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Wenn Herzen brechen, der Verstand verloren geht und Gliedmaßen fehlen

In Afghanistan ist die Front überall, und alle sind sauer auf Amerika.


Fotos: Farzana Wahidy. Amputierte machen eine Pause von ihren Übungen im Orthopädiezentrum des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Kabul, Afghanistan, Oktober 2012.

Wir stehen am Bett von Mohamad Doad auf der Querschnittsgelähmtenstation des Orthopädiezentrums des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Kabul. Mein afghanischer Kollege Aziz Ahmad übersetzt mir Mohamads Klagen.

„Er sagt, er hasst amerikanische Soldaten“, meint Aziz zu mir.

„Warum hasst er die USA?“, frage ich. Er ist Polizist. Die USA haben ihn ausgebildet, um gegen die Taliban zu kämpfen.

„Er sagt, er hat mit angesehen, wie drei Familien von Koalitionstruppen getötet wurden. Wenn es ihm wieder besser geht, sagt er, will er die amerikanischen Soldaten eigenhändig umbringen.“

„Und trotzdem will er mit mir reden?“

„Damit er sich an dein Gesicht erinnern und dich umbringen kann, wenn es ihm besser geht, meint er.“

Mohamad, der mit seinen 23 Jahren gerade mal wie 14 aussieht, wurde letztes Frühjahr von den Taliban ange­schossen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Saals befindet sich ein Trainingsraum, wo frisch Amputierte lernen, ihre neuen Prothesen zu benutzen. Die meisten dieser Patienten haben durch Landminen oder Panzerfäuste eine Hand oder ein Bein verloren—einige schon während der russischen Invasion im Jahre 1979, andere erst vor Kurzem in Kämpfen zwischen amerikanischen Soldaten und den Taliban.

Ich klemme meinen Stift zwischen die Seiten meines Notizbuchs und sehe Mohamad an. Ich bin amerikanischer Reporter. Seit 2004 arbeiten Aziz und ich in Afghanistan zusammen. Auf dieser Reise berichte ich über die Folgen von mehr als 30 Jahren Krieg. Dazu habe ich etwas Zeit mit einer Handvoll der Opfer dieses Krieges verbracht.


Ich kam Anfang Juli und blieb bis Ende August. Ich hatte früher kommen wollen, aber Aziz hatte mich per E-Mail gewarnt, es sei nicht sicher. Im Januar, gerade mal sechs Monate vor meiner Ankunft, war ein Video aufgetaucht, das zeigt, wie US-Marines auf die Leichen von Talibankämpfern urinieren. Einen Monat später verbrannten US-Soldaten Dutzende von Koranen und provozierten damit tagelang andauernde Unruhen im ganzen Land und Übergriffe auf amerikanische Streitkräfte. Im März wurde ein US-Soldat angeklagt, in der Provinz Kandahar in die Häuser von Zivilisten eingedrungen zu sein und 16 Personen erschossen zu haben. US-Beamte entschuldigten sich für den Vorfall, doch ihre Reue konnte die Proteste und Angriffe, bei denen mindestens 30 Menschen getötet wurden, darunter auch sechs US-Soldaten, nicht eindämmen. Und in den Wochen unmittelbar vor meiner Ankunft berichtete das Pentagon, dass immer häufiger von den Amerikanern ausgebildete afghanische Polizeirekruten ihre Waffen gegen US-Soldaten richteten.

„Du hast dir für deinen Besuch keinen guten Zeitpunkt ausgesucht“, sagt Aziz, als er mich am Kabul International Airport abholt. „Alle sind sehr wütend auf Amerika.“

Kleinlaut liegt Mohamad in seinem Krankenhausbett. Im blassen Schein der irisierenden Lampen, die von den losen Deckenkabeln herunterhängen, wirkt sein braunes, makelloses Gesicht fast wie aus Wachs. Seine großen blauen Augen scheinen mich eher neugierig als hasserfüllt anzublicken, doch seine Worte sagen etwas anderes. Plastikschienen mit Klettverschlüssen halten seine Beine gerade, die so dünn sind, dass ich mich frage, ob er vor dieser Verletzung vielleicht an Polio erkrankt war. Schmutzige Mickey-Mouse-Socken, gespendet von irgendeiner Hilfsorganisation und viel zu groß für seine Füße, hängen schlaff von seinen Zehen.

Die meisten Patienten auf der Querschnittsgelähmtenstation sind von der Hüfte abwärts gelähmt. Einige können so wie Mohamad kurze Strecken gehen, aber nur mithilfe von Beinschienen und schweren eisernen Gehhilfen. Das Zentrum hat kein Personal, um den Patienten beim Essen, auf der Toilette oder beim Baden und Anziehen zu helfen. Ein Freund oder Verwandter muss einspringen, andernfalls wird der Patient entlassen. Deshalb ist Mohamads Cousin hier. Er steht hinter der Gehhilfe des jungen Opfers und reicht ihm ein Glas Saft.

