Warum leiden alle meine Freunde unter Panikattacken?

… und was hat Berlin damit zu tun?

OK, "alle Freunde" ist übertrieben. Aber in den letzten Monaten haben mir mehrere Freundinnen und Freunde von Panikattacken berichtet. Vor der Pandemie und den Lockdowns waren psychische Erkrankungen in meinem Umfeld ein viel kleineres Thema. Hat uns die Isolation alle krank gemacht? Ich habe mit dem Psychotherapeuten Dr. Robert Willi gesprochen, der mir erklärt hat, warum gerade so viele mit der Psyche zu kämpfen haben.

Der Psychotherapeut Dr. Robert Willi | Foto mit freundlicher Genehmigung bereitgestellt

VICE: Stimmt mein Eindruck, dass gerade so viele Menschen wie nie unter Panikattacken leiden?
Psychotherapeut Dr. Robert Willi
: Sie wohnen in Berlin, oder? Und liege ich richtig mit der Einschätzung, dass Sie in Ihren Zwanzigern sind?

Ich bin 28 und lebe in Berlin, ja. Warum fragen Sie?
Der typische Patient mit einer Panikstörung ist zwischen 20 und 30 Jahre alt. Tendenziell gibt es in Großstädten mehr psychische Erkrankungen als auf dem Land. Angstdiagnosen gab es schon immer. Vielleicht erleben Sie das Phänomen gerade besonders stark, weil Sie und ihr Freundeskreis gerade in einer Phase Ihres Lebens sind, in der sich Panikstörungen besonders häufig entwickeln. Und wie gesagt: Besonders in großen Städten tritt diese Diagnose besonders häufig auf. Bei sehr vielen Menschen entwickelt sich eine Angststörung erst, wenn sie zum Beispiel für den Job in eine Großstadt ziehen. In Städten wie Berlin, Paris und New York sind solche Störungen sehr typisch.


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Ich hatte angenommen, dass der Anstieg von Angststörungen etwas mit den Lockdowns und der Pandemie zu tun hat. Trifft das gar nicht zu?
Doch, tendenziell ist es seit der Pandemie zu mehr Ausbrüchen von Angsterkrankungen als zuvor gekommen. Wobei man hier den psychodynamischen Hintergrund beachten muss, also die unbewussten Hintergründe der Erkrankung. Oft sind die Hintergründe von Angsterkrankungen Trennungssituationen. Das kann eine Trennung von einer früheren Bezugsgruppe zum Beispiel von Eltern, Geschwistern oder Freunden sein. Die Lockdowns haben natürlich zu erheblichen Trennungssituationen und auch zu Kontrollverlust geführt, weil man zu wichtigen Bezugspersonen keinen richtigen Kontakt mehr haben konnte, beziehungsweise örtlich voneinander getrennt war und nichts dagegen tun konnte. Das hat den psychischen Druck auf die Menschen massiv erhöht. Wobei hier unklar ist, ob Menschen, die zu Panikattacken neigen, auch unabhängig von der Pandemie irgendwann eine Angststörung entwickelt hätten. 

Könnte man also sagen, dass die Pandemie ein riesengroßer weltweiter Kontrollverlust war, der Panikstörungen in vielen Menschen ausgelöst hat?
Da haben Sie sicher recht. Der Punkt bei Kontrollverlust ist ja eigentlich dieses Gefühl von Ohnmacht. Man hat eine Situation, die man ändern möchte, die man aber gar nicht ändern kann, egal wie sehr man das möchte. Bei der Pandemie wusste ja niemand, wo das herkommt, wie gefährlich das ist, wie man sich schützt – eine riesige Ohnmachtssituation. Aber trotzdem: Der Lockdown ist dann eben nur eine Auslösesituation. Es könnte sein, dass die Betroffenen, die über die Pandemie eine Panikstörung entwickelt haben, auch später bei einer anderen Auslösesituation eine Panikstörung entwickelt hätten. 

Also Leute, die psychisch nichts mit sich herumtragen und mental vollkommen gesund sind, haben während der Pandemie wahrscheinlich eher keine Panikstörung entwickelt, richtig? 
So wäre das klassische psychoanalytische Denken. Dass die Panikstörung nicht nur eine Auslösesituation, sondern auch eine Ursache hat. Und so bestätigt sich das in der Praxis auch regelmäßig. Manche Ereignisse sind natürlich so krass, dass da auch der gesündeste Mensch eine Panikattacke entwickelt. Also wenn Sie im Krieg in der Ukraine sind und da nicht rauskommen, dann entwickeln auch Personen, die völlig gesund sind, Paniksymptome. Das gehört ja zum Menschsein dazu, dass man in einer hochbedrohlichen Situation Panik entwickelt. Man muss noch dazu sagen, dass Panikstörungen auch im Zuge von anderen psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder posttraumatischen Belastungsstörungen auftreten können. Auch körperliche Ursachen wie beispielsweise Erkrankungen der Schilddrüse können zu ähnlichen körperlichen Symptomen und auch zu Panikattacken führen. Deswegen ist der erste Schritt immer erst einmal abzuklären, was überhaupt vorliegt.

