Sprache sprachen. Das Zimmer der beiden fetten Typen lag direkt neben meinem und ich konnte hören, wie sie die ganze Nacht lang soffen und redeten. Ich beschloss, dass sie entweder Waffenhändler oder Heroinschmuggler waren—oder beides zugleich.



      Föderal verwaltete Stammesgebiete


      Seit meiner letzten Reise war die Gewalt in der Region stark angestiegen und die Zahl der Selbstmordattentate, ein Phänomen, das vorher in Pakistan extrem selten war, war ebenfalls in die Höhe geschnellt. Infolge dieser Verschlechterung der Lage dauerte es ganze sechs Monate, bis die Reise überhaupt zustande kam. Mein Freund und Gastgeber Naeem Afridi ist Protokollchef einer Provinzregierung und riet mir dringend von der Reise ab. „Die Situation mit den Taliban ist sehr schlecht. Komm lieber nicht oder warte wenigstens noch ein paar Monate“, sagte er. Also wartete ich. Und dann wartete ich noch ein bisschen. Als ich das nächste Mal mit ihm sprach, hörte er sich extrem ernüchtert an. Ich ließ mich aber nicht abschrecken und sagte ihm, dass ich jemand von den Taliban treffen wollte, und fragte, ob er mir helfen könnte, ein solches Treffen zu arrangieren. Er erklärte mir, dass die Lage in Pakistan und speziell in Peschawar sich in einer Abwärtsspirale in Richtung einer einzigen Kloake aus Militanz und Fundamentalismus befände, was sich in einer rasanten Zunahme strategischer Entführungen, Selbstmordattentate und Enthauptungen durch die Taliban äußere. „Du wirst dich nicht mit den Taliban treffen. Sie sind Hunde. Ich werde so etwas nicht arrangieren“, sagte er ungewöhnlich aggressiv.

      Dann kam im Juli 2010 die Flutkatastrophe. Innerhalb weniger Monate zerstörte eine Flut biblischen Ausmaßes die Lebensgrundlage von über 20 Millionen Menschen. Der Schaden, den die nationale Infrastruktur erlitt, warf das Land um 20 Jahre in seiner Entwicklung zurück. Laut Berichten sind mehr als 1 Milliarde Dollar an Entwicklungshilfe nötig, um den Schaden wieder gutzumachen—von denen bisher lediglich geschätzte 100 Millionen in das Land geflossen sind. Premierminister Asif Ali Zardari—ein berüchtigter Exkrimineller, der den Spitznamen „Mr. zehn Prozent“ trägt, und den viele für die Ermordung der ehemaligen Premierministerin Benazir Bhutto verantwortlich machen, die zufälligerweise auch seine Frau war—ist bekannt für seine spitzen Finger, sodass man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen kann, dass ein Großteil dieser Summe in der Hauptstadt Islamabad hängengeblieben ist. Als die Wasserpegel zu sinken begannen, rief ich Naeem noch einmal an, und nachdem ich ihm etwas Geld geschickt hatte, um die Flutschäden an seinem Haus zu reparieren, stimmte er schließlich zu, dass dies ein guter Zeitpunkt wäre, zu kommen. Ich stieg ins Flugzeug.

      Der Autor kehrt zu den Rändern des inzwischen wesentlich kleineren Waffenmarkts in Darra zurück, der jetzt unter der Kontrolle der Taliban steht.

      Naeem ist in der Gegend geboren und war 2006 unser Guide für die VBS.TV-Reportage über die illegalen Waffenmärkte von Darra Adam Khel, einem Dorf in einer irgendwo im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan eingekeilten Stammesgegend. Es war eine witzige Geschichte über ein ernstes Thema, und Naeem war die ganze Zeit über fröhlich und gut gelaunt. Er ist ein talentierter und bereitwilliger Geschichtenerzähler, der permanent sein Garn spann, während er uns durch die schlichte Einkaufsmeile spottbilliger selbst gebauter Geschütze führte. Inzwischen ist er ernst, um nicht zu sagen mürrisch geworden.