Im Mai haben die Taliban Mohamads Polizeiauto vor Kandahar aufgelauert. Zu seinen Pflichten als Polizist gehörte auch das Zerstören von Opiummohn, mit dessen Erlös der Aufstand weiter angeheizt wird. Mohamad wurde in den Rücken geschossen; die Kugel trat links aus seiner Brust wieder aus. Er brach über seinem Auto zusammen und konnte sich nicht mehr bewegen. Ein anderer Polizist fand ihn zehn Minuten später und fuhr ihn zur US-Militärbasis in Kandahar, von wo aus er mit dem Hubschrauber ins Armeekrankenhaus nach Kabul gebracht wurde. Dort wurde er fünf Tage lang behandelt. Am sechsten Tag überführte man ihn ins Orthopädiezentrum.

„Erinnere ihn daran, dass die Amerikaner sein Leben gerettet haben“, sage ich zu Aziz. „Was sagt er dazu?“

„Er sagt, es gehe nicht um sein Leben, sondern um die westlichen Armeen in seinem Land.“

„Warum ist er Polizist geworden?“

„Weil er einen Job brauchte. Außerdem mochte er die Arbeit, aber dann wurde auf ihn geschossen.“

Aziz erzählt mir, dass Mohamad als Polizist etwa 33 Dollar im Monat verdient hat. Sein Kommandant hat ihn seit dem Überfall weder angerufen noch besucht. Während Aziz übersetzt, starren die anderen Patienten uns an. Auf den braunen Plastikmatten, die zu groß sind für die darunter befindlichen Metallbetten, zucken ihre Körper in der Julihitze. Über ihren Köpfen summt ein unerbittlicher Zyklon aus Fliegen. Ich höre das Geräusch ihrer Haut, wenn sie sich von der Plastikmatte löst, und rieche den brutalen Gestank ihrer Körper, wenn sie sich umdrehen und dabei ihre Laken verlieren. Mehrere haben an Oberschenkeln und am Gesäß klaffende Druckgeschwüre in der Farbe fauliger Avocados. Sie sehen aus, als hätte man sie misshandelt.

„Oh, Gott“, entfährt es mir, ich halte mir Mund und Nase zu.

Mohamad grinst höhnisch. „Fuck Amerika!“, sagt er.

Ich sage Aziz, dass mir schlecht ist. Er nimmt mich am Ellbogen und führt mich schnell auf die Amputiertenstation, wo durch offene Türen eine warme Brise hereinweht. Mein Kopf wird wieder klarer, und auch das Engegefühl in meiner Kehle verschwindet. An den hellen weißen Wänden hängen gerahmte Bilder von Bein-, Hand- und Armprothesen. Auf den Bänken warten Patienten, dass sie an der Reihe sind. Einige haben ihre Beinprothesen abgelegt, mit ausgelatschten Sandalen an den steifen Plastikfüßen säumen diese die Wand.

Wir hören, wie ein Therapeut mit einem Jungen arbeitet. Da, wo früher sein linkes Bein war, baumelt der pyjamaartige Salwar Kamiz des Jungens nun schlaff herunter. Kniend untersucht der Therapeut den Stumpf und reibt dabei mit dem Daumen über die Narben. Er trägt einen weißen Kittel. Er hat leuchtend blaue Augen und einen mächtigen grauen Bart. Tiefe Furchen durchziehen sein eingefallenes Gesicht.

„Wo liegt das Problem?“, fragt der Therapeut seinen Patienten.

„Ich kann das Knie nicht gut beugen“, erwidert der Junge. Er hält dem Therapeuten die Beinprothese hin.

„Wie heißt du, und wie alt bist du?“

„Zabiullah. Zwölf.“

Der Therapeut schreibt es auf sein Klemmbrett.

„Wie ist das passiert?“

„US-Beschuss, Oberst.“


Die elfjährige Mariam ruht sich nach der Physiotherapie aus. Sie verlor ein Bein, als sie auf eine Landmine trat.

Die Patienten nennen den Therapeuten Oberst, weil er unter dem Oberbefehl von Präsident Nadschibullah als Oberst in der afghanischen Armee gedient hat. Nadschibullah regier­te Afghanistan von 1987 bis zu seiner Entmachtung durch die Mudschaheddin im Jahre 1992. Der Oberst verlor sein rechtes Bein 1991 in der Stadt Ghazni, als Mudschaheddin eine Rakete auf sein gepanzertes Fahrzeug abfeuerten. Durch die Explosion verlor er das Bewusstsein. Als er wieder zu sich gekommen war, kroch er aus dem Fahrzeug heraus und hin zum wärmenden Feuer eines brennenden Trucks. Der Wind hielt die Flammen von ihm fern, während er sich verstecken und seinen Körper begutachten konnte. Sein rechtes Bein war vollkommen zerschreddert. Er spürte es nicht mehr. Mit Stofffetzen seiner Uniform band er es ab, um die Blutung zu stoppen. Dann wurde er ohnmächtig.

