Musik
Wavves sind krank und dumm
Nathan von Wavves ist bekanntermaßen noch recht jung, aber sein Leben schlägt in kürzester Zeit so viele Kapriolen, dass MTV mit „Meet the Osbournes“-artigen Reality Soaps über ihn ganze Abende füllen könnte. Da war der, sagen wir mal, etwas eigenwillige Auftritt beim Primavera Festival, die sich anschließende Trennung von Ryan Ulsh, seinem damaligen Drummer, das Canceln von Touren, die Schlägerei mit Jared von den Black Lips und so weiter. Nathan beteuert, dass es ihm nur um den Spaß am spielen geht und so unbeholfen er sich in Interviews auch anstellt, wir glauben ihm das. Clevererweise hat er neulich, als er mit seinen neuen Bandkollegen, dem kranken Billy und Stephen (ex-Jay Reatard) ,hier in Berlin spielte, gar keine Interviews gegeben. Für uns machte er allerdings eine Ausnahme. Falls du Informationsvermittlung bei Interviews für überflüssig hältst, dann wird dir das hier möglicherweise den Tag versüßen:
(Der Promoter der Plattenfirma kredenzt ein Tütchen Gras.)
Billy: Oh, echtes Weed! Ausgezeichnet! Da fühle ich mich doch gleich weniger krank. Obwohl es einen gleichzeitig noch kränker macht.
(Ein Joint wird gerollt.)
VICE: Wie ist die Stimmung in der Band?
Nathan: Wie die Stimmung ist? Keine Ahnung, wie ist die Stimmung?
Billy: Sehr krank.
Stephen: Und dumm. Wir sind alle krank und wir sind alle dumm.
Nathan: Ja, krank und dumm, da hast du’s.
Aber ihr habt euch schon aneinander gewöhnt ...
Nathan: Ja ja, wir kommen gut miteinander klar.
Billy: Bis auf die Tatsache, dass ich gerade so dumm und krank bin.
Nathan: Aber davon abgesehen ist alles super.
Wie lange seid ihr jetzt schon zusammen?
Nathan: Permanent. Oder meinst du, wie lange wir schon zusammen sind?
Ja.
Nathan: Ah, seit ca. drei Wochen.
Billy: Wir haben ein Mal geprobt.
Stephen: Und das ist unsere neunzehnte Show.
Nathan: Ja, ein Mal geprobt und neunzehn Shows.
Billy: Wir kommen gerade aus dem Ugly Reatard-Camp.
(Gelächter)
Stephen: Wir haben uns im Ugly Reatard-Camp kennen gelernt, genau.
Wie kann man sich das vorstellen? Nathan hat gerade jemanden für die Band gesucht, ihr habt jemanden gesucht und das wars?
Billy: Ich hatte eigentlich mit dem Musikmachen und Touren abgeschlossen. Ich ging davon aus, dass ich nie in der Lage sein werde, mit Musik Geld zu verdienen. Also habe ich einen Job gesucht. Aber ich habe nur einen Job gefunden, bei dem ich 12 Dollar in der Woche verdiene.
Nathan: Und das ist der Wavves-Job.
Billy: Ja, genau. Jedenfalls habe ich fünf Jobs ausprobiert, aber nichts hat funktioniert.
Nathan, wir verstehst du dich mit Ryan, deinem ex-Drummer?
Nathan: Es ist in Ordnung. Es gibt keine Verstimmungen oder so was. Also ich habe kein Problem mit ihm, ich weiß aber nicht, wie er über mich denkt.
Ihr sprecht also nicht miteinander?
Nathan: Nein, ich spreche nicht über Gefühle.
Warum nicht?
Nathan: Das haben sie uns so im Reatard-Camp beigebracht.
Stephen: Ich habe mit Ryan nach diesem Vorfall gesprochen. Und er wirkte anfangs etwas traurig, aber er hat etwas gefunden, was ihm da raus geholfen hat.
Nathan: Und das nennt sich MDMA.
Mit anderen Worten, ihr werdet keine Musik mehr zusammen machen.
Nathan: Nein.
Wie sieht’s mit Zach aus?
Nathan: Zach hat seine Hand gebrochen, bevor die Tour losging.
Stephen: Und er hat seine Haare abgeschnitten.
Nathan: Und er hat sich seine Haare abgeschnitten. Ich weiß nicht, was ich von Leuten halten soll, die ihre Haare abschneiden.
Deswegen ist jetzt also Stephen in der Band.
