Die Schwarze Schar: Nazis oder nette Jungs?
Der Motorcycle Club Schwarze Schar in Wismar, der größtenteils aus ehemaligen Neonazis des berüchtigten Werwolf Clubs besteht, ist wahrscheinlich einer der provokantesten Rockerclubs in Deutschland. Barbara war für einen Artikel im Magazin bei ihnen im Clubhaus und hat sie jetzt wieder mit einem Kamerateam besucht.
Seit einigen Jahren behaupten die Mitglieder, dass sie sich mittlerweile von der Nazi-Ideologie, die ihre Vergangenheit bestimmt hat, distanziert haben und nur noch für den MC leben, dessen Tätigkeiten und Ziele allerdings auch nur sehr schwer zu durchschauen sind. Trotzdem oder gerade deswegen stellen sie ihre eigenen Regeln und das Wohlergehen des Clubs über das Gesetz und kommen dadurch immer wieder mit dem Staat in Konflikt. In diesem Spannungsfeld hat sich Barbara umgesehen und wir haben sie gefragt, wie glaubwürdig ihr der Sinneswandel der Jungs aus Wismar vorkam.
VICE: Wie bist du eigentlich mit der Schwarzen Schar in Kontakt gekommen?
Barbara Dabrowska: Das passierte mehr oder weniger durch Zufall, als ich in Mecklenburg-Vorpommern wegen Jamel und der NPD unterwegs war und mich etwas umschauen wollte, was dort sonst noch los ist. Ich habe einfach angefragt, ob ich den Club mal kennenlernen kann. Ich war damals nur mit dem Fotografen Martin Fengel dort und kannte die Vergangenheit der Mitglieder, ohne zu wissen, wie die heute drauf sind. Als ich also diese Reihe von zehn Typen sah, anderthalb mal so groß und bestimmt zehn mal so stark wie Martin und ich, dachte ich mir natürlich nur, hoffentlich geht das gut ...
Waren sie dann tatsächlich so hart drauf, wie man es von Rockern erwartet?
Es fiel ziemlich schnell eins ihrer Lieblingsworte: Respekt. Und ich entschloss mich, sie beim Wort zu nehmen: „Gibst du mir Respekt, geb ich dir Respekt.“ Im Vergleich zu den Leuten von der NPD, die ich am gleichen Tag zuvor getroffen hatte, merkte ich, dass es bei denen ganz anders ist. Da kommt einem nicht die gleiche Mauer aus Hass und wirren Ideologien entgegen, sondern man kann sich mit denen unterhalten. Also jetzt nicht unbedingt im Sinne davon, dass es sich hier um die netten Typen von nebenan handelt, klar, aber dass da trotzdem ein Dialog möglich ist und das war der Moment, wo ich gemerkt habe, ich würde am liebsten eine eigene Geschichte über diese Typen machen.
Du wolltest also unbedingt mit Rockern abhängen, die den ganzen Tag nichts anderes machen, als Leuten mit ihren Kutten Angst einzujagen, zu saufen, sich zu tätowieren und in irgendeinem abgeranzten Clubhaus Billard zu spielen?
Ja, so in etwa. Also, in einigen Punkten waren sie dann doch anders, als ich sie mir vorgestellt hatte—sie haben z.B. fast so etwas wie einen Putzfimmel, das hätte ich echt nicht gedacht ... Aber im Großen und Ganzen hatte ich schon manchmal das Gefühl, als würde ich bei den Sons of Anarchy abhängen. Sie haben auf jeden Fall einen Billardtisch, lammfromme Kampfhunde und der Vize-Präsident ist Tätowierer. Und die Prospects müssen Unkraut jäten, wenn sie was falsch machen oder den Präsidenten verärgern.
Was fasziniert dich an diesen Typen und ihrer Geschichte?
Ich hatte das Gefühl, dass diese Typen an einem interessanten Punkt sind, über den ich so noch nie etwas gesehen oder gelesen habe: Sie kommen aus der rechten Szene und machen keinen Hehl aus ihrer gewalttätigen Vergangenheit, aber sie sagen heute, dass sie das hinter sich gelassen haben. Trotzdem haben sie jetzt auch keine 180°-Drehung hingelegt und passen ins Klischee des „Aussteigers“. Sie sind also eher nicht das, was wir—also die Normalbürger—ohne Weiteres gutheißen könnten, sondern sind jetzt Teil einer anderen Szene, die sich im Endeffekt ebenfalls darüber definiert, dass sie auf die Regeln der Gesellschaft und die des Staates scheißt.
