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"Donald Trump ist wie ein 7-Jähriger mit Demenz": Abel Ferrara bei der Viennale

Außerdem fragt sich der Regisseur, ob Jesus Christus einen Opium-Entzug durchgemacht hat und erzählt von seiner eigenen Erfahrung mit Heroin.

Foto: VICE Media

Auf dem Papier hat The Addiction alle Zutaten für einen richtig furchtbaren, prätentiösen Arthouse-Studentenfilm. Er ist schwarzweiß, ziemlich langsam, arbeitet mit Archivbildern vom Holocaust und aus dem Vietnamkrieg, handelt von philosophierenden Vampiren—inklusive Namedropping von Heidegger, Sartre und Protagoras—und man kann sich richtig vorstellen, wie angehende Akademiker in der Mitternachtsvorstellung solche Dinge über ihn sagen wie: "Also ich finde, es ist kein Vampirfilm, sondern er spielt nur mit den in der westlichen Kultur tradierten Versatzstücken des Vampirmythos."

Das klingt ziemlich furchtbar. Aber eben nur auf dem Papier. Erstens schafft es The Addiction nämlich trotz schwieriger Vorzeichen irgendwie, das Vampirthema auf den Boden einer handfesten Heroinabhängigkeit zu bringen. Und zweitens geht es hier sowieso nicht um das blutleere Papier, sondern um das filmische Fleisch, das Abel Ferrara drum herum baut.

Für mich war The Addiction der erste Berührungspunkt mit Abel Ferrara und glaube, es ist fair zu sagen, dass ich damals mit 12 Jahren nicht ganz reif für den Wahnsinn war, den Drogenpartys und blutsaugende Doktoranden in einem auslösen. Danach war ich angefixt und habe mir meine Teenagerzeit mit Ms .45, King of New York und Bad Lieutenant verdorben. Sein neuerer Apokalypse-Film 4:44 Last Day on Earth schaffte es erst kürzlich, dass ich mich fast 20 Jahre später ernsthaft vor dem viel zu realistischen Ende der Welt fürchtete.

Abel Ferrara selbst ist meilenweit davon entfernt, so intellektuell wie seine Figuren zu sein—und zwar im besten Sinne. "Ich war die meiste Zeit damit beschäftigt, zu verstehen, worüber zur Hölle Nick im Drehbuch überhaupt redet", sagt er bei der Viennale, wo The Addiction im Rahmen der Tribute-Reihe läuft. Und das war erst der Anfang eines wilden, von gelegentlichen Fragen unterbrochenen Monologs, in dem Ferrara auch über Donald Trump, Hillary Clinton, Jesus Christus und die verlogene Romantik seiner eigenen Heroinsucht sprach.

Das Meiste sieht er erfrischend pragmatisch. Schwarzweiß ist sein Film, weil Woody Allen auch auf Schwarzweißfilm gedreht hat; Holocaust-Bilder verwendet er, weil es nicht anders geht, wenn du einen Film über das absolute Böse machst; und für so ziemlich alles Schlechte, was man erlebt oder verkörpert, trägt man eigentlich das Gegengift bereits in sich.

Ein paar Dinge regen ihn aber auch wirklich auf. Dazu gehört der bereits erwähnte Donald Trump (den er nicht ein einziges Mal mit Namen erwähnt hat) genauso wie Hillary Clinton, die Privatisierung der US-Gefängnisse und Kriege im Allgemeinen. Oder um es mit dem Großmeister der buddhistischen B-Movies zu sagen: "Ich meine, Atombomben, die ganze Länder in die Luft jagen können—das ist doch alles Bullshit. Was soll der Scheiß?"

Wir haben seine schönsten Statements für euch zusammengefasst.

Über Vampirromantik:

Wenn man einen Film über Vampire machen will, ist das eine scheiß düstere Angelegenheit. Wie sonst soll man einen Vampirfilm machen? Da ist nicht viel Platz für Romantik. Es geht um das Böse in der Welt, besonders so wie Nicki es geschrieben hat.

Über Christopher Walken:

Ich habe Christopher Walken erst beim Dreh zu King of New York kennengelernt. The Addiction war mein zweiter Film mit ihm. Es war sehr cool mit ihm. Was soll ich über ihn sagen? Es ist alles auf der Leinwand, besonders bei ihm. Wenn man die Kamera einschaltet und den Fokus auf die Schauspieler legt, sieht man, wie interessant die Leute wirklich sind. Seine Figur ist so charismatisch, weil es einfach Chris ist. Verdammt, er wäre sogar charismatisch, wenn er wirklich ein Vampir wäre. Chris hat eine Wohnung in der Nähe des Naturkundemuseums in New York—einem Teil von Manhattan, der sehr düster und gothic ist—und alleine, wenn du ihn besuchst, bekommst du es mit der Angst zu tun. Es ist wirklich ein bisschen, als wäre er Nosferatu.

