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Diese Leute sammeln die Überreste von toten Menschen

Knochensammlungen lassen sich nicht nur in Museen oder in wissenschaftlichen Laboren finden, sondern auch in Privatwohnungen.

Foto: bereitgestellt vom Mütter Museum

Nach dem Tod ist das menschliche Skelett der beständigste Teil des Körpers. Die papierartige Haut und das Gewebe verrotten langsam und die Augäpfel flachen ab und werden flüssig, aber die Knochen bleiben intakt. Aufgrund ihrer Langlebigkeit sind Knochen für eine Vielzahl von akademischen Bereichen sehr nützlich—zum Beispiel in der Archäologie, in der Anthropologie oder in der Medizin. Durch sie lernt man immer wieder neue Dinge über das Leben und den Tod. Außerdem sind menschliche Knochen auf eine morbide Art und Weise auch noch ziemlich cool und kommen nicht so verstörend daher wie Tierpräparation oder Totenmasken.

Irgendwie sind Skelette mit die am wenigsten einschüchternde Möglichkeit, sich mit toten Menschen auseinanderzusetzen. Durch die fehlende Haut, die nicht mehr vorhandenen Haare und die leere Augenhöhlen erinnert ein Skelett einfach nicht mehr so wirklich an den lebenden Menschen, in dem es einst steckte—was viel weniger gruselig ist als menschliche Kadaver. Vielleicht ist das auch der Beweggrund einiger Personen, mit dem Knochensammeln anzufangen.

Ryan Matthew Cohn besitzt eine der beeindruckendsten Privatsammlungen von Teilen des menschlichen Skeletts. Cohn kann sein Interesse am Sammeln von Knochen bis in seine Kindheit in US-Bundesstaat New York zurückverfolgen, denn schon damals durchsuchte er die Wälder nach Artefakten für seine immer größer werdende Sammlung von natürlichen Ephemera und osteologischen Überresten. Heute nennt Cohn—der übrigens auch die Co-Moderation der Wissenschaftssendung Oddities übernimmt—über 200 menschliche Schädel sein Eigen, die aber nur einen kleinen Teil seiner über 1000 Teile umfassenden Kollektion ausmachen.

Während unseres Gesprächs bezeichnete Cohn diese Kollektion als „Museum menschlicher Knochen". Seine Lieblingsstücke sind dabei die langgestreckten Schädel aus Peru, die 3000 Jahre alt sind und ein wenig wie die Skelettversion der Coneheads anmuten. Seine Sammelleidenschaft erklärte mir Cohn folgendermaßen: „Vor dem 20. Jahrhundert war es noch normal, dass reiche Europäer überall hingereist sind und dann Andenken sowie Souvenirs für ihre ‚Kuriositäten-Kabinette' mitgebracht haben." Anstatt seine Sammlung allerdings im Urlaub zu vergrößern, erhält Cohn seine Stücke aus aufgelösten Museumsbeständen, von medizinischen Hochschulen oder durch andere Privatsammler.

Ryan Matthew Cohn in seiner Wohnung (Foto: bereitgestellt von Axel Dupeux)

Natürlich ist das Sammeln von menschlichen Überresten nicht immer so einfach—es gibt auch Einschränkungen. In den USA hat zum Beispiel der sogenannte Native American Graves and Protection and Repatriation Act (NAGPRA) von 1990 den profitablen Verkauf und Transport von menschlichen Überresten amerikanischer Ureinwohner zum Verbrechen erklärt. In drei US-Bundesstaaten gibt es noch eigene, zusätzliche Auflagen. Außerdem ist sowohl Grabraub als auch das Ausgraben von menschlichen Überresten quasi überall verboten.

Es ist eigentlich ziemlich einfach herauszufinden, ob ein in den USA verkaufter menschlicher Knochen aus einer legalen Quelle stammt—oder anders gesagt: Diverse Warnsignale sind leicht zu erkennen. Mike Zohn, der Miteigentümer von Obscura Antiques & Oddities in New York, kauft und verkauft seit über 30 Jahren menschliche Knochen und meinte zu mir, dass die Leute manchmal versuchen würden, ihm Schädel anzudrehen, die ganz offensichtlich ausgegraben wurden. Diese Verkäufer schickt er dann jedoch sofort wieder nach Hause.

