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Von Thug Life zu Tauhīd und Terror – wie sich Lorenz K. radikalisierte

Früher wollte er ein Gangsta sein wie 2Pac, später kämpfen und töten wie die "Helden des IS". Was lief schief bei dem 17-jährigen Terrorverdächtigen?

"Was kann Österreich dafür?", fragt Chacki seinen alten Freund Lorenz K. in einem Gespräch Ende Dezember 2016. Chacki wurde gerade aus dem Jugendgefängnis in Gerasdorf entlassen. Es geht um die Frage, ob Angriffe gegen den Westen gerechtfertigt seien. "Österreich baut Waffen und beliefert das Militär, das gegen Muslime kämpft", antwortet K. "Und wenn das Militär gegen die Muslime kämpft, müssen wir gegen das Militär kämpfen." 

"Du bist krank", habe Chacki ihm am Ende geantwortet. 

Der 17-jährige Lorenz K. soll ein "Teenager-Staatsfeind" sein, ein "Terror-Bubi", der laut Innenminister Sobotka einen Anschlag auf eine Wiener U-Bahn-Station geplant hätte. Seit 20. Jänner sitzt er in U-Haft. In seinen Einvernehmungen zeigt sich der 17-Jährige bislang teilweise geständig. Er bekenne sich zur IS-Terrormiliz und habe auch einen Bombenanschlag geplant – allerdings nicht in Österreich, sondern auf das deutsche Militär. Auch dafür habe ihm aber schließlich der Mut verlassen.

Zunächst hatte darüber der Falter berichtet, und aus den Vernehmungsprotokollen zitiert, die auch VICE vorliegen. Anhand dieser Unterlagen und nach Gesprächen mit Vertrauten und Experten, versuchen wir, den Weg von K.s Radikalisierung hier nachzuzeichnen.  

Gang, Gefängnis und ein erhängter Freund

Lorenz K. wuchs im niederösterreichischen Neunkirchen auf, seine Eltern waren in den 1990ern aus Albanien zugewandert. Nach der Hauptschule und dem anschließendem Polytechnikum geriet er 2014 mit dem Gesetz in Konflikt.

Damals nannte er sich "Abou Chaker", inspiriert vom gleichnamigen berüchtigten Banden-Clan, dem Rapper wie Bushido oder Kay One angehören. Lorenz und seine Freunde wollten auch Gangsta sein. Sie gründeten ihre eigene Bande und Lorenz und sein Bruder wurden ihr Anführer. In den Augen der lokalen Medien zogen die 12 Teenager damals "eine Spur der Gewalt" hinter sich her.

Die Polizei forschte die straffälligen Teenager nach und nach aus, die daraufhin im Sommer in U-Haft landeten. Bereits kurz nach der Inhaftierung ereignete sich ein Vorfall, den Lorenz heute seinem Anwalt gegenüber als "besonders prägend" beschreibt: Tamer K., ein Bandenbruder und Beschuldigter im selben Strafverfahren, erhängte sich in der Zelle nebenan. Bis heute geben die Umstände dazu Rätsel auf.

Im Dezember 2014 wurden die Brüder K. dann als Haupttäter zu zwei und zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Lorenz kam ins Jugendgefängnis Gerasdorf, galt dort als verhaltensauffällig, weshalb er nach einiger Zeit wieder nach Wiener Neustadt rücküberstellt wurde. Dort sei er dann auch zum Islam konvertiert.

"Ich bin ursprünglich Christ, habe aber nie an etwas geglaubt", erzählt Lorenz in seiner Einvernahme. "Ich war in der Zelle mit einem, der hat immer nur den Koran gelesen und gebetet. Er hieß irgendwas mit 'Ahmed' und war glaub ich aus Dagestan. Er hat mir dann aus seinem Kasten einen Koran gegeben. Ich hab mir schon gedacht, dass das Leben einen Sinn machen muss. Nicht nur Alkohol und Partys. Er hat mir die 5 Säulen erklärt und ich habe dann den Koran gelesen und bin aus Überzeugung übergetreten."

"Lorenz hat einen Charakter aus Gold", verteidigen ihn Freunde von früher. Dennoch erschien er ihnen als "gehirngewaschen", wenn er das Thema Religion einbrachte. "Er trug diesen Bart und erzählte mir, dass er Muslim sei. Als er dann aber von der schwarzen Fahne faselte und sie verteidigte, hab ich ihn nur ausgelacht. Das sind keine Muslime."

Ein Jahr Radikalisierung auf Bewährung

Im November 2015 kam K. auf Bewährung frei und zog nach Wien Favoriten, wo seine Eltern mittlerweile leben. Es ist plausibel, dass sich K. – wie er selbst angibt – erst nach seiner Haft radikalisierte. Das mag aber auch daran liegen, dass eine Radikalisierung wohl erst dann so wirklich möglich war. Ein entscheidender Zugang dafür blieb ihm bis dahin nämlich verwehrt: nämlich jener zum Internet. 

