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      Ulrike Meinhoffs besoffene Schwester  Ulrike Meinhoffs besoffene Schwester  Ulrike Meinhoffs besoffene Schwester

      Ulrike Meinhoffs besoffene Schwester

      August 22, 2011

      Von Stefan Lauer

      Redakteur

      Wenn man in Berlin gerade eine Zeitung aufschlägt, könnte man meinen, die Stadt stände in Flammen. Immer. Oder zumindest jede Nacht. Linksradikale Terroristen ziehen auf brandschatzender Mission durch die Straßen, um die Autos, Kinderwägen und Hauseingänge vollkommen Unbescholtener anzuzünden, Angst und Schrecken zu verbreiten und das alles natürlich, ohne dass sich die Polizei auch nur im Geringsten darum kümmert. Es scheint wie die spontane Wiederkunft der RAF, auf antikapitalistischer Mission, unterwegs, um Wagen der Oberklasse anzuzünden.

      Natürlich fanden wir das Ganze auch ziemlich spannend und sahen uns schon mit Polizisten auf Streife gehen und vermummte Linksradikale auf frischer Tat ertappen oder vielleicht hätten wir auch ein paar Autonome begleitet, um herauszufinden, was denn jetzt der perfekte Brandbeschleuniger ist. Konsequenterweise haben wir uns also erstmal an die Pressestelle der Polizei gewandt, um herauszufinden, was eigentlich hinter der ganzen Pyromaniewelle steckt. Und nach insgesamt einem Anruf stellte sich das alles doch ein bisschen anders dar, als die Kollegen von Springer sich das vorstellen.

      Dieses Wochenende wurden nämlich mehrere Leute festgenommen, die so rein gar nichts mit irgendwelchen Haus besetzenden und Steine werfenden Autonomen zu tun haben. Da wäre einmal ein junger Mann, der sein Cabrio angezündet hat, um die Versicherung abzukassieren, zweitens eine besoffene Frau, die einen Hausflur in Brand gesetzt hat und, der folgende ist unser Liebling: ein verärgerter Zeitungszusteller, der seinen Job hasst und offensichtlich sein Missfallen dadurch unter Beweis stellen wollte, dass er Briefkästen anzündet.

      Man konnte sich zwar vorher schon denken, dass die Leute nicht groß politisch sind und wenn, dann höchstens mediale Aufmerksamkeit wollen, was sie durch die aktuellen Schlagzeilenkaskaden ja auch schön erreicht haben. Wenn die Polizei in die Wohnungen dieser Täter kommt, finden sie oft die ausgeschnittenen Berichte über die Brände. Durch die Zeitungsartikel entsteht also eine Art Kreislauf, der die Leute so lange zum Dinge abfackeln verführt, bis sie erwischt werden oder die Zeitungen ein spannenderes Thema finden. So kann man sich also auch Pyromanen ziehen. Gut gemacht Boulevard!

      Um sicherzugehen, haben wir uns mit einem unserer Freunde aus dem schwarzen Block unterhalten-von dem er übrigens behauptet, dass es ihn gar nicht gibt, sondern das ganze ein Kunstwort der unaufgeklärten Massenmedien ist, die sich jeden, der sich aufgrund der Funktionalität schwarz kleidet, in den gleichen Topf schmeißen. Aus verschiedenen Gründen und wie es für Antifaleute, ähem, wir meinen natürlich Antifaschisten üblich ist, will er lieber anonym bleiben.

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      VICE: Ihr seid also grade unterwegs und steckt Autos und Hauseingänge in Brand?

      Anonymer Antifaschist: Nein, dieses ganze Ding ist in der Szene überhaupt nicht akzeptiert. Es gab vor ein paar Jahren mal ein paar Aktionen gegen DHL, bei der in einem Depot von denen in Tempelhof eine Menge Autos in Brand gesteckt wurden, weil die DHL einer der wichtigsten Logistiker für die Kriege im Irak und im Afghanistan ist. Aber das war nie gegen Privatleute gerichtet. Und vielleicht gab's mal ein oder zwei Aktionen in Friedrichshain, bei denen es gegen Gentrifizierung ging. Aber das war's dann auch.

      Aber wer sind denn die Leute, die das machen?

      Ich glaube, die meisten sind irgendwelche jugendlichen Idioten, die eine Mutprobe machen und mal sehen wollen, wie leicht es ist so ein Auto anzuzünden. Grillanzünder auf die Reifen legen und fertig. Das hat überhaupt keinen politischen Hintergrund und niemand in der Szene will damit irgendwas zu tun haben.

      Vermutlich würden sie das ja auch sagen, wenn dem so wäre?

      Ja. Das sind halt alles Trittbrettfahrer, die da mit dabei sein wollen und es mal testen wollen. Sonst hat das keinen Sinn. Die Leute sehen das in der Zeitung und wollen das dann auch machen.

      Schade. Tschüss RAF. Es hätte so schön werden können mit uns.

       

       

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