Evgeny hat sein altes Leben aufgegeben, um gegen Russland zu kämpfen

Was würdest du tun, wenn ein Nachbarland plötzlich deine Heimat angreift?

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Als der Angriff begann, lag Evgeny Slavnyi im Bett. Seine Freundin Eugenia lag neben ihm, der Pudel Percival auf dem Fußboden. Es war fünf Uhr morgens, als die ersten Anrufe kamen. Natürlich ging er nicht ran, wer geht um fünf Uhr morgens schon ans Telefon? Als es immer mehr Anrufe wurden, die Nachrichten in immer kürzeren Abständen kamen, sah er doch auf sein Handy: "Hast du schon gehört … ?" 

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Evgeny scheint gerade aus der Dusche zu kommen, als er vor dem Computer in seinem Apartement sitzt und mit uns spricht. Er trägt ein T-Shirt, die etwa schulterlangen Haare hat er zurückgekämmt, sie glänzen feucht. Frisch sieht er aus, ausgeruht. Dabei habe er letzte Nacht kaum geschlafen. Warum, da ist er sich nicht sicher. Vielleicht sind es die Stapel von Leichen, die er wenige Tage vorher auf den Straßen Kharkivs gesehen hat, seine tote Kollegin oder der Junge ohne Beine, der einmal Tänzer werden wollte. 

Dann erzählt er, über mehrere Stunden. Vieles von dem, was er berichtet, lässt sich nicht oder nur schwer überprüfen.

Es ist Donnerstag, der 23. März. Gestern erst ist er zurückgekommen nach Kiew, in seine Heimatstadt. Die Stadt, an deren Ausläufern in diesen Tagen noch die russische Armee stand und mit Artillerie schoss, sehr wahrscheinlich Zivilisten ermordete und andere Kriegsverbrechen beging. Die Bilder aus Butscha und anderen Vorstädten Kiews belegen grausam eindrücklich, warum Evgeny tut, was er tut.

Dass Russland eine Gefahr für die Ukraine sein kann, vermutet er allerdings schon lange. Er habe Putins Rede auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2007 ernstgenommen, in der er sich gegen den Westen richtete und einen autoritären Führungsstil ankündigte. Außerdem habe er in China erlebt, wie ein autoritärer Staat arbeitet. Dort habe er seine Bachelorarbeit geschrieben, in Philosophie. 2011 ließ Russland ein oppositionelles Medium schließen und Evgeny erkannte: "Putin nimmt sich China zum Vorbild, um Russland zur Autokratie auszubauen. Putin will in Russland das gleiche machen wie China."

Hinzu kam die konstante Propaganda gegen die Ukraine. "Es war verrückt, ich lebte in Kiew, sprach seit meiner Kindheit Russisch und hörte Putin sagen, dass alle, die Russisch sprechen, unterdrückt würden", sagt Evgeny. "Ich fragte mich, wie der Anführer eines Landes im Fernsehen so offen lügen konnte."

Eine Kette hängt um Evgenys Hals und liegt fast unbeweglich auf dem Shirt, während er erzählt. Leger sieht er aus und doch schick. "Mit Militärklamotten kannst du im Dreck sitzen oder auf der Straße, es ist dir egal. Dabei war Kleidung immer etwas, was mir wichtig war", sagt Evgeny.

Evgeny mit Freunden, früher. Foto: Privat

Eigentlich, in einem früheren Leben, wohnte Evgeny in dem Apartment, in dem er jetzt sitzt und mit VICE spricht. Die Wohnung liegt in der Nähe vom Goldenen Tor. Erst am 23. Februar habe er die Anzahlung dafür geleistet. "Das Viertel ist nicht besonders teuer oder zentral", sagt Evgeny. "Aber cool. Es ist jung, voller hipper Cafés, Bars und Technoclubs. Hier treffen sich die jungen Kreativen der Stadt." Ohne die Hilfe dieser Menschen würde Evgeny heute womöglich auch nicht mehr das tun, was er tut.