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„Hier sind schon der United States Fish and Wildlife Service sowie das New York City Department of Conservation vorbeigekommen. Alle möglichen Behörden haben sich hier umgesehen und alles ist sauber sowie gesundheitlich unbedenklich", erzählte er mir. „Alles läuft nach Vorschrift."

Allerdings kann es manchmal doch ziemlich knifflig werden, wenn man sich zu den Ursprüngen der Überreste ethische Gedanken macht, denn oft fehlen einfach verlässliche Aufzeichnungen. Im Jahr 2007 schrieb Scott Carney für das Magazin Wired über den blühenden Knochenhandel auf dem indischen Schwarzmarkt, der trotz eines offiziellen Verbots immer noch weitergeht. Man hat dieses Verbot 1986 erlassen, als Gerüchte aufkamen, dass Menschen für ihre Knochen ermordet wurden.

Etwas Ähnliches ereignete sich 2006, als die chinesische Regierung den Export von menschlichen Überresten aufgrund des wachsenden Handels mit plastinierten Leichen verbot. Diese Körper werden ausgestellt, aber die ganze Sache ist total unübersichtlich: Ein Aussteller von plastinierten Körpern behauptete zum Beispiel, dass seine Stücke „unbeanspruchte chinesische Leichen sind, die die Polizei medizinischen Hochschulen zur Verfügung gestellt hat." In einer Erklärung heißt es jedoch, dass er diesen Umstand nicht unabhängig belegen kann.


Das chinesische Verbot von 2006 ist einer der Gründe, warum das Angebot menschlicher Knochen auf dem offenen Markt im Laufe der vergangenen zehn Jahre erheblich zurückgegangen ist. Zohn zeigte mir einen Katalog von 1975 von Kilgore International, einer Firma für medizinische Güter, in dem ein Erwachsenenschädel für den Spottpreis 27,50 Dollar erstanden werden konnte. Heute belaufen sich die Kosten für einen Schädel irgendwo zwischen mehreren Hundert und 1.000 Dollar, je nachdem „wie vollständig sie sind, vor allem die Zähne."

Ein großer Teil von Zohns Inventar sind Importe aus China oder Indien, aus der Zeit bevor die beiden Länder ihre jeweiligen Verbote verabschiedeten. Zohn hat auch Knochen aus Freimaurertempeln gekauft, bei denen es sich um zweckentfremdete medizinische Exemplare handelte, so wie aus Nachlässen von Ärzten. (Zohn hat selbst auch eine Privatsammlung menschlicher Gebeine.)

Es gibt auch Online-Shops: The Bone Room verkauft Knochen im Internet, und es gibt auch diverse Verkäufer auf eBay, welches in den USA den Verkauf von „sauberen, artikulierten (mit Gelenken ausgestatteten) Schädeln und Skeletten, die nicht von amerikanischen Ureinwohnern stammen, zum Zwecke medizinischer Forschung" erlaubt. Zohn verwies mich auch auf die indische Firma bforbones.com, wo Packungen mit 50 Zähnen für 200 US-Dollar plus 25 Dollar Versandkosten verkauft werden (die Legalität dieser Seite ist unklar).

Foto: bereitgestellt von Mike Zohn

Andere Knochen werden zu medizinischen Zwecken gespendet und ausgestellt. Viele Museen haben ihre Sammlungen auf diese Weise angelegt, statt sie aus den Beständen von Privatverkäufern zu erstehen. Heute kann man sogar seine Knochen einer Body Farm zur wissenschaftlichen Forschung überlassen.

Eine der größten der Öffentlichkeit zugänglichen Sammlungen osteologischer Exemplare befindet sich im Mütter Museum in Philadelphia, einem medizinisch-historischen Museum, das „der Öffentlichkeit hilft, die Geheimnisse und die Schönheit des menschlichen Körpers zu verstehen und die Geschichte der Krankheitsdiagnose und –behandlung zu schätzen." Die Medien- und Marketingdirektorin des Museums, Gillian Ladley, sagte, das „mit Abstand bekannteste" Skelett in ihrer Sammlung sei das von Harry Eastlack.

