Warum wir unbedingt weniger arbeiten sollten

Und stattdessen mehr saufen und vögeln – und warum auch unsere Arbeitgeber davon profitieren würden. Selbst wenn wir es ihnen nicht gönnen.

Die SPD sei konservativer als die Union. Das wollte Herr Meyer, mein Sozialwissenschaftslehrer, uns in der Mittelstufe beibringen. Die Sozialdemokratie nämlich setze sich dafür ein, dass der Sozialstaat erhalten bleibe. Die CDU wolle Fortschritt, also dessen Abschaffung. Später rechnete er uns vor, wie wahnsinnig viel Geld Hartz IV wirklich bedeute – schließlich werde die Miete ja auch vom Amt übernommen. Mein Sozialkundelehrer war CDU-Wähler, da bin ich ziemlich sicher.

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Immer wieder machte er sich mit uns über linke Ideen lustig. Einmal lachten wir über einen Wahlwerbespot der APPD, der Anarchistischen Pogopartei Deutschlands. Eine Gruppe von ungewaschenen Punkern, die mit halbernsten Forderungen nach "Vollrausch statt Vollbeschäftigung", "Asoziale an die Macht!" oder "Vögeln statt hamstern!" zur Bundestagswahl antrat.

Was Herr Meyer uns vorenthielt, war, dass hinter der derben Sprache und Ästhetik ein zutiefst menschenfreundliches Konzept steht. Dass ein Vollrausch auch einfach Genuss sein kann, dass Vögeln das Pflegen von Beziehungen bedeutet und "Asoziale" nur von solchen Menschen so genannt werden, die das nicht verstehen. Das Konzept erkennt nämlich an, dass zu viel Arbeit den Menschen zerstören muss. 


Auch bei VICE: Wenn man seit Jahren die Familie nicht sehen kann


Die IG Metall hat ihre über zwei Millionen Mitglieder befragt und siehe da: 83 Prozent sind für eine Viertagewoche. Der Arbeitszeitreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin von 2016 zeigt, dass Menschen, die viel arbeiten, öfter gesundheitliche Probleme haben als Menschen, die weniger arbeiten. Teilzeit gegen Vollzeit. So sind sie etwa öfter erschöpft, schlafen schlechter oder leiden unter Rückenschmerzen.

Der DAK-Psychoreport hat darüber hinaus herausgefunden, dass die Fehltage bei der Arbeit wegen psychischer Probleme zwischen 2000 und 2019 um 137 Prozent gestiegen sind – auf 24 Tage pro Jahr. Es geht also nicht wirklich darum, dass Menschen mehr rumhängen sollen. Es geht um Arbeitsschutz. Und darum, dass Menschen mehr rumhängen, saufen und vögeln können.

Woran es nun liegt, dass wir unter unserer Arbeit heute mehr leiden, weiß man nicht so genau. Es scheint aber so, als wäre Arbeit einfach stressiger geworden. Mehr und komplexere Aufgaben, mehr Druck. Alles wird immer anspruchsvoller. Heute müssen wir nicht mehr hauptsächlich Ernte einfahren, heben und am Fließband eintönige Handgriffe machen. Heute haben wir eine Million großer und kleiner Aufgaben, die wir erst mal koordinieren müssen. Und dann kommt noch eine E-Mail dazwischen. Seit dem Beginn der Industrialisierung beobachten Forschende, dass psychische Probleme zunehmen. Früher waren es besonders die Körper der Arbeiter, die kaputt gingen. Heute sind es noch mehr ihre Psychen.

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Außerdem schaffen Arbeitgeber seit einiger Zeit immer neue Arbeitsmodelle, um das Engagement ihrer Angestellten zu befeuern. So versuchen sie, deren Identifikation mit dem Unternehmen zu stärken, sei es durch Anteile daran, Erfolgsprämien oder ein besonders flauschiges Arbeitsumfeld voller Smoothies, Tischkicker und flachen Hierarchien, die sich oft lediglich in einem Duzen des Chefs niederschlagen. So merken wir oft gar nicht mehr, dass wir arbeiten. Nur dass wir einfach nie mehr ganz ausgeschlafen sind.

