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Willkommen in der Twin Zone

„Glaubst du, wir könnten Selena Gomez ficken?“, fragte die Stimme am anderen Ende meines iPhones vor etwas mehr als einem Jahr. Sein dunkles Tennessee-Näseln gab dem Wort ficken eine besondere Note.

Fotos von Paul Birman, Chris Nieratko und Troy Stains
Archivfotos mit freundlicher Genehmigung der ATL Twins




Thurman und Sidney Sewell, besser bekannt als die ATL Twins, im Bett ihres Penthouses in der Innenstadt von Atlanta, eng an den Hintern einer Frau geschmiegt.

„Glaubst du, wir könnten Selena Gomez ficken?“, fragte die Stimme am anderen Ende meines iPhones vor etwas mehr als einem Jahr. Sein dunkles Tennessee-Näseln gab dem Wort ficken eine besondere Note.

„Ja, klar. Natürlich“, antwortete ich. „Wer ist Selena Gomez?“

„Das ist diese Disney-Schlampe.“

In dem Jahr nach dieser Unterhaltung wurde mir klar, dass die meisten Leute mir kaum glauben würden, dass ich bis zu dem Zeitpunkt, als Sidney und Thurman Sewell—besser bekannt als die ATL Twins—sie an dem Tag am Telefon erwähnten, einen der größten weiblichen Jungstars auf dieser Welt nicht kannte. Aber was Disney anbetraf, hatte ich ein wenig den Anschluss verloren. Die einzige Disney-Schlampe, die ich kenne, ist Minnie Maus. Und obwohl ich Selena und ihre angesagte Disney-Teenie-Fernsehsendung Die Zauberer vom Waverly Place vor unserem Gespräch nicht kannte, bin ich immer noch zuversichtlich, dass Thurm und Sid ihr eines Tages gemeinsam all ihre jungen Körperöffnungen penetrieren werden. Denn darum geht es bei den ATL Twins. Es war also seltsam, dass sie so zögerlich wirkten.

„Aber sie ist doch mit Justin Bieber zusammen“, fuhr Thurm fort.

„Glaubst du etwa, Justin Bieber hat einen 23-Zentimeter-Schwanz?“, fragte ich.

„Und selbst wenn, er hat definitiv keine zwei davon.“

„Nee, das glaube ich nicht“, sagte Thurm und fing hysterisch an zu lachen.

Und das, liebe Freunde, bekommt ihr, wenn ihr die ATL Twins fickt: 46 Zentimeter explosiven harten Schwanz von beiden Seiten. Sie kommen im Paket. Die Zwillinge hatten mich angerufen, um mir zu sagen, dass sie gerade für Spring Breakers, Harmony Korines wunderbaren neuen Film über vier Bikinimädchen beim Spring Break in St. Petersburg, Florida, gecastet worden waren. Den Mädchen—Ashley Benson, Rachel Korine und die ehemaligen Disney-Stars Selena Gomez und Vanessa Hudgens—wächst die Situation total über den Kopf, als sie bei einer außer Kontrolle geratenen Party festgenommen werden und ein bewaffneter Drogendealer namens Alien, gespielt vom zum Mistkerl mutierten James Franco, sie und die Zwillinge, Aliens stumme Handlanger, gegen Kaution aus dem Gefängnis holt. Auch wenn die Zwillinge im Film kein einziges Wort sagen, ist ihre Präsenz ebenso denkwürdig wie die der Hauptdarsteller und ihr beunruhigendes Schweigen trägt noch zu ihrem geheimnisvollen Nimbus bei.

Die gesamte Besetzung liebte die Zwillinge. Wochen vor der Veröffentlichung des Films sagte Selena Gomez im französischen Radio, dass sie und die Mädels sich über ihre Eskapaden sehr amüsiert hätten. Und James Franco war so beeindruckt von der Zusammenarbeit mit ihnen, dass er sich zu einem Gedicht inspirieren ließ, das hier erstmalig veröffentlicht wird:

Double

Something scary: There is a pair of twins
From Atlanta.
They’re identical.

They’ve got hip-hop style
And chase ambulances
For a living.
But they want to be famous.

