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Was passiert mit deinem Facebook-Profil, wenn du stirbst?

Die Firma löscht Profile oder versetzt sie in den „Gedenkzustand"—doch beide Lösungen haben ihre Mängel, und viele sind frustriert, weil sie keinen Einfluss auf die Profile verstorbener Angehöriger nehmen können.

Das Facebook-Profil einer Person, die unseres Wissens noch am Leben ist. Foto: Bev Sykes | Flickr.com | CC BY 2.0

Im Juni fiel Jillian York auf, dass das Facebook-Profil ihres Vaters, das schon seit einiger Zeit inaktiv gewesen war, wieder anfing, Dinge zu liken. Das leuchtete ihr nicht unbedingt ein, denn ihr Vater war vier Jahre zuvor gestorben.

York setzte Facebook über den Tod ihres Vaters und das seltsame Verhalten des Profils in Kenntnis, um der Sache auf den Grund zu gehen. Nachdem Facebook ihren Verdacht, dass der Account gehackt worden war, bestätigt hatte, teilte der Social-Media-Gigant ihr außerdem mit, das Profil müsse entweder „in den Gedenkzustand versetzt" oder gelöscht werden. Zugang zu dem Account oder Änderungen seien nicht mehr möglich. Sie war schockiert: Eigentlich hatte sie nur technische Hilfe gebraucht, doch stattdessen hatte man der Art und Weise, wie sie und ihre Familie per Social Media um ihren Vater getrauert hatten, ein jähes Ende gesetzt.

Ende Mai hieß es im englischsprachigen Hilfebereich von Facebook laut einer im Internet Archive gecachten Kopie: „Wir versetzen das Facebook-Konto einer verstorbenen Person in den Gedenkzustand, wenn wir eine berechtigte Aufforderung dazu erhalten." (Dies ist im deutschen Hilfebereich weiterhin der Wortlaut.) Wenn man sich diese Formulierung ansieht, dann ist es leicht nachvollziehbar, dass Leute auf die Idee kommen könnten, die Versetzung in den Gedenkzustand sei optional. Seitdem wurde der Text zu folgendem geändert: „Wenn Facebook darüber in Kenntnis gesetzt wird, dass eine Person verstorben ist, ist es unsere Richtlinie, das Profil in den Gedenkzustand zu versetzen." Dieses stille Update illustriert die Herausforderungen, denen sich Facebook in der Vermittlung seiner Strategie zur Sicherung des harmonischen Zusammenlebens aller Nutzer, lebendig wie tot, gegenübersieht.

Es gibt in der Erreichung dieses Gleichgewichts einige Faktoren, die manchmal miteinander in Konkurrenz stehen. Auf der einen Seite will Facebook sichergehen, dass inaktive Konten nicht zum Ziel für Hacker werden. Andererseits nutzen manche Leute Facebook-Profile in Todesfällen, um dort Botschaften der Liebe und Trauer mit den Facebook-Freunden der verstorbenen Person zu teilen. Bei einem Account in einem Gedenkzustand stellt das keine Option mehr dar. Der Gedenkzustand beseitigt dafür allerdings andere Probleme: Es gibt keine Geburtstagserinnerungen mehr für die verstorbene Person, und sie taucht nicht mehr unter „Personen, die du vielleicht kennst" auf, was manche Leute sehr schmerzvoll finden. Etwas, das bis vor Kurzem allerdings nicht berücksichtigt wurde, sind die Wünsche der oder des Verstorbenen selbst.

Laut Vanessa Callison-Burch, der Facebook-Produktmanagerin dieses Features, gibt es Gedenkprofile seit 2007 (sie arbeitet seit fast zwei Jahren daran). Die Firma war ursprünglich lieber sehr vorsichtig und löschte die Profile von Verstorbenen nach 30 Tagen. Nach dem Virginia-Tech-Massaker starteten die Eltern einiger der ermordeten Studierenden Petitionen, in denen sie Facebook darum baten, die Profile der Verstorbenen nicht zu löschen—und die Firma kam diesem Wunsch nach. Facebook richtete die Gedenkzustand-Option ein, die ursprünglich die Profile in den „Nur Freunde"-Zustand versetzte und Kontaktinfos sowie alte Posts entfernte, um „die Privatsphäre der Verstorbenen zu schützen".