Wo ist die sexistische Rollenverteilung, wenn man sie braucht?

Kürzlich sah ich einen Tweet, der einen weiteren Erklärungsansatz bietet. Vielleicht war es auch eine Insta-Story. Ich sah es jedenfalls während der Arbeitszeit, als meine Konzentration gerade in eins dieser Löcher gefallen war, aus denen sie sich manchmal wieder hochkämpfen kann wie Batman in The Dark Knight Rises, in denen sie manchmal aber auch verendet wie das gruselige Mädchen aus The Ring

Jedenfalls hieß es da, dass die 40-Stunden-Woche einer Zeit entstamme, in der es der Mann war, der morgens aufstand, um den ganzen Tag auf der Arbeit zu verbringen und abends dann mit stinkenden Füßen nach Hause zu kommen, um sich ein Bier zu öffnen und die Kinder anzubrüllen. Nur hatte dieser Mann auch eine Frau zu Hause, die sich um den Rest des Lebens kümmerte. Sie machte die Wäsche und putzte und kochte und gab den Kindern die elterliche Liebe, die sie brauchten, um irgendwann selbst vollwertig verwertbare Arbeitsmaschinen zu werden.

Der französische Klassiker und sein Verständnis von Geschlechtergerechtigkeit

Einer der Klassiker der Soziologie, der Franzose Émile Durkheim, ging in seinem Werk Über soziale Arbeitsteilung so weit zu sagen, dass Frauen und Männer schon genetisch dazu veranlagt seien, sich die Arbeit des Lebens zu teilen: Die Frau kümmere sich naturgemäß um Haushalt und Sozialleben, während der Mann Geld verdiene und den Widrigkeiten des Draußen-Lebens trotze. Durkheim begründete das unter anderem mit den kleineren Gehirnen von Frauen. 

Nun soll das nicht heißen, dass ich ein großer Fan der Idee bin, eine Partnerschaft darauf afzubauen, dass eine Person auf ihre berufliche Selbstverwirklichung verzichtet. Oder dass Frauen nicht dazu geschaffen sind, Geld zu verdienen, weil sie kleinere Hirne haben. Der Franzose Durkheim veröffentlichte seinen sexistischen Klassiker 1893, das war 104 Jahre bevor Männer in Deutschland ihre Ehefrauen nicht mehr vergewaltigen durften. Was ich sagen will, ist, dass das zum Fundament der Gesellschaft gehörte.

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Heute, da in Partnerschaften oft beide arbeiten gehen, ohne sich am Ende viel davon kaufen zu können, wäre es also ein Schritt in Richtung Gleichberechtigung, wenn wir nur noch vier Tage arbeiten würden. Oder nur noch sechs Stunden am Tag. Oder noch weniger. Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Freundschaften oder auch mal lecker kochen – all das ließe sich leichter aufteilen zwischen zwei Menschen. 

Was vom Leben übrig bleibt

Eine Freundin hat mir mal von ihrer Mitbewohnerin erzählt und wie sehr sie die beneidete. Diese Mitbewohnerin arbeitete nämlich nur vier Tage pro Woche. Das reichte ihr, sie lebte ja in einer WG. Und meine Freundin bewunderte ihre Mitbewohnerin dafür, wie spielend leicht sie ihr Leben regelte. Nie Haufen von Schmutzwäsche, stets pünktliche Steuererklärungen, gute Laune und ein reges Sozialleben. 

Doch irgendwann reichte der Mitbewohnerin das Geld nicht mehr, sie arbeitete fortan fünf Tage und siehe da: Ihr Leben brach zusammen. Der Haushalt blieb liegen, Fertigpizzen wurden Alltag, Freundschaften verkümmerten und ich bin mir sicher, dass sie morgens mit Laub im Haar aufwachte. Meine Freundin erzählte das mit einer Mischung aus Genugtuung und Frustration: Am Ende sind wir alle gleich. Zu viel Arbeit macht uns kaputt.