Der 30-Jährige ist selbst einer der jungen, gebildeten und pro-westlichen Ukrainer, wegen denen Kiew in den letzten Jahren zur osteuropäischen Partyhauptstadt erklärt wurde. Vor einigen Jahren wurde hier eine Art Ableger des Berghains eröffnet, ein geheimer Technoclub ohne Namen, der schon lange nicht mehr geheim ist, dessentwegen aber unzählige Touristen kamen, um die Technoszene der ukrainischen Hauptstadt kennenzulernen. "Ich liebe Partys", sagt Evgeny. "Aber ich habe jetzt einen Job, eine Freundin, einen Hund. Ich bin ruhiger geworden."

Das Leben in Kiew vor dem russischen Angriff. Foto: Privat

Evgeny arbeitet in einer Werbeagentur, sagt, er habe schon mit Miley Cyrus gearbeitet und Werbung für Lacoste gemacht. Sein Englisch hat einen ukrainischen Einschlag, ist dabei sehr gut: "Weil ich so viel Netflix gucke", sagt Evgeny und lächelt.

Er war also selbst Teil der jungen kreativen Szene Kiews, bevor Russland auch ihn zwang, sein Leben radikal zu ändern. Vorher arbeitete er als Video-Producer, seine Freundin Eugenia ist Model und der gemeinsame Hund Percival hat ein eigenes Profil auf Instagram. Bei seinem letzten Post, einem Foto von seinem weißen Flausch-Gesicht mit ordentlich getrimmtem Haar, steht "Stop War, I want to see my parents again" und dahinter das Emoji von einer Brezel. 

Einen Tag nachdem Evgeny die Anzahlung für seine Wohnung geleistet habe, nach wochen-, ja monatelangen Drohgebärden, einem riesigen Aufmarsch an der Grenze, greift Russland die Ukraine an. Das Nachbarland ist einfach einmarschiert, Hunderttausende Soldaten, gigantisches Kriegsgerät, Luftangriffe im ganzen Land, Morde, Vergewaltigungen. Daran habe selbst Evgeny nicht geglaubt. 

"Es war surreal. Die Welt, in der du lebst, zerbricht. Sie existiert plötzlich nicht mehr", sagt er "Ich hätte nie gedacht, dass der Krieg kommen würde", erzählt er weiter. "Man fragt sich vielleicht mal, was man in einem solchen Moment fühlen würde. Aber das weißt du erst, wenn du es erlebst."

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Am Tag nach dem russischen Angriff sei er nicht zur Arbeit gegangen, erzählt Evgeny. Stattdessen trifft er sich mit Freunden. Sie sitzen rum, lesen Nachrichten, diskutieren, saufen. Was soll man auch machen, an dem Tag, an dem das eigene Land angegriffen wird, außer rumsitzen, Nachrichten lesen, diskutieren und saufen? Sie sehen die Fotos der bombardierten Städte, während die Sirenen heulen und vor Luftangriffen warnen. Er fühlt sich machtlos. "Was sollte ich jetzt machen? Das war mein Leben, meine Zukunft", sagt er. Er muss etwas tun. 

Gemeinsam mit einem Freund beschließt er, der Territorialverteidigung beizutreten. Zuvor habe er einen Werbeclip für diese Organisation der Streitkräfte produziert. Ein Kumpel, Kameramann, sei angefragt worden, ob er ihn drehen könnte. Also habe er Evgeny, den Videoproduzenten gefragt. Der freute sich, wollte schon ewig mal wieder mit seinem Freund zusammenarbeiten. Und ein Dreh für die Territorialverteidigung klang auch gut, im Wald sein, mal rauskommen. Evgeny sagt, er tat es nicht fürs Geld und nicht im Auftrag seiner Agentur, sondern in seiner Freizeit und aus Bock auf den Auftrag. Er wusste nicht, dass dieser Dreh ihn zum Soldaten machen würde.

Evgeny mit einem Kumpel in einem Fahrgeschäft | Foto: Privat

Er habe also dem Auftraggeber von damals geschrieben, gefragt, was er tun könne. Der habe Bilder zurückgeschickt: In kompletter Kampfmontur, "wie so ein richtiger Krieger": Sie sollen sich auch bei der Territorialverteidigung melden, das sei gerade das einfachste. 