Findest du das nicht schwierig, mit solchen Leuten zu reden und ihnen damit eine Plattform zu geben?
Ich denke, sie sind weiterhin Teil unserer Gesellschaft—auch wenn sie das selbst vielleicht anders sehen—und gerade deshalb finde ich es wichtig, mit ihnen zu reden. So lange ich das Gefühl habe, dass ich nicht direkt Angst vor jemandem haben muss, möchte ich mit jedem Menschen sprechen können, und ich finde es wichtig, dabei grundsätzlich freundlich und offen auf Menschen zuzugehen, ohne sie vorzuverurteilen. Ich finde es interessant, solche Typen kennenzulernen und ein Gefühl dafür zu bekommen, wie ihr Leben aussieht, vor allem weil es ganz anders ist als das, was ich kenne. Ich finde die Plattform-Problematik stellt sich hier nicht unbedingt. Im Gegensatz zur NPD verbreiten sie zum Beispiel keine rechte Propaganda oder wollen, dass du ihre Haltung annimmst.
Das vielleicht nicht, aber links sind sie jetzt auch nicht gerade.
Das stimmt vielleicht und ich denke, das kommt auch gut rüber in der Doku. Man sollte trotzdem differenzieren zwischen ihrem Auftreten damals und dem heute. Auch wenn wir im Endeffekt nicht genau wissen können, wie sie denken, gibt es doch einen deutlichen Unterschied, alleine schon dadurch, dass sie heute nicht mehr offen rechte Ideen hinausschreien und denen mit Baseballschlägern Nachdruck verleihen. Ich denke nicht, dass diese Doku jemanden für die rechte Szene begeistern kann oder jemanden, der nicht sowieso schon damit zu tun hat, auf die Idee bringt, sich einem 1%-MC anzuschließen. Ich denke allerdings, dass diese Doku gerade dadurch, dass sie auch die faszinierende und menschliche Seite dieser Typen zeigt, einen wichtigen Beitrag zur Diskussion liefert.
Findest du das nicht trotzdem schwierig, diese Typen als nett darzustellen, wenn sie eine erwiesenermaßen kriminelle Vorgeschichte haben und auch heute noch als MC ständig in rechtlichen Schwierigkeiten stecken?
Natürlich ist das vielleicht für viele Menschen erst mal unbequem, sich damit auseinanderzusetzen, dass es nicht so einfach ist, wie sie vielleicht immer dachten. Die Welt besteht nicht nur aus guten und bösen Menschen. Natürlich ist es insgesamt fragwürdig und wahrscheinlich auch gefährlich, wenn es ganze Gruppen von Leuten gibt, die sich zusammenschließen und meinen, ihre eigene Parallelgesellschaft aufbauen zu können, in der nur die eigenen Regeln zählen. Ich war gleichzeitig fasziniert und wahnsinnig irritiert davon, wie ernst sie das alles nehmen.
Was für Regeln meinst du?
Die Regeln in diesem und wahrscheinlich den meisten MCs sind sehr streng. Sie stählen ihre Körper, befolgen strikte Hierarchien und sind 24/7 bereit, für den Club alles zu tun, sogar das Gesetz zu brechen. Natürlich liegt in so einer Truppe ein, sagen wir mal, Gefahrenpotenzial. Trotzdem denke ich nach all meinen Erfahrungen bis jetzt, dass sich kein Mensch einer krassen Gruppierung—sei es jetzt in der rechten Szene oder der MC-Szene oder eine anderen kritischen Gruppierung—anschließt, weil er vorhat kriminell zu sein oder von grundauf schlechte Absichten hat. Ich habe gemerkt, dass durchaus menschliche Bedürfnisse wie Zusammenhalt, Freundschaft, Zugehörigkeit und bedingungsloser Rückhalt eher das Faszinierende an diesen Gruppen ausmachen. Was bei den Mitgliedern der Schwarzen Schar in meinen Augen noch dazukommt, ist, dass sie alleine durch diese krasse Vergangenheit schon so geprägt sind, dass sich die Frage stellt, ob sie überhaupt wieder ganz normal Teil der Gesellschaft sein könnten, sogar, wenn sie das wollten.
Dass sie das gar nicht wollen, betonen sie ja aber auch immer wieder.
