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Wie stark sind die "Identitären" in Österreich wirklich?

Mit ihrem Aktionismus schafft es die rechtsextreme 'Identitäre Bewegung Österreich' immer wieder in die Medien. Dabei sollte die Aufmerksamkeit auf einem ganz anderen Aspekt liegen.

Seit ihrem ersten öffentlichen Auftritt am 21. März 2012, also vor knapp viereinhalb Jahren, traten die "Identitären" in Österreich nur drei Mal in größerer Zahl in Erscheinung. Bei ihren Aufmärschen, die allesamt von Gegenprotesten gestört und blockiert wurden, konnten trotz internationaler Unterstützung nie mehr als etwa 400 Teilnehmer mobilisiert werden.

Dennoch hat sich die rechtsextreme Gruppierung unter der Bezeichnung Identitäre Bewegung Österreich (IBÖ) mittlerweile über die Landesgrenzen und heimischen Medien hinaus einen Namen gemacht. Ihre Aktionen, seien sie auch noch so klein und unspektakulär, werden stets von einer Horde von Journalisten verfolgt, die damit auch einen Teil der Pressearbeit der "Identitären" übernehmen. (Offenlegung: Wir von VICE haben in der Vergangenheit bereits öffentlich diskutiert, wie wir mit der Berichterstattung rund um die neurechte Aktionsgruppe umgehen.)

So wurde auch der IBÖ-Aktion vor dem Sitz der UETD vergangenen Sonntag große Medienaufmerksamkeit geschenkt, obwohl gerade einmal 30 "Identitäre" anwesend waren, die es noch nicht einmal geschafft haben ihr, Transparent richtig aufzustellen. (Zur jüngsten Demo der Gruppe gab es bei VICE keinen eigenen Bericht.)

Die Kundgebung reiht sich damit in die Liste von Kleinstaktionen ein, mit denen die "Identitären" immer wieder (erfolgreich) um Medienaufmerksamkeit betteln. Tatsächlich deutet aber einiges darauf hin, dass der neurechte Aktivismus in Österreich ohne seinen Führer Martin Sellner schnell zum Erliegen kommen würde. Und vor allem, als würde die Gruppe für die falschen Dinge in der medialen Öffentlichkeit stehen. Aber dazu später.

Wenn man sich die sozialmediale Kommunikation von Sellner ansieht, scheint es, als würde die gesamte Bewegung mit dem erfahrenen Rechtsaktivisten stehen und fallen. So ist es zum Beispiel auffallend, dass es um die IBÖ immer dann ruhig wird, wenn Martin Sellner den deutschen Kameraden, denen er zuweilen unter die Arme greifen muss, einen Besuch abstattet.

Auch drei Tweets von Sellner selbst, in denen er sich über die mangelnde Disziplin und Eigeninitiative seiner Mitstreiter beschwert, legen nahe, dass er die einzige treibende Kraft hinter der Identitären Bewegung in Österreich ist.

Die IBÖ ist dabei keineswegs Martin Sellners erstes Rechtsprojekt. Schon in seiner Schulzeit fiel der Sohn eines Badener Arztes aufgrund seiner kruden nationalistischen Weltanschauung auf. Damals gründete er gemeinsam mit dem Neonazi Sebastian Ploner eine eher mäßig erfolgreiche Gruppe in Wiener Neustadt nach dem Vorbild der "Nationalen Sozialisten" in Deutschland.

Sebastian Ploner war bis 2009 parlamentarischer Mitarbeiter von Martin Graf, Mitglied der Burschenschaft Olympia, RFJ-Aktivist und Betreiber der Website eines Jugendlagers, das von der Wehrsportgruppe Jugendbund Sturmadler veranstaltet wurde.

Aus Sellners und Ploners gemeinsamen Zeit stammt auch ein Propagandavideo, das laut dem antifaschistischen Blog Recherche Wien von Martin Sellner mit produziert wurde.

http://recherchewien.nordost.mobi/wp-content/uploads/Nationaler_Widerstand__sterreich-182631-11082015.webm

Das laut Recherche Wien von Martin Sellner mitproduzierte Propagandavideo.

Danach fiel Martin Sellner vor allem im Dunstkreis des verurteilten Neonazis Gottfried Küssel und dem rechtsextremen Onlineportal alpendonau.info auf. Auch bei der neurechten Gruppierung Der Funke (nicht mit der marxistischen Zeitschrift Der Funke zu verwechseln) war Sellner aktiv.

Anfang 2013 trat schließlich die Gruppe Wiener Identitäre Richtung (W.I.R.) mit sogenannten "Hardbass Actions"—einer vor allem unter russischen Neonazis beliebten Aktionsform—in Erscheinung und störte damit zum Beispiel einen Workshop der Caritas und den Refugeeprotest im Votivpark. Martin Sellner gehörte damals noch zu den unbekannteren Aktivisten der Neuen Rechten. Kopf der Bewegung war damals der mittlerweile in den Hintergrund gerückte Alexander Markovics, aber zu ihm später.

Mit einer Gegenbesetzung der von Refugees besetzten Votivkirche bekamen die "Identitären" schließlich auch erstmals eine breite Medienaufmerksamkeit. Mit dabei war Martin Sellner, der bei der Aktion vor allem als jener Aktivist auffiel, der die ganze Zeit über am Handy hing und den Kontakt nach draußen hielt. Die Gruppe W.I.R. existierte nur etwa ein halbes Jahr und ging schließlich in die wesentlich aktionistischere und weniger theoretische IBÖ über. Heute kann die AG-Theorie, deren Vorsitzender Alexander Markovics ist, als Nachfolgeorganisation innerhalb der IBÖ angesehen werden.