Eastlack hatte Fibrodysplasia ossificans progessiva (auch bekannt als Münchmeyer-Syndrom), eine fortschreitende Verknöcherung des Bindegewebes, und spendete sein Skelett, um bei der Erforschung der seltenen Krankheit zu helfen. Das Mütter Museum beherbergt auch die Hyrtl-Schädelsammlung, bestehend aus 139 Schädeln, die der Wiener Anatom Joseph Hyrtl im 19. Jahrhundert gesammelt hat. Hyrtl studierte die Unterschiede zwischen menschlichen Schädeln, um die Behauptungen von Phrenologen auszuräumen, die sich damals großer Beliebtheit erfreuten und heute als pseudowissenschaftlich gelten.

Eine ähnliche Sammlung ist im Museum of Osteology ausgestellt. Der Marketing-Direktor des Museums, Josh Villemarette, erzählte mir, es habe vier menschliche Exemplare in der Niederlassung in Oklahoma City und sieben in Orlando, Florida. Die beliebtesten Attraktionen seien das Skelett eines Kleinwüchsigen und eines mit Kyphose. Villemarette schätzt, dass zwischen fünf und zehn Prozent der Museumsbesucher Privatsammler sind.

Foto: bereitgestellt von Evan Michelson

Doch die eindrucksvollsten Sammlungen menschlicher Knochen befinden sich nicht in den USA. Die größten zugänglichen Sammlungen menschlicher Skelette befinden sich im Museum Vrolik in Amsterdam und im Pariser Museum für Naturkunde. Evan Michelson, Gastgelehrter im Morbid Anatomy Museum in Brooklyn, wies mich auf zwei Museen in Turin in Italien hin, in dem jahrhundertealte menschliche Überreste aufbewahrt werden: das Museum der Menschlichen Anatomie und das Museum für Kriminalanthropologie Cesare Lombroso. Ersteres wurde 1739 gegründet und bietet die Gelegenheit, die menschlichen Exemplare in einer authentischen architektonischen Umgebung aus dem 19. Jahrhundert zu sehen.

Die Geschichte des Lombroso-Museums ist viel düsterer. Cesar Lombroso war ein Kriminologe des späten 19. Jahrhunderts, der menschliche Exemplare sammelte, in einem vergeblichen und oft rassistischen Versuch zu beweisen, dass es erbliche Merkmale gibt, die im Zusammenhang mit Kriminalität stehen. Das Museum—das einst nicht für die Öffentlichkeit zugänglich war—enthält Hunderte Schädel, die von den Galgen von Turin gesammelt wurden, „Ureinwohner ferner Länder", tote Soldaten und Überreste, an den öffentliche Autopsien durchgeführt wurden. Lombrosos präparierter Kopf ist auch dort ausgestellt.

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Ob die Sammlungen sich in Privathäusern oder in Museen befinden, und ob die Knochen durch private Spender oder dubiose Methoden angeschafft wurden, für die Sammler menschlicher Knochen ist Respekt sehr wichtig. Zohn sagte mir, es sei nicht ungewöhnlich, dass Leute ein tiefsitzendes Unbehagen zum Ausdruck bringen, was den Handel mit menschlichen Überresten angeht, doch er habe eine andere Sichtweise: „Wir sind respektvoll. Wir machen uns nicht lustig. Wir lieben dieses Zeug, wir stellen es auf ein Podest."

Eine weitere Frage, die sowohl ihm als auch Cohn häufig gestellt wird, ist, ob sie in ihrer Arbeit mit den Knochen jemals „Energien" oder Geister wahrgenommen hätten. Cohn erzählte die folgende Anekdote: „Wenn es einen Ort auf der Welt gäbe, in dem es spukt oder der von Geistern heimgesucht wird, dann wäre das meine Wohnung. Ich weiß noch, einmal dachte ich, ich hätte einen Geist oder eine Art Erscheinung gesehen. Ich war wirklich gespannt darauf herauszufinden, was es war und warum es da war. Es war meine Spiegelung in einer Kommodentür."