Die Sache mit Christopher Walken ist, dass du nicht mal wissen musst, dass er ein Filmstar ist, um ihn beeindruckend zu finden. Manche Stars sind einfach im echten Leben noch größer als auf der Leinwand und er ist einer davon. Er ist viel filmischer als im Film, wenn er einfach nur herumläuft.

Mit Robert De Niro ist es zum Beispiel ganz anders. Leute reden über Robert De Niro und bemerken nicht mal, dass er neben ihnen steht. Das ist auch eine Fähigkeit, im echten Leben total normal zu wirken. Aber Walken könnte das nicht, auch wenn er sich sehr bemühen würde. Aber er ist ein sehr großzügiger, guter Mensch.

Foto von VICE Media

Über Drogen allgemein:

Es ist wirklich, wie es im Film heißt: Burroughs hat eigentlich schon alles zum Thema Drogen für euch aufgeschrieben. Ihr müsst sie nicht selber nehmen. Lest die Bücher, lasst die anderen Leute für euch leiden. Ich selbst war die meiste Zeit damit beschäftigt, zu verstehen, worüber zur Hölle Nick im Drehbuch überhaupt redet. Sowohl damals, als ich Regie geführt habe, als auch heute, wenn ich den Film wiedersehe.

Über Heroin im Speziellen:

Lili war damals erst ein paar Jahre von Heroin weg. Sie hat die Parallele vom Blutrausch zu Drogen also ziemlich gut verstanden. Ich habe damals lustigerweise gerade mit dem Heroin begonnen. Zu dem Zeitpunkt habe ich nicht wirklich viel davon verstanden. Wenn ich den Film heute sehe, fällt mir erst auf, wie viel Erfahrung einer Süchtigen im Film steckt.

Über Hillary Clinton (und Donald Trump):

Das Problem ist: Wie kann man guten Gewissens für Hillary Clinton sein, wenn sie an der Seite ihres Mannes zugesehen und zugestimmt hat, als er das Gefängniswesen privatisiert hat? (Anmerkung: Die Privatisierung von Gefängnissen hat bereits in den 80ern begonnen, aber unter Bill Clinton ihren Höhepunkt erlebt.)

Ich selbst lebe inzwischen in Rom, aber ich komme aus diesem Land, in dem die meisten Bürger und Bürgerinnen weltweit hinter Gittern sitzen. Wenn du Gefängnisse privatisierst und ein Geschäft daraus machst, brauchst du eben Gefangene. Und du brauchst ein paar weiße Idioten, die auf diese Gefangenen aufpassen. Sie bekommt die Präsidentschaft quasi geschenkt, weil dieser andere Typ so ein Wahnsinniger ist. Normalerweise werden im Wahlkampf Ideen hin und her gespielt und wichtige Themen diskutiert. Das passiert dieses Mal nicht, weil ihr Konkurrent wie ein 7-Jähriger mit Demenz ist.

Ich glaube nicht, dass sie auf Schwarzen Messen in Port-au-Prince tanzt, wie einige wahnsinnige Verschwörungstheoretiker, aber ich bin auch kein Freund von ihr. Sie steht nicht auf, um für wichtige Neuerungen einzutreten. Sie ist Teil des verdammten Problems. Mein Freund Nicholas St. John hat zumindest versucht, den Finger in die Wunde zu legen und das Böse aufzuzeigen. Irgendwer muss aufstehen und eine Leuchtfigur für andere sein. Aber in meinem Heimatland passiert das derzeit einfach nicht. Es ändert sich nichts, außer wir haben eine Epiphanie.

Über den Drehbuchautor Nicholas St. John:

Nicholas St. John, der Autor des Films, hat seinen ersten Sohn auf tragische Art verloren. Das Baby kam schon krank zur Welt, es war ziemlich traurig. Zu etwa dieser Zeit schrieb er dann The Addiction und The Funeral, quasi gleichzeitig. Nick hat übrigens selbst nie Drogen genommen. Ich meine, er hat getrunken, aber sehr gemäßigt. Er war nie abhängig. Aber er konnte darüber schreiben.

