Musik

Tod ist keine Lösung

von Andreas Richter

Fotos: unveröffentlichte Archivaufnahmen

Norman, Rob, Stig (v.l.n.r.) irgendwo in Callington, Cornwall, ca. 1980

Amebix sind zurück. Für diejenigen unter euch, die hierbei den Relaunch eines Insektensprays vermuten: Ihr liegt falsch. Amebix ist eine Band. Eine Band, deren Geschichte heute wie ein Märchen klingen muss. Du weißt schon, in einer Zeit, in der die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne auf 160 Zeichen begrenzt ist, in der Musik irgendwas ist zwischen Gebrauchsgegenstand, iPod-Auspolsterung und unbedeutendem Grundrauschen. In einer Zeit, in der die Halbwertzeit von Musik und ihren Urhebern ungefähr bis zum nächsten Ableton-Update reicht. Natürlich, jede Zeit gebiert ihre Monster. Die Gefährlichkeit heutiger Monster sinkt allerdings im Vergleich zu Amebix auf Streichelzooniveau. Sie wuchsen nach ihrer Schaffensphase in den 80er-Jahren postum zur Untergrundlegende und veröffentlichten gerade, 24 Jahre nach dem letzten offiziellen Release, ein neues Album.

DER ANFANG: NAMENLOSE DILETTANTEN

Es ist das Jahr 1978. In der englischen Grafschaft Devon gründen die in der Blüte der Pubertät stehenden Brüder Rob und Chris Miller eine Band, einfach weil ansonsten nichts Besseres zu tun ist. Rob war gerade beim Militär rausgeflogen, er machte eine Kadettenausbildung beim ATC, dem Fliegerkorps der Luftwaffe. Chris hielt sich nach seiner nicht unbedingt ruhmreichen Schulzeit mit Gelegenheitsjobs in Jersey über Wasser und investiert sein bisschen Geld in eine Gitarre. Optimale Grundvoraussetzungen. Sie nennen sich Band With No Name. Wir können im Nachhinein nur mutmaßen, welche Drogen bei der Namensfindung im Spiel waren. Sie rekrutieren Billy an den Drums und Clive am Bass. Sie sind Schulfreunde und die ersten, die in das sich stetig drehende Mitgliederkarussell der späteren Amebix einsteigen sollen.

Das Ganze geschieht zur Zeit des beginnenden Thatcherismus, in einer Zeit steigender Arbeitslosenzahlen und sich vergrößernder sozialer Gefälle, der Kalte Krieg wird gerade wieder eisiger. Ein guter gesellschaftlicher Nährboden für oppositionelle Subkulturen. Es ist die Zeit, in der Crass nicht nur einen politisch determinierten Gegenentwurf zum kulturellen Establishment, sondern auch zur Verwertungsspirale des industriell ausgeschlachteten Punkrock in den Squats des Landes entwickeln. Es ist die Geburtsstunde von Anarcho-Punk.

Rob gelingt es, Crass auf seine Band aufmerksam zu machen. Das Stück „University Challenged“ des ersten Amebix-Demos landet auf der ersten Bullshit-Detector-Compilation von Crass Records. Zu diesem Zeitpunkt teilt sich die Band mit der Anarcho-Punk-Bewegung das entspannte Verhältnis zu musikalischer Expertise, ohne ihren dilettantischen Krach jedoch durch politische Motive rechtfertigen zu müssen. Rob, der sich fortan The Baron oder Aphid nennt, und Chris, der nur noch Stig genannt wird, geben später gern die Anekdote zum Besten, sie hätten nicht einmal gewusst, wozu die Wirbel am Kopf der Gitarre zu gebrauchen sind. Bis sie sich mit der Praxis des Stimmens vertraut machten, waren die klanglichen Ergebnisse ihrer Shows entsprechend, sagen wir mal: schwankend. Nicht ohne Stolz versichern sie, sich mit ihren ersten 20 Gigs den Ruf der schlechtesten Band in einem Radius von 25 Meilen erspielt zu haben.


PROBERAUM IM GEISTERHAUS

Das Jahr 1980 bringt eine Zäsur. Nach Umbesetzungen bedient jetzt Martin das Schlagzeug. Ein eigenartiger, aber nicht weniger hilfsbereiter Kauz, der Rob und Stig im vorübergehend leer stehenden Haus seiner Eltern leben lässt. Wird von diesem Haus gesprochen, dann mit ehrfurchtsvoll bebender Stimme. Es ist bekannt als The Glebe, ein kleines, verwittertes Gutshaus in der Nähe des Dorfes Peter Tavy, angrenzend an Dartmoor. Man ist sich später sicher, dass Amebix hier zu ihrer Seele fanden. Tatsächlich hätte es mit allem anderen als dem Teufel zugehen müssen, wenn die verlassene Weite und die mystisch vernebelte Naturgewalt des Umlandes und die sich im Haus einspielende Tagesroutine keine Spuren in die Bandaura gezeichnet hätten. Wobei Tagesroutine einen falschen Eindruck entstehen lässt. Die drei schlafen tagsüber und werden in der Nacht aktiv. Sie schreiben Songs, experimentieren mit Drogen und geben ihre Sittlichkeit an der Schwelle der zumeist unverschlossenen Haustür ab. Stig ist der experimentierfreudige, der zum Exzess neigende Typ, Rob behält die Zügel in der Hand—eine Rollenbalance, die auch im Bandgefüge immer entscheidender wird. Sie beschäftigen sich mit den Schriften Aleister Crowleys, mit Philosophie, Psychologie, Paganismus. Einen ganzen Winter lang, unter spartanischen Bedingungen. Es gibt keine Elektrizität. Bürgerliche Nichtigkeiten wie das Zahlen von Stromrechnungen fallen vor der größeren Sache nun mal nicht ins Gewicht. Rob beschreibt The Glebe als „einen außergewöhnlichen Ort“. Als „altertümlich und gespenstisch“. Stig erinnert sich: „Wir begannen damals wie unsere Umgebung zu klingen.“

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