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​Ich habe einen Tag lang so gelebt, als wäre ich wieder 17

"Seht mal, was ich hier habe!", trällere ich meinen Freunden entgegen. Energisch hole ich meine beiden Eristoff-Getränke aus meinem Eastpak-Rucksack und halte sie vor mich hin.

Früher war alles besser, da bin ich mir sicher. Nicht nur das Fernsehprogramm und Britney Spears' Dancemoves habe ich um einiges spannender in Erinnerung als ihre modernen Gegenstücke; nein, auch ich selbst—so muss ich mir immer wieder eingestehen—war mit 17 um einiges sympathischer, witziger und rundum fantastischer, als ich es heute (ganze sechs Jahre später) je sein könnte.

Mit 17 war ich einfach nicht zu stoppen. Damals konnte ich es kaum erwarten, bis es endlich Freitag war und ich mich aus meiner konservativen katholischen Privatschulen-Kluft in meine fetzige Ausgeh-Kleidung schmeißen konnte, um bis in die frühen Morgenstunden zu feiern. In trashigen Wiener Nachtclubs tanzte ich, als würde mir niemand zusehen, liebte, als wäre ich nie verletzt worden und trank, als wären "Kater" und "Filmrisse" verrückte, von der Pharma-Industrie erfundene Konzepte. Den gesamten Sonntag verbrachte ich dann damit, die wilden Geschehnisse der Vortage zu rekonstruieren.

Heute dagegen besteht meine Vorstellung eines perfekten Freitagabends aus einer Kanne Tee und einem Sex and the City-DVD-Set, bei dem ich—hemmungslos wie ich bin—schnurstracks die "Alle Episoden abspielen"-Funktion ansteuere. Das einzige, was ich am nächsten Tag zu rekonstruieren versuche, ist es, an welcher Stelle welcher Episode ich eingeschlafen bin.

Nicht selten komme ich mir dabei vor wie ein Schatten meiner selbst. Ich lebe vom Glanz vergangener Zeiten und bin nicht mehr annähernd so wild und spontan, wie man es mir gerne nachsagt. Versteht mich nicht falsch: Ich bin zufrieden mit meinem bequemen, halbwegs erwachsenen Leben, aber dennoch frage ich mich manchmal, ob ich vielleicht doch noch ein klein wenig jugendlichen Elan in mir trage. Kann ich wieder 17 sein, wenn ich will? Oder mich zumindest für einen Tag lang so verhalten? Ich muss es herausfinden.

8:30 Uhr

Trotz der frühen Uhrzeit wache ich an diesem Samstag vollkommen ausgeschlafen auf und würde am liebsten energisch aus dem Bett springen und "Here Comes the Sun" singen. Da das für den 17-jährigen Michael allerdings in etwa so uncharakteristisch wäre wie diese Staffel von Tom & Jerry, in der die beiden plötzlich Freunde sind, zwinge ich mich dazu, ein paar Stunden länger liegen zu bleiben.

12:00 Uhr

Zur Mittagsstunde begebe ich mich dann vollkommen groggy aus dem Bett und habe eindeutig zu lange geschlafen. In einem nostalgischen Bedürfnis nach der Standpauke, die mir meine Mutter fürs Langschlafen oft gehalten hat, rufe ich sie gleich mal an.

"Mama, ich bin gerade erst aufgewacht, um 12:00 Uhr Mittag. Und ich habe noch nichts gegessen!", berichte ich in einem verzweifelten Versuch, all ihre Buttons zu pushen.

Doch anstatt wie eine Katze zu fauchen oder einen lauten Staubsauger aggressiv ins Telefon zu halten, reagiert meine Mutter überraschend gelassen auf meine Aussage. "Gut für dich", ermutigt sie mich. "Du arbeitest viel und hast es dir verdient, am Wochenende zu entspannen!"

