Wir feiern den Weltfrauentag! Oder auch nicht.

von Nadja Sayej


Foto von Christoph Neumann

Der Weltfrauentag ist für alle Fans von Alice Schwarzer ein Tag zum Feiern.

Dem Rest der Welt ist der Tag herzlich egal. Vielleicht kann man ihn mit Muttertag vergleichen—du rufst deine Mama an oder schickst ihr Blumen.

Manche sagen auch: „Jeder Tag sollte ein Tag für Frauen sein.“ Zumindest die, die wir interviewt haben: Erfolgreiche Frauen aus Griechenland, Russland, Schweden, Australien, Großbritannien, Frankreich und Deutschland. 

Ist es heute noch OK, wenn die Hausfrau zu Hause rumsitzt und sich um den Haushalt kümmert? Oder sollten Frauen selber arbeiten und sich irgendwie verwirklichen?

Wir haben neun Frauen aus ganz Europa befragt, die sich mit dem Leben in der harten Geschäftswelt auskennen—von Schriftstellerinnen bis Party-Girls ist alles dabei. Wie ist das, mehr Geld als der eigene Freund zu verdienen? Was machen sie anders als ihre Mütter? Und wie stehen sie eigentlich zu Angela Merkel? Diese Frauen wissen Bescheid.

 

Name: Mary Ocher

Alter: 26

Nationalität: Russland / Israel

Beruf: Künstlerin und Musikerin

Hat sich was verändert, seit deine Mutter in deinem Alter war?
Auf jeden Fall. Aber meine Mutter ist noch in der Sowjetunion aufgewachsen und noch heute sind sie dort noch nicht so weit wie hier.

Ist Feminismus out?
Vielleicht bin ich da anders als die meisten, aber ich denke bei Feminismus nicht an Demonstrationen und Slogans. Für mich geht es darum, dass wir den Mund aufmachen, so wie es als erstes die Frauen im 19. Jahrhundert getan haben. Aber viele schweigen leider auch heute noch.

Was würdest du deiner Tochter mit auf den Weg geben?
Es wird hart für dich, also reiß dich zusammen!

Name: Jeni Fulton

Alter: 31

Nationalität: Großbritannien

Beruf: Autorin

Twitter: @jenifulton

Wie feierst du den Weltfrauentag?
Gar nicht. Dieses Jahr will ich mehr über weibliche Künstler schreiben. Das ist mein Beitrag.

Wie fühlt es sich an, dass du mehr Geld als dein Freund verdienst?
Früher gab's da schon mal Probleme.

Ist Feminismus überholt?
Überhaupt nicht. Das Konzept ist sehr dynamisch und passt sich an die sozialen Verhältnisse an. Feminismus kann alles Mögliche sein: Sich für bessere Bildung einsetzen oder sexuelle Belästigung in der Politik bekämpfen. So, wie das jetzt mit der #aufschrei-Debatte in Deutschland passiert ist.

Was ist alles anders, seit deine Mutter in deinem Alter war?
Vieles! Meine Mutter durfte damals nicht auf die Kunsthochschule gehen, weil sie verheiratet war. Die hatten Angst, dass sie das Studium abbrechen würde, sobald sie schwanger wird (sie war damals 18).

Name: Anto Christ

Alter: 27

Nationalität: Malta / Australien

Beruf: Künstlerin

Gehst du lieber arbeiten oder bleibst du lieber zu Hause?
Ich bleibe lieber zu Hause (wer nicht?), aber ich bin definitiv eine berufstätige Frau. Ich habe ein paar Jobs draußen in der echten Welt. Damit finanziere ich mir die Dinge, die mir wirklich was bedeuten: Malen, Häkeln, Skulpturen usw. Aber das mache ich alles von meinem Schlafzimmer aus. Da fühle ich mich am wohlsten.

Verdienst du mehr Geld als dein Freund und wie fühlt sich das an?
Ja, ich verdiene mehr als er. Aber irgendwie hat er immer mehr Geld zum Ausgeben als ich. Ich versteh das auch nie ...

Was ist alles anders, seit deine Mutter in deinem Alter war?
Für eine berufstätige Frau hat sich gar nicht so viel geändert. Für die Sachen, die wir haben möchten, müssen wir immer noch hart arbeiten. Und wenn man mal drüber nachdenkt sind die erfolgreichsten Künstler immer noch Männer.

Was würdest du deiner Tochter mit auf den Weg geben?
Definier dich nicht darüber, dass du eine Frau bist. Damit verstärkst du nur das Rollendenken von Mann und Frau. Das hat sich doch sowieso nur irgendwann irgendjemand ausgedacht. Sei einfach du selbst und vergiss diese Klischees.


Steffi und Nina

Foto von Christian Fries 

Name: Steffi von Kannemann

Alter: 32

Nationalität: Deutschland

Beruf: Promoter und Talentmanagerin 

Ist Feminismus noch modern?
In Deutschland haben die Männer ein Problem, nicht die Frauen. So ist das leider. Ich habe immer das Gefühl, dass es Männern schwer fällt, einerseits ein richtiger Mann zu sein und andererseits Frauen mit Respekt zu behandeln. Sie sollten sie als das sehen, was sie sind: großartige und starke Geschöpfe. Normalerweise bin ich aber nur von Arschlöchern und Weicheiern umgeben.

Sind Männer heute fauler als früher?
Nein, warum auch? Sie müssen sogar noch viel härter arbeiten, weil es so viele Merkels auf der Welt gibt.