Denn wer 40 Stunden arbeitet, morgens in aller Frühe aus dem Haus geht, um sich in vollen Zügen ins Büro, in die Werkhalle, auf den Bau oder ins Büro zu schleppen, der hat halt kein Leben mehr. Das Leben findet dann statt, wenn man nicht arbeitet.

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Kluge Arbeitgeberinnen wissen das natürlich und erfinden Arbeitsbedingungen, die die Grenze zwischen Arbeit und Leben verwischen. Dann darf man kommen und gehen, wann man möchte. Das Team darf sich selbst überlegen, wie viel Gehalt es kriegen will und einmal im Jahr die Führungsperson bewerten. Im Büro steht ein Kühlschrank mit Bier und wenn man will, darf man die Arbeitscomputer zum Zocken nutzen. Wenn man sein Soll nicht erfüllt, wird man trotzdem gefeuert, auch wenn der Chef am Abend vorher noch laut lachend das Glas auf die Unternehmenskultur erhoben hat.

Arbeit bleibt Arbeit, auch wenn der Arbeitgeber will, dass du glaubst, dass dein Zuhause langweiliger ist als dein Arbeitsplatz. Homeoffice mag das Problem kurzfristig kaschieren. Man kann währenddessen nämlich den Haushalt erledigen. Aber Homeoffice ist auch Arbeit. Man bleibt acht Stunden am Tag erreichbar, und wenn man ehrlich ist, werden die meisten auch dann ans Telefon gehen, wenn der Chef in der Mittagspause anruft, die man mit einem Teller Nudeln vor dem Bildschirm feiert. 

Zu Hause, im Büro – du arbeitest doch sowieso nie richtig

Dabei arbeiten wir ja nicht mal acht Stunden. Es gibt diese Studie aus Stanford, die gezeigt hat, dass man im Büro eher zweieinhalb Stunden konzentriert arbeitet, während man die restlichen fünfeinhalb Stunden Flash-Games zockt, Kaffee trinkt und mit Kolleginnen flirtet. 

Homeoffice ist Arbeit, stresst und nervt und bietet noch nicht einmal den Ausgleich sozialer Interaktion mit den Kolleginnen und Kollegen, bei denen man sich darüber auslassen kann, dass der Chef auch in der Mittagspause ständig mit seiner Scheiße ankommt.

Am Ende bist du nach fünf Tagen am heimischen Schreibtisch genauso durch wie nach fünf Tagen im Büro. Nur dass du, aus dem Homeoffice kommend, den Samstag nicht mit Putzen, Einkaufen und Staubsaugen verbringen musst – dafür sind ja jetzt die Mittagspausen da. Und trotzdem wird das Wochenende nicht ausreichen, damit du das Gefühl hast, ein Leben zu haben. 

Freizeit darf nicht heißen, verwertbar zu bleiben

Du wirst weiterhin mindestens einen Tag brauchen, um dich von der Woche zu erholen und einen, um dich um Kram zu kümmern, der liegen geblieben ist. Und selbst wenn du nichts erledigen müsstest, steht dieser Tag im Zeichen deines Ärgers darüber, dass du morgen schon wieder arbeiten musst. Kommt jetzt noch ein Kater dazwischen, ist Game over, das Wochenende hinüber, happy Monday. 

Und es kann auch einfach nicht die Aufgabe der Freizeit sein, dass wir uns währenddessen von der Arbeit erholen. Work-Life-Balance müsste bedeuten, dass Menschen ein Leben haben, das eben nicht mittel- oder unmittelbar im Zeichen der Arbeit steht. Kurz: Du hast nur dann frei, wenn du nicht an die Arbeit denkst.

