©2016 VICE Media LLC

    The VICE Channels

      Warum München wirklich die allerbeschissenste Stadt der Welt ist

      Von Georg Pechorin

      November 1, 2013

      Nachdem wir euch mit dem Artikel über Berlin so schön provoziert haben, können wir es ja zugeben: Das war reines Linkbaiting, Aufmerksamkeitshascherei, pure Provokation. Berlin kann einem zwar gehörig auf die Nerven gehen, aber ganz so ernst nehmen muss man die Stadt ja nicht, das tut ja nicht mal ihr eigener Bürgermeister.

      Es gibt aber eine Stadt in Deutschland, die man sehr ernst nehmen sollte: München. Denn unter dem Mantel ihrer mondänen Eleganz verbirgt sich eine so endgültig verrottete Seele, dass das Gesundheitsministerium im Grunde auf jedes Ortsschild an den Einfahrtsstraßen Warnschilder wie auf Zigarrettenschachteln anbringen müsste. Denn leider wissen immer noch viel zu wenige Menschen, was sich dort unten an der Isar wirklich abspielt.

      Das erste Klischee über München, von dem man sich ganz schnell verabschieden sollte, ist, dass die Stadt so wahnsinnig „spießig“ sei. Der größte Trick des Teufels besteht darin, den Menschen einzureden, dass es ihn gar nicht gibt, wie jeder christliche Kalenderverlag weiß. Genauso ist Münchens propagierte Spießigkeit ein Kunstgriff, der uns in die gefährliche Lage bringt, die Stadt nicht ernst zu nehmen. München ist nämlich absolut nicht spießig, ganz im Gegenteil. Seit der ersten Syphilis-Epidemie anno 1498 geht es in der Stadt nur um eins: die animalische Befriedigung jeden Triebes, den ein Mensch haben kann. Und wie beim Menschen haben zwei Triebe absoluten Vorrang in der psychologischen Hierarchie der Hauptstadt Bayerns: der Geschlechtstrieb und der Geltungsdrang. Diese beiden Impulse bestimmen zwar auf der ganzen Welt das Verhalten unserer Spezies, keine Frage. Aber nur München hat sie mit fanatischer Hingabe zum absoluten Gesetz erkoren, zu einem obersten Prinzip der gewissenlosen Geilheit, neben dem nichts bestehen darf.

      „München leuchtete“—eine kleine Geschichtsstunde


      NSDAP-Abend im Bürgerbräukeller. Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-1978-004-12A, Heirich Hoffmann, 1923

      Diese Atmosphäre hat schon immer Menschen mit einem Hang zur Entgrenzung angezogen. Anfang des letzten Jahrhunderts besoffen sich „Lebensphilosophen“, „Mystagogen“, „Neopaganisten“ und „pangermanische Historiker“ miteinander in eleganten Salons, grölten „die Juden sind an allem schuld!“ und torkelten zu einem der zahllosen Kostümbälle, um maskiert junge Mädchen zu begrapschen. Alles, was irgendwie knallte, wurde gekauft, und was knallte besser als der Wutrausch, in den ein kleiner Österreicher ab 1918 regelmäßig die Menge im Hofbräuhaus peitschte? Die Stadt sog ihn auf, denn der zornige kleine Mann versprach endlose Unterhaltung. Erst als er 1923 plötzlich anfing, nachts vor der Feldherrnhalle rumzuballern und damit die Nachtruhe des verkaterten Großbürgertums zu stören, verbat Bayern schweren Herzens die NSDAP und steckte den Hitzkopf pro forma in ein Nobelgefängnis. Weil es ohne ihn aber einfach zu langweilig war, ließ man ihn schon neun Monate später wieder frei. Irgendwann musste Hitler dann natürlich nach Berlin, um Europa zu zerstören, aber die Stadt an der Isar und der Führer sind sich stets in Treue verbunden geblieben. Hitler nannte München liebevoll die „Hauptstadt der Bewegung“, und seine Wohnung am Prinzregentenplatz wurde ihm bis zum bitteren Ende 1945 mietfrei warmgehalten.