Callison-Burchs erste große Änderung dieses Features wurde vor 18 Monaten umgesetzt. Anstatt auf „Nur Freunde" umzuspringen, erbten die Gedenkprofile die letzten Privatsphäre- und Publikumseinstellungen, die die Nutzer zu Lebzeiten gewählt hatten. Dieser Schritt wurde unternommen, nachdem Facebook Rückmeldungen von Nutzern ausgewertet hatte, die darauf hindeuteten, dass viele Leute, die mit den Verstorbenen nicht auf Facebook befreundet waren, sehr bekümmert darüber waren, dass sie plötzlich aus einem zuvor noch zugänglichen Profil ausgesperrt waren.

Es ist schwierig zu entscheiden, was nach einem Todesfall mit einem Facebook-Profil geschehen soll, zum Teil weil so viele persönliche Informationen auf Facebook gelagert sind. Callison-Burch sagte mir, sie lehne es ab, bei der Planung neuer Produkterweiterungen für Gedenkprofile die Accounts der Verstorbenen als rein digitale Posten zu sehen: „Das ist ein sehr wichtiger Teil der Identität und des Gemeinschaftserlebens eines Menschen. Dein Facebook-Profil ist etwas sehr Persönliches. Es ist ein Ort, an dem sich Leute versammeln und dein Leben feiern können. Bei der Entwicklung haben wir also nicht in solchen Bahnen gedacht wie: ‚Ich hinterlasse mein Facebook-Profil jemand anderem.' Wir haben eher daran gedacht, dass es gewisse Dinge gibt, bei denen diese Menschen dringend Unterstützung brauchen, über die Facebook nicht entscheiden sollte."

Das Facebook-Profil einer Person ist eine Repräsentation dieses Menschen, und nach dessen Tod daran ‚herumzudoktern', wird als eine Art Verrat wahrgenommen. - Heather Servaty-Seib

In einem Vortrag im Februar brachte Callison-Burch ein Beispiel dafür an, was für Entscheidungen es sind, die Facebook oft gebeten wird zu treffen: In diesem Fall ging es um einen älteren Vater, der gehört hatte, dass die Freunde seines verstorbenen Sohns Erinnerungen auf dem Profil des Sohns teilten. Er eröffnete einen Facebook-Account, um sie lesen zu können, doch das ging nicht, weil die Privatsphäre-Einstellung des Profils auf „Nur Freunde" stand. In einem weiteren Beispiel wollte eine Mutter das Profilbild ihrer Tochter zu etwas Bedeutungsvollerem ändern als dem Fisch, den ihre Tochter vor ihrem unerwarteten Tod ausgewählt hatte. Bei den meisten Gedenkprofilen werden selbst scheinbar simple Anfragen wie diese abgelehnt, weil die Firma keine Möglichkeit hat zu wissen, was die Verstorbenen gewünscht hätten—ganz gleich wie groß der Schmerz der anfragenden Person ist.

Laut Heather Servaty-Seib, einer Dozentin an der Purdue University, die jugendliche Trauer und gesellschaftliche Unterstützung erforscht, hat Facebook Recht mit dieser Vorsicht vor Eingriffen in das Profil einer verstorbenen Person. In ihren Unterhaltungen mit Trauernden hat sie festgestellt, dass Facebook-Profile in vielerlei Hinsicht als autobiografisch gesehen werden: „Das Facebook-Profil einer Person ist eine Repräsentation dieses Menschen, und nach dessen Tod daran ‚herumzudoktern', wird als eine Art Verrat wahrgenommen; es ändert etwas daran, wie diese Person sich der Welt präsentierte und wie sie sich präsentieren wollte."

Servaty-Seib hat auch schon Geschichten von Eltern gehört, die Informationen gelöscht haben, die die Verstorbenen zwar teilen wollten, die aber den Eltern nicht gefielen—Dinge wie offener Umgang mit der eigenen Homosexualität oder Bilder, auf denen Alkoholkonsum zu sehen ist. Wenn eine Person direkte Kontrolle über den Account erhält, dann hat das Konsequenzen—zum Beispiel postete eine Mutter gruseligerweise von dem Profil ihres verstorbenen Sohns: „Danke an die Person, die Blumen auf mein Grab gelegt hat."

Facebooks erste Schritte in Richtung einer Lösung kamen diesen Februar mit der Einführung des Nachlasskontakts. Zum ersten Mal konnten Nutzer selbst Facebook Anweisungen für den Fall ihres Ablebens geben. Zuvor war es Angehörigen erlaubt, Facebook über den Tod des Nutzers in Kenntnis zu setzen und zu entscheiden, ob der Account in den Gedenkzustand versetzt oder komplett gelöscht werden sollte, doch das ging nur, wenn der Fall bereits eingetreten war. Der Nachlasskontakt wird von Nutzern zu Lebzeiten gewählt und kann gewisse Änderungen an Gedenkprofilen vornehmen; er kann auch die Daten des Nutzers herunterladen, wenn dieser die Option ausgewählt hatte. Außerdem können Nutzer Facebook die Anweisung geben, ihr Profil im Todesfall sofort zu löschen.

