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      Wer macht die Montagsdemos rechts?

      Von Stefan Lauer

      Redakteur

      May 13, 2014
      Aus der Kolumne 'Wirres Deutschland'

      Letzte Woche habe ich zum zweiten Mal von der sogenannten Mahnwache am Brandenburger Tor berichtet. Natürlich war ich gestern Abend nochmal da, diesmal am Potsdamer Platz. Und anscheinend versucht man, bei diesen Veranstaltungen einen Spannungsbogen zu choreographieren. Vor zwei Wochen gab es hauptsächlich Eso-Gewäsch über Pflanzen und Tiere, letzte Woche war das Ganze weitaus politischer. Wie auch in der Woche zuvor bestand die Reaktion auf den Artikel aus folgenden drei Aspekten: Hass, Hass und Hass. Für die Montagsdemogänger ist nur positive Berichterstattung legitim. Und dann bekam ich noch eine Interviewanfrage von Ken Jebsen. Da ich aber, um ehrlich zu sein, jemanden wie Jebsen nur bedingt ernstnehmen kann und er Interviewanfragen von VICE zu für ihn unangenehmen Themen ignoriert hat, verzichte ich dankend. 

      Gestern sprach Heiko Schrang, von dem ich aufgrund seine Oeuvres (Die Jahrhundertlüge, die nur Insider kennen, Teil eins und zwei) wirklich einiges mehr erwartet hatte. Er wirkte wie ein Motivationsredner auf einem Vetriebsseminar und gar nicht so sehr wie der Autor, der die Schuld der Deutschen am Zweiten Weltkrieg in Frage stellt. Interessant war, dass er den Feminismus im Halbsatz als Aspekt eines „Teilen und Herrschen“-Prinzips der Eliten abkanzelte. Ansonsten geht er anscheinend davon aus, dass AIDS, Hütchenspieler und Krebs verschwinden, wenn man sie ignoriert ... 

      Die Musik war gewohnt furchtbar, immerhin diesmal kein HipHop, aber dafür ein Singer/Songwriter, der über Liebe sang. Spannend (oder abstoßend, sowas liegt ja immer im Auge des Betrachters) wurde es lediglich, als eine Ukrainerin auf die Bühne trat, die davon sprach, dass die Deutschen doch bitte wieder stolz sein sollten auf ihr Land (großer Jubel im Publikum), dass die Ausländer die Deutschen aufgrund ihres mangelnden Nationalstolzes ausnutzen. Und dass es endlich Zeit ist, den Nazi-Stempel abzuwaschen. (Jubel, etc.).

      Der König spricht mit dem Volk. Selbstverständlich ist die Anwesenheit von Reichsbürgern, wie Peter Fitzek, auf den Montagsdemos kein Hinweis auf eine irgendwie geartete rechte Grundstimmung.

      Wie dem auch sei, sowohl in unser Kommentarspalte als auch überall sonst, wo über diese Veranstaltungen berichtet wird (und auch vor Ort), geht es immer wieder darum, dass das Konzept von Rechts und Links transzendiert wurde. Die Aufteilung in rechte und linke Lager diene ausschließlich dazu, die Menschen von den wirklich wichtigen Dingen abzulenken. Wie viele Montags-Apologeten sagt Pedram Shahyar, der letzte Woche auf der Mahnwache gesprochen hat, außerdem, dass eine Veranstaltung noch lange nicht rechts ist, weil Nazis auftauchen. Im Hinblick darauf jetzt also mal eine kleine Zusammenfassung darüber, wer hinter diesen „postpolitischen“ Bewegung eigentlich wirklich steht.

