Professor Haynes kann eure Gedanken lesen

von Rika Foerster


Foto von Katrin Ingwersen. Von außen geschossen.

Neurowissenschaftler sollen die Seelenfresser unter den Wissenschaftlern sein. Höhnisch lachend werfen sie uns ihre Forschungsergebnisse an den Kopf: „Haben wir es doch gewusst! Ihr seid nicht mehr als seelenlose Bioautomaten ohne freien Willen!“, und vor allem Philosophen machen sie damit richtig sauer. Die flippen da völlig aus: „Das Scheitern der Zivilgesellschaft steht kurz bevor! Wenn wir nur Datenfleischpakete ohne Seele sind, werden sämtliche moralischen Werte den Bach runtergehen!“ Sind wir nur Affen, die durch die Gegend springen und uns gegenseitig anbrüllen? „Bist du doof!“, schreit Habermas in meinem Kopf, „wenn du den Seelenexorzisten glaubst, bist du nicht mehr als eine Äffin, die nicht aus ihren auf sich selbst fixierten Interessen ausbrechen kann!“ Weil ich die vielen Stimmen in meinem Kopf leid bin, rufe ich John-Dylan Haynes an. Haynes ist Professor für Theorie und Analyse weiträumiger Hinsignale und hat vor Kurzem das BCAN, das Berlin Center for Advanced Imaging, eröffnet und versucht dort, unsere Gedanken zu lesen.

In seinem Labor arbeitet John mit einem „MAGNETOM Trio-Tim System 3 Tesla“-Hochleistungs-Magnetresonanztomographen mit 102 Matrix-Spulen-Elementen und 32 Hochfrequenzkanälen—keine Ahnung, was das bedeutet, aber vielleicht gibt es ja den einen Auto-Tuner, der damit etwas anfangen kann—, der zehn Tonnen wiegt und zwei Millionen Euro kostet. In Haynes Lab steht „Das Gerät“ in einem separaten Raum, den wir nicht einfach so betreten dürfen, weil „ein starkes elektrisches Magnetfeld der den gesamten Raum durchzieht“, so John und wenn wir dort mit der Kamera hineingingen, würde sie „ins Innere des Tunnels gezogen werden“.

VICE: Ihre Forschung zur „Entscheidungsfindung“ untersucht den Zusammenhang zwischen Hirnaktivität und Willensentscheidungen. Was sehen Sie auf den Abbildungen aus der Kernspintomographie? Was zeigen MRT-Scans?
John-Dylan Haynes: Die Magnetresonanztomographie wird eingesetzt, um herauszufinden, welche Bereiche des Gehirns besonders aktiv sind, wenn man bestimmte Aufgaben erledigt. Mit dem MRT kann man sich ein räumliches Muster der Hirnaktivität darstellen lassen, denn je nach dem wie sauerstoffgesättigt das Blut ist, ändern sich die magnetischen Eigenschaften des Blutes und das ist etwas, das wir mittels MRT-Scan messen können. Wenn man die Bilder statistisch auswertet, kann man auch Ausschluss darüber kriegen, was eine Person zu einem bestimmten Zeitpunkt gerade denkt.

Wie funktioniert dieses „Gedankenlesen“?
Das funktioniert, indem man einem Computer Beispiele zeigt, wie ein bestimmtes Hirnaktivitätsmuster aussieht, während ein Mensch verschiedene Gedanken hat. Nach dieser Lernphase kann man die Computer-Software dann dazu benutzten, um eine Aufnahme decodieren zu lassen, von der man nicht weiß, was die Person in dem Moment gedacht hat. Der Computer prüft, ob die Abbildung eines Aktivitätsmusters mit einem bestimmten Gedankens übereinstimmt, z.B. dem Gedanken an eine Katze oder einen Hund.

Wie können Sie dann Willensentscheidungen aus der Gehirnaktivität ablesen?
Wir können die Computer nicht nur für visuelle Reize, also Bilder, die die Testperson sieht, trainieren, sondern auch für bestimmte Entscheidungen für Handlungen. Wir haben das jetzt untersucht, indem wir uns die Frage gestellt haben: Wenn sich jemand frei entscheidet, eine von zwei Handlungen zu vollführen, können wir dann möglicherweise schon vorhersagen, wie sie sich entscheiden wird und zwar aus ihren Hirnaktivitäten? Und das können wir tatsächlich vorhersagen, bis zu einem gewissen Grad, es geht nicht perfekt. Da kann man sich dann Fragen stellen wie: „Bedeutet das etwa, dass ich gar nicht Herr im Haus bin, sondern dass mein Gehirn die Entscheidung für mich fällt?“

Können Sie den Freud'schen Ausspruch „Wir sind nicht Herr im eigenen Haus“ bestätigen?
Nur ein kleiner Teil der Hirnaktivität ist vom Bewusstsein begleitet, der Großteil der Prozesse erreicht niemals unser Bewusstsein. Ein Gehirn hat 86 Milliarden Nervenzellen, natürlich weiß ich nicht, was jede einzelne dieser Nervenzellen gerade macht. Deswegen ist nämlich die Illusion, das Selbstbild, das ich von mir haben kann, also meine Fähigkeit, selbst zu wissen, wie ich eigentlich funktioniere, wie ich reagiere usw., hochgradig begrenzt. Deswegen würde ich das auf jeden Fall unterschreiben: „Wir sind nicht Herr im eigenen Haus“.