„Ich glaube, die Prothese muss nur etwas angepasst werden, weiter nichts“, so der Oberst.

„Normalerweise habe ich damit keine Probleme“, sagt Zabiullah.

„Nur manchmal juckt mein Stumpf, und es tut weh.“

Der Oberst zieht ein Gesicht und schüttelt den Kopf, dann nimmt er die Beinprothese des Jungen ab und löst eine Schraube. Täglich erinnern Patienten wie Zabiullah den ehemaligen Soldaten an seine eigene Verletzung. Als er neben dem brennenden Truck wieder aufwachte, wusste er nicht, was passiert war oder wo er sich befand. Ausgebrannte Lkw und Jeeps aus einem Konvoi blockierten die Straße. Der Oberst sah, wie sich ein Fahrzeug näherte und jemand winkte, aber der Fahrer hielt nicht an. Zwei Männer auf Fahrrädern kamen näher. „Wenn wir dich mitnehmen, wird die Opposition uns umbringen“, sagte einer der Männer zu ihm, dann fuhren sie weiter. Ein kleiner Junge brachte dem Oberst Wasser in einer Schüssel, aber die Schüssel hatte ein Loch, und das Wasser lief heraus, bevor er davon trinken konnte, also leckte er sie trocken.

Ein Lkw-Fahrer bemerkte den Oberst und hielt an. Der Oberst flehte den Mann an, ihn mitzunehmen, doch dieser befürchtete, dass ihn die Mudschaheddin, sollten sie sei­nen Lkw durchsuchen und den Oberst finden, umbringen würden. „Kein Problem. Sag ihnen einfach, sie sollen mich umbringen“, sagte der Oberst. Der Fahrer trug ihn zu seinem Lkw und bat ihn, aufrechtzusitzen. Das Gesicht und den Oberkörper des Obersts verhüllte er mit einer Decke. Die Mudschaheddin sollten ihn für eine Frau halten.

„Wie ist das?“, fragt der Oberst Zabiullah, nachdem er die Anpassung vorgenommen hat.

„Besser“, antwortet Zabiullah.

„Die US-Soldaten sind blind“, sagt der dabeistehende Vater des Jungen.

„Sie sehen Jungen, warum schießen sie dann?“ Dann erklärt er uns, dass in Wardak täglich 15 bis 20 Menschen sterben.

Der Oberst sagt dazu nichts. Er gibt dem Jungen eine Salbe für die wunden Stellen an seinem Stumpf. Der Oberst weiß noch, dass der Lkw-Fahrer ihn zu einem militärischen Kontrollpunkt gebracht hat. Soldaten umringten ihn, und er fühlte sich wieder sicher; doch mit dem Gefühl der Sicherheit spürte er plötzlich auch den schneidenden Schmerz in seinem Bein. Sie brachten ihn sofort ins Krankenhaus. Zuerst wurde nur sein Fuß amputiert, aber dann bekam er eine Infektion, und sie mussten ihm das ganze Bein abnehmen. Ein ver­breitetes Dilemma—nicht genügend Antibiotika. Während seiner Zeit im Krankenhaus, so der Oberst, wurde täglich drei oder vier Patienten ein Arm oder ein Bein amputiert. Ein Arzt riet ihm zu einer Prothese.

„Geh“, fordert der Oberst Zabiullah auf.

Der Junge testet seine Prothese und geht ein Stück. Dann dreht er sich um und kommt zurück.

„Gut?“, fragt der Oberst.

Zabiullah nickt.

„Glücklich?“

„Ob er glücklich ist oder wütend, was macht das schon?“, unterbricht ihn Zabiullahs Vater. „Er kann nichts machen.“


Weil Ramadan ist, schließt das Orthopädiezentrum am Nachmittag. Der Oberst bringt uns zur Eingangspforte und Aziz und ich gehen über die Straße zu seinem Wagen. Meine Kehle ist rau und trocken von der staubigen Luft. Als Aziz die Tür öffnet, entweicht ein unerträglicher Hitzeschwall. Wir warten, bis es ein wenig kühler ist und steigen ein. Als Aziz den Schlüssel umdreht, um mich zum Hotel zu fahren, lasse ich meinen Kopf schwer in den Sitz fallen.