      Jürgen Elsässer (Mitte)

      Jürgen Elsässer war gestern Abend vor Ort, sprach allerdings nicht. Trotzdem ist er mit seinem Compact-Heftchen sowohl Ideengeber als auch Multiplikator für die Demonstranten. Elsässer hat eine bunte politische Biographie, mit Wechsel vom Linksradikalen zum genau entgegengesetzten anderen politischen Ufer. Früher war er beim Arbeiterkampf des Kommunistischen Bundes und nach dessen Auflösung bei der antideutschen Zeitschrift Bahamas, dann bei der Jungen Welt und nach deren „Aufspaltung“ Mitherausgeber der Jungle World, bis sich die Zeitung wegen Differenzen bezüglich des Irakkrieges von ihm trennte. Danach Redakteur bei konkret bis zu seiner Entlassung wegen politischer Differenzen im Jahr 2002. Und spätestens jetzt wird es unangenehm: Nach einem Jahr beim Neuen Deutschland wird er wieder entlassen, nachdem er die „Volkinitiative gegen das Nationalkapital“ gründet und deswegen von der NPD als „Eisbrecher“ zwischen links und rechts gelobt wird. Und dann kommt Compact. Elsässer gründet die Zeitschrift 2010 und macht sich selbst zum Chefredakteur und arbeitet unter anderem mit Harald Harzheim (vorher beim Sprachrohr der Neuen Rechten, der Jungen Freiheit) und Niki Vogt (vorher beim Kopp Verlag, bekannt für Verschwörungstheorien, Maskulinismus usw.) zusammen. Und wie könnte es bei einem solchen Dreamteam auch anders sein: Compact ist ein rechtes Magazin für amerikafeindliche und antizionistische Verschwörungstheoretiker. Und nur ein paar Klicks weiter, zum Beispiel auf Elsässers Blog und über Facebook-Fans der Seite, steckt man plötzlich so tief im dunkelbraunsten, virtuellen Abwasserkanal, dass man danach so schnell wie möglich drei Stunden lang heiß duschen will, um die ganze antisemitische und rassistische Kacke wieder abzuwaschen. 

      Homophob ist Elsässer genauso wie er antisemitisch oder nationalistisch ist, immer nur in der Andeutung und im Nebensatz (wobei ihn der ESC-Sieg von Conchita Wurst wirklich böse gemacht hat. Armer Jürgen.), da können sich seine Fanboys und -girls ihren eigenen Reim draus machen. Seine Texte werden dann so ausgelegt, wie sie zwar gemeint, aber nicht gesagt sind. Zum Beispiel, wenn er Ahmadinedschad 2009 zum Wahlsieg trotz der Massenproteste gratuliert: „Hier wollen Discomiezen, Teheraner Drogenjunkies und die Strichjungen des Finanzkapitals eine Party feiern. Gut, dass Ahmadinedschads Leute ein bisschen aufpassen und den einen oder anderen in einen Darkroom befördert haben.“ Oder 2006 als er in der Jungen Welt schreibt: „Mit Staatsknete wird Multikulti, Gendermainstreaming und die schwule Subkultur gefördert, während die Proleten auf Hartz IV gesetzt werden.“ Heute tritt er übrigens auch als Wahlkämpfer für die AfD auf. Eine Zusammenarbeit, wie sie passender nicht sein könnte.

