Warum Catcalling in Deutschland noch immer nicht verboten ist

In Spanien gilt Catcalling seit Ende Mai als Straftat. Eine Juristin erklärt, in welchen Fällen du in Deutschland Catcalling anzeigen kannst.

"Du siehst geil aus. Willst du mit? Du könntest auch Danke sagen." Nichts läutet den Sommer so ein wie Männer, die sich aus Autofenstern lehnen und zwinkern, pfeifen, hupen. Kurz fühle ich mich zu nackt in meinen Shorts. Und ich denke, ich hätte vielleicht doch lieber die weitere, längere Hose anziehen sollen. Dann hätte sich jetzt vielleicht nicht das Patriarchat in diesen paar Zentimetern nackter Haut zwischen dem Saum meiner Shorts und meiner Kniescheibe festgebissen. Und dann merke ich, dass es egal ist. Catcalling passiert auch, wenn ich lange Hosen trage. 

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Ja, es gibt den meteorologischen Sommeranfang. Aber der echte Sommeranfang ist, wenn Männer noch mehr Ehrgeiz entwickeln, um weiblich gelesenen Körpern ungefragt eine Bewertung aufzudrängen.

Das Urban Dictionary definiert Catcalling als "einer fremden Person anzüglich zurufen oder hinterherpfeifen." Meistens seien das sexuell frustrierte Männer, die Aufmerksamkeit von Frauen wollen.


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In Spanien geht das jetzt nicht mehr. Dort behalten Männer ihre Köpfe jetzt in ihren Autos. Ihre Hälse, die sie sonst verrenkten, um sie aus den Autofenstern zu strecken, sind plötzlich nicht mehr verspannt. Wahrscheinlich verlernen sie auch das Pfeifen. In Spanien ist Catcalling nun ein Straftatbestand. Wer ohne Zustimmung einer Person hinterher pfeift oder diese mit anzüglichen Sprüchen belästigt, kann mit einer Geldstrafe, gemeinnütziger Arbeit oder Hausarrest von bis zu einem Monat bestraft werden. In Deutschland warnen die Tageszeitung BZ oder das Nachrichtenportal Der Westen schon mit Überschriften wie "Urlaub in Spanien: Strenges Sex-Gesetz kommt! Das müssen Touristen jetzt wissen" oder "DAS müssen Spanien-Urlauber jetzt beim Flirten beachten". Sie scheinen nicht verstanden zu haben, dass es beim Catcalling weder um Sex noch ums Flirten geht, sondern um Macht, die ausgeübt wird. Diese Form von Belästigung begrenzt den Raum, den weiblich gelesene Personen öffentlich einnehmen dürfen. 

Sexistische Spanien-Urlauber haben also ein bisschen Angst vor dem "Sex-Gesetz". Zeit, dass sie sich auch hier fürchten müssen. Könnte Catcalling auch in Deutschland illegal werden? 

Ich bin jedenfalls ungeduldig, denn meine Wut ist groß, wenn ich Catcalling erlebe. Die Wut kommt immer mit Machtlosigkeit, weil ich glaube, nichts tun zu können. Auf Instagram kanalisieren Menschen ihre Wut in ein Projekt, dass von Catcalling Betroffenen den öffentlichen Raum zurückgeben soll, der ihnen genommen wurde. All das, was man ihnen um die Ohren wirft, machen diese Accounts öffentlich. Mit Kreide schreiben sie die Aussagen oder eine Beschreibung der Situation an den Ort, an dem sich der Übergriff oder das Catcalling zugetragen hat. Catcalls of Berlin teilt Fotos von Schriftzügen auf Gehsteigen.

Foto: Catcalls of Berlin.

Foto: Catcalls of Berlin.

Solche Accounts gibt es für viele Städte in Deutschland. Leipzig, Bielefeld, Stuttgart, Darmstadt. Das sind nur einige davon. Inspiriert wurden sie vom Account Catcalls of NYC, der dieses Projekt im März 2016 angefangen hat. 

Das Problem bestimmt nicht nur meinen Alltag, sondern ist allgegenwärtig. Trotzdem wird Catcalling im Koalitionsvertrag kein einziges Mal erwähnt. Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestags hat im November 2020 die Rechtslage zu Catcalling in einem Paper analysiert. Er erklärt, in welchen Fällen Catcalling strafverfolgt werden kann. Demnach gilt Catcalling als Beleidigung; allerdings nur wenn vorsätzlich die Ehre der angesprochenen Person verletzt wird. In allen anderen Fällen können anzügliche Bemerkungen nicht geahndet werden.

