Sie schickte einer Frau Abtreibungspillen, jetzt drohen ihr 3 Jahre Gefängnis

Justyna Wydrzyńska ist die erste Aktivistin in Polen, der wegen der strengen Abtreibungsgesetze eine Haftstrafe droht.

Sie brauche unbedingt eine Abtreibung, soll die Frau gesagt haben. Sie habe bereits versucht, Polen für einen Schwangerschaftsabbruch zu verlassen, aber ihr gewalttätiger Mann habe sie aufgehalten. Er habe ihr gedroht, zur Polizei zu gehen. Ein neuer Virus hatte gerade weltweit Landesgrenzen geschlossen, schränkte die Reisefreiheit ein und sperrte Menschen in ihren Wohnungen und Häusern ein. Justyna Wydrzyńska spürte die Verzweiflung der Frau und entschied sich, ihr eine Packung Abtreibungspillen zu schicken, die sie für den persönlichen Gebrauch bei sich aufbewahrt hatte.

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Ein Jahr verging und plötzlich stand die Polizei mit einem Durchsuchungsbefehl vor Wydrzńskas Tür. Einige Beamten fanden mehr, als sie erhofft hatten.

"Einer öffnete eine Unterwäscheschublade und schloss sie sofort wieder … Ich habe einen Haufen Vibratoren", sagt Wydrzyńska und lacht. "Es war wirklich lustig. Jetzt weiß ich, wo ich Sachen besser verstecke." 

Die 47-Jährige hat ihren Humor nicht verloren, obwohl ihre Lage ernst ist. Diesen Juli wird sie die erste europäische Aktivistin sein, die wegen Polens strenger Abtreibungsgesetze vor Gericht steht. In Polen ist ein Schwangerschaftsabbruch nur nach einer Vergewaltigung und Inzest erlaubt oder wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Vor allem die beiden ersten Ausnahmen sind häufig schwer zu beweisen. 

Wydrzyńska wird "Hilfe bei der Durchführung einer Abtreibung" und "Besitz nicht zugelassener Arzneimittel mit dem Ziel, diese in den Verkehr zu bringen" vorgeworfen. Sollte sie schuldig gesprochen werden, drohen ihr bis zu drei Jahre Gefängnis.


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In den vergangenen 25 Jahren haben über 50 Länder ihre Abtreibungsgesetze gelockert, drei haben sie verschärft: Polen, Nicaragua und die USA. Nachdem der Oberste Gerichtshof in den USA Ende Juni nach knapp 50 Jahren das bundesweite Recht auf Abtreibung widerrufen hat, schauen Beobachterinnen und Aktivistinnen nun nach Polen auf den Ausgang von Wydrzyńskas Verfahren.

Nach Malta, wo Schwangerschaftsabbrüche unter allen Umständen verboten sind, ist Polen das EU-Land mit den strengsten Abtreibungsgesetzen. Erst 2020 schränkte das Oberste Gericht den ohnehin schon schwierigen Zugang zu Abtreibungen weiter ein, Tausende Menschen gingen gegen die Entscheidung auf die Straße. Seitdem sind mindestens zwei Frauen in direktem Zusammenhang mit der neuen Gesetzgebung gestorben.

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Vergangenen November erlag eine Frau namens Izabela den Folgen einer Sepsis, nachdem Ärzte sich geweigert hatten, einen lebensunfähigen Fötus zu entfernen. Am Tag vor ihrem Tod schrieb Izabela noch ihrer Mutter: "Wegen des Abtreibungsgesetzes muss ich im Bett bleiben und die können nichts tun." Im Januar dieses Jahres starb eine andere Frau, Agnieszka T., ebenfalls an einer Sepsis, nachdem sich Ärzte geweigert hatten, einen toten Fötus zu entfernen. Die 37-Jährige war mit Zwillingen schwanger.

Eine Notizwand im Warschauer Büro des Aborcyjny Dream Team

Die Gefahren, denen Frauen im abtreibungsfeindlichen Klima Polens ausgesetzt sind, haben die Arbeit von Wydrzyńska und der von ihr mitgegründeten Organisation "Aborcyjny Dream Team" noch wichtiger gemacht. Das "Abtreibungs-Dream-Team", wie der Name der Organisation grob übersetzt heißt, hilft jedes Jahr Tausenden Frauen in Polen. "Thank God for Abortion" steht auf einem Schild in den kleinen Büroräumen geschrieben, die sich im Obergeschoss eines unauffälligen Gebäudes in Warschau befinden. "Abtreibungsrechte sind Menschenrechte" steht auf einem anderen.

Wydrzyńska arbeitet hier seit 2016 ehrenamtlich. Sie klärt über Abtreibungen auf, bietet emotionale Unterstützung an und vermittelt über andere Hilfsorganisation Zugang zu Abtreibungsmöglichkeiten. Jeden Monat beraten sie und die anderen Mitarbeiterinnen etwa Tausend Menschen über die Hotline des Dream Teams. Etwa 20 Personen fragen hier täglich nach Informationen über medizinische Abtreibungen. Auch über Facebook und Instagram wenden sich Hilfesuchende an die Organisation.