Eigentlich wollte Evgeny nie zum Militär. Er hat doch extra studiert. Studierende absolvierten damals während des Studiums nur eine Grundausbildung. Sie schossen ein paar mal, hoben einen Schützengraben aus, studierten Taktiken und lernten die Dienstgrade der Armee auswendig. Ein paar Wochen Soldat spielen. Aber jetzt ist die Situation eine andere.

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Ein unpolitischer Mensch war Evgeny auch nie. Schon 2013 habe er mit anderen Revolutionären auf dem Maidan gestanden, dem wichtigsten Platz Kiews, und für eine Westbindung der Ukraine und gegen den pro-russischen Präsidenten Janukowitsch demonstriert. Wenn man heute über den zähen Widerstand der doch auf dem Papier so unterlegenen ukrainischen Streitkräfte redet, führen einige das auch auf die erfolgreiche Revolution zurück, die auf dem Maidan ausgetragen wurde. Als die Bevölkerung Kiews und der Ukraine erlebte, dass sie sich gegen einen ungleich stärkeren Gegner behaupten konnte, wenn sie nur zusammenhielt.

Freiwillige an die Front

Die Territorialverteidigung besteht heute aus Reservisten und Freiwilligen, auch aus dem Ausland. Bis vor Kurzem war sie regional organisiert und nicht direkt Teil der Armee. Ihre Aufgaben umfassen in normalen Zeiten eher die Unterstützung der regulären Armee. Als die russische Armee einmarschierte, wurde sie aktiviert, um das Land zu verteidigen.

Nun aber, auch wegen des russischen Einmarschs, sollen die Freiwilligen der Territorialverteidigung in die Reserve der regulären Streitkräfte eingegliedert werden. "Heute könnte ich noch sagen: Ich bin müde, will nicht mehr kämpfen. Ich gehe nach Hause. Ab morgen gelte ich dann als Deserteur, wenn ich den Vertrag unterschreibe", sagt Evgeny Ende März.

Am 25. Februar, einen Tag nach dem russischen Überfall, verteilt die Territorialverteidigung 18.000 Gewehre an Menschen in Kiew, die sich freiwillig gemeldet hatten, um die Stadt zu schützen. Einer davon ist Evgeny, doch so einfach, wie das klingt, ist es nicht.

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Die Schlange vor dem Registrierungsbüro ist lang. Sehr lang. 36 Stunden lang. So schildert es Evgeny. Dabei wollen sie sich nur einschreiben. Jetzt stehen sie stundenlang in der Kälte, gehen zwischendurch nach Hause, schlafen und reihen sich erneut ein. Eigentlich sind sie zu viert, aber einem wird die Wartezeit bald zu lang. Er geht stattdessen zur Nationalgarde. "Das ist mehr wie bei der Armee. Er muss sich den Kopf rasieren und so. Ich hoffe, dass ich das vermeiden kann. Ich mag mein Haar", sagt Evgeny. 

Auf die Haarpracht kann man stolz sein. Foto: Privat

Sie unterschreiben also ein paar Dokumente, etwa dass sie ein Gewehr bekommen haben, dann schickt man sie auf ihre Posten, um die Verteidigung vorzubereiten. "Wir hatten nur unsere zivilen Klamotten an", sagt Evgeny. Am zweiten Tag habe er seine Entscheidung zum ersten Mal hinterfragt. "Ich fror einfach", sagt er. Es war ja Winter. Sein Gewehr, ein AK-74, war nicht das modernste und die vier Magazine dazu würden ihm auch nicht lange helfen, wenn der Feind käme. "Wir hatten kein Essen, keine Schlafsäcke, nichts", sagt Evgeny. "Wir schliefen auf Styropor-Platten in einer Tiefgarage und deckten uns mit Plastiktüten zu."

Das Goldene Tor

Aber die Menschen vom Goldenen Tor sind hilfsbereit und Evgeny ist gut vernetzt. Er schildert, wie er damals seine Freunde und Kollegen aus der Agentur anruft, um Unterstützung bittet. Und die helfen ihm. Die Hipster-Cafés, -Restaurants und Technoclubs beginnen, für die Freiwilligen zu kochen, Vorräte und Ausrüstung zu schicken. Heizstrahler, Handschuhe, Socken, Messer. Erst in der zweiten Woche bekommt er seine richtige Uniform von der Regierung. 

