So weit verbreitet sind QAnon-Thesen unter deutschen Impfgegnern

Eine neue Studie hat außerdem untersucht, welche Parteien Anhänger des QAnon-Verschwörungsglaubens wählen.

21 April 2022, 11:06am

Vor über einem Jahr stürmten 800 bis 1.200 Trump-Anhänger gewaltsam das Kapitol. Unter ihnen ein Mann, der wegen seiner Aufmachung – Büffelhörner, Fellmütze, US-Flagge in der Hand – als "QAnon-Schamane" durch die Medien ging. Ein paar Monate davor hatte im August 2020 Tamara K. bei einer Querdenken-Demonstration zum Sturm auf den Reichstag aufgerufen. Auch sie hatte Verbindungen zur QAnon-Szene.

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Es sind nur zwei von vielen Fällen, die zeigen, wie sich Anhängerinnen und Anhänger der QAnon-Verschwörungserzählung radikalisiert haben. Im Kern ihrer Ideologie liegt der Glaube an eine geheime, alles kontrollierende Elite, die Kinder ermordet, um aus ihrem Blut ein Verjüngungsserum zu gewinnen. Und in Deutschland hatte sie 2020 mit Xavier Naidoo einen prominenten Fürsprecher, der die Thesen nach seinem Rauswurf bei DSDS in Videos teilte. Inzwischen hat er sich öffentlich von Verschwörungserzählungen distanziert.

QAnon ist also schon lange in Deutschland angekommen. Doch wie verbreitet ist die Verschwörungsideologie hier inzwischen und welche Gefahr geht akut von ihr aus?


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Josef Holnburger, Geschäftsführer des Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS), hat genau das untersucht. CeMAS ist eine gemeinnützige Organisation, die sich mit den Themen Verschwörungsideologien, Desinformation, Antisemitismus und Rechtsextremismus beschäftigt. Holnburger hat mit seinem Team 115 Kanäle und 84 Gruppen auf Telegram analysiert sowie eine repräsentative Umfrage durchgeführt. Die Ergebnisse haben die Forschenden unter dem Titel Q vadis? Zur Verbreitung von QAnon im deutschsprachigen Raum Ende März veröffentlicht. Der Report soll einen Überblick geben über ein Milieu, das sich bisher nur schwer eingrenzen ließ. Denn es überlappt mit anderen Szenen, zum Beispiel von Reichsbürgern oder Coronaleugnern.

Die QAnon-Szene hat ihren Ursprung auf Imageboards wie 4chan oder 8kun, wo ein oder mehrere Nutzer mit dem Pseudonym Q Posts verfassten. "Zwischen 2017 und Ende 2020 schrieb Q ungefähr 5.000 Beiträge – alle kryptisch, teilweise geschrieben in einer Art Militärsprech", sagt Holnburger. Die Beiträge handelten vom sogenannten Deep State, einer alles beherrschenden, bösen Macht, die weltweite Kontrolle ausübt, und von Donald Trump, der angeblich dagegen vorgeht. "Q teilt Trumps geheimen Plan, damit seine Unterstützer, als digitale Krieger für Trump oder für Q in den Kampf ziehen", sagt Holnburger über den Glauben der QAnon-Jünger. Und diese Erzählung von bösen Mächten bietet auch all jenen eine Anschlussstelle, die seit Beginn der Corona-Pandemie nach einfachen Erklärungen für die scheinbar immer komplexere und bedrohlich wirkende Weltlage suchen.

Das Coronavirus lieferte der QAnon-Bewegung Aufschwung. Aber nicht nur ihr. 

"QAnon-Anhänger sind überzeugt, dass es einen geheimen Plan gibt, wie die Elite ausgehebelt werden kann. Impfgegner glauben, dass es keine Viren gibt. Die Unterschiede sind fein", sagt Holnburger. Im Kern stehe aber immer: Das, was "der Mainstream" behauptet, stimmt auf keinen Fall. "Wegen der Gemeinsamkeiten verstehen sich die Anhänger verschiedener Verschwörungsideologien auch immer so gut: Sie haben das gleiche Betriebssystem."

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Dieses gleiche Betriebssystem spiegeln auch die Zahlen des CeMAS-Reports. Fast die Hälfte der Menschen in Deutschland, die sich nicht gegen COVID-19 haben impfen lassen (46%), stimmen QAnon-Narrativen mindestens teilweise zu. Bei Menschen, die jeweils eine oder mehr Impfungen erhalten haben, liegt die Zahl bei 8,7 Prozent. Auch unter den Teilnehmenden der Querdenker-Demos lässt sich eine ähnliche Tendenz feststellen. Die Zustimmung zu QAnon-Verschwörungserzählungen liegt da bei 58,1 Prozent der Protestierenden, während nur 10,3 Prozent der Menschen, die nie bei einer solchen Demo teilgenommen haben, QAnon-Verschwörungserzählungen zustimmen.

Holnburgers Team hat auch untersucht, welche Gesellschaftsgruppen in Deutschland besonders anfällig für QAnon-Verschwörungserzählungen sind. Alter und Geschlecht seien dabei nicht ausschlaggebend, sagt Holnburger. Das Wahlverhalten dagegen schon eher.