      Die Unterschiede zwischen damals und heute sind gravierend. Als ich das erste Mal, damals gemeinsam mit Eddy Moretti, dem Creative Director von Vice, dort ankam, waren die Ausbildungslager der Taliban und von al-Qaida kurzzeitig durch Amerikas nach dem 11. September vom Zaun gebrochene Lasst-uns-Afghanistan-plattmachen-Kampagne aus Afghanistan vertrieben worden. Viele der überlebenden Talibansoldaten und Al-Qaida-Typen hatten sich wie Kakerlaken über die durchlässige Grenze nach Pakistan in den südlichen Teil der bergigen Stammesgebiete verkrochen. Von dort aus begannen die Taliban dann ihr Comeback zu planen, während sie gleichzeitig der pakistanischen Armee zu schaffen machten, die verzweifelt versuchte, dieser neuen dunklen Präsenz in Pakistan Einhalt zu gebieten.

      Entgegen zur Vorsicht mahnenden Medienberichten fanden die Kämpfe in einiger Entfernung südlich von uns statt, sodass die Lage zwar gefährlich war, aber nicht so, dass wir uns deswegen in die Hose machen mussten.

      So sieht das Leben in der Gegend um Kamp Koroona in Pakistan seit der Flutkatastrophe vom Juni 2010 aus.

      Außerdem hatte Naeem uns eine eigene aus Stammesmitgliedern rekrutierte Militäreskorte zur Seite gestellt, was auch nie schaden kann. Wir übten also mit den Leuten aus der Gegend Maschinengewehrschießen und ließen uns zum Lammfleischessen einladen—und das in einer Gegend, die schon sehr, sehr lange nicht mehr von einem westlichen Journalisten besucht worden war. Anders ausgedrückt: Wir hatten Spaß.

      Heute sind die Taliban in nördlicher Richtung bis zu den Stammesgebieten vorgestoßen, deren Ausläufer sich bis zur Stadtgrenze von Peschawar und sogar in die städtischen Zentren hinein erstrecken. Die Waffenmärkte von Darra Adam Khel haben sie inzwischen fest in der Hand. Die Atmosphäre ist unheimlich und völlig anders als 2006. Der Feind ist von den normalen Anwohnern durch nichts zu unterscheiden und es ist unmöglich zu wissen, wer wer ist und was was. Folglich lautet das Grundprinzip: „Trau niemand.“

      Nachdem ich mich im leeren Hotel halbwegs eingerichtet hatte, arrangierte ich ein Treffen mit dem Chef des Lokalbüros der Daily Times in Peschawar, Iqbal Khattak, um mir einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Er sagte, dass die Hilfsmaßnahmen der Regierung die Menschen vor Ort nicht erreichen und erklärte mir, wie die Unfähigkeit der staatlichen Institutionen, Auseinandersetzungen zu schlichten, zu einem Machtvakuum geführt hat. Dies bietet den Taliban neue Gelegenheit, sich hervorzutun und Leute für sich zu gewinnen, indem sie ihnen beim Wiederaufbau und der Schlichtung von Grundstücksdisputen helfen.

      Es ist ein typischer Gangstertrick, wie ihn kriminelle Organisationen auf der ganzen Welt seit Jahrhunderten benutzen. An einem Tag bringen die Taliban und ihre über 30 militanten Splittergruppen Chaos und den Zorn der Hölle über die Gegenden von Karatschi bis Lahore und Peschawar, und am nächsten Tag strecken sie die Hand aus, um den Unzufriedenen und Benachteiligten zu helfen. Angst und Tod, dann Streicheleinheiten und Geld, dann wieder Angst und Tod, dann Streicheleinheiten und Geld … und so geht es immer weiter hin und her.

      Als ich Khattak fragte, ob die Taliban in Pakistan ebenso erbarmungslos wären wie ihre afghanischen Vorgänger, erzählte er mir von einer blutigen Episode in Pakistans Swat-Tal. „Sie begannen, die Leute zu enthaupten“, sagte er. „Sie enthaupteten alle und jeden, Tänzer, Sänger und Frauen. Sie öffneten die Gräber und gruben die Leichen aus, um sie zu schänden.“

      Talibanmitglieder protestieren am Schauplatz einer amerikanischen Drohnenattacke auf eine Madrasa in dem Dorf Damadola und rufen anti-amerikanische Slogans.