      Als die Party dann in einer fürchterlichen Bombardierung endete und schließlich vorbei war, mochte man sich auch nicht allzu lange dem Grübeln hingeben. Während Berlin dem Erdboden gleichgemacht, geteilt und gedemütigt wurde, zuckten die Münchner mit den Schultern, riefen „Rama dama!“ und säuberten die Stadt in Rekordzeit von jeder Spur der letzten 12 Jahre. Fassaden wurden restauriert oder rekonstruiert, komplette Neubauten hinter die alten Fronten gestellt, nur damit alles genauso aussieht wie vorher. Seitdem hat man in der Münchner Innenstadt immer das Gefühl, man laufe in einem 1-zu-1-Modell einer anderen Stadt herum. Alles sieht richtig aus, aber nichts fühlt sich echt an. Paradoxerweise verkörpert die gefälschte Architektur Münchens Seele besser als je zuvor: eine schöne Fassade, die ein schmutziges Geheimnis verbirgt. Und die Party konnte weitergehen.

      Die Party geht immer weiter


      „Alle Münchner sind lustig. Die Stadt ist wie gemacht für Feste. Feiert sie, zeigt sie ihr wahres Gesicht.“ — Erika Mann

      „Vom Ernst des Lebens halb verschont, ist der schon, der in München wohnt“, das wusste schon Eugen Roth. Der SPD-Oberbürgermeister Ude wird vor allem deshalb immer wiedergewählt, weil er besonders gut darin ist, Jahr für Jahr das Oktoberfest mit einem gezielten Schlag auf das erste Fass zu eröffnen. Dem echten Münchner ist nämlich eigentlich alles scheißegal, solange es ordentlich was zu saufen gibt—und er genug Geld dafür hat. Konzernchefs, Politiker und Richter freuen sich schon den ganzen langweiligen Tag darauf, sich Abends mit goldener Anstecknadel und bunten Socken bewaffnet ins wilde Treiben zu stürzen. Alle nennen sich gegenseitig Batzi, Finki oder Gaby, weil alle miteinander befreundet sind, und amüsieren sich prächtig. A-, B- und C-Promis, „Adabeis“ und Superreiche mischen sich durcheinander, um zu fressen, saufen und koksen, bis sie blau anlaufen und krachend nach hinten umkippen. Ja mei!


      Noch eine typische Münchnerin - via Manfred Werner (Tsui)

      Erinnert ihr euch noch an die zwei Grundprinzipien des Münchner Lebens? Genau: Ficken und Angeben. Darauf ist auch das komplette Münchner Nachtleben ausgerichtet. Was in Berlin als peinliche Ausnahme gilt (genau, das Felix), ist in München ganz selbstverständlich die Norm: das „legendäre“ P1 (in dem mittlerweile „Alle saufen umsonst, bis der Erste pissen geht“-Partys veranstaltet werden), das baby!, sogar die Billigvarianten Pacha und 089 funktionieren alle nach demselben Prinzip. Zuerst muss man an den Türstehern vorbei. Die beeindruckt man am besten, indem man sich so arrogant wie möglich an der Schlange vorbeischiebt und „Ich steh beim Poldi auf der Liste“ näselt. Im P1 gehört es zum guten Ton, sich danach noch über den „Neger“ an der Tür lustig zu machen—ruhig auch in Hörweite, wenn man wichtig genug ist. Drinnen ist die Musik zwar immer beschissen, aber das ist sowieso allen egal: Es geht jetzt nur noch darum, durch möglichst aufdringlich zur Schau gestellte Finanzkraft die Weibchen zu beeindrucken, die sich in engen Cocktailkleidern von Magnumflasche zu Magnumflasche hangeln.

      Wer sich das nicht leisten kann, muss in den „Kunstpark Ost“ (oder Kulturfabrik, oder irgendwie so), wo sich das restliche Volk tummelt. Die Clubs sind hier ein bisschen schäbiger, die Drogen von schlechterer Qualität, das Bier gibt es auch mal in Plastikbechern, aber im Grunde geht es um das Gleiche. Nur die Musik ist noch beschissener.