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Und ist all das nicht auch im Interesse unserer Arbeitgeber? Dass ihre Angestellten ein Leben neben dem Job haben und damit auch Freude am Job selbst? Für mich gibt es diesen einen Indikator, der mir zeigt, ob ich lange genug Pause gemacht habe: Wenn ich im Urlaub ein, zwei, drei Wochen nur rumlag, viel gelesen habe, Bier getrunken habe und dumm war und auf einmal merke, dass mir langweilig wird. Denn dann fange ich an, über die Arbeit nachzudenken, mich sogar auf die Arbeit zu freuen. Aber wie schön – und wirtschaftlich vorteilhaft – wäre es, wenn ich dieses Gefühl am Sonntagabend hätte und mit vielen neuen Ideen in die Woche startete? Weil ich ein erfülltes Wochenende hatte, von dem ich nun aber auch wieder genug hätte.

Im Silicon Valley sieht Ausbeutung hübscher aus

Google etwa weiß das. Dreht es aber wieder um und wendet den Wunsch nach Freizeit als Großzügigkeit getarnt gegen seine Angestellten. Hier dürfen die Angestellten ein Fünftel ihrer Arbeitszeit frei einteilen, einfach machen, was sie wollen. Rumhängen, Computer spielen, in der Kneipe sitzen oder spazieren gehen. Klingt nach Viertagewoche, ist aber New-Work-Hölle.

Die Idee ist nämlich, dass die Angestellten die Zeit nutzen, um in kreativen Freiräumen Innovationen für ihren Arbeitgeber zu erdenken. Und das geht nun mal leichter, wenn man nicht vor dem Computer sitzt. In dieser "freien" Zeit sollen zum Beispiel Google News und Gmail entstanden sein. Frei ist man aber nur dann, wenn man nicht an die Arbeit denkt – geschweige denn denken muss.

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Warum ist es nicht möglich, unsere Arbeitsverhältnisse an unser Leben anzupassen? Warum müssen wir uns kaputt arbeiten, ausbrennen, traurig sein und das Wochenende dafür nutzen, Energie für die Arbeit zu sammeln, anstatt unsere Kater zu zelebrieren?

Schuld ist, unter anderem, der Druck, den wir uns machen. Beziehungsweise die anderen. Die sind ja ohnehin meistens die Hölle. Es gibt nämlich einfach viele Leute, die es geil finden, mehr zu arbeiten als andere. Menschen, die es als Leistung ansehen, mehr zu leisten, ihren Arbeitgebern mehr Gewinn zu erwirtschaften, mehr wert zu sein im wirtschaftlichsten aller Sinne. 

Die Gründe dafür sind oft nachvollziehbar. Menschen, die es weiter "gebracht" haben als ihre Eltern, und um den Erhalt dieses Erfolgs fürchten, Menschen, die die Leere ihres Minderwertigkeitskomplexes mit Arbeit stopfen wollen oder Menschen, die es halt von ihren Eltern vorgelebt bekommen haben. Den Arbeitgebern kommt das oft entgegen, weil sie der veralteten Vorstellung anhängen, Menschen, die mehr Zeit in Arbeit investieren, wären bessere Arbeiter.

Solidarität fängt in der Kommunikation an

Wer also damit prahlt, dass er Überstunden macht, untergräbt das Bestreben nach gesunden Arbeitsverhältnissen. Wer sich weigert, über sein Gehalt zu sprechen, verhindert, dass man sich gegen Arbeitgeber solidarisieren kann. Wer den Job über das Privatleben stellt, macht es allen anderen schwerer, Raum für sein eigenes einzufordern. Und es wirkt ja auch: Wer hat nicht regelmäßig die Befürchtung, dass irgendwann auffällt, dass alle anderen viel mehr machen als man selbst? Stimmt halt nicht, fühlt sich nur so an, weil alle immer geschäftig tun und vom Stress erzählen, der ihren Arbeitsplatz rechtfertigen soll.

Und das gilt auch für psychische Probleme. Wie soll jemand sagen können, dass er unter den Verhältnissen leidet, wenn niemand jemals zugegeben hat, dass es ihm ebenfalls schlecht geht? Wenn niemand in Therapie geht, wie hoch ist die Hürde, der Chefin zu erklären, dass man künftig einmal pro Woche zum Arzt muss – oder auch nur sich selbst einzugestehen, dass da was nicht stimmt? 

