Zwei junge Ukrainer über das Leben im Krieg

"Die Leute vom Rekrutierungszentrum sind überall. Sie fangen dich in der Innenstadt ab, wenn du aus dem Supermarkt kommst, oder sogar im Club."

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In ihrer Heimat fallen Bomben. Yurii Pochapskyi, 34, und Kseniia Zhizhii, 29, wohnen in Lviv im Westen der Ukraine. Ihr Leben hat sich in den letzten sechs Monaten komplett verändert

Sie haben zwar einen Alltag – Kseniia arbeitet als Dozentin an einer Kunstakademie, Yurii ist Projektmanager in der IT-Branche – und doch erleben sie jeden Tag, wie der Krieg ihr Leben beeinträchtigt.

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Mitte August waren sie für eine Woche in Berlin. Yurii hat Diabetes und muss deswegen vorerst nicht zum Militär. In der deutschen Hauptstadt haben die beiden erlebt, wie unterschiedlich das Leben junger Menschen aussehen kann, wie groß aber auch die deutsche Solidarität mit der Ukraine ist. Über die deutsche Politik sind sie dennoch frustriert.

Wir haben mit ihnen gesprochen, über entfremdete Eltern, Hass auf Russen und das Berghain.


Auch bei VICE: Rechtsextreme Gruppen infiltrieren weltweit das Militär


VICE: Warum seid ihr hier in Berlin?
Yurii:
Wir wollten uns mal wieder erholen, etwas anderes sehen, Spaß haben und feiern. Im Berghain zum Beispiel. 

Feiern geht in der Ukraine nicht?
Kseniia:
Die Bars und Clubs in Lviv müssen um 22 Uhr zumachen – auch wenn sich nicht alle daran halten. Wer nach 23 Uhr auf der Straße erwischt wird, kann bestraft werden. 

Womit?
Yurii:
Es gibt Geldstrafen zwischen umgerechnet 15 und 200 Euro. Beim ersten Mal ist die Polizei meistens nachsichtig, wenn sie sieht, dass du nur zu doof warst, den letzten Bus zu erwischen. Aber es gibt noch ein anderes Problem.

Nämlich?
Yurii:
Wer auf der Straße erwischt wird und im wehrfähigen Alter ist, muss sich beim Rekrutierungszentrum melden. Da schaut das Militär, wofür es dich brauchen könnte, ob du gesund bist, eine militärische Ausbildung hast und welche Skills du sonst mitbringst. Wenn es drauf ankommt, kannst du rekrutiert und in den Krieg geschickt werden.

Wer zu lange feiert, muss in den Krieg?
Yurii:
Die meisten Leute, die kämpfen können und wollen, haben sich schon freiwillig gemeldet. Jetzt sind nur noch die übrig, die sich noch nicht entschieden haben. 
Kseniia: Die Leute vom Rekrutierungszentrum sind überall. Sie fangen dich in der Innenstadt ab, wenn du aus dem Supermarkt kommst, oder sogar im Club. Die Clubs müssen wie gesagt um zehn Uhr schließen, aber manche tun das nicht. Die schließen nur die Tür und machen die Musik leiser.
Yurii: Das ist natürlich illegal.
Kseniia: Wenn Nachbarn sich beschweren, kommen manchmal die Leute vom Rekrutierungszentrum. Sie dürfen sich nicht gewaltsam Zugang verschaffen, aber wenn man sie einmal reingelassen hat, kontrollieren sie alle und fordern sie auf, sich später bei ihnen zu melden.
Yurii: Es gibt auch Telegram-Gruppen, in denen sich die Leute gegenseitig warnen: Passt auf, die stehen heute vor dem Rathaus. Die Soldaten an der Front sind auch keine Fans von dem Ansatz. Die wollen niemanden haben, der dazu gezwungen wurde, sondern Leute, auf die sie sich verlassen können.