"Aber klar, die musste zuerst die Armee unterstützen. Das sind Helden, die haben an so vielen Fronten gekämpft, Norden, Süden, Osten, und den ersten Schlag einstecken müssen", sagt Evgeny. Er habe seitdem trainieren können. Und erst jetzt, da die Armee schon einen Monat kämpft, werde er übernehmen. 

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Bei der Territorialverteidigung seien jetzt nach dem Weggang des einen Kumpels zur Nationalgarde nur noch er und der Kameramann von damals, sagt Evgeny: Den vierten habe man in eine andere Einheit geschickt. Die Vertrautheit ist wichtig. "Die Armee ist wie ein Gefängnis. So viele Männer auf engem Raum, alle müssen hart sein." Dabei gebe es Dinge, über die er reden möchte. Momente, in denen er nicht hart sein möchte. "Das geht nur mit meinem Kumpel", sagt er.

Am 23. März sagt Evgeny in unserem Gespräch, dass er es in Kiew kaum noch aushält: "Es ist stressiger hier zu sein, wo nichts passiert, als draußen, wo gekämpft wird." Seine Mutter lebe weiterhin in Kiew, außerhalb in einem Wohnblock, mit ihren Katzen. Er dränge sie dazu, ins Zentrum zu ziehen. Wohnblöcke, sagt er, würden oft von den Russen beschossen, weil sie so leichte Ziele sind. "Aber es ist ihre Entscheidung."

Der Krieg im Osten seit 2014

Nun ist Evgeny nicht komplett unerfahren, was bewaffnete Konflikte angeht. 2014, kurz nach der Revolution, als der pro-russische Präsident Viktor Janukowitsch gerade geflohen war, begann der Krieg in der Ost-Ukraine. Von Russland unterstützte Separatisten führten Krieg gegen die ukrainische Armee um die Herrschaft in den Verwaltungsbezirken Donetsk und Luhansk. Evgeny ging damals nach Luhansk, als idealistischer Kriegsberichterstatter, wie er es nennt. 

Hier habe er gelernt, mit Militärs zu sprechen, sich in einem Konfliktgebiet zu bewegen. Als Idealist wollte er die Menschen in Luhansk kennenlernen: "Das waren auch Ukrainer, dachte ich. Ich wollte verstehen, warum sie das tun, warum sie nicht mehr Teil der Ukraine sein wollten." Und er habe den Menschen zeigen wollen, dass er, westlich gesinnt und gebildet, kein Neonazi war, kein extremer Nationalist. Nicht das, als was die russische Propaganda ihn bezeichnete. Er wollte, so sagt er, positive Propaganda machen für die Ukraine. 

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"Offiziell hieß es, dass da nur Separatisten kämpften", sagt Evgeny. Er sagt aber auch, dass er und sein Team immer wieder Hinweise auf die Anwesenheit von Russen fanden. Zigarettenpackungen zum Beispiel, oder ein Typ, der ihm freimütig erzählte, dass er eigentlich russischer Soldat aus Sibirien sei, jetzt aber hier kämpfte. "Alle wussten, dass Russland da kämpfte, es gab nur keine Beweise."

Als die pro-russischen Kämpfer begonnen hätten, ihn in ihre Propaganda einzubinden, als er gemerkt habe, dass er nur noch bestimmte Dinge zeigen durfte und manche sogar zeigen musste, sei er zurück nach Kiew geflohen. 

Falls Russland gewinnen sollte, fürchtet Evgeny heute vor allem um die Freiheit. Er habe einen russischen Freund, sagt er, der viel reise. In Russland verleugne der Freund seine Homosexualität, gehe sogar regelmäßig ins Kloster, um zu zeigen, dass er russisch-orthodox ist. Nur im Ausland könne er sein Schwulsein offen ausleben. "Der ist ganz sicher auch gegen Putins Krieg", sagt Evgeny.

