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Der tschechische Präsidentschaftskandidat Karl Schwarzenberg traute sich mit uns zu sprechen!

Wir haben uns mit dem wohl einzigen tschechischen Präsidentschaftskandidaten, mit dem das Land nicht vor die Hunde geht, über Frauen, die Natur und Punk unterhalten

Foto: J. Luca Ackermann 

Die Präsidentschaftswahl am 11. und 12. Jänner wir die erste Direktwahl eines Präsidenten in Tschechien sein. Grund dafür ist eine Verfassungsänderung, die letztes Jahr verabschiedet wurde. Bisher wurde der Staatspräsident in Tschechien noch durch das Abgeordnetenhaus und den Senat in einer gemeinsamen Sitzung gewählt, aber das soll sich jetzt ändern. Voraussetzung ist allerdings, dass das Ausführungsgesetz noch rechtzeitig verabschiedet wird, da noch einige Fragen offen sind, die die Nominierung und Kandidatur betreffen. Sollte dieses Gesetz nicht rechtzeitig durchgebracht werden, kann nach dem Ende der Amtsperiode des derzeitigen Präsidenten  kein neuer Präsident gewählt werden.

Es braucht allerdings nicht viel um festzustellen, dass alle Kandidaten auf das Präsidentenamt in Tschechien ziemlich scheiße sind (zumindest im Vergleich zu Havel).

Der jetzige Präsident ist auf jeden Fall ziemlich scheiße, so viel ist klar und Tschechien an sich geht es eigentlich auch eher beschissen. Die VICE-Redaktion in Tschechien war bisher auch nicht sonderlich glanzvoll. Aus diesem Grund haben unsere Tschechischen Kollegen nicht wirklich lange gezögert, als ihnen ein Interview mit dem einzigen hoffnungsvollen Präsidentschaftskandidaten Karl Schwarzenberg angeboten wurde (eigentlich waren sie aber auch eine der wenigen, die sich das tatsächlich getraut haben).

Karl Schwarzenberg (sein voller Name lautet übrigens "Seine Durchlaucht Karl Johannes Nepomuk Josef Norbert Friedrich Antonius Wratislaw Mena Fürst zu Schwarzenberg, Herzog von Krumau, gefürsteter Landgraf von Sulz und im Klettgau") ist momentan Außenminister in Tschechien und Vorsitzender der 2009 gegründeten Partei TOP 90. Karl Schwarzenberg ist übrigens Tschechischer, Österreichischer und Schweizer Staatsbürger.

Eines können wir auf jeden Fall jetzt schon mit Sicherheit sagen: Sollten nicht alle Tschechen diese Woche wählen gehen und Karels Namen in diese verdammte Urne werfen, geht das Land endgültig vor die Hunde.

VICE: Hallo, wie fühlen Sie sich denn?

Karel: Ziemlich gehetzt eigentlich.

VICE: Wir wollten Ihnen eigentlich eine kleine Pause von dem ganzen Interview-Stress geben, den Sie in letzter Zeit hatten. 

Karel: Okay, aber was hat das Ganze dann für einen Sinn?

Naja, wir dachten, dass Sie uns einfach die Fragen stellen und wir antworten.

Mh, ich habe aber jetzt natürlich keine Fragen vorbereitet. Das kann so nicht funktionieren, sie müssen doch die Fragen stellen. 

Nein, diesmal werden sie fragen.

Entweder sie stellen mir jetzt eine Frage oder ich werde ernsthaft sauer. 

Ok, ok. Was könnten wir Sie denn fragen? Eigentlich interessieren wir uns ja nur für Frauen, Rock'n Roll und die Natur. 

Ahja, prima.

Also, was ist so ihr Frauen-Typ? 

Ich habe keinen bestimmten Typ. Normalerweise stehe ich auf dünne Frauen, aber das muss nicht immer so sein. Ich habe einfach keinen bestimmten Typ, aber ich habe festgestellt, dass es mir Spaß macht, schöne Frauen anzusehen. Manchmal haben Frauen etwas, dass nicht unseren Schönheitsidealen entspricht, manchmal sind sie wesentlich attraktiver als man zunächst glauben würde. Das ist interessant, oder?

Verlieben sie sich eugentlich auf den ersten Blick in eine Frau oder sind sie eher einer von der langsamen Sorte?

Manchmal passiert es einfach, manchmal dauert es aber auch etwas länger. Sie wissen ja, jeder ist da unterschiedlich.

Interessieren Sie sich eigentlich für die Themen, über die Frauen gerne reden? 

Aber klar doch, und wie!

Worüber reden Frauen denn so?

Naja, jede Frau ist anders, oder.

Meinen Sie, dass Frauen auch korrupt sein können?

Ich denke ja. 

Haben sie einen Tip, wie eine Beziehung lange hält?

Beziehungen haben dann eine Chance, wenn man sich respektvoll behandelt. Wenn man keinen Respekt füreinander hat, hat die Liebe keine Chance und jegliche Anziehung zwischen zwei Menschen wird verschwinden. 