      Die Polizei


      via A L B

      Witzige Party-Fact: In der Wohnung am Prinzregentenplatz, in der Hitler bis zu seinem verspäteten Ende weiter offiziell gemeldet war, ist heute eine Polizeistation untergebracht. Die Münchner Polizei gibt sich jedenfalls alle Mühe, den oberen Zehntausend eine möglichst störungsfreie Party zu ermöglichen. Wenn irgendjemand, der dem fröhlichen Treiben irgendwie gefährlich werden könnte (ein Linker, einkommensschwächere Menschen) im Stadtzentrum auftaucht, wird er so vielen Leibesvisitationen unterzogen, bis er von selbst das Weite sucht. Wenn du den Münchner Polizisten dumm kommst (= dich nicht schikanieren lässt), dann hast du gute Chancen, einfach ein paar in die Fresse zu kriegen. Die Willkürherrschaft und Gewaltbereitschaft der bayrischen Polizei hat mittlerweile deutschlandweit traurige Berühmtheit erlangt. Aber das ist wahrscheinlich Absicht: In München überlegt es sich jeder auffällig aussehende Mensch zweimal, bevor er aus der Reihe tritt.

      Für ein sauberes München



      Ein Gutes hat München dann doch: Die Verhältnisse sind wenigstens klar. Ironisch ausgefranste Klamotten oder zerfledderte Turnschuhe wie in Berlin findet man hier nicht. Wenn einer Geld hat, dann rennt er zu Bogner, Lodenfrey oder Eduard Meyer, um seine Seidenstrümpfe dann auf der Residenzstraße zur Schau zu stellen. Wenn einer kein Geld hat, dann bleibt er eben zu Hause. Bei den Mieten in München lebt er wahrscheinlich sowieso so weit hinten an der S-Bahn-Linie, dass man sich nicht an seinem Aussehen stören muss. Dabei ist das Nahverkehrsnetz des MVG natürlich deutlich effizienter als sein Berliner Gegenstück—fiele die S-Bahn aus, könnten die Putzfrauen nicht mehr aus den Vororten kommen, und wer räumt dann die Champagnerflaschen weg?

      Folglich ist man in der Münchner Innenstadt in der angenehmen Lage, sich überhaupt nie mit Armut auseinandersetzen zu müssen. Obdachlose zum Beispiel sieht man so gut wie nie. Ich weiß nicht, wie sie es machen, aber ich nehme stark an, dass die Münchner Polizei (oder ein privater Subcontractor) nachts die Straßen patrouilliert, um „Vagabunden“ einzusammeln und sie irgendwo hinter Rosenheim in einem Wald wieder freizulassen. Sollte ihnen doch mal jemand durchs Netz gehen, hat München noch perfidere Methoden auf Lager, um Bedürftigen zu zeigen, dass sie nicht erwünscht sind. In einer ganzen Reihe U-Bahnstationen zum Beispiel spielen Lautsprecher rund um die Uhr klassische Musik, die anscheinend besonders nervenaufreibend auf Drogenabhängige und Alkoholkranke wirken soll. Wer es dann noch nicht kapiert hat, wie zum Beispiel der Asylbewerber, der drohte sich aus Verzweiflung über die Gleichgültigkeit der Behörden von einem Baukran zu stürzen, dem rufen die Münchner ein beherztes „Spring doch!“ zu.


      Zwei typische Münchner - via Siebbi

      Gott mit dir, du Land der Bayern

      Was gibt es noch zu sagen? Nichts, denn München hört ja sowieso nicht zu. Egal, was passiert, die „Isarmetropole“ wird so weitermachen. Bis zum Ende aller Zeiten werden sich die Patrizier in der tz die Backen blutig busseln, während die graue Masse der Plebejer unsichtbar daran arbeitet, dass der Spaß nie ein Ende haben muss. Der einzige Grund, warum München bis jetzt noch nicht von einem göttlichen Wutausbruch dem Erdboden gleichgemacht wurde, ist Georg Elser, der 1939 im Alleingang fast Hitler in die Luft gesprengt hätte. München hat ihm schließlich widerwillig die Georg-Elser-Hallen gewidmet, in denen jahrelang—ihr ratet es—Partys veranstaltet wurden, bis sie 2008 dann doch abgerissen wurden. Na, dann steht dem Schwert Gottes ja eigentlich nichts mehr im Wege! Weg mit München—cito et velociter!

       

      Mehr zu dem Thema:

      „München geht's gut - mir nicht“

      Von München nach Palästina

      Bayerns Polizei haut auch mal drauf, wenn's sein muss

      Themen: München, beschissen, Bayern, CSU

      Kommentare

      Top Stories