Dass K. durch die Konvertierung im Gefängnis zumindest einen salafistischen Spin mitbekam, würde erklären, warum er sich schon bald nach der Haft für den verurteilten Hassprediger Mirsad O. begeisterte. "Ich gebe zu, dass ich mir diese Vorträge von Ebu Tejma schon seit zirka Jänner 2016 angesehen habe", heißt es im Protokoll. 

Im "Februar, März" sei er dann über Facebook in Kontakt mit einem "Abdul Aziz" gekommen, der in erster Linie für die Al-Nusra Front warb. "Wer fragen hat, der soll mich per Telegram anschreiben", stand dort, was K. auch tat. Bald war er aber schon der Überzeugung, dass "alle Gruppen in Syrien islamisch widerlegt werden können, außer der IS."

"Ich habe gehört, dass die IS-Miliz 5.000 Muslime aus dem Gefängnis Abu Ghraib befreit hat. Seit diesem Zeitpunkt, das war so im April 2016, waren die Kämpfer des IS Helden für mich." Lorenz hatte das Thug Life mit dem Tawhid getauscht und statt der Gangsta von früher wurden die Krieger des Kalifats zu seinen Idolen. Seine Radikalisierung soll sich ausschließlich im Internet vollzogen haben – Kontakte über Moscheen in Wien habe es in diese Richtung nie gegeben. 

Postings von K. auf Youtube und Twitter

K. legte sich im Frühjahr weitere Profile in den sozialen Netzwerken an, von YouTube bis Instagram, die er für Abonnements und Unterhaltungen nutzte. Im Juni lobte er auf Twitter den Attentäter von Orlando. Von den Beamten in der Einvernahme darauf angesprochen, erklärte er: "Es ist grausam, aber gerecht. Der Islam ist eine Religion von Auge um Auge, das mag ich." 

Nach dieser Phase des Propaganda-Konsums schwirrten dann im Sommer anscheinend die ersten, konkreteren Überlegungen im Kopf des Teenagers herum, für die Terrormiliz aktiv zu werden. "Ich denke, jeder Muslim spielt mit dem Gedanken, runter nach Syrien zu gehen. Wenn ich meine Familie nicht traurig machen würde, würde ich sofort runtergehen, um für die IS-Miliz zu kämpfen." K. schnappte eine Meldung auf, wonach das deutsche Militär ein Krankenhaus in Afghanistan bombardiert hätte. Das habe seinen Hass fortan auf das deutsche Militär konzentriert. "Ich dachte mir, dass es auf einen einzelnen Kämpfer in Syrien/Irak beim IS nicht mehr ankommt. Ein einzelner Kämpfer in Europa kann aber sehr wohl was bewirken."

Nachdem sich im Juli im deutschen Ansbach ein Syrer in die Luft gesprengt hatte, sei kurz darauf auf einem Telegram-Account ein entspechender Plan zum "Bombenbau in Mamas Küche" gepostet worden. Den hätte sich K. Anfang August heruntergeladen und auch mit einem Internet-Bekannten namens "Irhab" geteilt haben. Irhab, ein wie sich herausstellen sollte 12-jähriger Deutscher, wurde dann im November festgenommen, weil er auf einem Weihnachtsmarkt die beschriebene Rohrbombe mit Nägeln zünden wollte. 

K.s Plan wiederum, mit einer solchen Bombe das deutsche Militär treffen zu wollen, konkretisierte sich dann laut seinen Angaben im Oktober/November. Für Anfang Dezember plante er eine Reise in die deutsche Stadt Neuss. Dort traf er sich zunächst mit einer Internet-Freundin, mit der er sich verheiratete. In der Wohnung eines weiteren Bekannten, den K. "Seyfullah" nennt, habe er eine Testbombe zusammengebaut, aus Schwarzpulver von Rauchbomben. In den Protokollen stellt sich K. als Einzeltäter dar. Inwieweit tatsächlich weitere Personen involviert sind, ist derzeit Teil der Ermittlungen, die parallel dazu in Deutschland laufen. Die Testbombe will er jedenfalls ohne Mittun seines Bekannten gezündet haben.

"Ich hatte ursprünglich den Plan, noch während meines Aufenthalts eine scharfe Bombe zu zünden. Mit der Rohrbombe hätte ich Soldaten töten wollen, etwa im Militärlager Rammstein. Aber ich habe es dann nicht übers Herz gebracht, den Anschlag zu verüben, denn ich habe es nicht zusammengebracht, tatsächlich so viele Menschen zu töten." K. war in der Einvernahme eingeknickt und gestand "unter Tränen". Einen Anschlag in Österreich geplant zu haben, bestreitet er.

"Das Problem von Lorenz ist nicht der Dschihadismus"

Was aber passierte nebenher in Lorenz' Leben? Man kann nicht behaupten, dass er der IS-Propaganda ohne jeglicher Aufsicht ins offene Messer lief. Es gab das AMS-Job-Coaching und es gab eine engagierte Bewährungshilfe, über die er ein Anti-Gewalt-Training absolvierte.