Ist es das denn wert? Also ein Leben lang bei einer Frau zu bleiben?

Natürlich ist es das wert.

Was für ein Verhältnis habe Sie zur Natur?

Ich bin in einer ländlichen Gegend aufgewachsen und habe lange in der Holzindustrie gearbeitet. Deswegen fühle ich mich der Natur natürlich sehr verbunden. Ich war immer sehr davon fasziniert, wie schnell die Umwelt sich verändert und was für einen großen Einfluss sie auf jedes Lebewesen hat.  

Verändert sich die Situation zum Besseren oder eher zum Schlechteren? 

Das werden wir noch früh genug herausfinden. Ich merke immer mehr, dass sich unsere Wälder verändern. Zum Teil ist das die Schuld des Menschen, da sie die Felder schon so lange stark mit syntethischen Chemikalien düngen. In Orlik zum Beispiel liegen die Felder auf einer Hochebene und führen runter zum Fluss Vltava und zum Wald. Dessen Artenvielfalt hat sich dramatisch verändert, da das Regenwasser bergab läuft und sich im Wald sammelt. Brennessel und Holunderbeeren wachsen jetzt an Stellen, wo es sie vorher nicht gegeben hat. Da sich immer mehr Stickstoff im Boden ansammelt, setzt auch der Prozess der Verwitterung immer schneller ein. Ein bestimmtes Moos, das früher in meiner Kindheit zum Beispiel fast überall gewachsen ist, gibt es fast nicht mehr. Und obwohl der Boden immer trockener wird, dauert die vegetative Phase in den Hochebenen wesentlich länger an, als früher. 

Denken Sie, dass diese Themen besonders für die jüngeren Generationen wichtig sind? Immerhin scheinen sie die Natur ja wieder für sich zu entdecken. 

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das zutrifft.

Nicht einmal in Deutschland oder Österreich? 

Naja, vielleicht interessieren sich die Leute dort mehr für diese Themen, nichtsdestotrotz ist die Natur ein wenig beachtetes Thema. Obwohl es ja jeden etwas angeht und es eigentlich die Aufgabe der Regierung wäre unsere Natur in Tschechien zu beschützen. Viele Tier,- und Pflanzenarten sind aber mittlerweile ausgestorben und die negativen Einflüsse der Industrialisierung sind in den letzten 20 Jahren immer deutlicher geworden. Da sich die Städte immer weiter ausbreiten, wird auch die Natur immer weiter zurückgedrängt. 

Sie haben von Ihrer Familie ja einen recht detailierten Stammbaum erstellt. Ist Ihnen jemals aufgefallen, dass Ihnen besonders viel an den Ecken Ihres Landes liegt, die einmal im Besitz der Familie Schwarzenberg waren? 

Ich denke ja. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das nun von den Genen abhängt. Ich denke eher, dass es auf einen psychologischen Effekt zurückzuführen ist. Wenn du weißt, dass dieses Stück Land früher einmal deinem Großvater gehört hat, dann liegt es dir doch automatisch eher am Herzen.

Wir sehen gerade, dass hier in Ihrem Büro ein Poster hängt, das verdächtig nach den Sex Pistols aussieht. Stehen Sie auf Punk?

Naja, es interessiert mich schon sehr. Ich bin zwar eigentlich etwas zu alt für die Punk-Generation, aber trotzdem interessiert mich die ganze Bewegung sehr. Neue Dinge faszinieren mich, ich interessiere mich sehr dafür, woher diese neuen Trends kommen und wieso sie so erfolgreich sind. 

Hat Sie der Punk in den 70ern überhaupt irgendwie beeinflusst?

Eigentlich nicht wirklich. Ich war nur ein Beobachter, kein richtiger Fan. Ich war wohl einfach schon ein wenig zu alt, aber es hat mich trotzdem interessiert, wie die Bewegung zustande gekommen ist und wie sie unsere Generation beeinflusst. 

Was denken Sie war das Besondere am Punk? 

Die Punk-Bewegung hat viele Einflüsse von anderen Kulturen aufgenommen und ist an sich einfach toleranter. Meiner Meinung nach ist das sehr charakteristisch für die Punk-Bewegung. Interessant ist auch, dass vor allem die jungen Menschen ihre Kultur neu definiert haben, anders als es ihre Väter und Mütter zum Beispiel getan haben. 

Welche Bewegung hat Sie denn dann beeinflusst? 

Ich denke mich hat vor allem die Revolution beeinflusst, die 1968 im Westen unseres Landes stattfand. Es war anders als in der Tschechoslowakei, denn der größte Putsch dort hat schon Anfang des Zweiten Weltkrieges angefangen. Das bedeutete damals das Ende der Bierdermeierzeit.