Klar. Aber ich finde das ist allgemein auch eine sehr interessante Fragestellung. Unsere Gesellschaft basiert schließlich auf dem Konzept, dass Menschen rehabilitiert werden und sich verändern können. Das ist der Grund, warum ich der Meinung bin, dass man es zumindest ernst nehmen kann, wenn man einen gewissen Wandel beobachtet konnte. Wo dieser Wandel im Endeffekt hinführt, kann keiner genau sagen, vielleicht wissen es die Typen selbst nicht. Wenn man aber von vornherein schon beschließt, gar nicht erst mit denen zu reden, hat man sowieso nicht die Chance, das jemals herauszufinden. Ich fände es gut, wenn wir viel mehr mit Menschen sprechen würden, die uns eigentlich Angst machen. Natürlich setzt das eine gewisse Offenheit von beiden Seiten voraus, aber ich denke, dass langfristig der Dialog der einzige Weg ist, etwas zu bewegen und—schimpfe mich Optimistin—diese Bewegung eher dahingeht, dass sich unterschiedliche Menschen kennen lernen und merken, dass sie eigentlich alle etwas gemeinsam haben, als weiter irgendwelche Gräben zu vertiefen oder gar neu zu schaffen. Und wenn wir uns im Zuge einer solchen Kommunikation dann mit Aussagen konfrontiert sehen, die wir nicht dulden können, dann sollten wir das sagen und zwar ohne die andere Person in ihrer Gesamtheit abzustempeln. Wie bei jeder guten Diskussion, einfach sachlich bleiben.
OK, du hast dich also gut mit ihnen verstanden. Aber woher weißt du, dass die dich nicht total angelogen und instrumentalisiert haben oder gar noch ihren rechten Gedanken anhängen und diese ausleben?
Das kann ich nicht wissen. Wir haben mit dem LKA, der Staatsanwaltschaft, der Polizei und dem Bürgermeister gesprochen. Sie rechnen die Gruppe weiterhin dem sogenannten „rechten Spektrum“ zu, auch wenn sie die kriminellen Aktivitäten der Gruppe hauptsächlich im Rockermilieu ansiedeln. Der vorherrschende Eindruck war, dass sie heute wenn, dann eher „kriminelle Rocker und Geschäftsmänner“ als Neonazis sind.
Aber kannst du dir vorstellen, dass sie das wirklich hinter sich gelassen haben?
Ich kann ihnen nicht in den Kopf sehen, aber ich habe in vielen Gesprächen gemerkt, dass auch eine gewisse Enttäuschung mitgeschwungen ist, wenn sie über die rechte Szene gesprochen haben. So als wären sie irgendwann richtig Feuer und Flamme gewesen und hätten dann immer mehr von dieser Begeisterung eingebüßt, weil es sie nirgendwohin geführt hat. Sie sind vielleicht immer noch weit entfernt von dem, was viele als politisch korrekt bezeichnen würden, aber ich denke, sie sind an einem interessanten Punkt angelangt, wo eine Öffnung stattfindet, nach außen hin. Und ich finde es gut, genau an diesem Punkt anzusetzen und sie kennen zu lernen und sie wiederum auch mich kennen lernen zu lassen. Vor allem, sich ernsthaft mit ihnen zu unterhalten. Ich denke, man sieht in den Interviews auch, dass sie reflektieren, was damals war und was heute ist. Ich glaube nicht, dass solche Gespräche zustande gekommen wären, wenn wir sie in eine Ecke gedrängt hätten, ohne ihnen die Chance zu geben, über ihren Standpunkt und das, was sie sagen, nachzudenken.
Eine letzte Frage. Warum hast du am Ende ihren Clubsong benutzt? Ich finde den ja furchtbar, hören die so etwas den ganzen Tag?
Haha, nein, also ich war vier Mal dort und vor allem auf den Partys hören sie ganz normale Partymusik. Das mit dem Clubsong in der Doku haben wir lange diskutiert, aber ich denke, es geht an dieser Stelle nicht darum, einen Song zu benutzen, der uns gefällt, sondern es geht hier um eine Doku, die einen Einblick in eine Subkultur gibt und dazu gehört auch ihr Clubsong. Ich fand es spannend, dem Zuschauer selbst zu überlassen, was er über den zweideutigen Text denkt, der sich allerdings schon deutlich von dem unterscheidet, was gelegentlich aus der rechten Szene ans Tageslicht kommt. Ich habe mich bewusst entschieden für die Platzierung im Anschluss an mein Fazit, nämlich, dass wir—wenn wir differenziert bleiben und nicht zugunsten einer sensationsgeilen Botschaft ein einfaches Urteil fällen wollen—einfach nicht genau wissen oder sagen KÖNNEN, was da eigentlich vorgeht. Alles andere wäre Spekulation.
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