Militärkontrollen blockieren selbst die kleinsten Straßen. Aziz erzählt mir, wie sehr sich Kabul seit meinem Besuch im letzten Sommer verändert habe. Ich schließe die Augen. Immer wieder wird Aziz’ Stimme vom Brausen der heißen Luft übertönt, die durch die offenen Fenster hineinströmt.

„Seit der Verbrennung unseres heiligen Buchs sind die Sicherheitsvorkehrungen sehr strikt“, meint Aziz während der Fahrt.

„Jeder weiß, dass die Amerikaner bald gehen. Du wirst keinen Westler mehr sehen, der so wie du allein mit seinem afghanischen Fahrer im Auto sitzt. Nein, die Westler fahren jetzt nur noch im Konvoi und mit Sicherheitsleuten. Kidnapping ist ein echtes Problem. Du solltest nicht allein losziehen. Wenn du irgendwohin musst, nimm jedes Mal einen anderen Weg. Die Entführer schnappen sich heutzutage die Westler samt ihrer Dolmetscher. Die Dolmetscher lassen sie dann frei, um ihre Forderungen zu überbringen. Selbst innerhalb der Familie werden Leute entführt. Einer hatte einen reichen Bruder. Er hat ihn entführt und eine Lösegeldforderung gestellt.“

Aziz parkt vor dem Park Hotel. Es befindet sich in Innenstadtnähe, ca. 15 km vom Krankenhaus entfernt. Das Gebäude liegt hinter Explosionsschutzwänden und einem massiven Eisentor. Während Aziz weitererzählt, begleiten uns Wachleute mit Kalaschnikows über einen weitläufigen Vorplatz zum Hotelgebäude. Auf dem grünen Rasen stolzieren Pfauen. Aus zwei Steinbrunnen plätschert Wasser. Weiße Picknicktische reflektieren das Sonnenlicht. Ein Mann sprengt den Rasen und gießt die Geranienpötte entlang des Weges.

„Keine Ahnung, was passiert, wenn die Amerikaner Afghanistan verlassen“, sagt Aziz. „Wenn wir die Korruption unter Kontrolle kriegen, könnte es funktionieren. Aber ich habe da wenig Hoffnung.“ Über allen vier Ecken des Hotelvorhofs thronen Wachen in blauen Uniformen hinter Sandsäcken und mit einer AK-47 im Arm. Zwischen den Bunkern wurde Stacheldraht gezogen.

„Wenn die Amerikaner weg sind“, führt Aziz fort, „wird es in allen Vierteln zu Auseinandersetzungen kommen, weil die Leute dann alles plündern. Ich werde mir eine Waffe kaufen, um mein Haus zu schützen. Aber keine Kalaschnikow—nur eine Pistole.


Der ehemalige Mudschaheddin-Kämpfer Abdul Sabur ist gelähmt, seit er bei einer Schießerei mit Regierungstruppen in den Rücken geschossen wurde. Infizierte Druckgeschwüre bringen ihn immer wieder ins Krankenhaus.

Nachts erhält Aziz einen Anruf von einem Polizisten, der ihn fragt, ob er einen von Taliban-Sympathisanten verteilten anonymen Flyer erhalten hat. Darin werden alle gewarnt, die mit Amerikanern zusammenarbeiten. Wer kollaboriert, wird getötet. Aziz hat den Flyer nicht bekommen. Als er auflegt, verbietet er seinen Söhnen, das Haus zu verlassen und verschließt alle Türen und Fenster.

Später in dieser Nacht erinnert sich der Oberst an eine Rakete, die mitten in Kabul explodierte. Er saß in einem Park, aß Brot und trank Tee. Er war gerade aufgestanden, um sich etwas in der Sonne zu räkeln, als die Explosion ihn zu Boden schleuderte. Leute schrien und rannten durcheinander. Er erinnert sich an Blut und verstreute Körper. Der abgetrennte Kopf eines Mannes rollte an dem kopflosen Körper einer Frau vorbei. Später säuberten Feuerwehrautos die Straßen von dem Blut, und die überlebenden Straßenverkäufer kehr­ten an ihre Stände zurück. Nach all den Jahren treffen sich Patienten, die an diesem Tag verletzt wurden, immer noch im Krankenhaus wieder. Der Oberst behandelt sie und erzählt ihnen, dass er 1995, als sie ihre Beine oder Arme oder beides verloren haben, auch in dem Park war. Sie reden und tauschen Erinnerungen aus. Damals, so der Oberst, befand sich die Front an einem festgelegten, demarkierten Ort. Heute, mit den Selbstmordattentätern, sei die Front überall, sagen seine Patienten.