"Unser Hauptaugenmerk ist, Abtreibungen das Stigma zu nehmen", sagt Wydrzyńska. Wir sitzen in den Räumlichkeiten des Dream Teams, draußen scheint die Sonne. "Aber ADT ist auf Social Media sehr beliebt. Deswegen erhalten wir dort auch viele Nachrichten und Fragen, wie man eine Abtreibung durchführt und was passiert, wenn man die Pillen nimmt. Manchmal wollen sie einfach nur wissen, wie man die Pillen bestellt, und machen dann alles alleine. Manchmal möchten sie auch den ganzen Prozess hindurch begleitet werden. Einige wollen nach Tschechien, in die Slowakei oder nach Deutschland und benötigen unsere Hilfe bei der ganzen Organisation, sogar finanzielle Unterstützung."

Das breit aufgestellte Unterstützungsangebot der Organisation ist in Polen auch notwendig. Aufgrund des starken Einflusses der katholischen Kirche ist der Zugang zu Abtreibungen seit Jahrzehnten extrem eingeschränkt. Früher war das anders. In den 1970er und 80er Jahren waren hier Abtreibungen so einfach zu bekommen, dass manchmal Frauen aus anderen europäischen Ländern nach Polen reisten. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden Abtreibungen in den 1990ern wieder verboten. Ein paar Ausnahmen blieben allerdings. Seit 2015 arbeitet die rechtspopulistische Regierungspartei Prawo i Sprawiedliwość, kurz PiS, unermüdlich daran, das Abtreibungsrecht zu verschärfen.

Bis 2020 waren Abtreibungen in Polen noch in wenigen Fällen legal: wenn die Schwangerschaft Folge von Inzest oder einer Vergewaltigung war, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist und bei Fehlbildungen des Fötus. Letzteres war bis dahin Grund für 95 Prozent aller Abtreibungen in Polen. Im Oktober 2020 entschied das Oberste Gericht, diesen Grund nicht mehr gelten zu lassen. Diesen Juni gab die polnische Regierung bekannt, Patientendaten von Schwangeren speichern zu wollen. Die Opposition nennt diesen Vorstoß ein "Schwangerschaftsregister".

Viele Organisationen, die sich für Aufklärung über Schwangerschaftsabbrüche einsetzen, bewegen sich am Rande der Legalität. Während die Frauen, die abtreiben lassen, keine Strafverfolgung befürchten müssen, brechen alle das Gesetz, die in irgendeiner Weise bei der Durchführung einer Abtreibung helfen. Das Dream Team konnte es bislang umgehen, das Gesetz zu brechen, indem es sich mit einem internationalen Netzwerk von Abtreibungsaktivistinnen koordinierte. Dazu gehört zum Beispiel auch die niederländische Organisation Women Help Women, die die Abtreibungsmedikamente Mifepriston und Misoprostol an Bedürftige in Polen schickt.

Als Wydrzyńska 2020 der Frau ihre eigenen Pillen schickte, begab sie sich zum ersten Mal in eine rechtliche Grauzone. Das nutzen jetzt die Behörden aus, die ein Exempel an ihr statuieren wollen. Ihr Fehler, scherzt Wydrzyńska, sei gewesen, ihre Kontaktdaten auf der Packung gelassen zu haben. Der Ehemann der Frau fand das Medikament und meldete es der Polizei. Auch wenn sie nie dazu kam, die Pillen zu nehmen, habe die Frau am Ende durch den ganzen Stress eine Fehlgeburt gehabt, sagt Wydrzyńska.

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Das Verfahren soll am 14. Juli in Warschau beginnen. Eigentlich hätte die Anhörung bereits im April stattfinden sollen, aber der Mann war nicht zum Gerichtstermin erschienen.

Ungeachtet der drohenden Haftstrafe zweifelt Wydrzyńska nicht an der Richtigkeit ihres Handelns.

Hier steht "Wir helfen einander mit Abtreibungen"

"Sie flehte mich richtig an und sagte mir, dass sie alles tun würde, um diese Schwangerschaft abzubrechen", sagt Wydrzyńska. "Deswegen habe ich mich dazu entschieden, ihr die Pillen zu schicken. Ich habe selbst Erfahrung mit häuslicher Gewalt. Mein Mann war auch gewalttätig und kontrollsüchtig."

Sie habe genau gewusst, wie sich die Frau fühlte und welche Gedanken ihr durch den Kopf gingen, sagt Wydrzyńska. "Ich wusste, dass sie so verzweifelt ist, dass sie sogar Dinge tun würde, die sie in Gefahr bringen. Ich hatte also keine andere Wahl, als diese Pillen mit ihr zu teilen."

Trotz des bevorstehenden Verfahrens scheint Wydrzyńska gelassen. Im Büro kuschelt sie mit ihrem Hund, macht Witze und sagt, sie wolle unbedingt dem Ehemann der Frau im Gericht gegenüberstehen.