Catcalling ist in Deutschland nur in Einzelfällen strafbar. Die Juristin Anja Schmidt von der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg beschäftigt sich in ihrer Forschung mit Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung und mit Legal Gender Studies. Sie geht davon aus, dass es durchaus Fälle gibt, in denen man eine bewusste Herabwürdigung der Person erkennen kann: "Schauen wir zum Beispiel auf die 'Catcalls Of …' -Instagram-Accounts. Sagt dort jemand 'Frauen sind sowieso nur zum Ficken gut', dann werden Frauen gegenüber Männern herabgewürdigt."

Wer Catcalling erfährt, hat die Möglichkeit rechtliche Schritte einzuleiten. Es kommt aber auf den Einzelfall an. "Verbale sexuelle Belästigung ist also nur strafbar, wenn dabei auch eine Beleidigung erfolgt." Wenn mir jemand "Geiler Arsch!" zuruft, dann kann die Bemerkung nicht geahndet werden, weil keine Beleidigung vorliegt. Nach Schmidts Auffassung ist das eine Lücke. "Wenn ein erhebliches Aufdrängen von Sexualität stattfindet, liegt eine Verletzung des Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung vor. Dann kann es angemessen sein, die Aussage strafrechtlich zu ahnden."

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In den vergangenen Junitagen war die Hitze drückend. An solchen Tagen fühlt sich der Weg durch die Stadt wie ein Hindernislauf an. Ich bewege mich von Schattenplatz zu Schattenplatz, wechsle auf die linke Straßenseite, wenn die Sonne für die nächsten hundert Meter auf die rechte Seite runterbrennt. Aber meistens geht es nicht nur darum, die Sonne zu meiden, sondern auch Männergruppen, weil ich keine Lust habe auf Blicke oder mögliche Sprüche. Die Hitze erdrückt. Das Pfeifen, die Rufe, das Hupen auch.

In Deutschland hat sich die Rechtslage um Catcalling bisher nicht verbessert. Schmidt sagt, es fehle das Bewusstsein für die wahren Hintergründe von Catcalling: "Es ist eben nicht nur eine unangenehme Form von sexuellem Aufdrängen, sondern eine sexualisierte Herabwürdigung von Personen." Es handle sich dabei auch um Diskriminierung. "Empirische Studien deuten darauf hin, dass vor allem Frauen, diverse Personen und  homosexuelle Männer von Catcalling betroffen sind." Die Studie "Ausmaß und Folgen der verbalen sexuellen Belästigung" vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, eine der wenigen Studien, die es zu diesem Thema gibt, kommt zum selben Schluss. Mehr als die Hälfte der Befragten wurden in den drei vorhergehenden Monaten beleidigt aufgrund des Geschlechts, erlebten Annäherungsversuche oder bekamen sexistische oder anzügliche Bemerkungen zu hören. Sexistische Beschimpfungen erfuhren 42 Prozent von ihnen. 

Laut UNICEF sind die Folgen einer Hypersexualisierung für Mädchen Schamgefühle, Angst bezüglich ihres Aussehens, gemindertes Selbstbewusstsein, Essstörungen und Depressionen. Aus dieser Objektivierung wiederum folgen Geschlechterstereotype, die Gewalt an Frauen normalisieren. Die Folgen von Catcalling sind ausgeprägt. Spanien hat die Gefahr erkannt. Das Gesetz wurde geändert und verbale sexuelle Belästigung kann überhaupt erst geahndet werden. Auch Deutschland könnte sich in eine solche Richtung entwickeln. Dafür müsste aber noch einiges geschehen. "Hilfreich wäre es sicher, wenn es mehr empirische Studien gäbe, die aufzeigen, welche Folgen Catcalling für die betroffenen Personen hat. Es trifft ja vor allem junge Frauen, teilweise auch Mädchen", so Schmidt. "Bei den Koalitionsparteien und zivilgesellschaftlichen Organisationen braucht es mehr Bewusstsein dafür, warum und wie problematisch das ist. So kann mehr Druck erzeugt werden, damit mehr an diesem Thema gearbeitet wird."

Also wie können wir Bewusstsein schaffen? Das fängt schon damit an, dass Betroffene die sexualisierten Sprüche auf die Straße schreiben. Es hilft auch, Freundinnen und Freunden von Catcalling-Erlebnissen zu erzählen. Oder Texte darüber zu schreiben. Oder die Texte weiterzuschicken.

Wenn ihr nicht betroffen seid, fragt euch, wie viel Raum ihr unbewusst einnehmt und ob dadurch Menschen in ihrem Alltag eingeschränkt werden. Vor allem im Sommer. Vielleicht müsst ihr euch nicht aus den Autofenstern lehnen. Vielleicht verlernt ihr das Pfeifen einfach von selbst.

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