Was passiert, wenn Putins Truppen weiterhin durch die Ukraine wüten, hat er in Butscha gesehen. Anfang April, wenige Tage nach dem Gespräch mit VICE, berichtet er, dass er dort hingefahren sei, um Menschen durch die Stadt zu führen, damit sie die Geschehnisse dokumentieren können. Was er gesehen hat, will er nicht sagen. "Man kennt ja die Fotos." Gleichzeitig: "Ich verstehe ja irgendwie, dass man Menschen erschießt", sagt er. "Aber die Russen haben sogar Haustiere getötet. Das sagt viel über sie aus."

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Nach seiner Zeit in Luhansk, damals 2014, sei er trotzdem bald zurück an die Front gegangen, sagt Evgeny, bis auch die ukrainische Regierung begonnen habe, ihm vorzuschreiben, was er zeigen sollte: "Das wurde dann schnell langweilig, dafür war ich nicht Journalist geworden." Und er habe beschlossen, stattdessen Video-Producer zu werden und schließlich in die Werbung zu wechseln.

"Ich habe in der Zeit als Berichterstatter keine Waffe angerührt, ich wollte keine Position einnehmen. Jetzt ist das anders. Das hier ist meine Heimat", sagt Evgeny. Er wolle nicht, dass Kiew am Ende so aussieht wie Kharkiv, Mariupol oder die anderen Gebiete, die von Russland zerbombt wurden. Und nicht wie Butscha.

Als die russischen Truppen Anfang April dieses Jahres die Umgebung Kiews verlassen, habe kurz Siegesstimmung in seiner Truppe geherrscht, erzählt Evgeny: Sie haben ihren Job gemacht, die Stadt verteidigt. Er habe da schon seit zwei Wochen nicht mehr richtig geschlafen, weil er alle sechs Stunden auf Patrouillendienst gegangen sei. In die gute Laune platzen aber bald die ersten Berichte aus Butscha. "Zuerst dachten wir alle: Ja! Fick Russland! Aber was ist so ein Sieg schon wert?", sagt Evgeny.

Seine Freundin Eugenia ist mittlerweile nach Paris geflohen. Er habe ewig versucht, sie davon zu überzeugen, doch erst wollte sie bleiben und dann wiederum ihn überreden, mitzukommen. Doch das war keine Option. "Sie ist so zart und weich", sagt Evgeny. Es falle ihm einfacher, seine Pflicht zu tun, wenn er weiß, dass sie in Sicherheit ist. Sie haben zwar regelmäßig Kontakt, und doch ist es nicht leicht. "Ich bin oft gereizt und sauer, das versteht sie nicht", sagt Evgeny. "In Paris ist alles normal, sie geht in Cafés und Restaurants, besucht Modenschauen, während hier nur Stress herrscht. Ich freue mich einfach darauf, sie bald wiederzusehen, meinen Hund, und mein normales Leben wieder zu haben."

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Sein Alltag klingt anders. "Moderner Krieg heißt, dass du wochenlang von Artillerie beschossen wirst, von Raketen und womöglich von Giftgas. Erst dann kommt die Infanterie. Dann heißt es du oder er. Aber meistens versteckst du dich, versuchst einfach nur zu überleben."

Vor Kurzem habe er Kharkiv besucht, sagt Evgeny Ende März. "Vor zehn oder sieben Tagen, ich weiß es nicht mehr. Die Zeit vergeht gerade anders." Er habe ein Team spanischer Journalisten begleitet, die dort drehen wollten, aber jemanden brauchten, der weiß, wie man mit Militärs spricht und Ukrainisch kann. "Ich bin jetzt Soldat und Berichterstatter zugleich", sagt er. "Ich will mein Land verteidigen und gleichzeitig der Welt zeigen, was hier passiert."

Die Dinge, von denen er erzählt, klingen nicht so wie das Leben in Paris oder Berlin. "Ich habe einen 16-jährigen Jungen kennengelernt. Der war mit seinem Bruder unterwegs gewesen, um Vorräte in sein Dorf zu bringen, als eine Bombe neben ihnen explodierte. Jetzt hat er keine Beine mehr. Er war ein professioneller Tänzer, hatte getanzt seit er drei war."