"Ich will ihm unbedingt ins Gesicht sehen. Ich hoffe, die Medien und alle anderen werden ihn fragen: 'Warum hast du die Polizei gegen deine eigene Frau gerufen?'"

Einen Fall wie den von Wydrzyńska hat es in Polen noch nicht gegeben und entsprechend schwer lässt sich sagen, welches Urteil sie erwartet. Das Dream Team rechnet mit sechs Monaten auf Bewährung, Wydrzyńskas Anwältinnen sind da etwas vorsichtiger.

"Ich wäre vorsichtig mit Erwartungen und Vorhersagen", sagt Katarzyna Szwed, eine von Wydrzyńskas Verteidigerinnen. "Sechs Monate auf Bewährung ist die gängigste Strafe für solche Vergehen, aber dieser Fall ist besonders, weil Justyna Aktivistin ist und sich für Menschenrechte einsetzt. Außerdem gibt es ein großes Medieninteresse, auch international. Das könnte den Fall in die eine oder andere Richtung beeinflussen."

Eine andere Dream-Team-Anwältin, Sabrina Mana-Walasek, möchte ebenfalls keine Vorhersagen treffen, immerhin sei dies der erste Fall, in dem einer Aktivistin Hilfe bei einer Abtreibung vorgeworfen wird. "Wir befürchten, dass der Richter Justyna als Exempel benutzen könnte und sie für ihre Aktivismus bestraft."

Wydrzyńska hat zwar gegenüber der Polizei zugegeben, dass sie der Frau die Pillen geschickt hat, ihre Anwältinnen vertreten aber die Meinung, dass das noch keine direkte Hilfe zu einer Abtreibung darstelle – die Formulierung sei für medizinisches Fachpersonal gedacht.

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"Wir wollen, dass dieser Fall drei Dinge zeigt", sagt Szwed. "Erstens, dass man nicht rechtlich verfolgt wird, wenn man eine Schwangerschaft abbricht. Zweitens, dass wir uns gegenseitig unterstützen und keine Angst haben sollten. Drittens, dass Abtreibungen kein Verbrechen sein sollten."

In einem Warschauer Café treffen wir Natalia Broniarczyk. Sie ist eins der drei Gesichter des Abtreibungs-Dream-Teams und verantwortlich für den TikTok-Account der Organisation. Dort zeigt sie in Videos, wie man Abtreibungspillen sicher verwendet. Bevor sie Abtreibungsaktivistin wurde, arbeitete Broniarczyk im Gesundheitssektor. In dieser Zeit brauchte sie eine Abtreibung und obwohl sie selbst in dem Bereich arbeitete, wusste sie kaum, wie und wo sie sich Hilfe holen konnte.

"Nach meiner Abtreibung habe ich mich dazu entschlossen, anderen Menschen zu helfen", sagt Broniarczyk. "Drei oder vier Jahre lang habe ich das heimlich getan. Ich habe sogar Leute hier in diesem Café getroffen."

Anfangs wollten die Aktivistinnen vom Dream Team vor allem das Narrativ um Abtreibungen in Polen verändern. "Wir entschieden uns, offen über unsere Erfahrungen zu sprechen", sagt Broniarczyk. "Nach dem Motto: Schau her, das bin ich, ich hatte eine Abtreibung. Ich habe einen Kopf und zwei Beine. Ich bin ein normaler Mensch und gehe jeden Tag zur Arbeit. Du kannst mit mir sprechen."

Natalia Broniarczyk

Broniarczyk glaubt, es hätte genauso gut sie oder andere Aktivistinnen treffen können. Wydrzyńska habe einfach Pech gehabt. Aber mit Wydrzyńska in der ersten Reihe der Debatte sieht sie auch eine Chance. Häufig werden in Polen nämlich Frauen, die Hilfe wegen einer Abtreibung suchen, als Außenseiterinnen dargestellt.

"Sie ist Mutter, sie hat häusliche Gewalt erfahren. Sie ist eine normale Frau. Man kann ihre Perspektive nachvollziehen, ihre Erfahrungen haben auch viele andere gemacht", sagt Broniarczyk.

Sollte Wydrzyńska zu einer Haftstrafe verurteilt werden, könnte das in Polen Schockwellen auslösen. Die Verschärfung der Abtreibungsgesetze hatte in der Vergangenheit stets Massenproteste zur Folge.

Aber was motiviert Wydrzyńska eigentlich trotz der drohenden Gefängnisstrafe weiter Frauen zu helfen und Risiken einzugehen, wie sie es Anfang 2020 getan hat?

"Ich bekomme so viel Unterstützung von Einzelnen und das bedeutet mir wirklich viel, weil es mir das Gefühl gibt, dass wir richtig gute Arbeit machen", sagt sie.

"Wir sollten keine Angst davor haben, was passieren könnte, selbst wenn ich wirklich ins Gefängnis muss. Wir sollten unsere Arbeit machen, komme was wolle. Denn wenn wir sie nicht tun, wer dann?"

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