      Khattak hatte sich 2008 mit dem Taliban-Anführer Baitullah Mehsud getroffen, der ihm die, zumindest teilweise, Wirkung der amerikanischen Drohnenangriffe erklärte. „Ich kann Monate damit verbringen, die Bevölkerung von unserer Sache zu überzeugen—und dann habe ich vielleicht 50, 60 Leute für uns gewonnen,“ sagte Mehsud Khattak. „Aber nach einem einzigen Drohnenangriff habe ich das ganze Dorf auf meiner Seite.“

      Als die USA anfingen, die Predator-Drohnen zu benutzen, um Aufständische in Pakistan zu bombardieren, brachten sie damit nicht nur die Taliban und al-Qaida, sondern auch Zivilisten und die Regierung gegen sich auf. Es war eine eklatante Verletzung der nationalen Souveränität des Landes. Dazu kommen die unzähligen Fälle, wo Drohnen ihre Ziele verfehlt haben und ihnen so statt Extremisten unschuldige Menschen auf Hochzeiten zum Opfer gefallen sind.

      Baitullah Mehsud wurde ironischerweise selbst schließlich von einer Drohne getötet—sie scheinen also gelegentlich auch ihr Ziel zu treffen. Laut Khattak sind es dennoch die Amerikaner, die die Gegend radikalisieren. „Du wirst angegriffen, du wirst zum Ziel, also schließt du dich an“, erklärte er. „Die Drohnenattacken in Pakistan mögen Amerika zu kurzfristigen Erfolgen verhelfen, aber auf lange Sicht sind die Verluste sehr, sehr viel größer. Diese Drohnentechnologie ist komplett kontraproduktiv und je schneller wir damit aufhören, umso besser werden wir unsere Zukunft sichern können.“

      Ein Mann richtet auf Anweisung des lokalen Anführers der Talibansplittergruppe Lashker-e-Islam zwei „Kriminelle“ in Spinqamer, Pakistan, hin.

      Rahimullah Yusufzai, die letzte Person, die Osama bin Laden interviewt hat, und einer von Pakistans angesehensten Journalisten, erklärte mir, wie die Taliban ticken. Er beschrieb, wie schwer sie von der pakistanischen al-Qaida zu unterscheiden sind, und dass ihre Mitglieder immer noch den afghanischen Führern folgen. Aber ich wollte vor allem mehr über die Selbstmordattentäter—die „Suicider“—wissen.

      Talibanhelfer machen nach der Exekution sauber.
      „Die Taliban sind zwischen 20 und 30—sogar ihre Anführer“, sagte Yusufzai. „Sie haben einen schier endlosen Nachschub an Selbstmordattentätern. Sie können es sich leisten, Attentäter auch zu weniger wichtigen Zielen zu schicken, oder eine ganze Welle Attentäter auf ein bestimmtes Ziel anzusetzen … 10, 20 Leute zur Stürmung eines einzigen Ortes. Sie sind alle bereit zu sterben.“ Als ich ihn über ihre Überzeugungsmethoden befragte, fügte er hinzu: „Ihre Gehirnwäsche ist sehr effektiv. Einmal sagte mir der Meister der Selbstmordattentäter [der Taliban]: ‚Ich kann einen jungen Mann binnen einer halben Stunde oder 20 Minuten in einen Selbstmordattentäter verwandeln, ganz einfach. Unter unseren Leuten, unter Muslimen, gibt es eine solche Wut auf Amerika.‘“

      Amerikas „War on Terror“ hat sich als völliges Desaster herausgestellt. Die Kämpfe in Afghanistan befördern einen permanenten Fluss von Waffen, Flüchtlingen, Aufständischen und Heroin nach Pakistan. In Städten wie Lahore ist Heroin inzwischen billiger als Haschisch und die Kalaschnikowkultur, deren Fundamente vor 30 Jahren gelegt wurden, als die CIA die Mudschaheddin finanzierten, dominiert alles. Das Ganze hat in Pakistan einen grausamen Tribut gefordert und die nächste Generation von Extremisten geschaffen. Fein gemacht, Amerika.