They’re the same person
In two bodies.
They are never apart.
They sleep in the same bed,

Finish each other’s sentences,
And share their women.
They like double penetration,
It’s all they talk about.

At one point they were engaged
To a Penthouse model;
Only one would have been legal,
But they both would have kissed

Her at the wedding ceremony.

Seit sie auf dieser Erde sind, waren die ATL Twins nie länger als die sechs Stunden getrennt, die Sidney einmal wegen Trunkenheit am Steuer in einer Zelle verbringen musste. Ansonsten sind sie immer zusammen, abgesehen von wenigen Minuten hier und da, die sie zum Scheißen, Rasieren und Duschen benötigen. Sämtlicher Besitz, sämtliche Gefühle und Erfahrungen werden geteilt: Sie besitzen ein Auto, ein Bett und schlafen mit derselben Frau. Mit 13 verloren sie ihre Jungfräulichkeit synchron an eine 21-jährige Stripperin und sie waren beide einmal mit einem Penthouse-Mädel verlobt, das, so die Zwillinge, ihnen das Herz brach, nachdem ihre Eltern es dazu gezwungen hatten, sie zu verlassen. Eines Tages möchten sie Vater der Kinder einer Frau werden, was wenig überrascht, wenn man bedenkt, dass sie sich selbst als eine Person mit zwei Körpern empfinden. Sie sind spiegelbildliche Zwillinge, was heißt, dass die Eizelle, aus der sie hervorgegangen sind, sich etwa zehn Tage nach der Befruchtung geteilt hat, was richtig spät ist (noch ein bisschen länger und das Risiko, siamesische Zwillinge zur Welt zu bringen, steigt dramatisch). Sie sind genetisch und physisch identisch, aber ihre äußeren Merkmale sind spiegelverkehrt. Sid ist Rechtshänder, Thurm Linkshänder. Wenn sie einander gegenüberstehen, bemerkt man, dass sich die vermeintlichen kleinen Unterschiede in ihrem äußeren Erscheinungsbild eigentlich nur spiegeln.

Seit ich sie vor anderthalb Jahren kennenlernte, bin ich der Meinung, dass die ATL Twins der feuchte Traum eines Psychologen sind, und wie das meist bei Psychosen ist, wurde ihre Wahrnehmung der Realität bereits in jungen Jahren geprägt. Sie wuchsen in äußerst armen Verhältnissen in Chattanooga auf und mussten schon sehr früh mit einer großen Zahl Kakerlaken Freundschaft schließen, von Lebensmittelmarken leben und sich quasi selbst aufziehen. Doch auch wenn ihre Kindheit von vielen Schwierigkeiten gekennzeichnet war, waren sie doch Teil einer liebevollen Familie, die versuchte, das Beste aus ihrem Leben zu machen, auch wenn sie nicht gerade vom Glück verfolgt war.
 


Familienfotos von den Zwillingen mit ihren beiden Schwestern, Mutter und Vater. Sie waren zwölf, als sich ihr Vater beim Gewichtheben verletzte. Das sollte das erste einer langen Reihe gesundheitlicher Probleme sein, darunter Diabetes und die Abhängigkeit von einem Herzschrittmacher. Irgendwann nahm er Täglich Dutzende von Medikamenten ein.

„Du musst dir vorstellen, wie wir aufgewachsen sind. Meine ganze Familie hat in einem Bett geschlafen, wir alle fünf“, sagten sie (da die Zwillinge häufig die Sätze füreinander beenden und manchmal gleichzeitig sprechen, wird ab hier jedes Zitat beiden zugeschrieben). „Wir hatten uns das nicht ausgesucht und es war normal. Wir lebten in Ghettosiedlungen. Die Gegend von Chattanooga, in der wir aufwuchsen, war rau. Um uns herum gab es einige Mörder und eiskalte Motherfucker. Der Film Gummo vermittelt einen ziemlich guten Eindruck davon, wie es damals war. Leute versuchten, einen zu kidnappen. Es gab Prostituierte und Drogendealer. Das alte weiße Paar, das noch in dem Haus hinter uns wohnte, wurde bei einem Einbruch ermordet—sie haben den Typen und seine Frau totgeprügelt.“