Die klassische Biedermeierzeit hatte nach dem Napoleonischen Krieg ihren Höhepunkt, als alle vom Krieg erschöpft waren und Europa sich erholen musste. Sogar nach dem Zweiten Weltkrieg gab es aber noch eine Art Biedermeier-Ära, als sich die Menschen wieder alten Traditionen und Werten zuwendeten. Aber schon 1968 lehnten sich die Menschen eben gegen diese Werte auf und danach sollte sich die Europäische Gesellschaft für immer verändern. Das kann man sich gar nicht vorstellen, oder?

Und inwieweit haben Sie bei dem Ganzen mitgemacht?

Ich habe nicht aktiv an den Aufständen teilgenommen, ich war wieder einmal eigentlich nur ein Beobachter. Ich bin damals zu vielen Veranstaltungen gegangen, habe zugehört und viel gelesen. Das Muscial Hair war damals sehr beliebt und wurde zu einem Symbol der Revolution. Damals fanden auch viele wichtige Happenings statt. Wiener Aktivisten wie Hermann Nitsch und Otto Muehl zum Beispiel haben mich meine ganze Kindheit über begleitet. 

Gibt es etwas, was Sie die jüngere Generation schon immer mal fragen wollten? 

Was wollt ihr eigentlich?

Ich glaube, das wissen wir selber nicht so genau. 

Genau das ist ja euer Problem.

Wussten Sie das denn, als Sie so alt waren?

Wir hatten zumindest eine Vorstellung von dem, was wir wollen. 

Sie hatten es da ja auch einfacher. Ihre Familie wurde aus Tschechien vertrieben und alles was Sie wollten, war wieder nach Tschechien zu kommen.

Ja, das stimmt. Ich wollte einfach nur wieder nach Hause. 

Wir haben heutzutage eh schon alles und wissen nicht wonach wir noch streben sollten.

Und genau da liegt das eigentliche Problem.

Was halten Sie von den jungen Leuten, die momentan in ganz Europa auf die Straße gehen und demonstrieren? 

Ich kann das gut nachvollziehen. Es ist doch immer so, dass die junge Generation nach ein paar Jahren der Ruhe wieder aufbegehrt. Ich habe das eigentlich kommen sehen. Es ist interessant, dass es hier ausgerechnet im Süden Böhmens angefangen hat. Es kommt immer wieder vor, dass sich Menschen gegen etwas auflehnen, was im Französischen als la potique de papa bezeichnet wird, was so viel bedeutet wie die Ideen und Überzeugungen unserer Väter. So war es zum Beispiel in den 30er Jahren und eben auch 1968... und jetzt ist es wieder so. Normalerweise bin ich ja auf der Seite der jungen Generation. Nichtsdestotrotz haben junge Menschen noch etwas Törichtes und Unerfahrenes an sich. Als ich jung war und mich gegen die alte Ordnung gestellt habe, war ich auch noch etwas dumm. Ich kann mich also gut in sie hineinversetzen und kann ihre Überzeugungen aus diesem Grund auch gut verstehen. 

Glauben Sie, dass die Jüngeren dieses Mal gewinnen können? 

Ich glaube nicht, dass diese Revolution großartige Veränderungen bringen wird, aber das ist ja auch gar nich so wichtig. Die Konsequenzen solcher Aufstände werden erst Jahre später sichtbar. Es wird zwar auf jeden Fall Konsequenzen geben, aber welche, das können wir jetzt noch nicht sagen. 1968 zum Beispiel legten die Aufstände den Grundstein für die Partei der Grünen, die sich dann in ganz Europa durchsetzen konnte. Es ist eigentlich nur wichtig, dass sich die jungen Leute einmischen und nicht gleichgültig sind. Ich denke, dass eigentlich nur Gleichgültigkeit wirklich gefährlich sein kann.   

Denken Sie nicht, dass wir sowieso wieder alles vermasseln, sobald sich die Aufstände gelegt haben und die postrevolutionäre Aufregung vorbei ist? Irgendwie muss es doch immer erst richtig schlimm werden, bevor sich die Situation bessert, oder? 

Eigentlich mache ich mir da keine Sorgen, schließlich sind 20 Jahre keine sonderlich lange Zeit. Es stimmt allerdings, dass wir Tschechen selten wirklich lange glücklich sind. Irgendwie verstehen wir uns nicht gut darauf. Der Tschechische Einfluss zu Zeiten Karl des IV. war groß, aber dann haben wir einen Bürgerkrieg angezettelt, in dem sich die Tschechen gegenseitig umgebracht haben. Danach mussten wir alles wieder aufbauen und zu Zeiten König Rudolfs waren wir wieder der Mittelpunkt Europas. Mächtig und einflussreich. Dann sind wir aber wieder in den Krieg gezogen und haben die Gegend um Luzice verloren. Das hatte großen Einfluss auf die heutige Größe unseres Landes. 

Was hat es mit diesen afrikanischen Statuen auf sich?

Die schauen natürlich andächtig auf den Präsidenten.

Hören wir da etwa ein bisschen Provokation heraus?

Nein, nein. Was sollten sie denn sonst tun?

Hat das der Präsident schon gesehen?

Nein, er war niemals in meinem Büro.

Ahja. Danke für das Interview.