Quantcast
Ich war am Opernball und habe mehr Selfies gemacht als die Debütantinnen

Wir fragen uns, wer hier eigentlich "Promi" ist und hinter mir streamt jemand ORF, um besser sehen zu können.

Von meinem Papa bekomme ich zu Weihnachten meistens drei Dinge: Immer einen Kalender, für die Termine, dann ein Buch, das entweder meinen spirituellen Weg ebnen soll, oder einen Thriller, und dann noch etwas, das sich nicht so leicht erahnen lässt. Als ich fünf Jahre alt war, war es eine rote Rodel, als ich 15 war eine Enzyklopädie. Mit zarten 28 Jahren habe ich dann eine Opernballkarte bekommen. 

Weil mein Papa so ziemlich der beste Mensch der Welt ist, stellt sich die Frage nach Sinn und Zweck nicht wirklich, also beginne ich ab Jänner auf willhaben.at, mein Opernballkleid zu hunten. Immerhin ist es der Opernball und die einzigartige Chance, für eine Nacht so zu glitzern wie ein russisches Escort-Girl. Ich suche also das ganze Internet nach passenden Roben ab. 

"Es ist der Opernball, willst du da wirklich nüchtern hin?"

Meine Verkäuferin springt mir einen Tag vorm Ball ab, ich frage Facebook, ob es ein Kleid gibt, und stehe schlussendlich in meinem einzigen bodenlangen schwarzen COS-Kleid vor der Staatsoper. Vor ein paar Tagen meinte meine einzige Freundin mit solider Opernball Erfahrung noch, ich solle ja nicht auf die Idee kommen, in COS in die Staatsoper zu gehen. Sorry! Wer meint, das Berghain hätte eine harte Tür, war noch nie beim Opernball. Wir stellen uns um sieben Ecken an, ich rauche gefühlt 10 Zigaretten, und irgendwann dürfen wir dann durch den Seiteneingang rein – der rote Teppich vorne ist mittlerweile nur noch Promis zugänglich.

Ein Beitrag geteilt von thereseterror (@thereseterror) am


Vorhin bei Haaren und Make-Up und dem Versuch, trotz COS Opernball-Glamour zu verkörpern, haben wir noch überlegt, ob wir einen Flachmann an meine Oberschenkel gaffern sollen. Meine geduldige Styling-Verantwortliche und ich entschieden uns dann doch gegen diese Option. Ohne einen doppelten Shot Vodka durfte ich das Haus dennoch nicht verlassen. "Es ist der Opernball, willst du da wirklich nüchtern hin?" Entsprechend erheitert stehe ich also mit Mama und Papa und Schwester an der Garderobe, instagramme wie wild um mich herum, und kann gar nicht glauben, dass die Garderobe eigentlich ein Zelt ist, das an die Staatsoper angeklebt wurde. 

Eigentlich dachte ich, dass ich den Opernball relativ ironisch erleben würde, so ironisch ist er aber gar nicht. Christian Kern spricht über Sabine Oberhauser, und kurzfristig ist die Ironie sowieso komplett off. Wir stehen in fünfter Reihe in die Ecke gequetscht hinter dem Absperrband zur Tanzfläche, wo zur Eröffnung Ballett passiert, Oper, und natürlich die Debütant_innen, die mit Swarovski-Kronen und mit silbernen Rosen vor uns daher hoppeln. 

Also fast, denn ich sehe nichts, und halte einfach mein Handy in die Luft, um live Videos auf allen Plattformen zu veröffentlichen. Auf Instagram ist mir übrigens niemand entfolgt, und das trotz meines Opernball-Live-Terrors. Hinter mir streamt jemand ORF, um besser sehen zu können. Vor mir echauffiert sich ein Mann mit grauem Ziegenbart über mein iPhone, und murmelt in die Ohren seiner Begleitung: "Das ist heute so, früher hätte es das nicht gegeben …" Anschließend kramt er seine Digicam aus der Hosentasche und fotografiert blind in der Gegend herum, während er der Dame erklärt, "das mit dem scharf" mache er dann auf seinem Computer. 

"Wir fragen uns, wer hier eigentlich "Promi" ist und hinter mir streamt jemand ORF, um besser sehen zu können."

Ich zwinge meine Schwester zu einer Rauchpause, die wir trotz Verbot auf dem roten Teppich vor der Staatsoper abhalten. Meine Schwester hätte mich nicht so gütig nach draußen begleitet, hätten wir nicht vorhin als Bubenstreich Schokolade von einem der Tische geklaut. Übrigens ist jeder Sitzplatz in der Staatsoper beim Opernball besetzt – nicht physisch, aber monetär. Insofern stehlen wir nicht nur Schokolade, wir brechen auch unabsichtlich alle Regeln rund um Zeit und Raum, die beim Opernball so gelten. 