Angesichts dieses Umfelds mussten Sid und Thurm schnell erwachsen werden und sich umeinander kümmern. Sie waren erst zwölf, als sich ihr Vater beim Gewichtheben verletzte und an der Schulter operiert werden musste. Das sollte das erste einer langen Reihe gesundheitlicher Probleme sein und innerhalb weniger Jahre erkrankte er an Diabetes, bekam einen Schrittmacher eingepflanzt und musste täglich Dutzende von Medikamenten nehmen. Die Dinge wurden so schlimm, dass ihre Mutter auszog. So mussten sie sich ohne große Hilfe von außen, so gut es ging, selbst um ihren Dad kümmern.

„Als wir 14 waren, ist unser Dad in unseren Armen gestorben“, erinnern sich die Zwillinge an den Tod ihres Vaters. „Es war an einem Freitagabend, wir waren draußen skaten und wollten die ganze Nacht feiern, aber dann bekamen wir so ein seltsames Gefühl, dass wir besser heimgehen sollten. Wir gingen nach Hause und haben die ganze Nacht mit unserem Dad abgehangen. Wir haben uns den Film Tombstone angesehen, den ich seitdem nie mehr gesehen habe und nie wieder sehen werde. Wir hatten Spaß, haben über Sex geredet und es ging ihm gut. Am nächsten Morgen weckte er uns und sagte, es ginge ihm nicht gut. Ihm war schwindlig und er meinte, er würde gleich in Ohnmacht fallen. Wir riefen 911 an, wo man uns sagte, wir sollten es mit Mund-zu-Mund-Beatmung versuchen, während der Notarzt unterwegs sei, aber es hat nicht geholfen. Der Notarzt kam und versuchte es mit dem Defibrillator, aber es hat auch nicht geholfen. Wir wurden hysterisch. Sie haben nicht gesagt, dass er tot sei, aber tief im Innern wussten wir es. Sie nahmen ihn mit und eine Stunde später riefen unsere Tanten an und teilten uns seinen Tod mit.“

Der Tod ihres Vaters gehört zwar zu den traumatischsten Erinnerungen in ihrem Leben, doch ihre Unfähigkeit, sich länger als ein paar Augenblicke zu trennen, war schon lange vorher offensichtlich. Ihre Mutter Patricia sagte dazu: „Mit zwei Jahren kamen sie in die Kinderkrippe. Eines Tages war einer von ihnen krank, der andere nicht. Als ich den Gesunden von ihnen mitnehmen wollte, hielten sie einander so fest, dass ich sie nicht auseinanderbringen konnte. Sie weinten und schrien so sehr, dass es einem das Herz zerriss. Es erübrigt sich wohl zu sagen, dass sie an diesem Tag beide zu Hause blieben.“

Trotz dieses frühen Starts in die Schullaufbahn kamen die Zwillinge jedoch nicht über die achte Klasse hinaus. Ehrgeiz entwickelten sie nur beim Skateboarden. Als ihr Vater starb, hatten sie kein Zuhause mehr, also zogen sie in die Kellerwohnung ihrer 17-jährigen Schwester, wo sie auf dem Boden schliefen. Tagsüber skateten sie, und das jeden Tag, und nachts feierten sie.


LINKS: Sid zeigt stolz seine Schlangenhalskette. RECHTS: Thurm lächelt, als er von einer seiner zahlreichen Freundinnen umhalst wird.

„Es war unglaublich“, erzählten sie, „aber eines Tages tauchte um halb vier nachmittags ein für Schulschwänzer zuständiger Beamter auf. Wir waren gerade aufgewacht, weil wir normalerweise den ganzen Tag verschliefen, und wir waren total erschrocken. Wir vögelten ein älteres Mädchen, das nach Atlanta wollte, um dort als Stripperin zu arbeiten, und wir riefen es an und baten es, uns nach Atlanta mitzunehmen, weil unsere Mutter gerade dort hingezogen war. So sind wir in Atlanta gelandet.“

Als die Zwillinge zum ersten Mal ins Haus ihrer Mutter kamen, hatten sie das Gefühl, eine Crackhöhle zu betreten, was von der Wahrheit gar nicht so weit entfernt war. Das Garagentor war eingerammt und drinnen hatte jemand Löcher in alle Wände gestanzt und den Fernseher zertrümmert. Sie brauchten nicht lange, um herauszufinden, dass der ebenfalls im Haus lebende Freund ihrer Mutter, Kevin, für die Verwüstungen verantwortlich war. Schnell wurde klar, dass die Situation vor Ort außer Kontrolle geraten war.