Es sei einfach Wahnsinn, dass die Welt weitergeht, während die Ukraine bekriegt wird. "Die Grammys werden vergeben, das Wetter wird immer besser, das Leben auf der Straße wirkt schon fast wieder wie vorher." 

Kürzlich ist eine Freundin von Evgeny gestorben. Er erzählt, dass Oleksandra Kuvshinova eine super nette Frau gewesen sei, die Gedichte schrieb, ein Musikfestival gemanagt habe. Sie arbeitete als Fixerin für Fox News, als sie von einer Grad-Rakete getroffen wurde. Drei Leute seien tot. "Wenn man Filme schaut, fragt man sich: Was würde ich in einer solchen Situation wohl fühlen?", sagt Evgeny. "Ich werde diese Scheiße wohl erst verarbeiten können, wenn das alles vorbei ist. Dann, wenn das Posttraumatische Belastungssyndrom einschlägt." Er schmunzelt, ohne dass man das in seinen Augen sehen kann.

Der Horror

Nachdem er am Tag vor dem Gespräch mit VICE aus Kharkiv zurückkam, habe er bis fünf Uhr nicht einschlafen können, sagt er, obwohl er nicht wusste, warum. "Ich war so kaputt." Die Stadt klinge wie eine Technoparty: In der Ferne konstantes Bumm Bumm Bumm. Er habe das Leichenschauhaus in Kharkiv besucht. Nur dass dieses so überfüllt gewesen sei, dass man die Leichen auf der Straße lagern musste. Das habe funktioniert, weil es noch kälter sei als in Kiew, wo jetzt seit einigen Tagen die Sonne scheint. Überall hätten Leichenstapel gelegen, sagt er. "Das fiel mir erst am nächsten Tag ein, mein Hirn musste das geblockt haben. Wahrscheinlich war ich deshalb so kaputt." Wieder das kalte Schmunzeln. "Ich hoffe, dass Ironie mir dabei helfen kann, das alles zu verarbeiten."

Jetzt, da Kiew erfolgreich verteidigt worden sei, werde man ihn wahrscheinlich nach Sumy schicken, in den Osten. Dort bahne sich eine große Schlacht an, Hunderttausend russische gegen Hunderttausend ukrainische Soldaten. "Hoffentlich bringt das die Entscheidung und der ganze Scheiß ist bald vorbei."

Angst um sein Leben habe er nicht, sagt Evgeny. "Ich bin doch immer voller Adrenalin, wie soll ich da Angst haben?" Außerdem helfe ihm die Erfahrung als Kriegsberichterstatter. "Ich liebe es, gefährlichen Scheiß zu machen und Regeln zu brechen." Er grinst, diesmal richtig. 

Wie lange der Krieg noch dauert, das wisse er nicht. "Ich denke, bis Mai können wir das gut durchhalten." Dann müsse Putin auch einen Erfolg Zuhause vorweisen können, weil sich dann der Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg jährt. In Russland ein wichtiger Feiertag. "Ich freue mich schon auf die Siegesparty im Club ohne Namen", sagt Evgeny. 

Und er sagt, dass Europa alles tun müsse, um der Ukraine zu helfen. "Es fühlt sich an wie ein winziger Schritt, der mein Leben komplett auf den Kopf gestellt hat. Von heute auf morgen. Und das kann überall genauso passieren."

Mit der Umstrukturierung der Territorialverteidigung und ihrer Einbindung in die Reserve der regulären Streitkräfte, habe er auch einen neuen Kommandanten bekommen. Der habe ihm die Wahl gelassen: Willst du regulärer Soldat werden? Evgeny habe zehn Minuten überlegen müssen bevor er den Vertrag unterschrieb. 

Genau eine Woche später, am 12. April, schreibt er uns eine Nachricht auf Telegram. Er sei jetzt ein regulärer Soldat, sie seien komplett inkorporiert worden. Handyempfang habe er keinen mehr. "Bin jetzt an der Zero Line." Der letzten Stellung vor den russischen Truppen.

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