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Refugees im Orbit: Die Chronik des Refugee Protest Camps Vienna ist ein Medienproblem

Teil 2 unserer Sonderreihe rund um den Protest der Asylsuchenden in der Wiener Votivkirche.


Foto: Louis Reumann

Wir bringen euch in den kommenden Tagen unseren großen Sonderbericht über das Refugee Protest Camp Vienna, bei dem Flüchtlinge in Wien seit 24. November gegen Missstände im österreichischen Asylsystem protestieren: „Refugees im Orbit“ ist die Geschichte dieser Hilfesuchenden, die in ihrer Votivkirchen-Kapsel um den Planeten Wien kreisen und im (politischen und menschlichen) Vakuum langsam vor die Hunde gehen.

SCHIRCH GESCHÖNBORNT

Gestern widmete die Zeit im Bild 2 der Flüchtlingsthematik einen insgesamt 11-minütigen Bericht und ging dabei — ähnlich wie schon die Sonntagssendung IM ZENTRUM — hauptsächlich der Frage nach, ob die Asylsuchenden willenlose Opfer von linksextremem Aktivismus sind oder vielleicht doch mündige Individuen, die den oftmals über 6.000 Kilometer langen Weg nach Österreich nicht auf sich genommen haben, um als lobotomisierte Affen ein bisschen Riesenrad zu fahren und sich bereitwillig vor autonome Agenden spannen zu lassen. Anlass war eine Predigt von Christoph Kardinal Schönborn, der vergangenen Sonntag auf denselben Zug wie schon Caritas-Direktor Landau und Bürgermeister Häupl aufsprang und die Behauptung von der aktivistischen Fernsteuerung damit auch in Kirchenkreisen salonfähig machte. Bis dahin war von der katholischen Kirche nur Gutes über die Menschen in Bedrängnis gesagt worden und auch, wenn man sich über eine Duldung in den Räumlichkeiten der Votivkirche hinaus nicht viel in politische Debatten um das Asylsystem einmischte, war Schönborn seit der Nachweihnachtszeit immer deklarierter Unterstützer des Protestes gewesen.


Foto: Thomas Schmidinger

Jetzt plötzlich hatte sich das alles geändert — oder so lautete zumindest die Schlagzeile, die sich den immer aktualitätssüchtigen Medien als nächster Schuss anbot, um die atrophierten Nachrichten-Venen schön weiter mit Stoff zu versorgen und den Sensationsmetabolismus am Leben zu halten. Was war geschehen? Hatte Schönborn letztes Wochenende die Verwandlung von Anakin Skywalker zu Darth Vader vollzogen? Im ZIB 2-Interview zeigte sich der Kardinal wieder als populismusbereinigter Vertreter der Mitte: in bekannt versöhnlicher, besonnener Art betonte Schönborn, dass nicht die FPÖ, sondern immer noch er entscheide, ob die Asylsuchenden in der Votivkirche bleiben — und es keine Anstrengungen gebe, sie des Hauses zu verweisen (obwohl man sie schon umzusiedeln versuche).

MEDIALES "GUTTENBERGEN"

Anscheinend war im News-Rummel aus einer Fußnote eine Schlagzeile und diese wiederum mit Leuchtstift hervorgehoben worden: Und zwar die, dass Schönborn sich auf Dr. Landau berief, der wiederum als Caritas-Direktor seit Ende letzten Jahres fast exklusiv mit einer einzigen Aussage in der Öffentlichkeit steht — und diese lautet: Flüchtlinge werden von Aktivisten missbraucht, egal was die anderen sagen. Aber das größte Problem ist noch nicht einmal, dass Landau in den Unterstützern Extremisten verortet, die den Flüchtlingen alle nur ihre eigene Suppe einflößen wollen. Das wahre Problem ist, dass selbst im 21. Jahrhundert die dutzenden Social Media-Kanäle und Tagesblätter allesamt nur genau dieses eine, monolithische Landau-Zitat als Rechtfertigung für die sowieso längst festgefahrene Skepsis am Protest heranziehen.

Landaus Aktivismus-Vorwurf ist das Sinnbild und die Monoquelle des gesamten Scheindiskurses, um den alle neuen öffentlichen Statements kreisen und der sich dadurch auszeichnet, dass man ohnehin nur nach Untermauerung seiner bestehenden Meinungen sucht aber abgesehen von dem einen Wort-Artefakt bezeichnenderweise keine validen Bezugspunkte findet.

Die Medien und ihre Futtergeber guttenbergen sich bequem durch die Welt, was praktischerweise auch von der Lage der Flüchtlinge ablenkt. Auf ihre Forderungen will nämlich immer noch niemand eingehen. Man habe ihnen aber Unterkünfte angeboten, heißt es von allen Seiten. Auch Kardinal Schönborn drängt, ohne zu drängen, auf die Umsiedlungsoption in "ordentliche Quartiere", die laut Refugee Protest Camp Vienna aber keine sind. Es werde zwar kein Einschreiten geben. Was es aber schon gibt, ist das Anliegen einer Ausquartierung. Im weiteren Verlauf wird auf österreichische Art schön schleichend die langsame Umsiedelung in reguläre Quartiere — und damit die Erstickung des Protests — angestrebt. Das alte Prinzip lautet Tabuisierung durch Abnutzung: Was nicht mehr neu und Aufschrei genug ist, verliert schnell an Unterstützern und Akzeptanz. Grund genug, den Protest wieder in den Blickpunkt zu rücken. Auf Seite 2 findet ihr einen Abriss davon, was bisher geschah und warum der Umgang damit die Medien selbst in Schwierigkeiten bringt.