„Wir rauchten gerade in unserem Zimmer mit diesem riesigen Bett Gras mit einer älteren Stripperin, die halbnackt herumlief“, erzählten die Zwillinge.

„Es war so gegen ein Uhr morgens, als wir diesen Scheißkerl an der Tür klopfen hören. Klang ziemlich nach den Bullen. Wir sind total high und denken wegen dieser Schulschwänzersache, dass sie uns holen kommen. Dann kommt dieser Typ Kevin mit seinen Speedos rein, gibt der Stripperin einen Beutel Crack und sagt: ‚Hier! Stopf dir das in die Unterhose, Süße!‘ Und zu uns meint er: ‚Ihr habt mich nicht gesehen!‘ Er rennt raus und kurze Zeit später wird die Tür aufgetreten und all diese Cops kommen rein und wollen wissen, wo Kevin ist. Sie fangen an, den Raum zu durchsuchen; es riecht nach Gras, wir haben diese ältere Braut da, sie fragen: ‚Was zum Teufel geht hier ab?‘ Draußen im Flur steht heulend meine Mutter und weist mit dem Kopf in Richtung Dachbodenluke. Sie steigen rauf und holen ihn, er ist komplett in Dämmmaterial eingewickelt und schreit: ‚Baby! Tu das nicht!‘ Daraufhin erzählt uns unsere Mutter: ‚Er hat mich jetzt zwei Tage lang als Geisel festgehalten, mein Auto gestohlen, mich gezwungen, Crack zu kaufen, und das Haus demoliert. Ich konnte die Bullen rufen, als er kurz mal nicht aufgepasst hat.‘ Das war unser erster Tag in Atlanta.“

Auch wenn das Verhältnis der Zwillinge zu ihrer Mutter gelegentlich etwas angespannt ist, freut sie sich doch sehr über ihren Erfolg. „Allen Widrigkeiten zum Trotz“, sagte sie, „haben Sidney und Thurman es geschafft, Beeindruckendes zu erreichen. Ich bin stolz auf sie. Sie haben ein ausgeprägtes Verlangen, reich und berühmt zu werden, und ich weiß, dass sie ihr Ziel erreichen werden, weil sie das nötige Charisma, die Energie und die Entschiedenheit besitzen, um alles zu erreichen, was sie sich vornehmen. Ich wünschte nur, sie würden weniger trinken und mehr schlafen.“


Die Zwillinge tollen mit einer reizenden jungen Frau, die nicht nur eine Art von Schlange betören kann, in ihrem Bett herum.

Die Zwillinge hatten mich Anfang 2012 angerufen,weil sie mit mir über ihren steilen Aufstieg zu Ruhm und Berühmtheit und all die Möglichkeiten reden wollten, die sich für sie ergeben hatten, nachdem ich sie im August 2011 erstmals für VICE.com interviewt hatte. Damals war ich für eine Reportage über eine Skatetour von Red Bull für das Magazin Skateboarder unterwegs. Millionen Leser auf der Website von VICE wollten mehr über „diese verrückten Zwillinge mit der Doppelpenetration“ erfahren. Da sie 20 Jahre lang die meiste Zeit geskatet hatten, hatten sie Freunde unter den berühmtesten Namen der Skateboardszene. Guy Mariano, der ehrwürdige Skateboardprofi von Girl Skateboards, beschreibt sie als „Straßenkulturphänomen. Sie machen einfach überall ihr Ding und ob du damit einverstanden bist oder nicht, sie sind faszinierend. Die Zwillinge sind ein Gewinn für alle.“

Wegen dieses ersten Interviews für VICE.com gelte ich bei Sid und Thurm als ihr „Entdecker“, aber ich finde das ein wenig übertrieben. Sie waren schon seit mehr als 20 Jahren da, bevor wir uns an diesem schicksalhaften Tag in Atlanta trafen—Leute aus ganz Tennessee und Georgia kannten die beiden Skaterzwillinge bereits, die ständig Party machten, die gleichen Mädchen vögelten und generell einfach Amok liefen, wenn es ihnen gerade gefiel.