Nachts in seinem Bett im Orthopädiezentrum hat Zabiullah Phantomschmerzen, wo einst sein rechtes Bein war. Im Schlafsaal liest Mohamad aus dem Koran. Ein anderer Patient hört Radio. Ein Mann starrt an die Decke und blinzelt kaum. Während trübes Licht gebrochene Schatten an die braunen Wände wirft, schlafen die übrigen 22 Patienten der Querschnittsgelähmtenstation. Aus einem Wasserhahn tropft es auf den schwarzen Fußboden, das Wasser bildet dünne Rinnsale, die sich in öligen Linien ihren Weg bahnen.

Ein 13-jähriger Junge namens Wasim Sabur sitzt neben seinem Vater Abdul. Wasim trägt einen lilafarbenen Salwar Kamiz, den er seit Tagen nicht gewechselt hat. Er lümmelt sich auf seinem Stuhl herum und lauscht auf das Schnarchen seines Vaters. Abdul ist ein kräftiger Mann mit einem Mopp schwarzer Haare auf dem Kopf. Sein Körper füllt das ganze Bett aus. Sein Gewicht lässt es etwas einsinken.

Abdul hatte für die Mudschaheddin gegen Nadschibullah gekämpft, als er 1991 in der Nähe von Policharki ange­schossen wurde. Infizierte Druckgeschwüre bringen ihn seit Jahren immer wieder ins Orthopädiezentrum zurück. Von der Brustmitte abwärts spürt er nichts, und nun ist er schon seit Juni wieder im Krankenhaus. Abduls Beine zittern und zucken wie Fische, die nach Luft schnappen, sie wirken gar nicht wie Teile seines Körpers, sondern wie unkontrollierbare, absterbende Fleischbrocken, die an seiner Hüfte befestigt sind. Wasim drückt die Beine seines Vaters herunter, bis die Zuckungen aufhören. Wenn Abdul aufwacht, wird Wasim ihm beim Essen helfen, ihn zur Toilette begleiten und seinen Dekubitus mit Wasser reinigen, in dem etwas Jod gelöst wurde. Manchmal schicken die Physiotherapeuten Wasim los, um Besorgungen zu machen, oder bitten ihn, sich auch um andere Patienten zu kümmern. Bei jedem Auftrag rollt er die Augen, als habe er schon genug auf dem Buckel, rennt aber mit seinen schlappenden Sandalen immer sofort los und freut sich über die zu erledigenden Aufgaben. Wasim mag nicht nur herumsitzen.

Wasim und seine Eltern leben in Kabul bei seinem Onkel Mohammad Nasim, der sich als Geldwechsler verdingt. An manchen Tagen verdient Mohammad 60 Dollar, und dann essen er, seine Frau, ihre drei Kinder, Wasim und Wasims Mutter und Vater abends Lamm, Reis und Bohnen. An anderen Tagen verdient er nur die Hälfte, und sie essen Knoblauch, Tomaten und Spinat. Abdul möchte nicht, dass sein Bruder Mohammad ihn besucht, weil die Fahrkarte einen Dollar kostet, aber heute ist er trotzdem gekommen.

„Spar dir das Geld, mach lieber die Kinder satt“, sagt Abdul zu Mohammad.

„Mach dir um mich keine Sorgen, Vater“, sagt Wasim.

„Sieh mich an“, sagt Abdul. „Der Dschihad ist vorbei. Und was hat er gebracht?“

“Wenn die Amerikaner Afghanistan verlassen, wird Afghanistan in einen erneuten Dschihad eintreten und kaputt gehen“, meint Nasim. „Das wissen alle.“ Abdul stimmt zu.


Am nächsten Morgen wartet Aziz vor dem Hotel im Auto auf mich. Die Straße ist hier völlig zerstört, tiefe Furchen und Asphaltbrocken säumen den Weg. Das Geld für die Straßen, so Aziz, geht an einen Bauunternehmer, der einen Teil für sich behält und für den Rest einen anderen Bauunternehmer anheuert, um die Arbeit zu verrichten. Dieser zweite Bauunternehmer behält wiederum einen Teil für sich und heuert dann einen weiteren, noch billigeren Bauunternehmer an. Das wenige Geld, das übrig bleibt, reicht nur noch für kleinere Reparaturarbeiten aus.

„Es gibt keinen Plan“, sagt Aziz. „Die Amerikaner haben das nach zehn Jahren immer noch nicht begriffen und geben der Regierung weiterhin Geld für den Straßenbau.“

Aziz lässt den Motor an.

Wir fahren ins Krankenhaus, und ich gehe zu Mohamads Zimmer. Als ich eintrete, sitzt er auf der Bettkante und hält sich an seiner Gehhilfe fest, während sein Cousin ihm die Beinschienen anlegt. Mit einem Klettband befestigt er den Urinbeutel, damit er nicht herumfliegt, wenn Mohamad sich vorwärtsbewegt. Mohamad sieht Aziz, sie umarmen sich.

