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,Verstörungstheorien‘: Ein exklusiver Auszug aus Marlies Hübners neuem Buch

Die Memoiren einer Autistin, gefunden in der Badewanne.

Foto von Gordon Koelmel.

Marlies Hübner erzählt in ihrem neuen Buch die autobiografisch geprägte Lebensgeschichte einer jungen Autistin, von den ersten Schritten in einer verwirrenden Welt bis zur Diagnose und dem Leben damit. Lest hier eine exklusive Vorabveröffentlichung.

Ich fühlte mich inzwischen immer mehr wie ein Roboter. Die Tablette am Morgen knipste mich an. Die am Abend ließ mich innerhalb von dreißig Minuten in einen tiefen, traumlosen und wenig erholsamen Schlaf fallen. Dazwischen lagen nur Stunden der Belanglosigkeit. Fühlte ich vorher oft nur wenig, war es nun nichts. Ich aß. Ich las. Sah mir Filme an. Verbrachte Zeit mit Henri. Funktionierte. Lebte. Doch irgendwie auch nicht, denn all das schien sich nur noch auf die rein physischen Vorgänge zu beschränken. Ich war nicht mehr daran beteiligt. Nur mein Körper existierte und tat, was eben so von ihm verlangt wurde.

Es war, als wäre ich eine Maschine, aller Emotionen beraubt und ohne Willen und Antrieb konstruiert. Fühlte sich denn so dieses »Normalsein« an? Dann müsste mir die Welt furchtbar leidtun. Würde sie mich noch interessieren. »Ich habe nachgedacht«, sagte Henri ernst. Er klappte sein Notebook zu und sah mich über den kleinen Tisch hinweg an. »Ich glaube, ich weiß, was wir tun müssen. Elisabeth?« Offenbar reagierte ich nicht, denn er packte meine Schulter und schüttelte mich. Verwirrt drehte ich ihm mein Gesicht zu. Es fiel mir sehr schwer, mich auf ihn zu konzentrieren.

»Das Problem ist, dass du nichts gewohnt bist. Du gehst ja nie unter Leute. Oder begibst dich in Situationen, die du nicht magst. Und genau das ist falsch.« Er erklärte mir ausführlich, dass es wichtig sei, derartig herausfordernde Situationen zu trainieren. Nur so war es möglich, mich daran zu gewöhnen, und dann könnte ich all das tun, was die anderen auch machten. Ein ganz normales Leben führen. Und einen Trainingsplan hatte er sich auch schon erdacht. »Wir gehen in dieses neue Einkaufszentrum. An einem Samstagnachmittag. Und in den Vergnügungspark. Du wirst Vergnügungsparks lieben, da bin ich sicher.« Er notierte jeden Punkt auf seinem Notizblock, den er sonst für die Vorlesungsaufzeichnungen verwendete. »Aber zu allererst, als leichten Einstieg quasi, besuchen wir meine Eltern. Sie wollen dich schon länger mal kennenlernen und haben uns zum Abendessen eingeladen.« Dass das nach einer unangenehmen Sache klang, war mir selbst in meinem katatonischen Zustand klar. Reflexartig überlegte ich mir alle nur denkbaren Vermeidungsstrategien, um dem Essen und den darauf folgenden – wie er es nannte – Sozialtrainingseinheiten zu entgehen.

Ich sehnte, stumpf seinen Plan abnickend, die abendliche Tablette herbei.

Doch mit deren Ablehnung lief ich vermutlich auch Gefahr, das tatsächliche Ende unserer Beziehung zu provozieren und damit das Einzige zu verlieren, was mir Halt und Sicherheit gab. »Wir gehen einfach dorthin. Du wirst reizend und nett sein und dann siehst du, dass das alles eigentlich gar nicht so schlimm ist, wie du es dir immer einredest.« So, wie er es formulierte, klang es in der Tat harmlos. Schaffbar. Doch es fühlte sich trotzdem an, als stünde ich schon sehr bald meinem Endgegner gegenüber. Und das gänzlich unbewaffnet. Ich sehnte, stumpf seinen Plan abnickend, die abendliche Tablette herbei. Mich auszuschalten schien mir eine wünschenswerte Idee. Wenn ich es doch nur auf Dauer könnte. So bekam das kobaltblaue Kleid nun doch noch seinen Auftritt.