Man muss den Zwillingen zugutehalten, dass sie jedem, der sie danach fragt, erzählen, dass ich es war, der ihnen zu ihrer derzeitigen Berühmtheit verholfen hat. Und da mein Name unter dem Interview abgedruckt war und sie bis zum heutigen Tag noch immer keinen Agenten oder sonst jemanden haben, der sie vertritt, war es oft meine Nummer, die Hollywood anrief, um ihnen Film- und Fernsehauftritte aller Art zu unterbreiten. Monatelang wehrte ich Anfragen von großen Sendern und den Produzenten der erfolgreichsten Reality-Shows in der Geschichte ab. Nichts davon schien zu dem zu passen, was sie wirklich waren: zwei arme White-Trash-Skater aus Tennessee, die die Schule abgebrochen hatten und auf der Suche nach einem besseren Leben in die große Stadt gekommen waren. Auf dem Weg zur Verwirklichung des American Dream mussten sie allerdings eine Menge Scheißjobs übernehmen—in Babies“R“Us, Wendy’s, einem Ausbeuterladen, wo sie Briefumschläge füllten, als Hilfskräfte eines Klempners (eine anstrengende Angelegenheit, arrangiert vom Vater ihrer Ex-Verlobten, der einen Installationsbetrieb besaß) und als Briefboten—, bevor sie durch Zufall eine Chance erhielten, durch die sie sich den Lebensstil leisten konnten, den sie sich als Kinder immer gewünscht hatten. Sie wurden Assistenten eines örtlichen Anwalts, der schnell bemerkte, dass sie mit ihrem Charme alles und jeden überzeugen konnten.

„Was passierte, ist, dass einer unserer Freunde Unterstützung bei der Auslieferung von Weihnachtsgeschenken für diesen Anwalt brauchte, für den er arbeitete. Wir meinten sofort: ‚Hey, klar, wir helfen dir!‘ Und wir haben das klasse hingekriegt. Der Anwalt war total beeindruckt. Wir sagten ihm, dass er uns anheuern solle, dass wir alles tun würden, was er will. Wir würden sein Kind hüten, irgendwas, egal was. Eines Tages rief er uns an und sagte, sein Assistent habe eine ernste Sache mit dem Herzen und würde für Monate ausfallen. Der Anwalt meinte, er würde uns sofort einstellen. Er forderte uns auf, unsere Jobs zu kündigen und am nächsten Morgen zu erscheinen. Das war vor zehn Jahren und der Rest ist Geschichte. Wir sind da reingeraten, ohne irgendeine Ahnung von diesem juristischen Scheiß zu haben, aber wir haben aufgepasst und gelernt. Ihm hat es gefallen, dass wir zu zweit waren: vier Augen, vier Hände, zwei Hirne. Damals haben wir Geschmack an Geld gefunden. Wir haben unser gesamtes Gehalt für Kleidung ausgegeben. Es war magisch. Wir sind in ein Hochhaus mit Blick auf die Innenstadt von Atlanta gezogen und haben uns einen Range Rover gekauft und selbst bezahlt. Es ist witzig, dass dies sonst Leute machen, die ihr ganzes Leben zur Schule gegangen sind, während wir nicht einmal in der Highschool waren. Aber wir kennen uns so gut aus, dass wir jederzeit die Examensprüfung bestehen und als Anwalt arbeiten könnten.“


Die Zwillinge entspannen nach einer Session im Skatepark Da Playground in Atlanta.

