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Diese neue österreichische Doku macht Nerd-Kultur wieder spannend

Nerdtum bedeutet für jeden etwas anderes. In 'Traceroute' von Johannes Grenzfurthner zum Beispiel Schweißkäse, Drachendildos und Antikapitalismus.

Ich habe in letzter Zeit viel über Nerd- und Geekkultur nachgedacht, und was das eigentlich bedeutet. Finde ich das gut? Bin ich Teil davon? Vor ein paar Jahren hätte ich noch mit einem enthusiastisch-stolzen "Ja!" geantwortet. Heute, in einer Post-GamerGate-Welt, bin ich da, sagen wir, vorsichtiger.

"Nerd" und "Geek" sind ja sowieso schon so schwammige Begriffe, beide ja nach Kontext unterschiedlich angewendet und konnotiert, beide Sammelwörter für: Technikbegeisterte, Mathematiker, Naturwissenschaftler, Bücherwürmer, Programmierer, Hacker, Gamer, Comic-Leser ... und das ist schon eine der engeren Definitionen!

Die schönste und einfachste Erklärung für einen Nerd oder Geek war für mich immer: jemand mit einer bewusst überhöhten, irrationalen Leidenschaft für etwas. Ein Nerd ist jemand, der dramatisch auf die Knie fällt und die Arme in Richtung Himmel reißt, wenn er seine Kinokarte für den neuen Star Wars -Film abholt. Ein Nerd ist jemand, dessen Herz wild zu schlagen beginnt, wenn jemand etwas Schlechtes über seine bevorzugte Linux-Distribution sagt. Ein Nerd ist jemand, der alles um sich herum vergisst, wenn er endlich diese eine seltene Gitarre aus dem Jahr 1956 in einer Ausstellung entdeckt hat.

Screenshot aus Traceroute von VICE Media

Nerdsein bedeutet ein trotziges Kindbleiben, ein Verweigern, sich in das gewohnte System mit seinen Wertvorstellungen völlig einzugliedern, etwas zur Religion zu erheben, das die meisten Menschen als uninteressant und Zeitverschwendung abtun würden. Der Nerd findet seine spirituelle Energie weder in Gott noch der Verbindung mit anderen Menschen, sondern im kollektivem Enthusiasmus.

Damit schrammt er naturgemäß auch recht hart an den Grenzen zum perfekten Konsumenten, namentlich dem eskapistischen Soziopathen (vorzugsweise mit Geld in der Tasche), entlang. Das Ergebnis auf die Unterhaltungsindustrie angewendet ist dann die "Fan"-Kultur, die den Umgang mit Kunst nur im Kontext des Kapitalismus kennt, für die Kulturgut und Produkt ein- und dasselbe ist. Es sind die Leute, die Trailermusik mit Mozart vergleichen und politische Debatten vollständig durch DC-Cinematic-Universe-vs.-Marvel-Cinematic-Universe-Kriege ersetzt haben.

Eine neue Doku von Johannes Grenzfurthner—Gründer des bekannten österreichischen Künstlerkollektivs monochrom, das uns zum Beispiel das bizarre Point-and-Click-Adventure Sowjet Unterzögersdorf beschert hat—hat mich jetzt daran erinnert, dass Nerdtum immer noch Gegenkultur sein kann und eigentlich überhaupt alles: provokant, divers, clever, revolutionär, sexy, bewusstseinserweiternd oder auch einfach nur schier wahnsinnig.

Der Film heißt Traceroute und ist eine Mischung aus einem Road-Movie durch die USA auf der Suche nach den wildesten und inspirierendsten Auswüchsen der Nerdkultur auf der einen Seite, und einer Art von sehr persönlichem autobiographischen Essay, in dem Grenzfurthner sein eigenes Nerdsein erforscht. Durchzogen wird das Ganze von obskuren Trivia-Infos, wilden Anspielungen und politischen Ideen.

Foto von Johannes Grentzfurthner

Wen oder was wir im Kopf haben, wenn wir "Nerd" denken, wird dabei ordentlich aufgemischt. Wir lernen nerdige Sexarbeiterinnen kennen und Leute, die aus Achselschweiß Käse herstellen. Wir hören Theorien zu Area 51, besuchen das Studio von Special-Effects-Guru Stan Winston und schlagen immer wieder spielend Brücken von Popkultur zu Kapitalismuskritik und wieder zurück. Zum Beispiel, wenn Grenzfurthner dazu auffordert, endlich das derzeit so aggressiv verkaufte Heldennarrativ zum Teufel zu jagen—also den Glauben daran, dass es einzelne außergewöhnliche Leute sind, die uns retten werden. Wahre Veränderung sei nur dann möglich, wenn wir zusammenarbeiten und als Gruppe denken.

An außergewöhnlichen Leuten ist der Film freilich trotzdem nicht arm. Eine meiner zahlreichen Lieblingsstellen im Film (gleich nach dem Zitat "Stop licking people, you crazy Austrian!", dessen Kontext ich hier wirklich nicht spoilen möchte) ist, wenn wir einen jungen Mann kennenlernen, der irgendwann gemerkt hat, dass er ein Talent dafür hat, überdimensionale Drachendildos aus Ton zu formen. Jep, das ist die Art Nerd, um die es in Traceroute geht.

Für mich, der in den letzten Jahren immer mehr durch die Schattenseiten der Nerd- und Geekkultur desillusioniert worden ist und sie eigentlich fast nur noch als einen konsumvertrottelten, ignoranten und zutiefst menschenfeindlichen Haufen gesehen hat, war es ein bisschen wie eine Adrenalinspritze ins Herz, das alles zu sehen—das spielerische Aufbrechen von Grenzen, das Out-of-the-Box-Denken, die menschliche Wärme und die vollkommene Zurückweisung der Idee, dass sich Begeisterung für Popkultur und eine "politische Agenda" (also aktives kritisches Denken und laut geäußerte Überzeugungen) irgendwie ausschließen müssten.

Pressefoto: Johannes Grenzfurthner mit Matt Winston

Die Geeks, die Grenzfurthner uns vorstellt, sind nicht die Mark Zuckerbergs und Steve Jobs dieser Welt. Es sind Freaks im besten Sinn, die die Welt aus ungewohnten Blickwinkeln sehen. Als Nerd zu denken, das bedeutet eben gerade nicht nur Konsument zu sein; es bedeutet Kreativität, Visionen, Experimentierfreudigkeit, Subversion—und zwar nicht nur in Hinsicht auf Programmcode oder Videospiele, sondern auch in Hinsicht auf Gesellschaften, Werte und Ideologien. Oder auf Käse. Oder Sex.

Traceroute ist übrigens bereits für den Austrian Documentary Award nominiert und wird am 19. Mai auf dem Ethnocineca-Festival in Wien seine Österreich-Premiere feiern.

Andi auf Twitter: @schirmsprung