      „Es herrscht eine große Wut auf die Alliierten der westlichen Länder, wie auch auf den pakistanischen Staat und die pakistanische Armee“, sagte Yusufzai. „Die Menschen sind bereit, Rache zu üben. Also ist es den Taliban ein Leichtes, diese Familien dazu zu bringen, Selbstmordattentäter für den Kampf beizusteuern.“ Er fügte noch etwas hinzu, das er vom obersten Anwerber der Selbstmordattentäter erfahren hat: „Er sagte: ‚Du bist ein alter Mann, aber wenn du mir eine halbe Stunde gibst, kann ich auch aus dir einen Selbstmordattentäter machen.‘ Er ist von dem, was er tut, absolut überzeugt.“

      Es läuft im Grunde auf das Bedürfnis nach Rache hinaus. „In der paschtunischen Gesellschaft ist die Rache sehr wichtig“, sagte Yusufzai. „Es gibt diese paschtunische Redewendung: ‚Selbst wenn du erst nach 100 Jahren Rache übst, ist es nicht zu spät.‘ Ich bin sicher, dass es sich bei den meisten Anschlägen um Vergeltungsakte handelt. Und Selbstmordattentate und unkonventionelle Spreng- oder Brandvorrichtungen sind schließlich die zwei effektivsten Angriffsmittel, die den Aufständischen in diesem Teil der Welt zur Verfügung stehen.“

      In den Talibanhochburgen an den Rändern der Stammesgebiete sah ich Polizeistationen, die von Selbstmordattentätern in Schutt und Asche gelegt worden waren. Die Soldaten, die mit dem Wiederaufbau der Polizeistationen beauftragt waren, waren Talibanjäger—freundliche Typen mit bazookaähnlichen Gewehren, die in den 80er-Jahren in der Sowjetunion hergestellt worden waren. Sie hassen die Taliban. Sie arbeiten fast ohne Bezahlung mit primitiven Geschützen in hochgradig gefährlichen Gegenden, weil sie den Frieden wiederherstellen wollen. „Ich denke, dass sie uns sowohl als Feinde als auch als Ungläubige ansehen“, sagte einer der Soldaten.

      Ein anderer Soldat erklärte: „Wir müssen [die Taliban] töten, weil sie unsere Feinde sind. Al-Qaida und die Taliban arbeiten gemeinsam daran, unser Land zu zerstören. Es sind Fremde aus Afghanistan, Usbekistan, Kasachstan und Araber.“

      Mitglieder der Tehreek-e-Taliban entspannen sich in dem Dorf Mamoon Zai bei einer Runde Volleyball.

      Je mehr Leute ich interviewte, desto klarer wurde es: Die Taliban und al-Qaida in Pakistan haben ihr heiliges Ziel der Errichtung eines strikten islamischen Staats in der Region vorerst aufgegeben—das ist inzwischen nicht mehr als billige Propaganda. Das gilt zumindest, bis die momentane, an zahllosen Fronten geführte Schlacht beendet ist, was nicht so bald der Fall sein dürfte. Momentan sind sie einfach nur jung, extrem angepisst und gierig nach Rache. Sie reagieren auf die bis zur Präsidentschaft von Jimmy Carter und Ronald Reagan zurückreichende, jahrzehntelange, nicht allzu verdeckte und abwechselnd mal gegen den einen, mal gegen den anderen gerichtete, interventionistische amerikanische Außenpolitik. Es ist eine absurde Fußnote der Geschichte, dass die amerikanischen Stingerraketen, die in den 80ern an die Mudschaheddin verteilt wurden, um die Sowjets zu bekämpfen, von den heutigen Taliban immer noch verwendet werden. Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Taliban von Reagan mit den Worten gepriesen wurden, dass „diese Gentlemen die moralische Entsprechung von Amerikas Gründungsvätern“ seien. Ich liebe dieses Zitat.

      Peschawar ist der Geburtsort der al-Qaida, an dem Osama bin Laden die Fundamente der Terrorvereinigung legte, um bald darauf der meistgesuchte Mann der Welt zu werden. Die Jamaat-e-Islami ist eine mehrere Millionen Mitglieder zählende islamische Bewegung, die in Pakistan als weitgehend „al-Qaida-freundlich“ eingestuft wird. Vor meiner Abreise stattete ich dem örtlichen Sekretär der Jamaat-e-Islami, Shabir Ahmed Khan, einen Besuch ab.