„Salam“, sagt Aziz.

„Salam“, erwidert Mohamad.

Er bittet Aziz, seinen Fuß mit der Hand zu drücken, fester, noch fester. Aziz quetscht den Fuß zusammen, aber Mohamad schüttelt nur den Kopf.

„Ich spüre nichts“, schimpft er mit Aziz. „Nur wenn man den Fuß ganz fest drückt, kann ich es spüren.“

Mohamad greift die Gehhilfe und drückt sich von der Bettkante hoch, bis er zum Stehen kommt. Er bewegt sich ein paar Zentimeter vorwärts. Dabei drückt er das Gehgestell in den Boden, krümmt den Rücken und schwingt sein rechtes Bein nach vorn. Dann bringt er den linken Fuß nach vorn. Sein Cousin tritt an seine Seite.

„Versuch, zu gehen“, sagt sein Cousin.

„Ich versuch’s ja.

„Erst rechts, dann links.“

„Ich hab keine Kraft.“

„Versuch es.“

Mohamads Arme zittern.

„Mir ist schwindelig“, sagt er.

Der Physiotherapeut Zabel Ullah beobachtet, wie Mohamad sich abmüht. Zabel verlor sein linkes Bein durch eine Mine. Nur ein leichtes Hinken verrät, dass er eine Prothese trägt. 1996 jätete er Unkraut und pflanzte Geranien im Garten seines Vaters. Er stand auf, um sich zu strecken, tat einen Schritt nach vorn, und als er seinen linken Fuß aufstellte, explodierte die Erde.

Zabel und die anderen Physiotherapeuten sagen den Querschnittsgelähmten, dass ihre Genesung etwas länger dauern könnte. Dennoch herrscht große Ungeduld. Sie bestehen darauf, nach Indien, Pakistan oder sonst wohin zu reisen, um sich behandeln zu lassen. Dann sagt Zabel ihnen die Wahrheit. „Hör zu“, sagt er, „dieser andere Arzt, den du aufsuchen willst, wird dir genau dasselbe sagen wie ich. Spar dir das Geld. Du wirst nie mehr laufen können. Du hast dein Leben. Danke Gott dafür, dass du noch so viel hast.“


Der Physiotherapeut Mursal Hashimi hilft Samurgul, 21, mit ihren Beinprothesen.

Auf der Amputiertenstation untersucht der Oberst die Beinprothese eines Jungen. Der Junge heißt Raholla, seine Kleider hängen an seinem schmächtigen Körper herunter wie bei einer Vogelscheuche. Baz-Mohammad, sein streng dreinschauender Vater, steht neben ihm.

„Geh vor und zurück“, weist der Oberst Raholla an.

„Du stehst ein wenig schief. Dein Bein ist zu kurz. Du wächst. Du bist aus der Prothese herausgewachsen. Wir passen dir ein neues Bein an. Wie alt bist du?

„15“, antwortet Raholla.

„Wie hast du dir die Verletzung zugezogen?“, frage ich.

„Das war 2007“, sagt Raholla. „Ich hab mit meinem Bruder sechs Schafe auf die Weide gebracht. Als die Schafe gefressen haben, hat mein Bruder ein Stück Metal gefunden. Es war rund und hatte zwei Löcher auf jeder Seite. Ich hab gesagt, er soll es nicht anfassen. Es könnte was Schlimmes sein. Er meinte, es wäre doch nur Metal und hat einen Stein drauf geworfen. Ich hab versucht, ihn mit den Händen davon abzuhalten, war aber zu spät. Er flog in die Luft, und Teile seines Körpers trafen mich. Er ist gestorben. Ich hab mein rechtes Bein verloren und die Finger beider Hände. Vier Schafe sind gestorben. Das Gras hat gebrannt. Die Luft und die Erde haben gebebt. Ich hab am Boden gelegen und hatte Angst, mein Vater würde mich schlagen, weil Dschuma mit einer Mine gespielt hat. Ich hab ihn geschüttelt, aber er hat sich nicht bewegt. Ich bin vorwärts gekrochen, und mein Bein ist liegen geblieben. Ein Busfahrer hat die Explosion gesehen. Er hat angehalten und mich ins Armeekrankenhaus nach Kabul gebracht.“

„Probieren wir diese neue Prothese mal aus“, sagt der Oberst. „Zieh dir die Socke über den Stumpf. Und jetzt steck den Stumpf in die Öffnung der Prothese. Steh auf. Steh gerade. OK, setz dich. Zieh sie aus. Sie ist ein wenig zu hoch, etwas zu lang. Wo wohnst du?“