Welche Situationen lassen besonders häufig Panikattacken entstehen? Freunde von mir haben zum Beispiel berichtet, dass das in der U-Bahn, im Flugzeug oder in großen Menschenmengen passiert ist. 
Die Situationen, die Sie nennen, sind typische Auslöseszenen. U-Bahn, Menschenmengen und Situationen, aus denen man nicht rauskommt. Theater oder Kino würde ich auch dazuzählen. Das ist ja eigentlich ganz interessant: Menschen haben viel eher Angst in der U-Bahn oder im Flugzeug, obwohl das Autofahren statistisch viel gefährlicher ist. Aber aus einer U-Bahn oder aus dem Flugzeug kann man nicht einfach aussteigen. Man hat keine Kontrolle und das löst die Angst aus.

Genauso verhält es sich in großen Menschenmengen: Wenn ich inmitten einer großen Menschenmenge stehe, kann ich nicht einfach gehen. Das ist absolut typisch für Panikattacken. Die Betroffenen möchten die Kontrolle behalten und in Situationen, in denen man sich eingesperrt fühlt, tritt die Symptomatik häufig auf. Das ist aber die Auslösesituation, das ist nicht unbedingt die Ursache der Erkrankung. Man muss bei der Panikerkrankung drei Ebenen voneinander trennen: Ursache, Auslösesituation, aufrechterhaltende Faktoren. Alle drei spielen für die Erkrankung eine erhebliche Rolle. 

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Und was sind meistens die Ursachen?
Das ist oft schwierig zu bestimmen, weil die Betroffenen oft selbst nicht wissen, was die Ursache ist. Die Patienten sagen dann meist, dass sie neuerdings unter Panikattacken leiden würden, aber eigentlich gar nichts geändert hätten und eigentlich gar keine Angst vor U-Bahnen und so weiter hätten. Wenn der Hintergrund der Erkrankung aber unbewusst ist – was meistens der Fall ist - muss man den Verlauf der Erkrankung im Nachhinein rekonstruieren.

Ich hatte zum Beispiel mal einen Patienten, der überhaupt keine Idee hatte, wo seine Panikerkrankung herkommen könnte. Wir haben dann einen Zeitstrahl erstellt und da kam heraus, dass die Panik genau kam, als er vom Land in die Großstadt gezogen ist. Er wollte eigentlich auch gar nicht umziehen, musste aber aus beruflichen Gründen in die Stadt. Dann habe ich ihn darum gebeten auszuprobieren, ob die Panik noch da ist, wenn er zu Hause auf dem Land ist und die Panik war tatsächlich weg. Also der Betroffene wusste die Ursache nicht, obwohl es für den Untersucher eigentlich offensichtlich war. 

Was für eine Art Mensch ist anfällig für Panikattacken? Kann man das eingrenzen?
Ja, es gibt eine gewisse genetische Anlage für die Entwicklung von Angsterkrankungen, wobei diese für die Krankheitsentstehung nur eine eher geringe Rolle spielt. Bei anderen psychischen Krankheiten wie zum Beispiel paranoider Schizophrenie oder bei bipolaren Störungen ist diese genetische Veranlagung viel stärker ausschlaggebend. Zum anderen – und das ist deutlich bedeutungsvoller für die Entstehung einer Angsterkrankung – spielen bestimmte Erfahrungen in der Lebensgeschichte eine entscheidende Rolle. So könnte beispielsweise die Mutter oder der Vater sehr ängstlich sein, was Kinder beeinflussen kann. Die Eltern wollen diese Angst natürlich gar nicht auf ihre Kinder übertragen, es passiert aber trotzdem. Wenn die Mutter oder der Vater dem Kind zum Beispiel nicht zutraut, dass es selber irgendwo hinfährt, hat das Kind auch Angst davor, irgendwo allein hinzufahren. Diese Übertragung von Angst geschieht häufig sehr unterbewusst und weder den Eltern noch den Kindern ist klar, was da gerade passiert. 

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Welche Ursachen gibt es noch?
Persönliche Erfahrungen. Wenn Sie schon einmal an der Supermarktkasse umgekippt sind oder sich erbrechen mussten und nicht rechtzeitig aus der Situation herauskamen, dann lernt das Gehirn, dass es gefährlich werden kann, in den Supermarkt zu gehen. Man kann Panikattacken aber mit Umlernen gut behandeln. Wenn der Patient öfter in den Supermarkt geht und alles verläuft gut, schwindet auch allmählich wieder die Angst. Was ganz wichtig ist, ist diese drei Aspekte zu unterscheiden, damit der Patient auch die richtige Behandlung erhält. Die Bedeutung von Ursache, Auslösesituation und aufrechterhaltenden Faktoren kann im Einzelfall recht unterschiedlich sein. Die Relevanz der einzelnen Faktoren sollte bei der Wahl des psychotherapeutischen Verfahrens aber berücksichtigt werden, damit der Patient auch die richtige Behandlung erhält.

