Domiziana: Wie man per TikTok die Spitze der Charts erklimmt

Wir haben die Frau hinter dem Megaerfolg "Ohne Benzin" getroffen.

"Ohne Benzin" ist Domizianas einziger Song. Und wahrscheinlich auch der einzige Song für uns, der einzige Song für mich und meinen Sommer. Der Beat passt zu meinen Schritten, wenn ich zwischen Parks und der Bar und dem See am nächsten Morgen wechsle. Ich weiß, dass mir der Sommer steht.

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Über 36 Millionen mal wurde "Ohne Benzin" bislang auf Spotify gestreamt. Autotune, schneller Beat, ein catchy Refrain für TikTok. Alles passt zu gut zu unserem Jetzt. Und alles, was so gut zu unserem Jetzt passt, scheint fast konstruiert. Ihr Pony wirkt maßgeschneidert. Ich stelle mir vor, wie ihr jeden Morgen ihre Outfits so angezogen werden, wie Köchinnen in Sternerestaurants die Blumen und Kräuter auf dem Teller anrichten, mit einer Pinzette. "Ohne Benzin" und die Persona Domiziana sind präzise. 


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Bis vor kurzem kannte sie noch niemand. Veröffentlicht hat sie bis zu unserem Treffen nur zwei Titel – "Ohne Benzin" und eine schnellere Version desselben Songs. Mit "Ohne Benzin (1,1 Speed Version)" wurden auf TikTok schon über 116.000 Videos untermalt. TikTok hat den Weg zum musikalischen Erfolg verändert. Der Algorithmus ist unvorhersehbar. Und plötzlich sind Songs populär, deren Refrain sich einfach unter Videos loopen lassen. Weil "Ohne Benzin" auf der Plattform so beliebt war, landete der Song  an der Spitze der deutschen Charts. 

Ihre PR-Managerin sitzt vor einem Café in Neukölln. Die Fransen der rosafarbenen Sonnenschirme flattern im Wind. Domiziana sei gerade noch auf Toilette. Wir setzen uns gegenüber voneinander hin. Sie wäre froh, wenn nur wenig über das Thema TikTok gesprochen würde, sagt ihre Managerin.

Domiziana und ich umarmen uns zur Begrüßung. Ihre Haare sind zurückgegelt. Sie will wissen, wann wir die Fotos machen. Sie habe Angst, dass ihre Frisur nicht sitzt und irgendwann einzelne Haare rausfallen.

Zwei lila Streifen Lidschatten über ihren Augen passen zum Latex-Tanktop, das sie unter einer Oversize-Anzugjacke trägt. Ihr Alter möchte sie nicht nennen, im Internet steht kaum etwas über sie. Google, Wikipedia, Musikmagazine können nicht mithalten mit der wachsenden Zahl der Streams. Kann Domiziana Gibbels, wie sie mit vollem Namen heißt, selbst mit ihrem Erfolg Schritt halten? "Ich bin wegen dieser Umstände zu einer neuen Person geworden. Ich versuche gerade noch, diese neue Person kennenzulernen und in meinen Alltag einzubringen." 

Oft spricht sie von "man" wenn sie sich selbst meint, als wäre der Erfolg nicht so nah und das Erlebnis davon universeller, selbstverständlicher. "Sowas passiert so schnell und plötzlich ist man mit Erfahrungen konfrontiert, die man noch nicht kannte." Plötzlich muss sie ein Interview geben, eine Reise nach Mailand planen. Als wir uns treffen, dauert es noch eine Woche bis zum Release der italienischen Version von "Ohne Benzin" – "Senza Benzina".

In Berlin lebt sie, seit sie 17 ist. Geboren wurde sie in Freiburg. Der Vater ist aus Berlin, die Mutter Sizilianerin. Mit sieben zog sie dann mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester nach Catania, in die zweitgrößten Stadt Siziliens. Auf ihrem Weg nach Hause von der Schule malte der Vulkan einen roten Streifen in den Himmel. So erzählt sie es. Sie wuchs bilingual auf und fühlte sich immer ein bisschen wie zwischen zwei Welten. 