Das Ich ist also nur eine Illusion?
Ich glaube, das ist eine komplette Illusion, dass das jemals jemand geglaubt haben kann. Wir haben natürlich—und wenn ich „wir“ sage, dann meine ich damit das bewusste „Ich“, nicht die gesamte Person, die auch unbewusste Hirnprozesse beinhalten würde—also, das bewusste „Ich“ hat natürlich Möglichkeiten, die anderen Prozesse zu einem gewissen Teil zu kontrollieren. Wenn ich beispielsweise eine Therapie mache, versuche ich, mit meinem Bewusstsein irgendwelche eingeschliffenen Verhaltenspfade umzuändern, aber das geht ja nur in begrenztem Maße. Das heißt, die unbewussten Verarbeitungsprozesse dominieren in jedem Fall. Bei einem Vergleich mit der Psychoanalyse müssen Sie aber sehr vorsichtig sein, weil Freud ja eine, nennen wir sie „naive“, aus seiner Zeit heraus jedoch verständliche Konzeption des Unbewussten hatte. Heutzutage würde man dem Unbewussten wahrscheinlich nicht so eine Zielgerichtetheit und Komplexität zugestehen. Das sind quasi alle möglichen Strebungen und Fragmente, aber nichts, was jetzt kohärent aktiv werden könnte.

Moral und Willensfreiheit waren lange Zeit Themen der Philosophie. Wird es bald möglich sein, die großen philosophischen Fragen der Menschheit, „freier Wille“, „Entscheidungsfindung“ und „Bewusstsein“, beantworten und beweisen zu können?
Also, die Antwort darauf muss auf jeden Fall „ja“ sein. Aus meinem Verständnis haben wir die besten Informationen, die wir zur Zeit über Willensprozesse haben, weder aus der Philosophie, noch aus den Neurowissenschaften, die haben wir aus der Psychologie gewonnen! In der Philosophie gibt es häufig die Bestrebung, so eine Art Abwehrreaktion, zu sagen: „Da darf sich keiner außer uns mit beschäftigen, schließlich haben wir uns damit schon zweieinhalbtausend Jahre mit diesen Problemen beschäftigt.“ Das ist natürlich sehr naiv. Und es ist ja auch nicht besonders viel passiert in diesen zweieinhalbtausend Jahren.

Wie treffe ich dann also diese Entscheidungen, die ja anscheinend gar nicht von mir ausgehen?
Menschen tendieren dazu, bestimmte Vorstellungen davon zu haben, wie ihre Willensprozesse funktionieren. Die Hirnforschung heute kann bestimmte dieser Intuitionen, die Menschen haben, in Frage stellen. Zum Beispiel ist es so, dass wir häufig „intuitive Dualisten“ sind, das heisst also, wir glauben, dass unsere Gedanken inklusive unserer Willensprozesse zu einem gewissen Teil unabhängig von den Hirnprozessen sind. Aber diese Entscheidung, die ursprünglich gefällt wird, die ist ihrerseits schon im Gehirn realisiert, die findet also in der Trägersubstanz „Gehirn“ statt und davor entsteht sie auch aus Hirnprozessen. Unser Wille ist ein ganz natürliches Phänomen—so wie Blitze und Regen—und unterliegt den Naturgesetzen. Aus der Entfaltung von kausalen Prozessen im Gehirn entsteht ein Willensprozess, und zwar noch bevor wir das Gefühl haben, uns entschieden zu haben.

Wie wird sich ihre Forschung auf den Alltag auswirken?
Wenn ich weiß, wie Gedanken codiert sind, kann ein Computer lernen, bestimmte Wünsche und Absichten auszulesen, die einem Menschen für technische Anwendung nützlich sein können. Für Patienten, die sich nicht mehr bewegen können, ist es dann die Absicht, dass sie quasi mit der Kraft der Gedanken einen Computer steuern können oder eine eine Prothese usw. Das ist das Forschungsgebiet der sogenannten „Gehirn-Computer-Schnittstellen“.

Vergangenes Jahr haben Forscher herausgefunden, dass sie durch die bildgebenden Verfahren Pädophilie am spezifischen Aktivitätsmuster im Gehirn erkennen können.
Ja, also zu einem gewissen Grad muss man sich erst einmal fragen, warum man denn im Gehirn nachschauen und nicht die Person fragen sollte. Es gibt möglicherweise Situationen, wo mir die Person nicht die Wahrheit sagt. Pädophilie ist sicherlich so ein Beispiel dafür, dass eine Person ein Motiv hat, mir nicht zu sagen, ob da irgendwelche Bestrebungen vorhanden sind oder nicht.

Ist es also prinzipiell möglich, Pädophilie im Gehirn herauslesen zu können?
Prinzipiell könnte so etwas möglich sein, aber auf der Basis der Forschungsergebnisse, die man jetzt hat, ist es eher ein Beleg dafür, dass es funktionieren könnte. Darüber hinaus muss man sich sicherlich noch die ethische Frage stellen, ob das nicht ein Auslesen von Informationen gegen den Willen der Person ist. So ähnlich wie ein Lügendetektortest. Aber man sollte Menschen nicht die Möglichkeit nehmen, dass sie damit auch ihre Unschuld beweisen könnten. Das ist das Dilemma, in dem man sich ethisch befindet.

 


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