DIE CHRONIK DES CAMPS UND DIE KOLIK DER MEDIEN


Foto: Gerhard Tuschla

Die österreichischen Tagesmedien haben sich mit der Präzision von Live-Tickern an jeder neuen Entwicklung rund ums Refugee Protest Camp Vienna abgearbeitet, die Punkte einen nach dem anderen in die Chronik eingetragen, minutiös und minutengenau für die Enzyklopädien dokumentiert. Die wichtigsten Stationen: Am 18. Dezember übersiedelten die ersten Flüchtlinge in die Votivkirche und traten am 24. Dezember — dem einmonatigen „Jubiläum“ des Protests — in den Hungerstreik; am 28. Dezember wurde das Zeltlager im Sigmund-Freud-Park von der Wiener Polizei unter Berufung auf die Campierordnung aufgelöst, geborgte Demo-Infrastruktur zerstört, Zeltplanen zerfetzt, Bierbänke von Baggerschaufeln zerbrochen. Wiens Bürgermeister Michael Häupl war über die Polizeiaktion informiert, betont aber, dass er „keine Befehlsgewalt über die Polizei“ habe. Seither sind alle Asylwerber in die Kirche gezogen, 35 von ihnen befanden sich bis 22. Jänner im Hungerstreik (der aktuell aus gesundheitlichen Gründen für 10 Tage ausgesetzt werden musste) und werden von der Caritas und dem Roten Kreuz notversorgt. Soweit die Fakten.

Der freie Journalist und ORF-Reporter Gerhard Tuschla, der als Vertrauensperson regelmäßig die Protestierenden in der Votivkirche besucht, zitiert die Hungerstreikenden mit einer Durchhalteansage: „Wir bleiben solange in der Votivkirche, bis wir Klarheit bekommen, dass wir in Österreich aufgenommen werden.“ Manche wollen die nochmalige Prüfung ihrer teils abgelehnten Asylanträge erreichen. Nach den Weihnachtsfeiertagen erhalten sie ersten hohen Besuch von Christoph Kardinal Schönborn – ein Zeichen, das den Protest in den Augen der Öffentlichkeit zum ersten Mal adelt. Schönborn spricht von einem „Besuch bei Menschen in Bedrängnis“ und bittet die verantwortlichen Politiker und Beamte, bei der Lösung der schwierigen Grundsatzfragen und der Behandlung der persönlichen Schicksale im Blick zu haben, dass es sich um konkrete Mitmenschen handelt, die vor unsicheren, düsteren Zukunftsaussichten stehen. Bei seiner Neujahrsansprache einen Tag später findet sich der Appell jedoch nicht mehr, stattdessen widmet sich der Kleriker den weltlichen Heimatshighlights „Korruption, Missbrauch, Spekulation, Schuldenmachen“.

Im neuen Jahr folgen regelmäßige Besuche von prominenten Unterstützern, wie der ehemalige UN-Sonderberichterstatter Jean Ziegler. Auch die Innenministerin lädt zu zwei Runden Tischen, schlägt eine Reformation des Asylsystems aber als „irreal“ aus. Die Flüchtlinge wollen dem System den Spiegel vorhalten doch auf der anderen Seite des Spiegels streiken umgekehrt auch die Politiker, bis die Angelegenheit für sie ausgesessen ist.

Das Problem der Berichterstattung ist währenddessen, dass die einzelnen Punkte durch Linien verbunden werden müssten. Aber man hat Angst vor Geschichten, die nur von ihrem Anfang anstatt von ihrem Ende her erzählt werden können. Es ist nicht nur das Protokoll eines Protests, es ist auch die Chronik einer Kolik des heimischen Journalismus selbst, der den Ereignissen hinterherläuft, anstatt Zusammenhänge vorzustellen – der nur im Kleinen bei den Fakten bleibt, aber nur im Großen relevant sein kann. Mit den Kurzmeldungen kommen die Vorurteile. Dahinter stehen 100 Menschen, die so verzweifelt sind, dass sie seit Monaten in der Kälte von Zelten und Kirche ausharren, um sich aus der für sie vorgeschriebenen Demutsrolle zu befreien und sich endlich ernsthaft Gehör zu verschaffen. Bei all ihren Anstrengungen sollten wir zumindest versuchen, ihre Geschichte, Forderungen und letztlich auch unser Asylsystem zu verstehen. Damit verlangen wir uns selbst, denke ich, wirklich nicht zu viel ab.

MORGEN: DIE VORGESCHICHTE UND DIE FORDERUNGEN DER ASYLSUCHENDEN

GESTERN: DIE KLEINE GESCHICHTE VOM GROßEN AUFSTAND

Markus Lust auf Twitter: @wurstzombie