Als ich kürzlich mit einem Kumpel über das Thema Arbeitszeit stritt, meinte der, dass er eine Viertagewoche ablehne, weil er sich vom Staat nicht vorschreiben lassen wolle, weniger zu arbeiten. Er möge seinen Job nämlich, arbeite gern und auch gerne mehr als andere, weil ihm das leicht fiele und er so gut in seinem Job sei. Gleichzeitig arbeitet er in einer Branche, in der er sehr gut verdient. Absurd ist allerdings, dass er selbst nur vier Tage pro Woche arbeitet. Mehr Geld brauche er einfach nicht. 

Arbeit ist scheiße, selbst wenn sie schön ist

Nun gibt es Leute, die haben noch viel tollere Jobs als mein Kumpel. Ich zum Beispiel, der den besten Job der Welt hat. Nicht den bestbezahlten, aber den, der am meisten Spaß macht. Ich habe einen fairen Arbeitgeber, der Überstunden nur in Ausnahmefällen anordnet. Ich habe eine angemessene Anzahl Urlaubstage und wenn ich mal verschlafe, knallt zwar die volle Power der hierarchischen Autorität, aber ich kriege zumindest keine Abmahnung. Bislang zumindest. 

Aber, so glücklich man in seinem Job auch sein mag, unser Arbeitgeber ist nicht unser Freund. Niemals. Per Definition stehen wir in einem Konflikt mit ihm: Er will unsere Arbeitskraft so billig wie möglich, wir wollen so viel wie möglich dafür haben. Und sobald er mit uns nicht mehr genug Geld macht, wirft er uns raus. Das ist das Grundprinzip der kapitalistischen Arbeitsweise und der Ausgangspunkt jeder Kritik daran.

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Wenn ein Arbeitgeber also von sich aus auf die Idee kommt, Arbeitszeit zu reduzieren, sollten wir vorsichtig sein. Jedes Geschenk, jedes Entgegenkommen, jede Großzügigkeit soll zuerst ihm nutzen. Und wenn es nur ist, dass er sich unsere Loyalität erkaufen will. Nein, die Gehaltserhöhung kriegst du nicht, aber hier hast du ein hübsches Strandtuch und zwei Urlaubstage, schick doch von Mallorca eine Postkarte an die Personalabteilung. Wir dürfen uns nicht auf den guten Willen von Arbeitgebern verlassen, Arbeitszeit muss gesetzlich reduziert werden. 

Denn es ist einfach mega anstrengend zu arbeiten. Ich freue mich wochen-, ja monatelang auf Urlaube oder ein paar freie Tage. Und ich merke, wie meine Produktivität sinkt, meine Kreativität, meine Laune, einfach alles, wenn die Abstände zwischen diesen Phasen der Erholung zu groß werden. Arbeit ist nämlich furchtbar, selbst wenn sie wunderschön ist. Einfach weil sie Arbeit ist. Weil wir früh aufstehen und den ganzen Tag beobachtet werden und unter Druck stehen, weil wir das, was wir machen, gut machen wollen.

Eine Viertagewoche ist nicht utopisch!

Eine Viertagewoche könnte ich mir erlauben. Ich müsste auf ein Fünftel meines Gehalts verzichten. Das ginge schon irgendwie, ich lebe nicht besonders ausschweifend. Aber es ist auch ganz schön, ein bisschen Geld zurücklegen oder Schulden zurückzahlen zu können. Gäbe es nun aber einen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass vier Tage Arbeit reichen, würde sich mir diese Frage nicht stellen. Meinem Kumpel auch nicht. Dessen Gehalt würde plötzlich um ein Viertel steigen, weil er nicht mehr nur 80 Prozent arbeitet, sondern wieder Vollzeit.

Modellversuche, vor allem in Island, haben sogar schon gezeigt, dass es funktioniert. Dort schloss man das Experiment Viertagewoche mit dem Fazit "überwältigender Erfolg" ab. Die Effizienz der Menschen war nicht gesunken, sie war teilweise sogar gestiegen, weil Arbeitgeber Prozesse schlauer durchdenken mussten. Gleichzeitig profitierte das Privatleben der Teilnehmenden, die fast durchweg angaben, sich wohler zu fühlen als mit ihrer Vollzeit-Woche.