„Im Dorf Hyat Khan in der Provinz Lugar“, sagt Baz-Mohammad. „Wir sind mit dem Bus gekommen.“

„Wo warst du, als deine Söhne verletzt wurden?“

„Ich war in Kandahar“, sagt er. „Mein Onkel hat mich angerufen und mir gesagt, dass Raholla von einer Mine verletzt wurde. Er hat mir nicht gesagt, dass Dschuma tot ist. Als ich Raholla sah, lag er im Koma. Zwei Tage später ist er aufgewacht. Er hat gesagt: ‚Es war nicht meine Schuld. Bitte schlag mich nicht, Vater. Dschuma hat sie mit Steinen beworfen.‘ Ich habe geweint. Wenn du deinen Sohn blutend in einem Bett liegen sähst, würdest du da nicht weinen? Ich schätze, die Mine stammte noch von den Russen. In der Nähe unseres Hauses war früher ein russischer Kontrollpunkt. Keine Ahnung, vielleicht gibt es noch mehr Minen. Bedauerlicherweise hat eine ihren Weg zu Dschuma gefunden und ihn getötet. Jetzt trau ich mich dort nicht mal mehr, einen Stein anzufassen.“

Ich schüttele Baz-Mohammad die Hand und wünsche ihm alles Gute. Aziz und ich gehen nach draußen, im Schatten eines Baumes, der von den Dieselabgasen der vorbeifahrenden Lkw schon ganz grau ist, steckt er sich eine Zigarette an. Die vielen Kriegsversehrten erinnern ihn an seine Zeit als Polizeistatistiker unweit von Kabul in der Provinz Parwan. Damals wütete der Krieg zwischen Präsident Nadschibullah und den Mudschaheddin. Eines Tages meinte sein Kommandant, im Hauptquartier säßen zu viele Männer hinter Schreibtischen. Er rief Aziz und 15 weitere Polizisten in einem angrenzenden Raum zusammen. Dann fragte er, wer von ihnen als Freiwilliger an die Front gehen würde. Niemand rührte sich. Nach einem langen peinlichen Schweigen sagten zwei Männer, sie seien bereit zu kämpfen. Der Kommandant schickte sie zurück an ihre Schreibtische, und die übrigen 14 wurden zu einer Kaserne gefahren mit der Ansage, sie würden am nächsten Morgen an die Front gebracht.

Um zwei Uhr morgens bat Aziz um Erlaubnis, die Kaserne verlassen zu dürfen. Er erzählte dem Wachmann, sein Kollege schliefe vor der Militärbasis in seinem Auto. Aziz sagte, er wolle ihn aufwecken, damit dieser den Konvoi zur Front nicht verpasse. Erlaubnis erteilt. Aziz verließ die Kaserne und nahm ein Taxi zum Haus seiner Eltern in Kabul.

Fünf Tage später rief er seinen Kommandanten an. „Ich kann nicht kämpfen“, sagte er. „Ich kann nicht auf andere Afghanen schießen. Meine Arbeit ist im Büro. Sie können mich jetzt töten. Aber ich gehe nicht an die Front.“ Doch der Kommandant sagte: „Nein, wir brauchen dich. Du bist Paschtune. All die anderen Polizisten sind Tadschiken und Hazara. Du bist der Einzige, dem ich vertraue. Komm zurück. Du kannst im Büro bleiben.“

So, meint Aziz, hat er die Kämpfe überlebt.

Aziz drückt seine Zigarette aus, wir gehen zum Auto und fahren zurück zum Hotel. Unweit des Krankenhauses bleiben wir an einem Kreisverkehr im Stau stecken. Die Fahrer hupen wie verrückt und kämpfen um jeden Millimeter Platz. Ich recke den Kopf aus dem Fenster. Ein Polizist mit einer Kalaschnikow rennt unablässig die Straße auf und ab. Andere Beamte versuchen ihn anzusprechen, aber er winkt mit seiner Waffe ab. Er schreit: „Amerika!“ Was er sonst noch sagt, erstickt im Hupen der Autos. Er zielt mit der Kalaschnikow auf die stehenden Autos und schwenkt sie dabei von links nach rechts, sodass Aziz und ich auf unseren Sitzen in Deckung gehen.

„Amerika! Amerika!“

Ich schlage Aziz vor, dass wir aus dem Auto steigen und uns mit dem Gesicht nach unten auf den Boden legen, aber Aziz findet, dass das Auto mehr Schutz bietet.

„Auf dem Boden wären wir sehr tief und mobiler“, sage ich.

„Da können uns zu viele Querschläger treffen“, meint er.

„Wir könnten uns zum Schutz unter die Autos rollen“, sage ich.

Aziz und ich streiten und sinken dabei noch tiefer in unsere Sitze, die Augen gerade noch auf Höhe des Armaturenbretts.