Von Dezember 2015 bis April 2016 besuchte er die Berufsschule im sechsten Wiener Bezirk und machte in einer Firma eine Lehre zum Glasbautechniker. Er selbst sagt aus, dort gekündigt worden zu sein, weil sein Chef von seinen Vorstrafen erfuhr. Dort heißt es auf Nachfrage, dass K. undiszipliniert gewesen und oft zu spät gekommen sei. Zudem musste man dort für Schadenersatzzahlungen an ein früheres Opfer von Lorenz' Gewalttaten aufkommen. In der Berufsschule habe er oft gefehlt. "Das geht natürlich nicht", so sein früherer Chef gegenüber VICE. 

Im Sommer besuchte er laut eigenen Angaben einen dreimonatigen Schnupperlehrgang bei einer Wiener Jugendwerkstatt. Das sei dann automatisch zu Ende gewesen. Ende November gab es dann noch einen erneuten Ausbildungsversuch bei "Jugend am Werk". Den viertägigen Qualifikationskurs habe er aber schon nach zwei Tagen mangels Motivation abgebrochen. Wenige Tage später fuhr er nach Deutschland – mit dem Plan, eine Bombe zu zünden.

"Das Problem von Lorenz war nicht der Dschihadimus", meint jedoch Andreas Zembaty von der Bewährungshilfe Neustart. Zweimal monatlich hatte K. mit der Organisation ein persönliches Gespräch. "Es gab einige psychosoziale Probleme, vor allem Konflikte mit seiner Familie und der seiner Freundin/Frau. Details dazu kann ich natürlich nicht nennen." Nach seiner Reise nach Deutschland und noch im Jänner sei es bei den Gesprächen stets um dieselben Themen gegangen: "In erster Linie um Arbeit und seinen Umgang mit Gewalt. Das Thema Islam brachte er selbst immer wieder ins Spiel und zwar durchaus provokativ. Provokation ist jedoch ein Zeichen, dass wir die Betroffenen noch erreichen." Immer wieder seien von Neustart auch Radikalisierungs-Experten konsultiert worden; die "Checklist" zu einer bedrohlichen Radikalität habe K. jedoch "auf keiner Stufe erfüllt", so der Sprecher von Neustart.

Teenager mit direktem Draht nach Syrien

Nach Informationen von VICE besaß der 17-Jährige nicht nur Kontakt zu gleichgesinnten Teenagern in Deutschland und Wien, sondern verfügte auch über einen direkten Draht nach Syrien. So nahm er irgendwann in der zweiten Hälfte des Jahres 2016 in Wien ein Video auf, in dem er den Treueschwur auf den IS-Anführer Al-Baghdadi ablegte.

Per Instant-Messanger soll er das Video, das die Ermittler auf dem Smartphone fanden, an einen deutschsprachigen Kontakt in Syrien verschickt haben. Ein Vorgehen, von dem die Terrormiliz schon länger strategisch profitiert. Selbstständig agierende "lonely wolves" müssen dabei noch gar keinen konkreten Anschlagsplan hegen. Sollte es jedoch in Europa wirklich krachen, kann die Propagandastelle diese Aufnahmen dann als "Bekennervideos" ausspielen und die Terrormiliz mit ihrer vermeintlichen zentralisierten Macht prahlen. So war es nach dem Anschlag am Berliner Weihnachtsmarkt oder bei der Zugattacke bei Würzburg.  

Beunruhigend wirkt dabei vor allem, wie schnell und problemlos sich Jugendliche einen solchen Draht aufbauen können. "Virtuelle Kontakte zum IS sind sehr leicht herstellbar. Das ergoogelt man sich in ein paar Stunden", meint der Jihadismus-Experte Thomas Schmidinger gegenüber VICE. Der Politikwissenschafter war es auch, der Anfang Februar eine umfassende Studie zum Thema (De)Radikalisierung für das Justizministerium präsentierte.  Hierfür wurden Interviews mit fast fünfzig inhaftierten Dschihadisten in österreichischen Gefängnissen geführt. Dabei wurden von den Experten auch Typologien aufgestellt. 

"Der marginalisierte Jugendliche" heißt da etwa eine Kategorie. Sie lässt sich so beschreiben: "Jugendliche, die bereits strafrechtlich auffällig geworden sind und die nun mit dem IS sympathisieren. Zum Teil hat ihre Ideologisierung während einer früheren Haftstrafe begonnen oder wurde durch Kontakte zu anderen Extremisten in Haft verstärkt. Diese Jugendlichen sind zwischen 1997 und 2001 geboren und können als marginalisierte Jugendliche mit einer Reihe von familiären und persönlichen Problemen beschrieben werden." 

Es liest sich fast so, als wäre K. für diesen Typus in den Forschungsinterviews Modell gestanden. Auch Schmidinger sieht den 17-Jährigen nach derzeitigem Wissenstand dieser Kategorie zugeordnet. Mit diesen Erkenntnissen wird man eine Deradikalisierung des Teenagers in Zukunft wohl dort vorantreiben müssen, wo alles begonnen hat – nämlich in (U-)Haft. Diese wurde zuletzt um einen weiteren Monat verlängert.

Thomas auf Twitter: @t_moonshine