Jamie Thomas, der legendäre Profiskateboarder und Eigentümer von Black Box Distribution, der 2006 von Ernst & Young zum kalifornischen Unternehmer des Jahres ernannt wurde, kennt sich ein bisschen aus, wenn es ums Business geht, und fasst Sid und Thurms Erfolgskonzept so zusammen: „Die Zwillinge gehören zu den Leuten, von denen man hört, die man aber nie wirklich kennenlernt. Sie haben es aus einer nicht gerade prickelnden Situation zu Berühmtheit und Erfolg gebracht. Ob man sie nun liebt oder hasst, die Zwillinge haben Großes vor!“

Es lässt sich nicht leugnen, dass die Zwillinge eine echte amerikanische Erfolgsstory sind. Und doch wollten all die Produzenten und Agenten, die mich nach dem ersten Interview mit ihnen anriefen, ausschließlich hirnlose Sendungen über zwei Wigger machen, weiße Möchtegern-Nigger, die Möchtegern-Nigger-Sachen machen. Ihre Angebote endeten immer auf Sprüche wie: „… und dann kommen die üblichen Albernheiten.“ Was sie brauchten, war jemand mit Vision und Leidenschaft, jemand, der erkannte, dass Hollywood, Amerika und, ja, die Welt noch nie etwas wie die ATL Twins gesehen hatten und dass ihre Einmaligkeit mit Vorsicht zu behandeln war. Dieser Visionär war Harmony Korine. Er rief sie persönlich unangemeldet an, nachdem er mein Interview gelesen hatte, um ihnen das Angebot zu machen, dass er sie in sein Drehbuch für Spring Breakers einbauen würde, ein Film, der Korines übliche umstrittene Erzählweise hat, mit seiner Besetzung und seinem Thema einem „Mainstream“-Film jedoch näher kommt als irgendeiner seiner bisherigen Filme.

Harmony scheint Sid und Thurm aus den gleichen Gründen zu lieben wie ich: „Die ATL Twins sind die Verkörperung der großen, verderbten Schwachstelle Amerikas. Pathologische Vollpfosten und Hurenficker. Sie nehmen keine Nahrungsmittel zu sich; sie ziehen sich nur Drogen rein. Sie sind mystische Kotzbrocken der schlimmsten Art. Die Doppelpenetration von Nutten ist ihre Religion. Keiner von beiden hat je ein Buch gelesen. Keiner von ihnen hat je Gemüse gegessen. Sie schlafen im selben Bett und duschen zusammen. Alles, was sie wollen, sind Ruhm und Weiber. Sie sind die verkommensten Menschen Amerikas. Ich bewundere sie beide. Sie sind frei von allen Zwängen. Sie werden die Erde übernehmen und sie kopfüber ins Verderben stürzen.“

Eine der älteren Schwestern der Zwillinge, Clarissa (die Schwester, die Harvard mit einem B.A. abgeschlossen hat, nicht die, bei der sie mit 17 einzogen), schließt sich Harmonys Meinung an, auch wenn sie andere Adjektive benutzt: „Meine Brüder sind absolut loyal und liebevoll—eine seltsame Mischung aus introvertierter Einsicht und extrovertiertem Hedonismus. Jegliche Selbstzweifel oder Ängste, die eine Einzelperson empfinden würde, werden durch die Liebe und Unterstützung, die sie einander als Zwillinge geben, zunichte gemacht.“


Auf dem Weg zur Arbeit rufen die Zwillinge im Flur ihres Apartmentgebäudes Erinnerungen an The Shining wach. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt als Assistenten eines mächtigen Anwalts in der Stadt.

Damit sind wir wieder bei dem Verlangen der Zwillinge nach schmutzigem Sex mit einem ganz bestimmten 20-jährigen Superstar. Einige Wochen nach Ende der Dreharbeiten zu Spring Breakers riefen sie mich an.

„Wie sieht’s aus, habt ihr Selena Gomez gevögelt?“, fragte ich sie.