„Amerika! Amerika!“

Der Polizist lässt seine Kalaschnikow sinken, blickt noch einmal wütend drein und stürmt dann davon. Die anderen Polizisten sehen ihm hinterher. Einen Moment später beginnen sie damit, den Verkehr durchzuwinken.


Patienten ruhen sich im Hof des Krankenhauses aus.

Am nächsten Morgen auf der Querschnittsgelähmtenstation fragt Mohamad mich, ob ich faste.

„Ja“, sagt Aziz. „Als Christ fastet er jedes Frühjahr 40 Tage lang.“

„Betet er?”

„Ja.“

„Wie betet er?“

„Auf den Knien. Und er betet nur sonntags.“

„Und Jesus Christus ist sein Prophet?“

„Ja.“

„Wie nennt er seinen Gott?“

„Sein Gott hat keinen speziellen Namen. Manchmal nennen sie ihn Jesus, den Retter.“

„Und Jesus wurde von ihrem Gott gesandt?“

„Ja.“

„Und das glaubt er?“

„Ja.“

„Na wenigstens glaubt er an Gott“, sagt Mohamad.

Ein Physiotherapeut kommt, um Mohamads Bein zu untersuchen. Aziz und ich verabschieden uns und gehen zur Amputiertenstation, um den afghanischen Soldaten Mur al-Haq zu treffen. Ein Krankenwagen aus dem Armeekrankenhaus in Kabul hat Mur zum Zentrum gebracht. Im Mai verlor er beide Beine, als er in der Provinz Helmand auf eine Mine trat. Er liegt auf einer Transportliege, sein Unterkörper ist mit einem Tuch bedeckt, oben trägt er noch immer den grünen Uniformrock.

„Wie ist es so in Helmand?“, fragt der Oberst.

„An einigen Orten wird gekämpft, an anderen ist es ruhig“, sagt Mur.

„Du hast eine Infektion“, erklärt der Oberst Mur. „Der größte Teil deiner rechten Pobacke ist hinüber und heilt nicht. Ich kann nichts machen, bis die Infektion sich gelegt hat.“

„Dann kann ich hierbleiben?“

„Das geht nur, wenn wir Platz haben.“

Der Oberst schiebt Murs Transportliege zurück zum Krankenwagen.

An meinem letzten Morgen in Kabul packe ich meine Reisetasche. Draußen treffe ich Aziz. Auf dem Weg zum Flughafen statten wir dem Orthopädiezentrum einen letzten Besuch ab. Drinnen spricht der Oberst mit einem Mann auf Krücken. Dieser sagt, er habe schon seit 1998 eine Beinprothese, seit er nahe der iranischen Grenze auf eine Mine getreten sei. Aber letzte Nacht war ihm kalt, und er hatte keinen Brennstoff mehr, also hat er sein künstliches Bein verbrannt, um sein Zimmer zu heizen.

Auf der Querschnittsgelähmtenstation liegt Mohamad auf seinem Bett und erzählt Aziz, dass einer seiner Onkel gestorben ist und sein Cousin ihn gestern Abend spät verlassen musste, um bei seiner Familie zu sein. Weil es nicht genügend Ärzte und Schwestern gibt, um ihm die nötige Hilfe zu leisten, wird Mohamad jetzt entlassen.

„Und was ist mit meinen Druckgeschwüren?“, fragt er.

„Mach sie jeden Tag sauber“, rät ihm Zabel. „Setz dich nicht drauf. Benutz deine Gehhilfe.“

Mohamad setzt sich auf und greift nach seinem Gehgestell. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ihm auf den schlechten Straßen, die er vor sich hat, viel nützen wird.

„Kommst du mich in Helmand besuchen so wie hier?“, fragt er Aziz. „Deinen amerikanischen Journalisten kannst du ruhig mitbringen“, sagt Mohamad.

„Ich lade ihn zu mir ein. Sein Gesicht sagt nicht: ‚Ich bring dich um.‘ Er trägt keine Waffe. Er ist Amerikaner, aber kein Kämpfer.“

Ich schüttele Mohamads Hand. Sein Gesichtsausdruck verrät seine Wut, Angst, Traurigkeit. Alles, was er ist, ist er in diesem Moment: ein junger Mann, von der Hüfte abwärts gelähmt, der die Vereinigten Staaten hasst und keine Zukunft hat. Aziz umarmt Mohamad, ruft dann nach Wasim und bittet ihn, Mohamad mit seinen Beinschienen zu helfen.

„Glaubst du, er hat das so gemeint?“, frage ich.

„Mohamad? Das mit dir?

„Ja.“

Aziz denkt einen Moment nach und zuckt mit den Schultern.

„Hier hat er’s so gemeint“, sagt er.