Als Teenagerin sei ihr Catania zu traditionell, zu katholisch geworden. Sie habe Tumblr entdeckt, Anschluss gesucht in Fangemeinden von One Direction und Lady Gaga. Die veröffentlichte einen Song, in dem sie sich Judas widmet und nicht Jesus. "Für mich in Italien war das überraschend. Ich dachte: Oh wow, das geht? Das darf man so ansprechen?" Catania, wo der Ätna und das Meer immer nah sind, schien ganz weit weg vom richtigen Leben, weit weg von dieser Realität, für die es allerlei Beweise gab online. Irgendwann habe sie 25 blaue Extensions in den Haaren und Combatboots getragen. "Diese Stiefel habe ich immer noch. Die sind wirklich schlimm. Aber für mich war es so bedeutsam, dass ich mich getraut habe, die mit 16 anzuziehen." Wohl fühlte sie sich nicht. Sie war nicht an dem Ort, an dem sie sein wollte: "Ich habe so stark diesen Drang gespürt auszubrechen. Das hat mich geprägt." 

Ihre Eltern sind Weinhändler. Und weil es schwierig war, aus Catania Waren zu exportieren, zog die Familie nach Berlin. Ihr Bild von der Stadt war ein romantisiertes. Die 90er, Loveparade, Bar 25: "Ich hatte das Gefühl, Berlin ist der Ort, wo ich mich am besten entwickeln kann, als Mensch und als Jugendliche, die bald erwachsen sein würde. Ich wollte da unbedingt sein."

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Der Wind weht die Signaltöne der schließenden S-Bahn-Türen von der Station Sonnenallee zu uns herüber, zum Café vor dem wir sitzen. Berlin drängt sich immer wieder in die Wahrnehmung, macht mit jeder Türsirene auf sich aufmerksam. Alle paar Minuten kommt eine Erinnerung: Wir sind in Berlin.

So ist auch Domiziana, ihre Onlinepräsenz, ihr Song "Ohne Benzin". Alles erinnert an Berlin, an die Clubkultur. An die Versprechen, die Berlin jungen Menschen macht. Auch die Themen, die sie als Künstlerin interessieren, sind eng mit Berlin verknüpft. "Meine Texte, sind sehr in dieser Ausgehkultur verankert und wie man da mit Menschen in Kontakt kommt. Berlin ist eine Stadt, in der man die ganze Zeit Begegnungen hat." Gleichzeitig habe sie auch den Anspruch, politisch zu sein. "Ich mag, wenn Popkultur mit sozio-politischen Themen verbunden wird. Für mich ist es zum Beispiel auch wichtig als Frau, Grenzen zu setzen, selbständig zu bleiben, ermächtigt zu bleiben." 

All diese Themen behandelt auch ihr Song "Ohne Benzin". Er entstand im November. Und obwohl er so gut zu verstehen scheint, wie TikTok funktioniert, sei der Erfolg, den er auf der Videoplattform generiert hat, eher Zufall als Kalkül, sagt sie. Mit dem Produzenten Jan Paul Olthoff, auch bekannt als Replay Okay, saß sie in einem Studio etwas außerhalb von Berlin. Es wurde früh dunkel. Davor habe sie noch nie Lieder auf Deutsch geschrieben. "Weil es mein erstes Mal war, Lyrics auf Deutsch zu schreiben, habe ich mich total geschämt. Irgendwann habe ich gedacht: Jetzt habe ich vielleicht was. Dann haben wir es ausprobiert." Die ersten Zeilen, die sie schrieb, handeln von einer Begegnung mit einer Person, die noch nie Drogen genommen hat. 

Er nimmt keine Es. Er ist high ohne Benzin. 

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"Er hatte ein ganz hübsches Auto und ich habe mich selbstbewusst gefühlt."

Chille in sei'm Auto wie in einer Limousine.

Nach zehn Minuten sei der Refrain fertig gewesen.

Der Rest des Songs sei erst später dazugekommen. Das Bewusstsein dafür, dass sie gerade den Refrain eines Nummer-Eins-Hits geschrieben haben auch. Weil Domiziana da schon auf TikTok aktiv war, nutzte sie die Demos für eins ihrer Outfit-Videos. Innerhalb von einer Stunde hatte das Video 3.000 Aufrufe. "Das war damals krass für mich." Die Outfits waren dann vielen egal. Alle wollten wissen, was das für ein Song ist. Nachdem das Video immer mehr Aufmerksamkeit erlangt hatte, drehte sie mit einem Kumpel ein zweites Video, das noch viraler ging.