Enttäuscht davon, wie unkooperativ sich meine Mutter in meinem "Wieder 17"-Experiment zeigt, hole ich zum erneuten Schlag aus: "Die Energie kann ich gut gebrauchen! Heute Abend treffe ich mich mit Freunden im Park und werde wahrscheinlich viel Alkohol trinken!", erzähle ich bewusst provokant, während ich mit der Hand eine Flasche mime, an der ich gierig nuckle. Natürlich kann meine Mama das nicht sehen, da wir miteinander am Telefon sind, aber ich stelle mir vor, dass sie die jugendliche Chuzpe in meiner Stimme dennoch vernehmen kann.

"Na dann, viel Spaß!!!", trällert sie freundlich ins Telefon und verabschiedet sich. Enttäuschend. Sie hat mich nicht mal gebeten, einen Pullover anzuziehen. Wenig später schickt sie mir zusammenhangslos ein Bild von einem Hund, der an einer Bar sitzt, mit der Bildunterschrift: "Der Hund betrinkt sich heut!" Ich verdrehe genervt meine Augen. Mütter!!!

13:00 Uhr

Nachdem ich ein Gericht namens "Pasta à la Michi", welches in Jugendjahren meine Leibspeise war (und bei dem es sich—unter uns—nur um Pasta mit Ketchup handelt), zubereitet habe, mache ich mir Gedanken darüber, was ich mit 17 samstags eigentlich tagsüber getrieben habe. Ich einige mich darauf, dass ich vermutlich schlechte Fernsehserien geschaut oder Videospiele gespielt habe.

Weil es mir für dieses Experiment äußerst passend erscheint, lade ich mir also Pokémon Go herunter und mache mich in einem Anmarsch der Nostalgie auf den Weg durch die Stadt, um ein paar seltene Wesen zu fangen. Dieser Schritt meines Experiments wirkt auf jeden Fall größere Wunder als das Telefonat mit meiner Mama: Spätestens nach dem dritten Taubsi fühle ich mich wieder wie ein Teenager und hege den Wunsch, mich am Abend über die Maße zu betrinken und dann (hoffentlich!) mit jemandem zu schmusen.

14:30 Uhr

Foto von Dominik Pichler.

So begebe ich mich also in den Supermarkt, mit der Mission, meine liebsten Getränke aus Jugendjahren einzukaufen: Eristoff Ice und Eristoff Rot (a.k.a. "der rote Wodka"); zwei fürchterliche Gesöffe, vor denen mir schon graut, wenn ich nur ihre Namen tippe—und das nicht ohne Grund. Im Alter von 16 bis 18 habe ich mich regelmäßig von diesen Getränken übergeben, vorzugsweise auf dem Parkplatz vor einer Frauenarztpraxis, welcher nach geraumer Zeit mein designierter Kotz-Platz wurde.

Im Supermarkt verhalte ich mich in etwa so mysteriös wie Carmen Sandiego. Blitzartig schnappe ich mir meine beiden Getränke und schleiche damit zur Kasse, als würde ich eine Leiche über die Grenze schmuggeln. Mittlerweile bin ich so in meiner 17-jährigen Gesinnung, dass ich große Angst habe, die Kassiererin könne nach meinem Ausweis verlangen. Sie tut es nicht, denn ich bin 23 und sehe aus wie 32.

18:00 Uhr

Foto von Dominik Pichler.

"Seht mal, was ich hier habe!", trällere ich meinen Freunden entgegen, die ich mittlerweile zum Picknick/Vorglühen im Park getroffen habe. Energisch hole ich meine beiden Eristoff-Getränke aus meinem Eastpak-Rucksack und halte sie vor mich hin. Meine Freunde sehen mich entgeistert an: Ohne Zweifel deswegen, weil sie nicht fassen können, wie genial und jugendlich ich bin.

"BOOM! Eristoff!", schreie ich dann, nach ein paar Sekunden der totalen Stille, doch der Jubel bleibt aus. Erst dann merke ich, dass meine Picknick-Partner angeekelt sind: Sie geben die Sorte von Geräuschen von sich, die ich persönlich mir nur für Brettspiele und die Musik von David Hasselhoff aufhebe. Offensichtlich haben wenige von ihnen gute Erfahrungen mit Alkopops.