Was sollte ich im Alltag beachten, wenn ich anfällig für Panikattacken bin? Sollte ich eher rein ins Verderben und mich der Angst stellen oder unangenehme Situationen vermeiden?
Wenn man die Panik schon mal hat, ist eine der gefährlichsten Sachen, solche Situationen zu meiden. Wenn man zum Beispiel eine Panikattacke in der U-Bahn hatte und dann nicht mehr U-Bahn fährt, lernt das Gehirn, dass die Angst weniger wurde, als man nicht mehr U-Bahn gefahren ist. Diese Lernerfahrung manifestiert dann diese Angst und kann diese auch verschlimmern und ausweiten. Zuerst kann man nur nicht U-Bahnfahren und plötzlich geht auch Busfahren nicht mehr. In extremen Fällen können die Menschen dann vor Angst nicht mehr ihr Haus verlassen – das nennt man dann eine Agoraphobie und das ist ein problematisches Krankheitsbild, weil die Betroffenen irgendwann kaum mehr etwas machen können, da sämtliche Aktivitäten irgendeine Gefahr von Kontrollverlust bergen können.

Wie kann ich Freunden helfen, die eine Panikattacke erleiden?
Eine Panikattacke kann zum Teufelskreis werden. Die Betroffenen wissen oft gar nicht, was die Auslösesituation ist. Sie bekommen dann erst einmal ein Engegefühl in der Brust, schwitzen oder haben andere körperliche Symptome wie Schwindel. Dann entwickeln die Patienten aufgrund der körperlichen Symptome typischerweise die Angst, gerade einen Herzinfarkt oder eine andere lebensbedrohliche Erkrankung zu erleiden. So entsteht oft Todesangst und die Angst führt wiederum zu körperlichen Symptomen wie Herzrasen, Beschleunigung der Atmung oder Zittern, was dann wiederum zu Angst führt – das ist der Teufelskreis der Angst. Aus diesem Teufelskreis muss man aussteigen.

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Am besten versucht man, seine Freunde in solchen Situationen zu beruhigen. Auf jeden Fall sollte darauf geachtet werden, dass sich die Atmung des Betroffenen normalisiert. Im Prinzip wäre Ablenkung auch nicht schlecht. Auf jeden Fall sollte man nicht weglaufen und Hilfe holen. Lieber dableiben und ablenken.

Wie kann man Panikattacken langfristig behandeln?
Erstmal muss man die richtige Therapieform finden, weil jede davon woanders ansetzt. Das Verfahren mit den besten Wirksamkeitsnachweisen ist die kognitive Verhaltenstherapie. Das sind oft gar keine langen Therapien, oft nur so 20 Stunden – das ist unglaublich wenig für eine Psychotherapie – und dann ist das weg. Man lernt bei dieser Behandlung, die Panik in den Griff zu bekommen. Es gibt wenige psychische Erkrankungen, die so gut behandelbar sind wie Panikstörungen.

Vielen Patienten hilft es auch extrem, wenn sie wissen, was sie überhaupt haben, und dass das alles gar nicht so bedrohlich ist. Ich meine, eine Stressreaktion bringt einen nicht um und die Panik wird wieder aufhören. Diese Erkenntnis hilft vielen. Die psychodynamische Psychotherapie ist ein anderer Behandlungsansatz. Da geht es um die unbewussten Hintergründe und meist erstmal um diese typischen Auslösesituationen. Warum tritt die Panik in der U-Bahn auf? Weil der Betroffene einen Kontrollverlust erleidet. Und dann findet man oft in der Biografie Punkte, die erklären, warum der Betroffene Angst vor Kontrollverlust hat. Zum Beispiel in der Kindheit war eigentlich alles in Ordnung und auf einmal ist der Vater ausgezogen. 

Bei dem Freund mit der U-Bahn ist der Vater ausgezogen und ausgewandert, als er sechs war.
Ja, das ist tatsächlich ein typischer Hintergrund von solchen Patienten. Zu verstehen, was der Hintergrund für eine Panikattacke sein könnte, ist für die Patienten oft sehr bereichernd. In dem Fall würde man wahrscheinlich die psychodynamischen Verfahren anwenden. Die dauern aber meistens länger und Erfolge sind nicht ganz so schnell sichtbar wie bei kognitiven Verhaltenstherapien.

Ich verstehe, vielen Dank für das Gespräch!
Wenn ich Ihren Lesern noch eins mit auf den Weg geben darf: Sie müssen sich für eine Angsterkrankung nicht schämen und suchen Sie sich am besten schnellstmöglich Hilfe. Es gibt kaum eine psychische Erkrankung, die so gut behandelbar ist wie diese.

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