Weshalb posieren all diese homosexuellen Grindr-User vor dem Holocaust-Mahnmal?

von Brian Moylan

Geht man auf die Website Grindr Remembers, die zu Beginn der Woche plötzlich die Runde im Internet machte, wird man von einer Breitseite von Emotionen erwischt. Das Erste, das einen in Beschlag nimmt, ist absolute Verwirrung. Weshalb posieren Homosexuelle vor den Betonstehlen des Berliner Denkmals für die ermordeten Juden Europas für ihre Grindr-Profile? Ein ungutes Gefühl überkommt einen—diese Grindr-Nutzer missbrauchen das Holocaust-Mahnmal dafür, dass ihnen einer abgeht? Ein unbestimmtes Grauen schwingt in den Bildern mit.

Ariel Efraim Ashbel und Romm Lewkowicz sind diejenigen, die unter den Pseudonymen Zion Afuta und Boris Cukierman die Website betreiben und gar nicht erst groß Erklärungsversuche liefern wollen, weshalb sich Menschen vor dem Denkmal ablichten. Seit 2011 sammeln die beiden in Berlin und London lebenden, israelischen Freunde nun schon diese Bilder.

Vor einigen Tagen hat selbst Grindr die offizielle Meinung zu ihrer Website einer Revision unterzogen. Damals, im Jahr 2011, erzählte der Besitzer und Gründer von Grindr, Joel Simkhai, einer kleinen israelischen Nachrichtenagentur: „As a Jew and an Israeli, I’m deeply moved by how users are coming together as a community on Grindr to share and inspire others to take part in the memory of the Holocaust.“ Vergangenen Mittwoch veröffentlichte Joel jedoch ein Statement auf Salon, das besagt: „What started as users expressing themselves on a topic not often discussed in social networking profiles, has now become disrespectful. We strongly encourage our users to engage in a respectful manner and honor the memory of those who perished in others ways outside of the app.“ Es gab keine offizielle Erklärung für diesen Geisteswandel.

Ashbel und Lewkowicz haben auch keine Antworten, aber zumindest ein paar Ansichten zu diesem Thema. Hier ist das erste Interview mit ihnen, seitdem ihr seltsames und verstörendes Online-Kunstprojekt die Gemüter erregt hat.

VICE: Wie hat das mit der Seite angefangen?
Lewkowicz:
Dahinter stand keine besondere Idee. Das verlief eigentlich ganz spontan; ich habe eine Bild gesehen und es Ariel geschickt. Von da an haben wir mehr und mehr Bilder ausgetauscht. Überall haben wir neue Bilder gefunden, die wir einfach nicht für uns behalten konnten. Es war einfach zu unfassbar. Diesen Blog zu machen, hat uns viel Freude bereitet. Langsam eroberten wir das Internet und bekamen noch mehr Fotos.

Wann hat das alles so viel Aufmerksamkeit bekommen?
Ashbel:
Das ist erst ein paar Tage her. Vorher waren es nur Freunde von uns, die es ihren Freunden schickten. Wir haben auch nur auf diese Weise Bilder bekommen. Ich glaube, dass uns jemand bei Twitter gefunden hat. Ich schätze, das hatte etwas mit dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus zu tun. Aber es ist im Grunde echt alt. Old news.
Lewkowicz: Als es von den Mainstream-Medien aufgegriffen wurde und es eine Gegenreaktion gab, hat Grindr seine Meinung dazu komplett geändert.
Ashbel: Es gibt eine nicht nur eine Gegenreaktion aus dem Mainstream, sondern auch aus der schwulen Community.
Lewkowicz: Das ist totaler Bullshit. Ich versteh das nicht.
Ashbel: Ich glaube nicht, dass die Bilder ein Problem darstellen. Es ist eine prüde Sichtweise, anzunehmen, dass alles, was mit Sex zu tun hat, respektlos und obszön ist. Ich finde es sehr schade, dass die Leute so altmodisch sind.

Was meint ihr: Warum machen diese ganzen Leute diese Fotos?
Lewkowicz: Meiner Meinung nach gibt es da nicht eine klare Antwort drauf. Für die meisten ist es wahrscheinlich einfach Zufall. Ich glaube, die Leute wollen da tiefgründige Beziehungen herstellen, die einfach nicht existieren. Schwule besuchen Berlin, weil es dort viele andere Schwule und viele Clubs gibt. Sie sind sechs Tage in den Clubs und am siebten gehen sie auf Sightseeingtour. Die machen Urlaub, daher besuchen sie das Mahnmal und schießen eine Menge Fotos. Es gibt einen neutralen Hintergrund, also ziehen sie ihre Shirts aus und posieren. Ich bin mir nicht sicher, warum.
Ashbel: Wir wollen das nicht erklären. Wir sehen es einfach so, wie es ist und stellen es ins Netz.
Lewkowicz: Ich finde es toll, dass die Leute mit der Stadt machen, was sie wollen. Dafür ist die Stadt da. Die ganze Idee hinter öffentlichen Orten ist, dass man sie sich irgendwie zu eigen macht. Und die Schwulen-Community beurteilt, was OK ist und was nicht. Ich finde das nicht sehr cool. Es ist viel zu erzieherisch.

Grindr funktioniert ja sehr lokal, wo findet ihr diese Profile?
Ashbel:
Wo immer wir auch sind. Berlin, London, Tel Aviv, Paris, Belgien ... überall.

Was haltet ihr von Marc Adelmans Arbeit? Er ist ein Künstler, der ähnliche Profilbilder von GayRomeo zusammenstellt.
Ashbel:
Wir haben das erst hinterher gesehen, als wir merkten, dass er all unsere Bilder geklaut hat.
Lewkowicz: Wir finden, er ist ein Arschloch. Er hat das nicht nur nachgemacht und unsere Bilder geklaut, er kapitalisiert das auch. Wir verdienen damit nichts, das ist uns egal. Dieser Typ wollte nur ein langweiliger internationaler Künstler werden. Seine Prämisse war total langweilig.

Wie sah die denn aus?
Ashbel:
Das habe ich vergessen, aber es war lächerlich. Es hatte etwas mit Schwulen und Tod zu tun und wie sie immer mit Tod assoziiert werden, wegen Aids.

Glaubt ihr, dass die Leute das Denkmal als Hintergrund für ihre Cruising-Fotos benutzen, weil es ästhetisch ansprechend ist?
Ashbel:
Ich weiß nicht, ob du da mal warst, aber es hat etwas ziemlich „Cruisiges“.
Lewkowicz: So denken einige. Ein Freund von mir hat uns sehr viele Fotos geschickt und findet, dass das Licht beim Mahnmal sehr gut ist—er meint, dass es für Gesichter besonders vorteilhaft ist. Wie dem auch sei, wenn wir mit jenen sprechen, dir ihre Fotos dort gemacht haben, hat es für sie etwas mit dem Gedenken zu tun.

Habt ihr Lieblingsbilder?
Lewkowicz:
Bei einem erkennt man eine sehr starke Ironie. In seinem Profil steht: „keine Asiaten“, was ich ziemlich unglaublich finde.

Geht ihr davon aus, dass die Fotos beim Mahnmal jetzt weniger werden, nachdem es diese Reaktion in der Öffentlichkeit gab?
Ashbel:
Na ja, ich hoffe nicht. Vielleicht verhält es sich ja auch andersherum—vielleicht machen es jetzt mehr. Sie wollen berühmt werden und auf dem berühmten Blog sein.
Lewkowicz: Das wird ein interessantes Experiment. Was ist stärker: soziale Scham oder das Verlangen nach Anerkennung?

 


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