"Michael, davon habe ich früher nur gekotzt," meldet sich schließlich meine Freundin Bianca zu Wort. "Warum sollte ich so etwas trinken?". Bianca ist Anfang 30, also ignoriere ich sie einfach und lasse sie nicht meinen jugendlichen Esprit killen.

Stattdessen köpfe ich mein Eristoff Ice und fange an, im Gespräch mit meinen Mitmenschen gezielt die Themen "Hausübung", "Taubsi" und "Prof. Willow" anzusteuern. Meine Gesprächspartner nicken abwesend und reagieren kaum, und wenn, dann vor allem mit einem Blick, den ich als "Wer hat Michael eingeladen?" interpretiere.

19:00 Uhr

Foto von Dominik Pichler.

Man möchte meinen, dass ich nach zwei Eristoff Ice und drei Eristoff Red Shots zumindest ein bisschen etwas spüren würde, aber dem ist nicht so. Vielleicht bin ich über die Jahre einfach in die Meisterklasse der Alkoholtrinker aufgestiegen, aber wo ich im Alter von 17 bereits etlichen Leuten lallend meine Liebe gestanden hätte, fühle ich mich heute noch locker im Stande, eine Boeing 747 zu steuern.

20:00 Uhr

Mittlerweile weiß ich wieder, warum alle Alkopops verteufeln: Sie schmecken fruchtig-leicht, gaukeln einem Nüchternheit vor und wirken dann alle auf einmal. Wo ich soeben noch ein Flugzeug hätte steuern können, würde ich nun allerhöchstens nur noch nach den Brechbeuteln in eben diesem suchen. Ich beschließe, für die nächste halbe Stunde nichts zu trinken.

21:00 Uhr

Foto mit freundlicher Genehmigung einer der immer noch schönen Girls.

Es ist übrigens bemerkenswert, wie viele Jugendliche sich nachts im Park aufhalten! Wo ich einst nur Drogendealer und Sex suchende Männer vermutet hatte, finde ich in Wahrheit mehr Teenager, als auf jedem "5 Seconds of Summer"-Konzert. Gelassen sitzen sie auf den Grünflächen, rauchen und trinken. Ich mache mir eine mentale Notiz: "Coole Kids lieben Parks!"

Es gelingt mir, eine Bande an jungen Girls in ein Gespräch zu verwickeln. Mein Versuch, ihnen ihre Jugend Vampir-artig aus den Seelen zu saugen, bleibt jedoch gänzlich erfolglos. Sie vertrösten mich mit ein paar Fortgeh-Tipps und verschwinden dann wieder in den Park, wo sie ohne Zweifel über jugendliche Themen wie Pretty Little Liars und Hoverboards diskutieren.

22:00 Uhr

Aus schier unerfindlichen Gründen beschließen zwei Drittel meiner Freunde (oder "miese Verräter", wie ich sie mittlerweile nenne), mich im Park zurückzulassen. Mit dem Rest mache ich mich auf den Weg ins Wiener Bermudadreieck, wo wir gezielt die Kaktus Bar ansteuern. Ich kann mich gut daran erinnern, im Alter von 17 Jahren äußerst gerne in dieses Lokal gegangen zu sein und es einmal sogar als "geilen Schuppen" bezeichnet zu haben.

Die Kaktus-Bar war zum Beispiel der Ort, an dem ich mit einem Mann namens Gerald eine Stunde lang geschmust habe, weil er mir einen Meter Tequila gekauft hat. Und da sage noch mal einer, Gentlemen seien tot! Als Gerald mich jedoch in meinem "Special Place" berührte, musste ich unserer Romanze abrupt ein Ende setzen und verabschiedete mich dann auf den Parkplatz, um in Ruhe zu erbrechen.

