Nerd Meets VICE: Warum Nora Tschirner als Lara Croft nicht sexy ist

von Dominik Schönleben

Square Enix hatte vor einiger Zeit bekannt gegeben, dass Nora Tschirner ihre Stimme Lara Croft im neuen Tomb Raider-Reboot leiht. Nun ist es soweit, heute erscheint das Spiel. Lara Croft, die vollbusige Archäologin mit der Automatikpistole, fanden wir in meiner Jugend geil. So wie wir auf Nora Tschirner standen, als sie noch Moderatorin bei MTV war, als dort noch ... ihr wisst schon. Heute sind Nora Tschirner und Lara Croft für mich so irrelevant geworden wie die Tatsache, dass MTV nur noch im PayTV läuft. Nora Tschirner ist der letzte verzweifelte Versuch, einem sterbenden Franchise wieder Sexappeal einzuhauchen, damit auch der nächste Teil von Tomb Raider an den Mann gebracht werden kann.

Lara Croft war die Traumfrau meiner Jugend. Ich besaß zwar nur eine Raubkopie von Tomb Raider II, aber es war das größte Spiel seiner Zeit. Es erschien, als Raubkopien noch von Freunden für Freunde mit dem Zweifach-CD-Brenner von jemandens Vater auf dessen Arbeit gebrannt wurden, da Brenner gerade erst in Privathaushalten auftauchten. Es lief nicht über anonyme, skrupellose Software-Piraten im Internet. Damals hatte es noch etwas Romantisches. Meine Kopie von Tomb Raider II war liebevoll dupliziert, inklusive fotokopiertem Inlay und Handbuch. Es war mein Lieblingsspiel, aber sein Kaufpreis weit von dem entfernt, was ich mir als 12-Jähriger hätte leisten können. Tomb Raider war ein großer Deal in meiner Jugend. Nicht nur weckte der Traum vom Nude-Code unsere ersten sexuellen Fantasien, sondern es bereitete als eines der ersten 3D-Adventures den Pfad in die Zukunft. Doch während die übertrieben sexuelle Darstellung von Lara Crofts Proportionen in meiner Jugend noch etwas Besonderes in Videospielen darstellte, ist es heute geradezu profan und lächerlich. Deshalb mussten sich die Entwickler vom siebten Teil ein paar neue Tricks einfallen lassen, um etwas mit sexuellen Fantasien voll zu stopfen, das seinen Sexappeal bereits vor 15 Jahren verloren hat.

Lange bevor Angelina Jolie zum offiziellen Tomb Raider-Model wurde, beflügelte Lara Croft perverse Fanart und jede Menge Fotos von Frauen in Hotpants mit Automatikpistolen, die man in der neuesten Ausgabe des Spielemagazins seines Vertrauens bewundern konnte. Der ominöse, nicht existierende Nude-Code (später durch Mods verwirklicht), Comics, Pin-ups und schlussendlich ein Tomb Raider-Porno mit Chanel Preston in der Hauptrolle.

Das Internet hat in den letzten 15 Jahren also bereits alles hervorgebracht, was der Tomb Raider-Fan so braucht. Es war ein Phänomen vergleichbar mit Leias Kettenbikini in Die Rückkehr der Jedi-Ritter. Kollektiv trat Lara in die feuchten Träume von Nerds überall auf der Welt. Ich besaß damals sogar eine Tomb Raider-Uhr und zeichnete einen massiv stümperhaften Comic (no nudity included).

Mitte des letzten Jahres gab es bereits den ersten Aufschrei zum neuen Tomb Raider-Game, als heraus kam, dass es wichtig für die Story sei, wie Produzent Ron Rosenberg sagte, dass Lara Croft beinahe vergewaltigt wird. Er begründete das so: „Wenn die Leute Lara spielen, dann projizieren sie nicht sich selbst in den Charakter. Sie werden sie viel lieber beschützen wollen.“ Für ihn sollte sie ihr neuer Charakter menschlicher erscheinen lassen: „Die Fähigkeit, sie als Mensch wahrzunehmen, finde ich viel verführerischer als die sexualisierte Version von vorgestern“, begründet er die Neuerfindung ihres Charakters.

Doch hier lassen wir uns von Rosenberg einen Bären aufbinden. Die neue Lara Croft ist sexuell aufgeladener denn je. Während sie früher ein sexuell überzeichnetes Polygonen-Model war, von dessen Nacktheit wir träumten, und das unsere Fantasie anregte, ist die neue Lara eine Versuch, jede Art von Sexualisieren auszunutzen, die noch bleibt, um nicht im Einheitsbrei der überzeichneten Frauendarstellungen in Videospielen unterzugehen. Als erster Schritt dazu ist Lara jünger geworden: Während wir in unserer Jugend noch zu einer sexuell reifen Frau aufblicken konnten, wirkt die heutige Lara um einiges jünger und fragiler. Sie ist hilflos und schwach, wir sollen sie beschützen, sagt Rosenberg.

Die Stimme von Nora Tschirner ist nur der letzte Streich bei diesem genialen Rebranding. Durch ihre Stimme wird Lara zu einer weinerlichen jungen Frau, die bei jedem Jump obszöner stöhnt. Es gehörte zwar auch zu meinen Jugendträumen, Nora Tschirner stöhnen zu hören, doch auch die ist jetzt zehn Jahre älter geworden. Sie als Lara Croft zu casten, ist nur ein Versuch, an die 14-Jähren in uns zu appellieren, die ihre Sexualität noch nicht unter Kontrolle haben. Wir brauchen keine Archäologen und Grabräuber, um diese Leiche aus dem Keller zu holen. Lara kann genau dort bleiben, wo ich die sexuellen Unsicherheiten meiner Jugend gelassen habe.

 


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