      Jebsen bei der Montagsdemo, letzte Woche

      Ken Jebsen moderierte beim RBB und hatte auf Fritz die Sendung KenFM. Hier fiel er bereits hin und wieder durch exzentrischere Auftritte auf. Zum Beispiel nennt Jebsen die offizielle Darstellung von 9/11 eine Verschwörungstheorie. Ende 2011 veröffentlichte Henryk M. Broder auf seinem Blog eine Mail, die angeblich von Jebsen an einen Hörer geschickt worden sei (Jebsen hat nie dementiert, die Mail versendet zu haben), in der es darum geht, dass der Holocaust zu PR-Zwecken erfunden wurde. Nach einigem Hin und Her musste Jebsen den RBB verlassen und verbreitet seine Sendung seitdem über YouTube, bzw. die eigene Website. Ansonsten ist er regelmäßiger Autor bei Compact und interviewt auch immer wieder Jürgen Elsässer in seinen Videos. In seinen Texten und Videos finden sich unter anderem solche Perlen: „Die meisten Pressevertreter gehören hinter Gitter.“ „Wir registrieren sie alle, Ihre verleumderischen Berichte. Z.B. über ,mögliche Verdächtige', die dann über Nacht zu Tätern werden. Ohne Prozess, ohne Anwalt, aber durch das Zutun der Presse.“ Über eine angebliche „Holocaust-Industrie“, im Sinne des extrem umstrittenen Autors Norman Finkelstein, sagt er Folgendes: „Eine Vereinigung, die immer und überall Antisemitismus sieht, selbst, wenn die Politik des Staates Israel vollkommen unabhängig von seiner Religion kritisiert wird.“ Ken Jebsen ist genauso überzeugt von Dingen wie Elsässer. Er hat mehr oder geheimes Wissen und „weiß“, was richtig und falsch ist. Wahrheiten der „Mainstream-Presse“ zu hinterfragen, ist gut und schön, seine eigenen Wahrheiten sind aber immer korrekt. Und wie grundsätzlich bei den Montagsdemos gilt auch bei ihm; Kritik ist nicht erlaubt. Und seien wir doch mal ehrlich: braucht man ja auch nicht. Ken hat doch ohnehin mit allem Recht.

      Andreas Popp sprach zum letzten Mal am 21.04. auf der Montagsdemo, aber ist im Geiste und auf mehreren Plakaten immer dabei. Popp liefert mit seinem „Plan B“ den wirtschaftsideologischen Unterbau der Demos. Popp ist ein ehemaliger „Wirtschaftsfachmann“, der mal auf n-tv auftreten durfte, mittlerweile lebt er als Goldhändler in Kanada und gibt hilfreiche Tipps, wie der kommende Zusammenbruch der Wirtschaft zu überleben ist. Popp beruft sich im Plan B, bei dem es um Entschuldung des Staates und einen anderen Umgang mit Geld geht, auf niemanden Geringeren als Gottfried Feder. Feder war Gründungsmitglied der Deutschen Arbeiterpartei, aus der die NSDAP vorging. Unter seiner Federführung entstand die Unterscheidung zwischen „schaffendem“, also deutschem und „raffendem“, also jüdischem Kapital. Auf ihn geht auch die nationalsozialistische Parole über die „Brechung der Zinsknechtschaft“ zurück, die sich in abgewandelter Form auf vielen Plakaten und Reden der Montagsdemo wiederfindet. 

      Popp behauptet nun, die Nazis hätten Feder 1933 fallengelassen, was für ihn im Umkehrschluss einer Rehabilitation gleichzukommen scheint. Ebenfalls 1933 erscheinen in dem Sammelband Das neue Deutschland und die Judenfrage - Des Diskussionsbuches erster Teil unter anderem folgende Zeilen aus Feders Artikel „Die Judenfrage“ (und das ist nur ein Zitat unter unzähligen): „Die Verweisung der Juden [...] ist Ausdruck der Selbstbesinnung der Erstarkung der Nation. Der Fremdkörper wird von dem gesundenden Organismus ausgeschieden. Wir Nationalsozialisten erwarten von der Ausschaltung der Juden aus dem nationalen Leben des deutschen Volkes [...] einen Aufschwung der Gesamtnation."

      Für eine Gruppe von Leuten, die der Dichotomie von Rechts und Links so ablehnend gegenübersteht, hat man es hier dann doch mit einer, sagen wir mal, äußerst rechten Gemengelage zu tun, wie sie außerhalb eines NPD-Aufmarsches wohl ihresgleichen suchen dürfte. Und selbst wenn man nun davon ausgeht, dass viele der Teilnehmer nicht genau wissen, wem sie da zujubeln, weil sie doch alle einfach nur für den Frieden sind, dann sollte man ihnen vielleicht mal dringend ans Herz legen, sich auch mal außerhalb von Compact, KenFM und dem russischen Staatsfernsehen zu informieren. 

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      Themen: Montagsdemo, Jürgen Elsässer, KenFM, Ken Jebsen, Aluhut, Plan B, Andreas Popp

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