Wie dem auch sei: Wo ich einst einen "geilen Schuppen" mit junger Klientel in Erinnerung hatte, finde ich nun ein winziges, pink-beleuchtetes Lokal, das so aussieht, als wäre Katy Perry darin explodiert. Die Kellner tragen allesamt Anzug und wirken dabei so, als hätten sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen an und wären direkt am Weg zu ihrer Erstkommunion; die Gäste wiederum sind heute um einiges älter als ich. Wer weiß: Vielleicht machen sie ebenfalls ein "Wieder 17"-Experiment?

22:15 Uhr

Foto von Dominik Pichler.

Ich bestelle eine Runde Bier für mich und meine Freunde, welches in Windeseile an unseren Tisch gebracht wird.

"Wow, das geht ja schnell bei dir!", sage ich zu unserem Kellner.
"Das sagt meine Alte auch immer", entgegnet er blitzartig, als hätte er sein Leben lang drauf gewartet, diesen Hammer-Gag zu bringen. Wie viele Meter Tequila ich wohl trinken muss, um diesen Abend zu vergessen?

In einem Moment der jugendlichen Rebellion stehle ich sämtliche Bierflaschen, die an unserem Tisch stehen, und lasse sie in meinem Rucksack wandern. Nicht aber, weil ich diesen gewissen Kick suche, sondern weil mein Freund seinen eigenen Kombucha zubereiten möchte und dafür Behälter mit Bügelverschluss braucht.

Warum bin ich bloß so langweilig?

23:00 Uhr

Foto von Dominik Pichler.

Gerne würde ich behaupten, dass ich mein Experiment die ganze Nacht lang durchgezogen habe, wie in alten Zeiten bis 7:00 Uhr morgens unterwegs war und dann glücklich und zufrieden, in voller Montur und mit Schuhen an den Füßen, eingeschlafen bin.

Die Realität sieht jedoch ein bisschen anders aus: Nicht mal eine Stunde im Bermudadreieck, und unzählige ordinäre Kellner-Witze später, fühle ich mich bereit, ein ausgiebiges Bad in einer Wanne voller Desinfektionsgel und Weihwasser zu nehmen. Wie so oft war mein letztes Bier definitiv eines zu viel und ich spiele "Ene-Mene-Muh", um zu eruieren, welcher meine Freunde mir später beim Kotzen die Haare halten muss.

In einem letzten Versuch, den Glanz vergangener Zeiten wieder aufzubauen, gehe ich zum nahegelegenen McDonald's und gönne mir inmitten von sturzbetrunkenen Teenies eine Portion Pommes.

Doch selbst dieser Versuch scheitert: Die Pommes sind nicht schlecht, schmecken aber ein bisschen fahl und nicht so aufregend, wie ich sie in Erinnerung hatte. Ich sehe sie als Metapher für mich selbst.

Fazit

Vielleicht bin ich einfach zu langweilig geworden oder vielleicht war 17 sein nie so toll, wie ich es in Erinnerung habe, aber während ich mein kleines Experiment ausführte, konnte ich oftmals nicht anders, als mir zu denken, dass ich kostbare Zeit verschwende, die ich genau so gut zuhause auf dem Sofa verbringen könnte.

Klar: Mein kleiner Spaziergang durch die Erinnerungsgasse hatte definitiv seine Highlights und positiven Erkenntnisse (meine Abende verbringe ich fortan nur noch im Stadtpark und versuche, jungen Menschen ihre Schönheit zu rauben), aber ich möchte bitte nie mehr wieder 17 sein und weiß auch nicht, wie ich es das erste Mal überstanden habe.

Obwohl ich das Revival von Pokémon und Britneys Comeback durchaus begrüße (und jedem ein Fläschchen Eristoff Ice für den gewissen Kick zwischendurch empfehlen würde), sollte man gewisse Dinge vielleicht einfach in der Vergangenheit belassen: Den 17-jährigen Michi zum Beispiel.

Michael ist jetzt wieder 23. Folgt ihm bei Twitter.