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Natürlich gibt es auch andere Meinungen. Hilmar Schneider leitet das Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit IZA in Bonn. Er sagt, dass wir in Zukunft unsere Arbeitszeit eher noch steigern müssten, um unseren Lebensstandard zu halten. "Wir müssten dafür im Jahr 2050 bis zu 1.700 Stunden pro Jahr arbeiten – heute sind es 1.400 Stunden", sagte er 2016 dem enorm-Magazin. Und er sagt, der Mensch wolle produktiv sein. "Studien zeigen zum Beispiel, dass Menschen, die zu viel Freizeit haben, sich in aller Regel einen Zweitjob suchen."

Was im enorm-Magazin allerdings nicht steht, ist, dass Schneiders Forschungsinstitut eng mit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft zusammenarbeitet, eine arbeitgebernahe Institution.

Und dann kommen wirtschaftsnahe Forscher und sagen, der Mensch wolle mehr arbeiten, wenn er nicht genug zu tun hat. 

Alle würden profitieren, sogar die Profiteure von unserem Unglück

Durchschnittlich 24 Fehltage pro Jahr in Deutschland sind doch auch ein wirtschaftlicher Faktor. Ich hatte mal diesen Mitbewohner, ein super lieber Typ, einfühlsam, freundlich, anpackend. Er arbeitete als Sozialarbeiter in einer Einrichtung, die Frauen mit ihren Kindern half, zurück ins Leben zu finden. Er liebte seinen Job und ging darin auf.

Nur musste er ständig Überstunden machen, war immer auf Bereitschaft und blieb allein mit der psychischen Belastung der Verantwortung für die Existenz von Menschen. Er brannte aus, ließ sich krankschreiben, fuhr ein paar Monate in Urlaub, ließ sich kündigen und heuerte irgendwann im Kundenservice von Airbnb an, wo er sehr viel besser verdiente, kaum Stress hatte und fairere Arbeitszeiten. Klar, irgendwann wurde ihm das auch zu dumm, aber er war in dieser Zeit glücklicher als in dem Job, den er mal geliebt hatte.

Arbeitgeber tun sich keinen Gefallen damit, wenn sie restriktive Ärsche sind. Wenn ich eine Idee brauche, versuche ich, ein paar Stunden spazieren zu gehen. Meistens geht das nicht während der Arbeitszeit, weil immer irgendwas zu tun ist. Und das ist auch in Ordnung, es gibt halt Dinge zu tun. Nur was wäre, wenn ich diese Zeit einfach hätte? 

Wie viel weniger Unfälle gäbe es auf Baustellen, wenn die Arbeiter dort mehr Ruhephasen hätten? Ganz ehrlich: Keine Ahnung. Mir geht es vor allem auch um die Frage: Wie viel glücklicher wären wir, wenn wir mehr Zeit auf unser Leben verwenden könnten?

Sozialwissenschaft habe ich in der Oberstufe abgwählt, der Lehrer war mir zu unreflektiert und faul. Der Kanzlerkandidat der APPD 2005, Wolfgang Wendland hat derweil mit seiner Band Die Kassierer einmal den Song "Saufen" gecovert. Darin heißt es:

"Sie sagen für das Glück wär' es nie zu spät.
Es wartet zwischen Wirklichkeit und Realität.
Das Geld liegt auf der Straße:
Sooo große Haufen,
Aber am besten ist immer noch:
Saufen, saufen, saufen."

Im Saufen liegt der Schlüssel zu unserem Glück, egal, was wir nun darunter verstehen. Wir müssten nur genug Zeit dafür haben. Oder, wie ein Wahlplakat der APPD anerkennt: "Arbeit ist Scheiße!"

Wenn Robert nicht arbeitet, hängt er meistens bei ​​Twitter und Instagram rum und sonst auch. Folgt VICE auf Facebook, Instagram, YouTube und Snapchat.

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