Im Juni landete "Ohne Benzin" auf Platz eins der Deutschen Singlecharts. Nachdem ihr das Team bei einem Videocall die Botschaft überbracht hatte, habe sie als erstes zehn Minuten eine Wand angestarrt.

"Das war eine zu große Mitteilung, als dass ich sie direkt verarbeiten konnte."

Das Gefühl, das der Song transportieren soll, ist Selbstbewusstsein. 

Meine Liebe kalt wie der Winter in Berlin. 

"Manchmal trifft man in einem Club auf Menschen, die etwas von einem wollen. Dann ist es manchmal nicht so einfach, sich davon zu distanzieren, ohne sich kleiner zu machen."

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Er will immer mehr aber hat er nicht verdient.

"Ich wollte diesen Moment einfangen und ein empowering Feeling kommunizieren."

Diese Selbstermächtigung habe sie sich erarbeiten müssen. Sie erzählt davon, dass sich in einer WhatsApp-Gruppe zehn Männer, mit denen sie in Italien zur Schule gegangen war, über sie ausgetauscht, Slutshaming betrieben, Rape Jokes gemacht hätten. Auch Verwandte hätten sich zu ihrer Onlinepräsenz geäußert, ihre Eltern gefragt, warum sich ihre Tochter so im Internet zeigt. Sie sagt, sie sei geübt darin, ihr eigenes Ding durchzuziehen.

Irgendwann erkundigt Domiziana sich, ob das alles OK sei so. Ich frage, was sie meint. Sie gestikuliert mit ihren Händen und meint das Hier, das Jetzt, unser Gespräch.

Ein Ehrgeiz oder eine Verbissenheit ist in allem, was sie macht. Mit einer Mutter, die Leistungssportlerin ist, war nicht nur Kunstturnen und Leichtathletik Leistungssport. Dieselbe Disziplin, derselbe Druck übersetzte sich auch in ihre Schulleistungen: "Für mich war alles entweder perfekt oder es war ein Versagen. Das habe ich früh eingetrichtert bekommen." Sie sei immer eine gute Schülerin gewesen, ihre besten Fächer Italienisch und Englisch. Nach zwei Jahren in Deutschland schrieb sie sich für Jura ein und schloss in Regelstudienzeit ab. "Ich wollte das schaffen, was als am schwierigsten galt – Jura. Und ich habe es geschafft."

Dieses Streben nach Perfektion habe auch eine Rolle beim Songwriting gespielt. Sie habe sich erst damit anfreunden müssen, dass die Bilingualität etwas Positives ist. "Manchmal schreibe ich Lyrics, für die ich den italienischen Satzbau im Deutschen übernehme. Mittlerweile finde ich es schön, dass ich auch Sachen schreibe, die man auf Deutsch so nicht sagen könnte."

Irgendwann lacht sie nervös. Darüber, dass das ein sehr einseitiges Gespräch ist, und dass sie eigentlich auch gerne Fragen stellen wolle.

Alles ist neu. Wenn sie vor Tausenden Leuten auftritt, merkt man das nicht. Mit Loredana, Yung Hurn oder Soho Bani stand sie schon auf der Bühne beim Splash!, beim Openair Frauenfeld in der Schweiz oder im Astra Kulturhaus in Berlin. Auch beim Melt-Festival oder im Berliner SchwuZ hatte sie Auftritte. Und das alles mit nur einem Song. Wenn sie auf der Bühne performt, fühle sie sich wie auf dem Podest in einem Club. Die Rolle sei für sie eine ähnliche: "Es geht darum, ein Gefühl zu verkörpern. Es muss die Leute erreichen, es kann nirgendwo anders landen."

Sie hat noch viel vor, möchte am liebsten mit Charli XCX arbeiten, mit Shygirl, mit A.G. Cook. Sie wolle Konzerte spielen und ganze Performances auf die Beine stellen. Angst davor, dass der Erfolg nicht bleibt habe sie nicht. "Ich habe nichts erzwungen. Ich habe mich mit 'Ohne Benzin' nicht Richtung Mainstream bewegt. Es war andersrum. Darauf bin ich stolz." 

Als wir die Fotos machen, scheint nichts neu für sie. Alle Posen sitzen. Und alle Haare in der Frisur auch. 

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