Was ist alles anders, seit deine Mutter in deinem Alter war?
Meine Mutter hat noch in der DDR gelebt, ich dagegen in Deutschland und der Europäischen Union. Meine Mutter hat immer gearbeitet und gleichzeitig hat sie mich bekommen, als sie in meinem Alter war. Sie hatte auch einen Mann, meinen Papa. Für mich ist es eine ganz andere Welt als damals für meine Mutter. Ich promote Musiker aus Skandinavien, schreibe Blogs und lege auf lahmen Partys auf—so verdiene ich mein Geld. Ich habe keinen Mann und ich brauche auch keinen. Das ist sehr wichtig. Sicherheit und Ordnung sind nicht das Wichtigste in meinem Leben. Ich bin schon genug damit beschäftigt, mich um mich selbst zu kümmern, so verrückt sich das anhört. Meine Mutter musste sich um mich kümmern, damit ich satt und zufrieden bin. Und das mache ich jetzt selbst. Meine ganze Welt ist so zerbrechlich und alles könnte schnell kaputt gehen—so kommt es mir wenigstens vor. Vieles hat sich geändert, obwohl in der DDR die Gleichberechtigung der Frau immer schon fortgeschrittener war als im Westen. Zwischen mir und meiner Mutter stehen andere Dinge—das Internet und die globalisierte Welt.

Name: Nina Legnehed

Alter: 32

Nationalität: Schweden

Beruf: Promoter und Talentmanagerin

Sind Männer heute fauler als früher?
Jeder muss sich mehr anstrengen in der Welt, in der wir leben. Keine Ahnung, ob wir härter arbeiten müssen, aber die mit Eigeninitiative und diejenigen, die sich leichter anpassen können, haben wohl bessere Chancen. Aber Männer, die kein Problem mit einem weiblichen Chef haben, werden in Zukunft den größten Erfolg haben.

Name: Mia Marjanovic

Alter: 26

Nationalität: Deutschland

Beruf: Studentin und Modebloggerin

Was würdest du deiner Tochter mit auf den Weg geben?
Ich würde sie dazu ermuntern, immer die eigene Meinung zu sagen, z.B. in der Schule. Das geht schon in der Vorschule los, bis in die Uni. Und ihre Meinung muss sie dann auch verteidigen können. Mädchen und Frauen sagen nämlich oft nicht ihre Meinung (ich leider auch nicht) und wenn doch, dann knicken sie schnell ein, weil sie gelernt haben, immer immer lieb, superhöflich und schüchtern zu sein.

Name: Dina Pascal

Alter: Zeitlos

Nationalität: Griechenland

Beruf: DJane, Produzentin, Journalistin

Wie feierst du den Weltfrauentag?
Ein Tag im Jahr bringt doch nichts. Das ist eine nette Geste, aber dadurch verändert sich doch nichts.

Was ist alles anders, seit deine Mutter in deinem Alter war?
Vieles ist heute anders. Ohne Mann an ihrer Seite durfte sie abends nicht mal ausgehen. Sie war die erste in ihrem Dorf, die Jura studierte und früh selbstständig wurde. Dann heiratete sie und arbeitete weiter acht Stunden jeden Tag und hat sich zusätzlich um ihre Kinder gekümmert, hat gekocht und das Haus geputzt. Dafür bewundere ich sie. Aber ich bin auch froh, dass ich ein anderes Leben führen kann. Sie ist meine Heldin, eine sehr intelligente und starke Frau, aber gleichzeitig ein Opfer ihrer Zeit. Heute ist es viel einfacher für uns Frauen und trotzdem wird es noch lange dauern, um tausend Jahre ohne Gleichberechtigung wieder gut zu machen.

Name: Nadia Says

Alter: 32

Nationalität: Frankreich

Beruf: Promoter und Talentmanagerin

Gehst du lieber arbeiten oder bleibst du lieber zu Hause?
Ich arbeite, aber zu Hause bleiben und putzen, die Kinder aufziehen oder die Socken von meinem Partner stopfen ist auch OK.

Wäre die Welt eine andere mit mehr Frauen wie Merkel?
Die Welt wäre schlechter dran. Nur weil eine Frau Politikerin ist, heißt das nicht, dass es den Menschen dann besser geht. Die könnte ja auch die Waffenindustrie unterstützen oder die Pharmaunternehmen oder Banken unterstützen anstatt das Wohle der Menschen.

Was würdest du deiner Tochter mit auf den Weg geben?
Ich würde sagen: Fühl dich nicht schuldig, nur weil du Brüste hast und keinen Penis. Du musst nicht 110 Prozent geben, um dich zu beweisen. Sie hat genauso viel Respekt verdient wie jeder Mann.

Name: Saskia Hahn

Nationalität: Deutschland 

Beruf: Musikerin, DJane und Künstlerin

Wie feierst du den Weltfrauentag?
Ich poste auf Facebook und Twitter. Ich rufe meine Mama an, meine Oma und meine Tante. Das sind die starken Frauen in meinem Leben.

Gehst du lieber arbeiten oder bleibst du lieber zu Hause?
Ich arbeite lieber! Wer bleibt denn heute noch gerne zu Hause? Da würde ich eingehen. Ich will jeden Tag kreativ und produktiv sein und daher denke ich, dass diese Frage total altmodisch ist. Das ist zumindest da so, wo ich herkomme.

Was ist alles anders, seit deine Mutter in deinem Alter war?
Nicht so viel, meine Mama ist selbst noch ziemlich jung. Außerdem gab es in meiner Familie schon immer starke Frauen. Allgemein ist es aber heute schon einfacher für eine Frau, ihren eigenen Weg zu gehen.

Was würdest du deiner Tochter mit auf den Weg geben?
Verliere nie den Glauben an dich selbst.

 


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