Warum sieht bei Netflix alles gleich aus?

Selbst wenn du nicht ganz sicher bist, worauf du achten musst, weißt du wahrscheinlich nach wenigen Einstellungen, ob es eine Netflix-Produktion ist.

Entgegen aller Erwartungen ist die Netflix-Adaption von Sandman eine sehr gute Serie. Aber warum sieht sie so aus?

Ihr wisst, wovon ich spreche – vom sogenannten Netflix-Look. Die von Netflix produzierten Serien und Filme neigen dazu, alle gleich auszusehen und sich gleich anzufühlen. Das geht so weit, dass es manchmal von der Handlung ablenkt.

Obwohl es schwierig ist, genau zu sagen, warum alle Netflix-Sendungen so gleich aussehen, fallen einige Dinge auf: Das Bild ist generell ziemlich dunkel und die Farben sind extrem gesättigt. Vor allem in Nachtszenen gibt es meist viel bunte Beleuchtung, sodass alles aussieht, als wäre es in Neonfarben getaucht, selbst wenn die Figuren sich drinnen aufhalten. Das Make-up der Besetzung wirkt maskenhaft und Details ihrer Kostüme, wie zum Beispiel verzogene Nähte, sind ungewöhnlich auffällig.

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Was mich am meisten stört, ist die Tatsache, dass alles extrem konventionell gedreht ist. Um etwa zu zeigen, dass etwas Seltsames vor sich geht, ist die Kameraeinstellung immer schräg in der sogenannten Dutch Angle gehalten – oder noch häufiger: Alle Personen werden in einer halbnahen Einstellung gezeigt, also von der Hüfte bis zum Kopf.


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Ähnlich wie man eine Produktion des Spartensenders SYFY sofort  an den vielen Greenscreen-Szenen und kostengünstigen computergenerierten Spezialeffekten erkennt oder deutsche Filme und Serien an den kalten Farben und Blautönen, haben auch Netflix-Produktionen eine erkennbare Ästhetik. Selbst wenn du nicht ganz sicher bist, worauf du achten musst, ist sie so prägnant, dass du wahrscheinlich bereits nach nur wenigen Einstellungen weißt, ob etwas für Netflix produziert wurde.

Sandman leidet trotz großartigem Drehbuch und toller Besetzung unter diesem Netflix-Look. Obwohl die Hauptfigur vor allem in der Welt der Träume agiert, reduziert die Serie dramatische Momente oft auf Szenen, in denen man den Figuren in der Halbnahen beim Sprechen zusieht. 

Fans der Serie haben sich auch über das Bildformat von Sandman geärgert, das die Serie aussehen lässt, als wäre das Bild nach oben hin gestreckt worden. Tom Sturridge in der Rolle von Dream ist stark geschminkt. Seine Lippen sind so rot, dass sie fast vom Geschehen ablenken. Das Schlimmste sind allerdings die matschigen und erdigen Farbtöne – vor allem, weil der Comic, auf dem Sandman basiert, eine so üppige Farbpalette hat.

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Wie J. D. Connor, Dozent für Kino- und Medienwissenschaften an der University of Southern California, am Telefon erklärt, sind die Gründe für den Netflix-Look vielfältig. Wesentlich sei dafür jedoch, dass Netflix allen eigenen Produktionen einige grundlegende technische Vorgaben macht. Diese beinhalten Dinge wie die zu verwendenden Kameras, die Mindestanforderungen für die Bildauflösung und wie viel der Produktion mit einer anderen Kamera gedreht werden darf.

"Es war ein großes Thema unter den Kinematografie-Leuten", sagt Connor. "Netflix hat eine Liste mit Kameras, die sie bei Produktionen für die eigene Marke akzeptieren. Die ursprüngliche Liste enthielt trotz vermeintlich offener Parameter nur etwa zwei Kameras. Und ja, im Rahmen dieser Parameter lässt sich eine Menge machen, aber das war einer der Gründe, wie es zu dieser Einheitlichkeit kam – weil sie wirklich darauf bestanden."

Die Liste der zugelassenen Kameras auf der Website für Kooperationen mit Netflix umfasst mittlerweile viel mehr Kameras als nur zwei. Das Unternehmen erklärte in einem Video, warum es eine Liste zugelassener Kameras gibt. Kris Prygrocki, Spezialist für Kamerasysteme bei Netflix, sagt darin wenig erhellend: "Eine der größten Prioritäten für uns als Studio ist es, unseren Filmschaffenden zu helfen, ihre besten Arbeiten zu machen. Wir möchten, dass sich unsere Filmschaffenden nicht nur befähigt, sondern auch ermutigt fühlen, die neuesten und besten Aufnahmetechnologien zu nutzen, um ihre Geschichten zu erzählen."

Laut Connor geht es bei den Kameras für Netflix-Produktionen jedoch nicht nur darum, dass die Schaffenden neue Technologie nutzen sollen. "Die andere Sache, die viel dazu beigetragen hat, ist, dass sie ihren Content zukunftssicher machen wollen, wie sie es nennen", sagt der Dozent. "Sie wollen, alles in 4K HDR drehen."

Es ist keine völlig unvernünftige Idee, dafür zu sorgen, dass Netflix-Inhalte auch dann noch gut aussehen, wenn immer mehr Menschen 4K-Fernseher haben. Aber es schränkt die Möglichkeiten der Filmschaffenden in der Ausrüstung ein, die sie verwenden können. 4K-Videodateien sind außerdem extrem groß, und wenn sie durch Streaming komprimiert werden, verändert diese Komprimierung das Aussehen des Bildes, das auf deinem Bildschirm ankommt.