Nathan: Exakt.
Aber ihr plant, weiter zusammen zu spielen?
Nathan: Ja, wir haben ein paar Songs zusammen aufgenommen und wir werden wohl hin und wieder ein paar Shows zusammen spielen. South by Southwest und so ... Er hat ja auch immer viel zu tun. Es ist alles noch nicht so richtig klar, aber ich denke, wir werden weiter aufnehmen, wenn wir von der Tour zurück sind.
Haben die Höhe- und Tiefpunkte des letzten Jahres eigentlich irgendeine Bedeutung für dich?
Nathan: Nein, ich mache einfach weiter. Was passiert ist, spielt keine Rolle. Who cares.
Billy: Was nützt es denn, wenn sich Musiker wegen irgendwelcher Dinge, die passiert sind, schuldig fühlen?
Darum geht es ja nicht, es geht darum, ob solche Erfahrungen Auswirkungen auf die eigene Einstellung und das Verhalten haben.
Billy: Du musst bedenken, Er ist 23, nimmt Drogen und spielt Gitarre. Da kann schon mal was schief gehen. Der Unterschied ist nur, dass es bei ihm die Leute mitbekommen. Wir gehen ja auch nicht zu jeder kleinen Rockband und fragen sie: hey, wie war das eigentlich, als du dir neulich auf der Bühne in die Hosen gepisst hast? Bei jedem Künstler ist schon mal irgendwas Dummes passiert, nur erfährst du es nie.
Genau und darum frage ich mich, wie geht jemand, der diese öffentliche Aufmerksamkeit hat, genau damit um?
Nathan: Es ist wohl so, dass du im Auge der Öffentlichkeit genauer unter die Lupe genommen wirst bei Dingen, die eigentlich jedem passieren können. Aber wie gesagt: es ist egal. Es ist dieses Mediending. Wir machen einfach weiter Musik und haben Spaß dabei, das ist es ja, worum es eigentlich geht.
Gut zu hören, dass sich daran nichts geändert hat.
Nathan: Tatsächlich habe ich jetzt mehr Spaß daran als vorher.
Auch weiterhin mit Drogenantrieb?
Nathan: Naja, so viel nehme ich ja nicht. Aber kommt vor, ja.
Auch vor den Shows?
Nathan: Manchmal ...
Wie geht es jetzt genau mit der Band weiter?
Nathan: Wir machen diese Tour zu Ende, dann geht’s zurück nach L.A., ich werde mir eine Woche frei nehmen und dann fahren wir nach Mississippi, um das Album aufzunehmen.
Wird die live-Erfahrung, die du in den letzten Monaten gesammelt hast, einen Einfluss auf die Aufnahmen haben?
Nathan: Definitiv, es wird eine zweite Stimme geben, jemanden, der Bass spielt. Wie es sich genau anhören wird, weiß man natürlich vorher nicht, aber es soll auf alle Fälle mehr Bandcharakter haben.
Letzte Frage: Mal wieder was von Jared Black Lips gehört?
Nathan: Nein.
Gar nichts?
Nathan: Nein, überhaupt nichts. Ich würde es dir sagen, wenn.
Schade, ich dachte, ich kann hier heute noch einen Scoop landen.
Nathan: Ok, pass auf. In einem Jahr, am 31. Oktober, werden wir uns alle gegenseitig auf der Bühne umbringen.
Stephen: Lass uns das doch lieber aufs Jahr 2012 verschieben, da geht doch die Welt sowieso unter.
Nathan: 31. Oktober 2012, merk dir das.
Billy: Warum nicht schon an Weihnachten dieses Jahr?
Nathan: Auch gut, wir schenken uns alle gegenseitig eine Knarre und schießen uns dann gegenseitig ins Gesicht.
Ins Gesicht schießen ist jetzt aber auch nicht die originellste Idee ...
Nathan: Naja, wir überlegen uns da noch was Besseres. Aber du kannst dann vorbei kommen, zur Not bekommst du auch noch ein Schießeisen und kannst den Rest erledigen, falls wir es nicht schaffen, alle gleichzeitig abzudrücken. Das wären doch grandiose Breaking News.
Durchaus, aber ich bin über die aggressive Stimmung erstaunt. Steckt doch einfach ein Paar Blumen in die Läufe.
Nathan: Wir haben ja noch etwas Zeit, das durchzuplanen.
Schön. Vielen Dank.
Foto: Christoph Voy
Ein neues Wavves Album erscheint im nächsten Jahr.



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