Jede Faser meines Körpers war angespannt und ich strich beinahe zwanghaft über den glatten Stoff des Kleides, als wollte ich mich damit in den Schlaf streicheln. Henris Mutter lief zügig durch die Tür des großen Hauses, das sie mit ihrem Mann bewohnte. Sie schloss Henri in die Arme und schalt ihn, dass er sich so selten blicken ließ. Dann wandte sie sich mir zu. Wie ich es vorher immer wieder vor dem Spiegel geübt hatte, streckte ich ihr meine Hand entgegen und sagte artig »Es freut mich, Sie kennenzulernen«, doch auch ich fand mich nur Sekunden später und mit einem reichlich verdutzten Gesichtsausdruck in den Armen dieser kleinen, fülligen Frau wieder, die mich bat, sie doch Gabriele zu nennen, und dass es ja Zeit wurde, dass man sich endlich mal kennenlernte. Sie packte mich am Arm und führte mich durch die Haustür nach drinnen, wo ihr Mann, Henris Vater, mit einem geduldigen Lächeln wartete und sich in Zurückhaltung übte. »Und das ist mein Mann Wilhelm. Nenn ihn bloß nicht Willi, es sei denn, du willst, dass er kein Wort mehr mit dir redet.«

Sie lachte. Gut zu wissen, dachte ich mir, doch es blieb gedacht. Ich hatte Henri versprochen, heute auf zynische Kommentare zu verzichten. War Henris Mutter ein Quell übersprudelnder Herzlichkeit, so verkörperte ihr Mann doch eher den ruhigen Fels in ihrem Redefluss und schien sich damit wohlzufühlen, die Szenerie lediglich zu beobachten. Das Haus, durch das sie uns nun führte, verdiente es eher, als Anwesen bezeichnet zu werden. Man lief Gefahr, sich darin zu verirren, und nach Eingangsbereich, Terrasse, Wintergarten und Wohnzimmer, allesamt elegant und zurückhaltend möbliert, fanden wir uns in einem Raum wieder, der nur einen Esstisch und eine lange Vitrine enthielt. Auf dieser fanden, liebevoll arrangiert, gerahmte Familienfotos zwischen zwei Blumenvasen Platz.

Ich sollte vielleicht etwas langsamer trinken, dachte ich. Aber was mache ich dann mit meinen Händen?

Die Vasen konnte man unter den üppigen, zartlila Hortensien, deren Duft den ganzen Raum füllte, kaum erkennen. Ich war beeindruckt, doch nicht auf die angenehme Art. Vielmehr schüchterte mich all das doch sehr ein. Ich kannte niemanden, der ein Zimmer besaß, das allein zur Nahrungsaufnahme genutzt wurde. Wilhelm, der nicht Willi genannt werden wollte, was mir aber immer so neckisch auf der Zunge lag, reichte uns hohe Gläser voll perlender Flüssigkeit. »Auf euch«, strahlte Gabriele. Henri lächelte sehr glücklich, wann immer sich unsere Blicke trafen. Vor Nervosität trank ich mein Glas sofort aus. Der Alkohol ließ schnell Nebel in meinem Kopf entstehen. So merkwürdig hatte ich mich dadurch noch nie gefühlt, vor allem nicht nach erst einem Glas. Willi, der nicht Wilhelm genannt werden wollte – nein, halt. Wilhelm, der nicht Willi genannt werden wollte, schenkte mir nach. Ich sollte vielleicht etwas langsamer trinken, dachte ich. Aber was mache ich dann mit meinen Händen? Grübelnd drehte ich das schon wieder zur Hälfte geleerte Glas hin und her.

»Elisabeth. Hey! Elisabeth!« Es war anstrengend, mich auf Henris Stimme zu konzentrieren. Was war los mit mir? Alles war plötzlich so schwammig, als müsste ich mich durch Gelatine bewegen. »Willst du meiner Mutter nicht in der Küche helfen?« Froh, eine Aufgabe zu haben, lief ich hinter Gabriele in die Küche. Wie schön es sei, uns beide endlich einmal hier zu haben, plapperte sie und dass es noch viel schöner wäre, wenn wir fortan öfters zu Besuch kommen würden. Ich nickte nur und malte mir aus, wie sich Buchstabenfluten über ihre Lippen ergossen, die Küche füllten, bis wir darin ertranken, wie in einem Meer. Eine faszinierende Vorstellung.