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Warum darf man nicht mehr die ganze Nacht feiern?
Yurii:
Die wollen es russischen Spitzeln schwerer machen. Wir leben in der Nähe einer Bahnstrecke, manchmal hören wir es die ganze Nacht rumpeln. Da wird Kriegsgerät in den Osten transportiert, zum Schutz begleitet von Kampfhubschraubern.
Kseniia: Das zu hören, ist gruselig, aber es macht auch Hoffnung, immerhin sind das unsere Jungs. Da passiert etwas.

"Mit Alkohol kommt man wenigstens ein bisschen runter." – Kseniia

Wurdet ihr schon mal erwischt?
Yurii:
Wir waren mal zu lange bei Freunden. Auf dem Rückweg hat die Polizei uns angehalten. Eigentlich gibt es Taxis für solche Fälle. Die haben eine Lizenz dafür, auch nachts zu fahren.
Kseniia: Aber nur super wenige. Wir hatten keins mehr bekommen, mussten also zu Fuß gehen. 

Musstet ihr eine Strafe zahlen?
Yurii:
Die wollten schon beim Rekrutierungszentrum checken, ob ich bereits registriert bin. Das war ich damals nicht. Es war aber schon geschlossen, so wurden wir nur verwarnt.

Kann man denn, abgesehen von der Ausgangssperre ab 23 Uhr, feiern wie in Berlin?
Yurii:
Es soll kaum noch Drogen geben. Die Grenzen sind ja zu. Weed gibt es wohl noch, weil man das überall anbauen kann, aber nichts, was schwieriger herzustellen ist.

Trinken die Leute dann mehr?
Yurii:
In den ersten zwei Monaten nach Kriegsbeginn war der Verkauf von Alkohol komplett verboten. Wir konnten Brandy von einem Freund kaufen, der ihn selbst brannte. Der war sogar besser als das Zeug aus dem Geschäft. Aber ob die Leute jetzt mehr trinken, weiß ich nicht. 

Kseniia: Ich glaube schon. Wir trinken jeden Tag Alkohol. Bier, manchmal Wein. Die Leute würden sonst depressiv werden: den ganzen Tag Stress, die schlechten Nachrichten. Mit Alkohol kommt man wenigstens ein bisschen runter.

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Wie erlebt ihr Berlin in diesen Tagen?
Kseniia:
Überall sind Ukraine-Flaggen. In Museen kriegen wir kostenlos Eintritt. Die sehen die Flagge an meinem Brustbeutel, fragen, ob wir aus der Ukraine kommen und geben uns dann freien Eintritt. Wir sehen einen krassen Unterschied zwischen der Unterstützung der Menschen und der Regierung.
Yurii: Das Leben hier ist so anders. Die Menschen haben langfristige Pläne, ein Leben und Stabilität, ihre Probleme sind winzig. Sie sorgen sich um die Inflation, den Gaspreis und darum, wo sie noch hinreisen können. In der Ukraine wissen wir nicht, wo und ob wir in zwei Monaten noch sein werden.
Kseniia: Es gibt nachts keinen Luftalarm.

"Unser Kater hat es gehasst. Er hat die ganze Nacht geschrien. Heute schlafe ich aber einfach weiter, wenn die Sirenen heulen." – Yurii

Gibt es den oft in Lviv?
Kseniia:
Ständig. Jedes Mal, wenn ein Flugkörper in eine Richtung fliegt, werden alle benachrichtigt, die in der möglichen Flugbahn liegen.
Yurii: Manchmal steigen Flugzeuge in Belarus mitten in der Nacht auf und fliegen ein paar Stunden im Kreis, einfach nur um den Alarm auszulösen und uns mürbe zu machen. Unsere Nacht ist dann natürlich kaputt.

Was macht ihr bei Luftalarm?
Kseniia:
Es gibt die Zwei-Wand-Regel: Man soll schauen, dass man sich hinter zwei Wänden befindet. In den ersten Monaten haben wir deshalb im Badezimmer geschlafen. Wir haben den Boden immer super sauber gehalten.
Yurii: Unser Kater hat es gehasst. Er hat die ganze Nacht geschrien. Heute schlafe ich aber einfach weiter, wenn die Sirenen heulen.
Kseniia: Ich kann das nicht. Ich liege dann wach und checke die App, ob etwas in unsere Nähe fliegt. Wenn das der Fall ist, hat man sieben bis zehn Minuten Zeit, sich in Sicherheit zu bringen.
Yurii: Wenn eine Rakete oder Bombe im Haus einschlägt, nutzt natürlich auch die Zwei-Wand-Regel nichts. 

