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Wie Nazi-Skins von ,Blood & Honour' unbemerkt in Vorarlberg feierten

Nach einem Zwischenstopp in Braunau geht's zum Treffen nach Vorarlberg mit Nazi-Konzert und Schießübungen.

„Wir haben das Unmögliche durchgeführt"—so euphorisch wird das Erinnerungsfoto der ungarischen Skinheads vor Adolf Hitlers Geburtshaus, ihrem selbsternannten „Führer", Anfang März im Internet kommentiert.

Dabei wurde den rechten Touristen so ein Schnappschuss eh nie wirklich unmöglich gemacht: Schon im letzten August reiste eine Handvoll ungarischer Biker vom rechtsextremen Blood & Honour-Netzwerk nach Österreich, um an ausgewählten Kultstätten auf Fotosafari zu gehen. Das letzte wie dieses Mal posierte man, wohl auch dank sprachlicher Unkenntnis, übrigens stolz neben dem „Nie wieder Faschismus"-Denkmal. Im Unterschied zum Besuch im August rollten die Rechten heuer aber unbehelligt und völlig unbeobachtet von den heimischen Behörden an.

Erst ein Bericht des DÖW machte kürzlich auf den letzten Besuch der ungarischen Skinheads aufmerksam. Diesmal blieb die Gruppe auf ihrem Besuch in Österreich außerdem nicht nur unter sich. Denn nach dem Zwischenstopp in Braunau ging es weiter nach Vorarlberg und zum eigentlichen Ziel des Wochenendtrips: ein Neonazi-Konzert irgendwo im Ländle, um gemeinsam mit deutschen, schweizerischen und österreichischen Gleichgesinnten einen draufzumachen.

„Um Blood & Honour war es ein paar Jahre relativ ruhig geworden", meint Andreas Peham vom DÖW gegenüber VICE, „aber seit gut einem Jahr beobachten wir wieder zunehmend Aktivitäten." Als einzig relevante Basis des Neonazi-Netzwerks, das in den 80ern von Ian Donaldson, dem Sänger der britischen Rechtsrock-Band Screwdriver gegründet worden war, diente schon immer Vorarlberg: „Während man in Österreich anderswo keinen Fuß auf den Boden bekam, konnte man hier früher recht unbehindert Strukturen aufbauen", so Peham.

In Deutschland wurde Blood & Honour Ende der 90er Jahre als Organisation offiziell verboten. Das hatte zur Folge, dass ab der Jahrtausendwende Konzerte und Treffen zunehmend nach Vorarlberg verlegt wurden. Für die Vernetzung der Gruppen war das nur von Vorteil, da die Gegend geografisch auch von der Schweiz oder Italien einfach erreichbar ist.

Die B&H-„Kaffeefahrt" letztes Jahr im August. Foto: Florian Voggeneder

Anfang März war es dann seit Längerem wieder so weit: Nachdem ein Konzert der ungarischen Szene-Band „Indulat" in Thüringen verboten wurde, verlegte man das Treffen kurzerhand nach Österreich. Wo genau das Konzert stattfand, kann die vorarlbergische Polizei aber auf Anfrage auch im Nachhinein nicht beantworten.

Einen Einblick auf das Wochenend-Programm gibt zumindest die einschlägige Seite „C18 Hungary". Demnach vergnügte man sich im Anschluss an das Sightseeing in Braunau zunächst mit „Schießübungen". Nach Recherchen von VICE handelte es sich dabei um den Besuch eines Schießstandes in Feldkirch. „Wir sind hier ein beliebter Treffpunkt bei Bikern", meint dazu der Betreiber, „besonders auffällig wurde mir an diesem Tag aber niemand." Am Abend fand dann das Konzert statt, bei dem nach eigenen Angaben rund siebzig Personen anwesend waren.

Wer hierzulande zu den Sympathisanten des Netzwerkes zählt, darüber geben die Bilder vom Konzert Auskunft. Im Hintergrund des Auftritts von Indulat ist nämlich derselbe Banner zu sehen, den man schon im November vergangenen Jahres auf der Demo der Identitären in Spielfeld beobachten konnte. Präsentiert hatte sich damit damals eben eine Gruppe von Skinheads aus Vorarlberg.

Fotos: c18hunagry, Facebook

Einer von ihnen, Alex R., soll laut DÖW eine besondere Rolle in der jüngeren Generation von B&H in Vorarlberg spielen. Wenige Tage nach dem Konzert postete R. auch ein gemeinsames Bild mit einem Indulat-Bandmitglied auf Facebook. Es besteht also wenig Zweifel, dass es sich bei den Gastgebern der ungarischen Hitler-Fans um die Gruppe rund um Alex R. handelt.

Dass sich Blood & Honour nicht nur bloß aus Skinhead-Tradition oder den gängigen Biker-Klischees halber mit dem Faschismus brüstet, beweisen doch bewusste, politische Gewalttaten und Verbindungen. So wurde in einem internen Schreiben des Landeskriminalamtes Thüringen darauf hingewiesen, dass auch das Terrortrio des NSU „dem harten Kern" von Blood & Honour angehört habe. Dass etwa Vorarlberg und Thüringen nach wie vor gut vernetzt sind, zeigt, wie schnell im März das Treffen nach Vorarlberg umdisponiert werden konnte. Es sind Verbindungen, die sich vor allem in den Nullerjahren herausbildeten. Mitglieder aus Vorarlberg waren damals beteiligt, als im Jahr 2006 eine Person im deutschen Lindau ins Koma geprügelt wurde. Auch die Gewaltspirale unter verschiedenen Skinhead- und Bikergruppen verdichtete sich zu dieser Zeit. 2009 starb ein B&H-Skin nach einer Messerstecherei in einem Vereinslokal der „Outlaw"-Biker.

Erst dann griffen die Behörden erstmals ein und lösten den B&H-Tarnclub „Motorradfreunde Bodensee" 2010 auf. Ab da wurde es ruhiger, abgesehen vom zwischenzeitlichen Bekanntwerden von Überschneidungen mit der lokalen FPÖ.

Beim DÖW hofft man jedenfalls, dass der Staat in Zukunft hier nicht wieder Laissez-Faire walten lässt. Die Negativentwicklungen in der Vergangenheit seien nämlich auch auf das Konto des langjährigen Sicherheitsdirektors Elmar Marent, der von 1990 bis 2009 im Amt war, gegangen, kritisiert Andreas Peham. Marent war ein entschiedener Freund der in Vorarlberg zahlreichen, ansässigen Bikerclubs. Dieses Verständnis ließ ihn aber gleichzeitig auch so weit gehen, die Mitglieder von Blood & Honour einst nur als „apolitische Krawallmacher" zu bezeichnen.

Thomas auf Twitter: @t_moonshine