In Fällen, in denen ein Nachlasskontakt ausgewählt wurde, kann diese Person sich um beide von Callison-Burch erwähnten Probleme kümmern, allerdings nur wenn das auch den Wünschen des Verstorbenen entspricht. Sie könnte die Freundschaftsanfrage des trauernden Vaters annehmen oder die Mutter um ihre Meinung zu einem neuen Profilbild fragen. Die Person kann auch einen fixierten Beitrag auf dem Profil hinterlassen, um somit ihre Anwesenheit zu erklären.

Um zu diesem einzigartigen Ansatz zu gelangen, wurde bei Facebook nicht nur Nutzerfeedback untersucht: Callison-Burch konsultierte außerdem ein Netzwerk aus Hospizangestellten und die Forschungsarbeit von Jed Brubaker, eines Doktoranden, der umfassende Forschung zu der Frage betrieben hat, wie Menschen auf sozialen Netzwerken mit Toten interagieren.

Eine weitere Änderung, die im Februar vorgenommen wurde, ist der Zusatz „In Erinnerung an" über dem Namen aller Nutzer mit einem Gedenkprofil, das seit 2007 eingerichtet wurde. Brubaker hat in seiner Forschung herausgefunden, dass Leute sich schnell auf das Facebook-Profil einer Person begeben, wenn sie von deren Tod hören, weil sie nicht sicher sind, ob es stimmt. Oft sehen sie auch nach, weil sie die Todesursache oder Informationen zu Bestattung und Gedenkfeiern suchen. Subtile Änderung wie das „In Erinnerung an"-Banner kommunizieren mit den Trauernden, ohne das Profil der Person zu ändern, das sie oft im Laufe mehrerer Jahre aufgebaut hatte.

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Facebook hat seine genauen Zahlen nicht veröffentlicht, aber in ihrem Vortrag sagte Callison-Burch, „Hunderttausende" Menschen hätten in den ersten zwei Wochen nach der Einführung der Option in Kanada und den USA Nachlasskontakte eingerichtet. Als Prozentsatz der etwa 160 Millionen täglich aktiven Nutzer ist das allerdings nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Für Familien von Menschen wie Yorks Vater, der vor vielen Jahren verstorben ist, stellt der Nachlasskontakt nicht einmal eine Option dar.

Für Servaty-Seib ist das Wichtigste, das Facebook für Trauernde tun kann, Flexibilität zu bieten, da Herangehensweisen an Trauer sich oft extrem unterscheiden. „Alle Menschen trauern auf ihre eigene Art. Wir würden gerne daran glauben, dass es Phasen oder bestimmte Stufen gibt, die universell sind, doch weder die Forschung noch die klinische Arbeit mit trauernden Menschen bestätigen das." Sie erzählte mir als Beispiel von einer Frau, die die Posts ihrer Schwester über den verstorbenen Vater verbarg, „weil das nicht die Art Trauer war, die sie nötig hatte." Andere Werkzeuge auf Facebook, wie Gruppen und Seiten, mit denen das Gedenken an eine Person entsprechend den Wünschen einer bestimmten Gruppe von Menschen gestaltet werden kann, sollen Leuten helfen, auf ihre eigene Art zu trauern.

Wie sieht die Zukunft für die Toten auf Facebook aus? Als ich mich mit Callison-Burch unterhielt, sprach ich meine eigene Empfehlung aus: Nutzer sollten die Möglichkeit haben, ihr eigenes Profil-Testament zu erstellen. Anstatt die letzten Einstellungen der Nutzer für ihre Gedenkprofile zu verwenden, sollten die Leute die Möglichkeit haben zu entscheiden, was mit ihren Profilen geschieht—wer sie sehen kann, wer Freundschaftsanfragen senden darf, und sogar das Profilbild und Banner, die nach dem Ableben angezeigt werden sollen. Wir könnten den Menschen die Möglichkeit geben, ihr posthumes Facebook-Profil zu erstellen, genau wie sie heute ihren eigenen Grabstein in Auftrag geben können.

Wird Facebook meinen Vorschlag annehmen? Wir werden sehen. Doch Callison-Burch sagt, Nachlasskontakte seien „erst der Anfang".