Was passiert am Tag nach einer solchen Nacht?
Yurii:
Bei uns im Unternehmen schieben wir alle Meetings auf den Nachmittag. 
Kseniia: Ich schreibe meinen Studierenden. Viele ihrer Eltern sind im Krieg, einige gefallen. Ich bin nicht mehr nur Dozentin, sondern fast schon Therapeutin. Wir haben auch einen Bunker in der Akademie, wenn der Alarm während des Unterrichts losgeht, arbeiten wir dort weiter. Es gibt da Toiletten, fließendes Wasser und gutes WLAN.
Yurii: Das WLAN in der Ukraine ist besser als in Berlin. Die Leute sollen sich ja darüber informieren können, was los ist. 

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Kommt ihr überhaupt noch zur Ruhe?
Kseniia:
Irgendwie erwartet man immer, dass etwas passiert. Man ist ständig angespannt. Auch in Berlin erschrecke ich mich noch, wenn ich eine Sirene höre. Oder Feuerwerk.
Yurii: Es gibt deshalb den Plan, für die nächsten Jahre Feuerwerk in der Ukraine zu verbieten.
Kseniia: Neulich gab es Ärger, weil jemand während eines Luftalarms seinen Teppich ausgeklopft hat. Der Trottel hat super vielen Leuten einen Schreck eingejagt

Du bist ja auch Künstlerin, Kseniia, verarbeitest du den Krieg in deiner Arbeit?
Kseniia:
Ich habe keine Energie für Kunst. Ich denke über meine Eltern nach, meine Brüder. Ich will schöne Dinge machen und dass Leute daran Spaß haben. Aber das schaffe ich gerade nicht. Ich gehe in die Werkstatt und starre vor mich hin. Das Geld, das ich als Dozentin verdiene, schicke ich zur Hälfte meiner Familie und die andere Hälfte spende ich der Armee. Ich hoffe, dass diese Reise mir helfen kann, meine Energie zurückzugewinnen.

"Es gibt gerade nicht genug Hass auf Russen. Jetzt nicht und nicht in Zukunft." – Yurii

Yurii: Das Gefühl der Energielosigkeit haben wir alle. Der Tag beginnt und du bist schon geschafft.
Kseniia: Und du darfst dich nicht beschweren. Wenige 100 Kilometer entfernt sterben Menschen. Und wahrscheinlich kennst du die sogar. 

Nehmt ihr es Deutschland übel, dass so wenig Unterstützung kommt? 
Yurii:
Wir sind frustriert. Ihr unterstützt uns nicht so, wie ihr könntet. Wir hatten anfangs sogar überlegt, mit einem Transparent zum Reichstag zu gehen: "Gebt uns Waffen, seid keine Weicheier!" Aber das hat uns nicht vom Besuch abgehalten, wir sind nicht der Regierung wegen hier.

Ihr wart auch im Berghain. Wie war's? 
Yurii:
Hat super Spaß gemacht. Einmal im Leben sollte man dort gewesen sein. Ich kann hier aber leider nicht alle Geschichten erzählen.
Kseniia: Die Gerüchte sind alle wahr.

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Habt ihr auch etwas erlebt, das euch irritiert hat?
Yurii:
Wir waren in einer Bar, in der ein Schild hing: "Kein Rassismus, keine Homophobie, kein Sexismus, kein Hass." Da konnten wir uns nicht reinsetzen, dafür hassen wir Russland zu sehr.