      Hakeem Ullah Mehsud, der inzwischen vielleicht tote Anführer der Tehreek-e-Taliban, lächelnd bei einer Pressekonferenz, kurz bevor er—vielleicht—bei einer amerikanischen Drohnenattacke ums Leben kam.

      Als wir uns setzten, merkte ich, er war stinksauer. „Der Grund für die Probleme hier sind nicht die Taliban oder al-Qaida. Es ist die westliche Politik. Wenn die Leute aus dem Westen anfangen, uns umzubringen, müssen wir uns wehren. Ich glaube, dass wir die Probleme erst dann lösen werden, wenn sie uns mit Achtung begegnen und unsere Religion und unsere Bräuche mit Respekt zu behandeln beginnen. Es gibt eine Redewendung: ‚Der Feind meines Feindes ist mein Freund.‘ Amerika spielt die Rolle eines Feindes und al-Qaida ist die Reaktion darauf. Das müssen die Leute sich bewusst machen. Keiner hat das Recht, einem freien Land Vorschriften zu machen. Sie zwingen uns ihre politischen und sozialen Regeln auf, wozu sie aber kein Recht haben.“ Es fiel mir schwer, dem etwas entgegenzusetzen.

      „Sie haben das Recht, unsere Freunde zu sein“, rief er. „Amerika vergießt in Afghanistan seit neun Jahren Blut und hat damit nichts erreicht. Wir werden kämpfen. Nicht 10, nicht 20, sondern 50 Jahre lang, wenn es nötig ist. Wir wollen die grausame Seite von Amerika zeigen. Sie töten uns. Sie haben unsere Kinder zu Waisen gemacht oder sogar unsere Kinder selbst ermordet. Die Kriminellen sind also nicht wir, sondern sie.“

      Zurück im Pearl Continental packte ich meine Taschen, holte mir etwas zu essen und bereitete mich vor, abzureisen. Eine meiner verbleibenden Aufgaben bestand darin, ein paar al-Qaida und Taliban-Trainingsvideos für den Filmbeitrag zu diesem Artikel für VBS.TV zu finden, aber als wir auf den Untergrundmarkt gingen, fand ich dort nur Bollywoodfilme und Pornos. Inam streckte die Fühler aus und schließlich rief ihn jemand zurück. Er sagte: „Ich bin in 15 Minuten zurück.“ Als er zurückkam, gab er mir einen USB-Stick. „Videos“, sagte er. Ich steckte den Stick in meinen Computer und war schockiert, darauf extreme Hardcore-Aufnahmen von Exekutionen und Selbstmordattentaten zu finden. Von der Sorte, bei der man blass wird und kotzen muss. Als ich ihn fragte, wer sie ihm gegeben hätte, deutete er auf einen Mann mit einem langen Bart und sagte, dass ich dieses Geschenk einer der militanten Splittergruppen zu verdanken hätte, über die ich so viel gehört hatte. „Sie wollen einfach, dass es veröffentlicht wird“, sagte er.

      Mir wurde bewusst, dass die Extremisten wussten, wo ich wohnte. Mit Bildern von abgetrennten Köpfen im Kopf sprang ich in mein Auto, fuhr nach Islamabad und begab mich in die sicheren und luxeriösen Wände des Marriott Hotels, um mir dort die Zeit bis zu meinem Flug zurück in die Staaten zu vertreiben. Eine Gruppe junger Mädchen feierte dort Geburtstag und ein paar Diplomaten aßen Sushi. Sushi. Ohne Scheiß. In Pakistan. Ich verschob meinen Rückflug, nahm mir ein Zimmer und schlief erstmal 14 Stunden durch.

      Ihr könnt euch in Kürze auf VICE.com anschauen, wie Suroosh sich durch Talibanhochburgen schlägt und ein paar russische Schusswaffen ausprobiert.
       
      VON SUROOSH ALVI, FOTOS VON A. M. GORAYA
       

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