Ich frage meine Schwester, was wir als nächstes machen sollen. Wir sind mittlerweile durch die halbe Staatsoper gestöckelt, haben uns zig-fach verlaufen und knutschende Debütant_innen gestört. Was wir nun machen sollen? Promis suchen, meint sie. Ich bin naturgemäß leicht zu überzeugen, stapfe motiviert zurück zum Eingang, bis mir auf der großen Stiege mit dem roten Teppich und den vielen Selfies einfällt: Welche Promis eigentlich? 

Die Regierungsloge hat sich längst geleert, und außer einem Reallife-Van-der-Selfie fällt mir im Grunde nichts ein, was irgendwie mit echten Promis zu tun hätte. Neben uns wir Richard Lugner interviewt; wir blicken uns beide um, aber Goldie Hawn ist weit und breit nirgends zu sehen. Wie ich 17 war, habe ich in der Lugner City an Samstagen Kleidung bei Jones sortiert (schlecht, wie in meinem Arbeitszeugnis steht), insofern ist der Anblick von Richie mit Sektflöte nicht wirklich etwas, das meine Lebensgeister erregt. 

Wir gehen also weiter – wir haben gehört, es gibt ein Casino und einen Chip im Wert von 15 Euro haben wir auch beide bekommen. Dort angekommen, ist die Enttäuschung groß: Unter Casino versteht der Opernball Roulette, und während ich bei Black Jack und Texas Hold 'em schätze, entspricht Roulette nicht meiner Vorstellung von strategischem Glücksspiel. Wir finden dafür die einzige Sitzgelegenheit der Staatsoper, die nicht vorab bezahlt werden musste, und mustern statt Roulette die Ballgäste, die von oben bis unten funkeln wie ein Weihnachtsbaum.  

Ein Beitrag geteilt von thereseterror (@thereseterror) am


Ich treffe einen Freund von mir, mit dem ich ab und an bei Dreharbeiten zu tun habe. Er steht direkt hinter Miriam und Alfons und meine Schwester und ich denken angestrengt nach, ob das nun Promis sind oder nicht. Um uns herum sind glitzernde Kleider, alles scheint mit Steinchen besetzt, und ich bin ganz eifersüchtig, dass mein mattes, fades Kleid nicht mithalten kann. Opernball ist Reizüberflutung pur: alles bunt, alles glitzert, alles pompös (fast mit zwei Ö), die Lippen aufgespritzt und die Haare gegelt. Am Klo machen zwei Debütantinnen neben mir sexy Fotos, duckfacen wie wild in den Spiegel. Am Opernball passiert so viel gleichzeitig, dass ich mich gar nicht mehr entscheiden kann, wo ich hinsehen soll.  

Kurz davor, zynisch auf ein Ereignis zu blicken, das sich aus Geldadel und Neureichen konstituiert, treffe ich meine Eltern auf der Tanzfläche wieder. Während ich nicht tanzen kann, weil meine Füße weh tun und ich in der Tanzschule immer so stoned war, dass ich mir nichts merken konnte, tanzen meine Eltern beflissen vor sich dahin. Das Licht in der Staatsoper ist mittlerweile schummrig, alle sind ein bisschen besoffen und die Musik wird relativ schnulzig. Ich bin nie auf Bällen, aber der Opernball ist ein guter Ball, denke ich mir, als meine Eltern verliebt über die Tanzfläche gleiten. 

Optimistisch kehre ich dem Geschehen den Rücken, immerhin habe ich in Russenhocke vor Debütant_innen posiert, den Kopierer der Staatsoper gefunden und plus minus drei 12-Euro-Gläser Sekt intus. Ich will meine Ballspende abholen, als sich ein Paar vor mich drängt – er in schlecht sitzendem Frack, sie in einem hellblauen Kleid, das von oben bis unten mit Steinchen besetzt ist. Überall diese Steinchen. Ich komme irgendwann trotzdem dran und öffne alles komplett ungalant zwei Meter vor der Ausgabe. Eine Swarovski-Rosen-Stecknadel, teure Schokolade, Palmers-Gutscheine und ein drei Monate Streaming-Abo von "Living De Luxe". Life is beautiful. Auch mit Swarovski-Steinchen.  

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat. Und Therese auf Twitter.