OK?
Yurii:
Es gibt gerade nicht genug Hass auf Russen. Jetzt nicht und nicht in Zukunft. Und die Russen tun alles dafür, dass das so bleibt. 
Kseniia: Wir werden unsere Kinder so erziehen, dass sie Russen hassen.
Yurii: Auf der grundlegendsten Ebene: "Trink genug Wasser, iss dein Gemüse, hasse die Russen". Und es geht hierbei um alle Russen. 70 Prozent der Russen unterstützen den Krieg, das ist nicht nur Putins Krieg

Aber die Russen unterliegen doch auch der Propaganda, die Umfragen sind teilweise fake.
Yurii:
Kann sein. Aber was haben die Leute getan, um den Krieg zu verhindern? Unser Hass ist auch so groß, weil die Leute 30 Jahre lang stillgeblieben sind. 
Kseniia: Wenigstens können wir hier unsere Flagge zeigen. Russen können das höchstens in Venezuela, Afghanistan oder Nordkorea. 

Hat der Krieg euch persönlich eingeschränkt?
Kseniia:
Eigentlich wollten wir dieses Jahr in Lviv heiraten, aber das geht natürlich nicht, wenn meine Familie nicht kommen kann. Mein Bruder lebt in Enerhodar, einer kleinen Stadt bei Saporischschja. In der Nähe ist auch die ukrainische Armee stationiert, es gibt ständig Artillerie-Kämpfe.

"Meine Mutter glaubt, es wäre die Ukraine, die die Ukraine bombardiert." – Kseniia

Deine Familie lebt bei Saporischschja, da wo das Atomkraftwerk steht?
Kseniia:
Meine Familie lebt 40 Kilometer vom Kraftwerk entfernt. Seit dem 14. März kontrolliert Russland das Gebiet. Ich weiß das aber erst seit Ende März, eine Freundin hat es mir erzählt.

Warum nicht deine Eltern?
Kseniia:
Wenn rauskommt, dass Infos aus der Ost- in die Westukraine gelangen, kann ihnen das Probleme machen. Da verschwinden ja auch Leute. Die Zustände müssen schrecklich sein.

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Wie gehen deine Eltern damit um?
Kseniia:
Sie glauben die russische Propaganda. Die Russen haben das ukrainische Fernsehen abgeschaltet. Sie sagen, ihr gehört jetzt zu uns. Meine Mutter glaubt, es wäre die Ukraine, die die Ukraine bombardiert.
Yurii: Viele Leute über 60 vermissen die Sowjetunion, den Ruhm, die billigen Preise, die Jobs und dass man sich um nichts kümmern musste. Man ging im Atomkraftwerk arbeiten und fuhr einmal im Jahr ans Schwarze Meer. Sie wissen nicht, dass das heutige Russland damit nichts mehr zu tun hat.

Versuchst du, deine Mutter von der Wahrheit zu überzeugen?
Kseniia:
Sie glaubt mir nicht. Die Russen geben den Menschen dort Essen und erzählen ihnen etwas von einer schönen Zukunft. Ich kann mittlerweile gar nicht mehr mit ihr sprechen, das ertrage ich nicht. Ich schreibe ihr nur ab und zu: Geht es euch gut? Aber sie haben nur selten Internet.

Jetzt seid ihr hier, während in der Ukraine Krieg herrscht. Wie ist das für euch?
Kseniia:
Klar haben wir ein schlechtes Gewissen. Darf ich mich ausruhen, Spaß haben, während andere Leute im Krieg sterben?
Yurii: Es gibt aber auch eine Bewegung in der Armee, die sagt: "Habt Spaß, entspannt euch, arbeitet, spendet, aber macht, was ihr machen müsst, um optimistisch zu bleiben." Trotzdem fühle ich mich schuldig wegen der Leute, die nicht das Land verlassen können und leiden.

Hat der Trip euch geholfen?
Yurii:
Nach meinem letzten Trip hatte ich eine Woche lang mehr Energie, danach war es wieder wie vorher
Kseniia: Ich vermisse den Luftalarm. Ich will zurück nach Hause.
Yurii: Lviv ist unser Zuhause, wir gehen zurück. Wir leben dann zwar wieder das stressige Leben, aber wir haben auch die Leute um uns, die wir lieben.

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