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      Zur Freiheit verdammt

      December 21, 2012

      Von Marie Delhaes

      Fotos von Grey Hutton


      Daniel betet heute nicht mehr fünf Mal täglich, sondern hat mittlerweile das für ihn richtige Maß an Religiosität gefunden.

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      ährend die meisten Christen der Kirche aufgrund von Kirchensteuer oder Missbrauchsskandalen den Rücken kehren, befindet sich der Islam—Deutschlands zweitgrößte Religionsgemeinschaft—ohne Zweifel auf dem Vormarsch. Laut der wenigen Statistiken, die es zum Thema gibt, hat die Zahl der Muslime in Deutschland in den letzten zehn Jahren um gut 30 Prozent zugelegt. Dass sich die Berichterstattung oder das Gerede an deutschen Stammtischen aber meistens auf das panische Um-sich-Werfen mit Schlagwörtern wie 9/11, Sauerlandzelle, Osama bin Laden, Salafisten oder Mohammed-Karikaturen beschränkt, trägt nicht unbedingt bei zur erfolgreichen Integration. 

      Trotzdem: Ohne den Islam verstehen wir unsere Welt nicht mehr. Die Bibel interessiert nur am Rande, der Koran ist in. Die meisten Mainstream-Medien versorgen uns ständig mit News über „das Fremde“, das Spektrum reicht vom Burkini bis zur Bombe. Und es ist längst geschehen: Die islamophobe Hetze trägt Früchte—viele assoziieren den Islam mit Terror und Gruppen wie Pro-NRW nutzen ihre Islam-Kritik dafür, rechtes Gedankengut in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Der Gipfel der Angst ist der „Dschihad“, der im populären Mediendiskurs häufig mit „Heiliger Krieg“ übersetzt wird. Diese Übersetzung ist falsch, die richtige lautet: „Bemühen um Gott“. 

      Das Transformationspotenzial in beide Richtungen ist enorm: Aus bösen Gangster-Rappern werden fromme Gläubige, aus netten Muslimen werden gewaltbereite Terroristen. Ein besonders beeindruckendes Hybrid aus Pop und Dschihad sind die deutschsprachigen Nasheeds (traditionelle islamische Lieder), die seit wenigen Jahren veröffentlicht wurden. Der Barde des deutschen Dschihad ist der Berliner Ex-Gangsterrapper Deso Dogg. Obwohl ihm der Reisepass entzogen wurde, setzte er sich im Herbst diesen Jahres nach Nordafrika ab, um im Dschihad zu sterben. Sein Mailboxspruch ist eindeutig: „Der Märtyrertod ist das Schönste! Allahu akbar“. Deso Dogg, der sich seit seiner Radikalisierung „Abu Talha Al Almani“ nennt, dichtet ein traditionelles deutsches Weihnachtslied zu einem Nikolaus-Kampfnasheed um. In seiner Coverversion heißt es: 

      „Lasst uns froh und munter sein/ und uns recht von Herzen freuen/ „La Ilaha ill Allah“ /heut’ sind die Dschihadisten wieder da. Der Dschihad ist immer noch da/ nicht zu stoppen ihr Drecks-Kufar.“ 

      Aber ist das alles wirklich so bedrohlich, wie manche Medien uns glauben machen wollen? Wahrscheinlich einer der wenigen erinnernswerten und zutreffenden Sätze des ehemaligen Bundespräsidenten Wulff war: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Er ist kein Phänomen mehr, das in dunklen Hinterhöfen und in Gebetsräumen in Asylbewerberheimen stattfindet, sondern wird auch für Biodeutsche immer attraktiver. Aber warum wollen sich junge Leute, die mit den ganzen Freiheiten des Spätkapitalismus aufgewachsen sind, in das enge muslimische Regelkorsett zwängen? Die deutschen Konvertiten antworten auf die Herausforderungen der modernen Welt mit ihrer Religion und unterscheiden sich damit elementar von unserer atheistischen Generation: Sie rezitieren Koransuren auf Arabisch, statt sich im Berghain beschallen zu lassen. Sie fasten während des Ramadans, anstatt sich zyklisch mit Drogen ins Jenseits zu katapultieren. Sie heiraten, statt polyamourösen Hedonismus zu praktizieren. 

      Ich wollte wissen, warum junge Deutsche zum Islam konvertieren. Ist unsere grenzenlose Freiheit vielleicht doch nicht das höchste der Gefühle, so wie wir es immer dachten? Hat Sartre recht, wenn er schreibt, „der Mensch ist zur Freiheit verdammt“? Steht den grenzenlosen Möglichkeiten die grenzenlose Unverbindlichkeit gegenüber, auf die wir mit der Sehnsucht nach Sicherheit antworten? Auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen traf ich Daniel und Linnea. Beide sind biodeutsch und konvertierten vor einigen Jahren zum Islam. Daniel wuchs im Osten Berlins auf, Linnea im Westen. Sie erzählen, wie deutsch der Islam sein kann und warum sie heute noch mal konvertieren würden.


      Daniel in seiner radikaleren Phase

       

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