»Nimm die Terrine mit der Suppe, Liebes.« Vorsichtig, als trüge ich ein neu geborenes Katzenbaby, balancierte ich dieses weiß-goldene, dampfende Gefäß, das bei jedem Schritt bedrohlich schwappte. Darauf bedacht, einfach nur einen Fuß vor den anderen zu setzen, tapste ich zurück ins Esszimmer, den Blick starr auf den Boden gerichtet. Der dumpfe Schmerz an meiner rechten Schulter überraschte mich dementsprechend, ebenso das viel zu laute Geräusch des auf dem Boden zerschellenden Porzellans. Oha. Und ich dachte noch, der Türrahmen sei weiter entfernt. Die Gemüsestückchen der Suppe passten sich interessant in das orientalische Muster des Teppichs ein, stellte ich fasziniert fest. Gabriele schrie auf. »Der Teppich! Meine Güte, der Teppich!« Sich eine Serviette greifend, tupfte sie wie wild darauf herum und stapelte die großen Bruchstücke der Terrine aufeinander. Der Erfolg des Reinigungsversuchs hielt sich jedoch in Grenzen.

Willi-Helm betrachtete sie, noch immer erstaunlich ruhig. »Lass doch, Gabi, darum soll sich die Putzfrau kümmern.« »Das ist der Teppich aus Marokko!« Ihre Stimme wurde schrill. Henri starrte mich nur stumm und wütend an, die Lippen zu einem Strich zusammengepresst. Die Situation war so surreal, dass ich kichern musste. Damit es niemand merkte, presste ich meine Hand fest auf den Mund, noch immer in dem Türrahmen stehend, der Auslöser dieses Desasters gewesen war. Wir saßen nun also am anderen Ende des unrealistisch langen Esstischs, dem Ende mit dem trockenen Teppich, und gingen gezwungenermaßen gleich zum Hauptgang über, den Gabriele nun unbedingt allein auftragen wollte. »Willi, Willi, Willipopilli«, sang ich in meinem Kopf, also hoffentlich nur in meinem Kopf, und fand das alles gar nicht mehr so schlimm. Dass mittlerweile alle schwiegen, kam mir nur entgegen, so konnte ich wenigstens nichts Dummes sagen.

Auf dem Rückweg herrschte eisiges Schweigen. Erst, nachdem wir meine Wohnung erreicht hatten, wandte Henri sich an mich. »Du hast mich heute wirklich enttäuscht«, sagte er wütend. Eine derartige Reaktion hatte ich beinahe schon erwartet, was mir half, sie einfach hinzunehmen. »Wie kann man sich«, seine Stimme stockte und wurde dann deutlich lauter, »wie kann man sich denn bei solch einem Anlass derart danebenbenehmen? Weißt du, was meine Eltern jetzt von mir denken?« Das Kleid warf ich teilnahmslos in den Wäschekorb. Es war endlich Zeit für die abendliche Tablette. »Von dir kann man nicht einmal das Mindestmaß an sozialer Interaktion erwarten! Und seit wann betrinkst du dich überhaupt?«

Die VICE Literaturausgabe 2015.

Als ich erwachte, schmerzte mein Kopf, als hätte ich ihn am Vortag unablässig gegen eine Mauer geschlagen. Vorsichtig, als wollte ich gleich bersten, verließ ich das Schlafzimmer. Henri saß noch immer am Tisch. Er trug dasselbe Hemd wie am gestrigen Abend. Es war reichlich zerknittert und er hatte die oberen Knöpfe geöffnet. Vor ihm lagen die Beipackzettel der Medikamente, die ich nun doch schon seit einigen Wochen nahm, daneben der Pschyrembel und sein Notebook. Selbst seine Augenringe trugen kleine Augenringe, als er mich ansah. »Hast du dir das hier mal durchgelesen?« Ich schüttelte den Kopf, noch nicht wach und bereit genug, um tatsächlich Worte zu formulieren oder einem Gespräch standzuhalten. »Diese Medikamente verstärken die Wirkung von Alkohol in nicht vorhersehbarer Weise. Du hättest keinen Tropfen trinken dürfen.« Ich hätte wohl vor allem mal den Beipackzettel lesen sollen. Aber das machte die Situation nun auch nicht mehr besser. »Elisabeth, ich will nicht, dass du das Zeug weiter nimmst. Das stellt total krasse Sachen mit deiner Psyche an. Du bist seitdem wie ein Roboter!« Er stand auf und warf die beiden Schachteln mit einer großen Geste in den Mülleimer.»