Vier Jahre nach ihrer Gründung gibt es auf die Frage, wie stark die IBÖ nun wirklich ist, noch immer nur vage Antworten. Tatsächlich scheint sie zahlenmäßig vernachlässigbar zu sein. Wie schon rechtsextreme Zusammenschlüsse vor ihr hat die Bewegung der Identitären zwar ihr Auftreten auf der Straße und ihren Aktionismus perfektioniert, aber die Rechten sind im Hinblick auf Mitglieder und Impact nach wie vor nur eine kleine Erregung einiger weniger rechter Akteure. Das dürfte nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass in Österreich bereits die FPÖ einen großen Teil der potentiellen Anhängerschaft rechtsextremer Gruppen abholt.

Problematischer gestaltet es sich mit dem theoretischen Flügel der Organisation. Denn während Martin Sellners wöchentliche Heidegger-Rezeptionen und die Anlehnungen an den Wiener Aktionismus eher wie der pseudointellektuelle Versuch wirken, möglichst viele Menschen von der scheinbaren Überlegenheit einer rechtsgerichteten Philosophie und dem Gedanken einer "nationalen Revolution" zu überzeugen, arbeiten im weniger aktionistisch ausgerichteten Hinterzimmer der IBÖ vor allem zwei Personen an den Beziehungen zu Russland.

Es sind der bereits oben erwähnte Alexander Markovics und Maximilian Dvorak-Stocker. Letzterer ist Mitglied der Wiener Burschenschaft Vandalia und entstammt einer Verlegerfamilie, die unter anderem an unzensuriert.at beteiligt ist und den rechtsextremen Ares Verlag betreibt.

Maximilian Dvorak-Stocker mit seiner Verlobten Bernadette Conrads. Conrads ist ebenfalls Aktivistin der IBÖ und kandidierte für die Wiener FPÖ. | Foto via linksunten.indymedia.org

Maximilian Dvorak-Stocker ist es auch, der gute Verbindungen zum deutsch-russischen Netzwerker und Rechtsaktivisten Jurij Kofner unterhält. So sitzt Dvorak-Stocker etwa im Vorstand von Kofners "Zentrum für Kontinentale Zusammenarbeit", dass für eine neo-eurasisch geprägte "Gemeinschaft" von "Lissabon bis Wladiwostok" eintritt und mit dem russischen Thinktank RIAC kooperiert, der wiederum vom russischen Außenministerium unterstützt wird.

In Jurij Kofners Umfeld bewegt sich neben Persönlichkeiten wie dem Putin-Vertrauten Wladimir Jakunin auch der Neofaschist Alexander Dugin, der in Österreich Kontakt zum rechtsextremen Magazin Info-DIREKT pflegt und für den Blog der "Identitären" von Alexander Markovics interviewt wurde. Jurij Kofner wiederum interviewte auf der Konferenz des deutschen Compact-Magazins Martin Sellner und posierte mit ihm für ein Foto—wenn auch ohne Handshake, den es dafür schon mit dem russischen Außenminister Sergei Lawrow gab.

Wie gut die "Identitären" mittlerweile mit dem Kremel vernetzt sind, zeigt unter anderem das Interesse des russischen Senders RT Deutsch an der Gruppierung. So ist Alexander Markovics inzwischen gern gesehener Interviewpartner für den Propagandasender; zuletzt als Experte zur Bundespräsidentschaftswahl 2016.

Die identitäre Ursprungsgruppe W.I.R. | Screenshot via YouTube

Dass Markovics dennoch im Frühjahr 2016 den Chefsessel der IBÖ an das Duo Martin Sellner und Patrick Lenart abtreten musste, ist laut den Betreibern des Blogs Recherche Wien weniger eine Degradierung, als vielmehr ein strategischer Schachzug.

Die Hypothese von der Degradierung Markovics scheine zwar auf den ersten Blick sinnvoll, aber dabei übersehe man sein Betätigungsfeld als Kontakmann ins Ausland und zur FPÖ, heißt es: "Die Identitäre Bewegung hat über die Veränderung ihrer internen Strukturen Kader aus den vordersten Reihen des Aktivismus abgezogen, damit diese sich abseits medialer Aufmerksamkeit ihrer Kooperation mit eurasischen und anderen faschistischen Organisationen widmen können", schreibt Recherche Wien. "Allen voran Alexander Markovics, der eben nicht herab gestuft wurde, sondern durch seine Funktion als Sprecher einer 'AG Theorie' sogar aufgewertet wurde".

Dass die IBÖ, wie manche Beobachter vermuten, auch Geld aus Moskau bekommt, konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Laut Standard-Informationen hat die IBÖ aber zumindest von der Initiative Ein Prozent—einer deutschen Gruppierung, die ebenfalls der Neuen Rechten entspringt—Spenden im fünfstelligen Bereich bekommen.

Während die "Identitären" also aktionistisch eher am absteigenden Ast sitzen, können sie ihr internationales Netzwerk vor allem in den Osten ungehindert ausbauen, womit auch für Moskau neue Anknüpfungspunkte in Österreich entstehen. Diese Entwicklung in Zukunft zu beobachten sollte für Medien wichtiger sein, als brav die PR-Arbeit zu ihren Mikro-Aktionen zu übernehmen.

Paul auf Twitter: @gewitterland


Titelfoto: David Prokop