„Nein, wir wussten, dass das nicht passieren würde. Sie wurde ständig bewacht und beschützt; ihre Mutter und ihr Bodyguard waren immer bei ihr. Aber sie war verdammt cool. Harmony hat allen erzählt, was für große Schwänze wir haben, und er meinte: ‚Ihr müsst sie zeigen! Zeigt ihnen das Foto von euren Schwänzen!‘ Also holten wir unser Telefon raus und sie schaute es sich an. Sie hat nur darauf gestarrt und nichts gesagt.“

„Aber ihre Fans hatten so einiges zu sagen, oder?“

„Oh, Mann. Das war schlimm. Wir vögeln mit einer Menge Mädels, also ist unser Instagram ziemlich versaut und irgendwie kommen wir damit durch. Wir sind also da hin und Ashley Benson postet ein Foto von uns auf Instagram und plötzlich geht die Post ab und wir haben einen Riesenhaufen neuer Follower. Dann hat Selena ein Foto mit uns gepostet und ihre Tweeny-Fans fingen an mit ‚Iiieeh … ekelhaft‘ und ‚Das werde ich melden!‘ Und dann wurden wir plötzlich aus Instagram ausgesperrt, Konto futsch. Wir waren sauer und fingen an, auf Twitter Scheiße zu erzählen, wie ‚Scheiß auf alle diese verklemmten Selena-Fans!‘. Du lieber Himmel, diese Arschlöcher sind richtig ausgeflippt. Sie haben uns angegriffen. Schließlich haben wir eingelenkt, ‚OK! Es tut uns leid! Wir geben auf! Lasst uns in Ruhe!‘“

Ich weiß, dass sich viele Leute bereits eine Meinung über die ATL Twins gemacht haben, und kann das verstehen. Aber noch ist nicht die ganze Geschichte von Sid und Thurm erzählt und auch das, was ich hier schreibe, kratzt nur an der Oberfläche. Sie kennenzulernen, lässt einen nie wieder los, egal, welche Meinung man danach von ihnen hat. Durch harte Arbeit und Beharrlichkeit ist es ihnen gelungen, Träume zu realisieren, die sie nie für möglich gehalten hätten; sie sind allerdings nicht länger damit zufrieden, in einem Penthouse in Atlanta zu leben und einen aufgemotzten Range Rover zu fahren. „Wir wollen Millionen machen wie Justin Bieber“, sagten sie. „Wir würden wirklich gern mehr schauspielern. Wir wollen absolut berühmt sein: bumsen, Klasseweiber vögeln. Wir hatten früher gar nichts und jetzt, wo wir einen Vorgeschmack auf mehr hatten, wollen wir mehr. Wir wollen Millionäre sein. Wir wollen Promis ficken. Wir wollen sie alle ficken! Wir wollen Lindsay Lohan ficken!“

„Wie schwer soll es jetzt noch sein, Lindsay Lohan zu ficken?“, fragte ich.

„Denkst du, dass jeder sie ficken kann?“

„Ihr schon“, versicherte ich ihnen.

„Nicht nur wir, denkst du, jeder kann Lindsay Lohan ficken?“

„Ja, das denke ich. Ich würde darauf wetten, dass sie bei Craigslist ist.“

Unabhängig davon, ob sie Lindsay Lohan noch DP’en können, bevor sie in einem Haufen Kotze und Kokain untergeht, die Zwillinge machen weiter. Das haben sie immer. Und soweit ich das sehen kann, gibt es nur eine Sache, die sie aufhalten könnte, nämlich sich dieser grausamen Welt einzeln und allein stellen zu müssen.

„Ihr habt eben erzählt, wie man in Chattanooga versucht hat, euch zu kidnappen“, meinte ich. „Was würde passieren, wenn einer von euch geschnappt und auf unbestimmte Zeit vom anderen getrennt würde?“

„Wir würden unter Verlustängsten leiden und etwas Schlimmes würde passieren“, so ihre Antwort. „Leute fragen uns, was geschehen würde, wenn einer von uns stirbt … nun, der andere würde ebenfalls sterben und vom Balkon springen oder so. Wir können absolut nicht ohne den anderen leben. Niemand kann verstehen, was es heißt, wie wir zu sein, so wie wir nie verstehen werden, was es heißt, allein oder einsam zu sein. Letzten Endes haben wir immer noch uns.“

Der Film "Spring Breakers", in dem die ATL Twins an der Seite von James Franco zu sehen sind, läuft in Österreich am 21.3. 2013 an.

Einen Eindruck von dem außergewöhnlichen Leben der ATL Twins erhaltet ihr in unserer dreiteiligen Dokumentation The Twin Zone, die im gesamten März neben einer unzensierten Version auf VICE.com auf YouTube zu sehen ist.