Inzwischen hat er völlig mit dem Schreiben aufgehört. Keine Ahnung, was er heute macht. Der letzte Film, an dem wir gearbeitet haben, war Dangerous Game und es hat ihm alles nicht sehr gefallen. Wir waren beide diese Typen vom Land und er ist es irgendwie geblieben. Unsere Lebensweisen haben sich nicht wirklich miteinander vertragen. Er war auf einem ernsthaften spirituellen Trip und ich hatte dieses wilde Leben in New York.

Über Schwarzweißfilm:

Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, warum wir es so gemacht haben. Woody Allen hat damals in Schwarzweiß gedreht. Ich hab den Film mit sehr wenig Geld gedreht und ich dachte mir, wenn ich je einen Schwarzweißfilm machen will, dann diesen hier. Es war echt ein Liebhaberprojekt. Nimm die Farbe raus und du dringst zum Punkt vor ... naja, jedenfalls haben wir es einfach gemacht. Kannst du dir vorstellen, wie es sonst mit dem ganzen Blut aussehen würde?

Über das Christentum:

In The Addiction geht diese Epiphanie von Jesus und Gott aus, zumindest bei der Hauptfigur. Und ich habe kein Problem damit. Das Entscheidende ist, dass du das Licht in der Dunkelheit siehst. Wenn du dafür Jesus brauchst, fein. Ich bin wie gesagt Buddhist, ich habe einen anderen Zugang. Aber was für einen Unterschied macht das schon?

Über Abhängigkeit:

Du kannst nicht Heroin nehmen und glauben, dass deine Meditation super läuft. Es füttert nur dein Ego. Drogen ruinieren ganze Länder, wie im Fall von Mexiko. Ich selbst war verheiratet, ich hatte Kinder, ich hatte eine Karriere—und trotzdem ging es mir nur um Drogen, um abgefuckten Sex und alles andere, was Drogen so mit sich bringen. Was einem fehlt, ist Empathie. Du lebst im Dunkel, du kannst dir nicht mal in den Spiegel sehen—genau wie die Vampire im Film. Wenn du das romantisieren willst, OK. Das zeigt auch Christopher Walkens Charakter. Er wirkt wie ein Messias und ist sehr verführerisch, aber er ist wie ein Alkoholiker mit Wahnvorstellungen. Er redet von Ausgeglichenheit, von Gott, davon, dass er alles im Griff hat. Aber

Es war ziemlicher Jesus-in-der-Wüste-mäßiger Scheiß. Vielleicht hat Jesus damals auch was geschmissen.

Es ist nicht so, dass du einfach aufhörst und die Sache ist sofort erledigt. Mir wurde erklärt, dass man erst 40 Tage nach dem letzten Schuss wirklich nüchtern ist. Ich habe 40 Tage lang keine Minute geschlafen. Es war ziemlicher Jesus-in-der-Wüste-mäßiger Scheiß. Vielleicht hat Jesus damals auch was geschmissen. Ich meine, er war geografisch recht nah dran an Afghanistan. Vermutlich hatten sie schon damals generell gutes Zeug im Mittleren Osten. Ich bin mir sicher, dass das Opium damals auch schon gewachsen ist. Jedenfalls war ich nach 40 Tagen endlich nüchtern. Und ich war davor nicht nüchtern gewesen seit ... eigentlich seit meiner Teenagerzeit.

Klar stellt man sich diese Drogensache romantisch vor—Burroughs, Drogen als Werkzeug, der ganze Mist. Aber das sind Wahnvorstellungen. Vieles liegt an unserer Gesellschaft. Nicht mal Leute wie Philip Seymour Hoffman oder Prince haben es hinbekommen. Du brauchst Zeit, du brauchst Liebe, du brauchst Hilfe—aber keiner gibt dir diese Dinge.

Die Leute, die es am dringendsten nötig hätten, haben das nötige Geld nicht. Und die Leute, die das Geld eigentlich hätten, haben so viele andere Leute rund um sie, die an ihnen mitverdienen, dass niemand ihnen die Auszeit geben will, die sie eigentlich bräuchten. Es ist eine ziemlich harte Situation. Aber der Punkt ist, dass es nicht mit einem Schlag besser wird. Es geht nicht um Vergebung oder um den einen Augenblick, in dem es Bam macht. Ich will nicht klingen wie der beschissene Assistent vom Dalai Lama, aber es geht nur Schritt für Schritt. Es geht um jeden Atemzug.

Markus auf Twitter: @wurstzombie