Man muss auch erwähnen, dass Netflix von seinen Kunden mehr als das Doppelte für das volle 4K-Erlebnis verlangt. Ein Basis-Abo kostet 7,99 Euro pro Monat, das Premium-Abo, das Ultra-HD unterstützt, 17,99 Euro. Das Unternehmen hat also auch ein finanzielles Interesse daran, die Menge an 4K-Inhalten zu erhöhen. 

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"Wenn das Bild durch die Kabel- oder Glasfaserleitung zu deinem Fernseher gelangt, nimmt Netflix so viele Informationen wie möglich durch Komprimierung heraus, um die Datenmenge zu reduzieren, damit du ein flüssigeres Streaming-Erlebnis hast", sagt J. D. Connor. "Eines der seltsamen Dinge, die passieren, wenn man bei einem Bild mit sehr hoher Auflösung die Informationsmenge reduziert, ist, dass die Kanten schärfer werden."

Connor sagt, man solle sich das wie bei Filmen aus den Siebzigern vorstellen, bei denen die visuellen Effekte auf einem großen Bildschirm toll aussehen, weil durch das Filmkorn Details verschwimmen, während sie auf kleineren Fernsehern viel schlimmer aussehen.

"Wenn man einen Film wie zum Beispiel den originalen Superman nimmt und ihn auf einem Fernseher zeigt, werden die Kanten richtig scharf. Die ganzen Bluescreenszenen lassen alles schrecklich aussehen", sagte Connor. "Etwas ganz Ähnliches passiert, wenn man ein großes 4K-Bild nimmt und massiv komprimiert auf einem Fernseher abspielt." 

All das ist Teil der Erklärung, warum Netflix-Produktionen seltsam aussehen. Aber einige der ungeschliffenen Details sind auf ein banaleres Problem zurückzuführen: Geld. 

Connor sagt, die Budgets von Netflix-Produktionen seien hoch, jedoch auf eine illusorische Art. Das liege daran, dass im Zeitalter des Streamings ein größerer Teil des Budgets von Produktionen auf bekannte Darstellerinnen und Darsteller oder Regisseurinnen und Regisseure entfällt, da diese nach der Ausstrahlung keine Gewinnbeteiligung erhalten.

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"Das Gesamtbudget sieht also viel höher aus", sagt Connor. "In Wirklichkeit ist es aber so, dass man versucht, dieses ganze Geld zu sparen, indem man es bei Dingen wie Design und Drehort abzieht."

Er weist darauf hin, dass bei vielen Projekten von Streaming-Anbietern beim Produktionsdesign gespart werde, um auch die anhaltenden Folgen der Pandemie aufzufangen. Bei Netflix-Produktionen sei das jedoch besonders auffällig, da es so oft passiere.

Red Notice ist für mich so etwas wie die Zuspitzung dieses Phänomens. Der Film hat ein Vermögen gekostet, weil sie den Stars eine Menge Geld zahlen mussten. Er wurde während der Pandemie gedreht, sodass sie die Abwesenheiten auf eine Art und Weise kaschieren, die manchmal sehr, sehr lustig ist", fährt Connor fort. "Als ich den Film auf meinem Fernseher geschaut habe, und ich habe einen ziemlich guten Fernseher, sah er meiner Meinung nach einfach nur schrecklich aus, von Anfang bis Ende. Eine ziemlich brutale Erfahrung."

Das bedeutet nicht, dass der Netflix-Look immer schlecht ist. Netflix produziert viele verschiedene Projekte, von den Prestigewerken von Martin Scorsese bis hin zu schnulzigen Filmen für junge Erwachsene wie The Kissing Booth. Wenn man eine Liebesgeschichte für junge Erwachsene dreht, scheint der Netflix-Look nicht völlig fehl am Platz. Tatsächlich ist er nicht allzu weit von dem entfernt, wie Serien wie Riverdale aussehen, die für das CW Television Network produziert wurden. Passenderweise ist Riverdale in Deutschland dann auch exklusiv auf Netflix zu sehen. Bei Sandman, das auf einem beliebten und sehr experimentellen Comic basiert, passt der Stil aber überhaupt nicht zur Geschichte. 

"Bei Adam-Sandler-Komödien funktioniert das alles irgendwie total", sagte Connor. "Das Budget ist in Ordnung, denn Adam Sandler bekommt das ganze Geld, und die Sachen sehen einfach in Ordnung aus. Niemand macht mehr richtige Kinokomödien, dieses ganze Marktsegment ist einfach verdampft."

Filme und Fernsehen im Allgemeinen müssen aber nicht so aussehen. Connor erwähnt wiederholt Tokyo Vice als Beispiel für eine Serie mit besonders detailreichem Produktionsdesign, und auch andere Werke von HBO wie das Drama Station Eleven und die Komödie Rap Shit verwenden viel Zeit und Sorgfalt auf ihre visuelle Präsentation. 

Da es sich um Streaming-Fernsehen handelt, werden diese Sendungen immer darunter leiden, was mit den Bildern durch die Kompression passiert – aber diese Sendungen wurden auch so gedreht, dass uns das auf der anderen Seite des Bildschirms nicht zu sehr auffällt.

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