Unter Wählerinnen und Wählern der Grünen lehnen 96,3 Prozent solche Erzählungen ab, bei Die Linke sind es 91 Prozent. Aber knapp 44 Prozent der AfD-Wählerinnen und -Wähler stimmen QAnon-Narrativen zu. Seine Untersuchung habe festgestellt, sagt Holnburger, dass es bei vielen anderen rechtspopulistischen und rechtsextremen Parteien sogar noch eine größere Nähe zu Verschwörungstheorien gebe als bei der AfD. Das liege auch daran, dass Populismus mit Verschwörungserzählungen sehr kompatibel sei: "Denn auch beim Populismus geht es um eine flache Elitenkritik: die da oben und wir hier unten."

Besonders gefährlich an diesen Erzählungen sei, dass sie sich fast unbemerkt in den politischen Diskurs einschleichen können: "Viele von denen, die QAnon-Verschwörungsnarrative teilen, wissen gar nicht, dass sie sich auf QAnon beziehen."  Demnach wussten nur neun Prozent aller Befragten, was QAnon ist, aber 12,6 Prozent stimmten zentralen QAnon-Erzählungen zu.

Der CeMAS-Report beschreibt den QAnon-Glaube als Meta-Verschwörung, weil sie sich in jeder Krise der neuen Situation anpasst. Das zeigt auch der Umgang mit dem Krieg in der Ukraine. Die Szene gibt sich Mühe, Antworten zu liefern, indem sie die Feindbilder skizziert. "Zum Krieg gibt es Videos aus dem QAnon-Milieu, die 400.000 mal abgerufen wurden, in denen jemand, der quasi als QAnon-Influencer gelten könnte, sagt, dass Putin danach mit dem eisernen Besen auch durch Europa fegen würde. Und das wäre eine gute Nachricht", sagt Holnburger. Bewährte Erzählungen werden demnach auch jetzt während des Angriffskriegs wieder aufgegriffen und auf die Kriegssituation abgestimmt. "Es gibt Leute, die jetzt wieder behaupten, dass es auch in der Ukraine Untergrundlabore gibt."

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Gleiches habe man auch während der Hochwasserkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz beobachten können: "Es wurden Nachrichten verbreitet, dass aus Untergrundeinrichtungen 600 Kinderleichen angespült worden seien. Kinderleichen, an denen angeblich Versuche unternommen wurden, in geheimen Bio-Laboren, die im deutschen Untergrund zu finden seien."

Weil die QAnon-Szene so anpassungsfähig ist und sich ständig verändert, muss man sie im Blick behalten. Seit vergangenem Jahr beobachtet der Bundesverfassungsschutz auch Teile der "Querdenken"-Bewegung und erwähnt in einem Bericht zum neu gegründeten Phänomenbereich "Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates" auch QAnon. Der Verfassungsschutz in Brandenburg hatte ebenfalls davor gewarnt, dass sich Verschwörungserzählungen weiter verbreiten – darunter insbesondere deutschsprachige "QAnon"-Inhalte. Man könne nicht ausschließen, dass von Anhängern solcher Verschwörungsideologien schwere Gewaltstraftaten ausgehen, "weil sie für sich keine anderen Formen des Handelns mehr erkennen können", lautet ein Fazit im Brandenburger Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2020. Wie viele Verbrechen in Deutschland im Zusammenhang mit der QAnon-Bewegung stehen, kann das Bundeskriminalamt auf Anfrage nicht beantworten.

Dass die Bewegung gewaltbereit ist, lässt sich laut Holnburger aber nicht nur durch den Sturm des Reichstag und des Kapitols belegen – bei letzterem kamen fünf Menschen ums Leben: "Es gab auch schon Menschen, die im privaten Umfeld zum Beispiel Kinder umgebracht haben. Es ist eine individuelle Gefahr, die davon ausgeht, aber eben auch eine abstrakte für die Gesellschaft."

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So hatte im August 2021 ein US-amerikanischer QAnon-Anhänger in Mexiko seine beiden Kinder getötet, weil er glaubte, ihre Mutter hätte den beiden "Schlangen-DNA" vererbt. Und im Januar sagte ein Mann vor einem US-Gericht aus, er habe seine Frau erschossen, weil ein Mitglied der QAnon-Verschwörungsbewegung ihm mitgeteilt habe, sie sei eine in Menschenhandel involvierte CIA-Agentin.

Die QAnon-Bewegung trage auch dazu bei, dass die Zahl antisemitischer Verbrechen zunehme, sagt Holnburger. Denn das Teilen von QAnon-Erzählungen verstärke Feindbilder gegenüber vermeintlich mächtigen Personen: "Das fördert auch antisemitische Stereotype. Der Antisemitismus wird bedrohlicher, weil Verschwörungstheorien dafür das Setting liefern."

Da sich die QAnon-Ideologie aus Krisen speist, könnte sie angesichts der Weltlage auch in den nächsten Jahren Menschen anziehen, die nach Antworten und Halt suchen. Bekannte und Freunde, die reingerutscht sind, müsse man widersprechen, sagt Holnburger. Alleine schaffe man das jedoch nicht. "Da braucht man Unterstützung vom Staat. Es gibt in Deutschland Einrichtungen, die Menschen beraten, die Personen aus ihrem Umfeld an Verschwörungsideologien verloren haben. Diese Einrichtungen sind jedoch hoffnungslos überlaufen."

Niklas Vögeding von der Beratungsstelle Veritas, die Betroffene von Verschwörungserzählungen und deren Angehörigen betreut, kann das bestätigen. Zwischen der Gründung im Mai 2021 bis Ende des selben Jahres gingen 600 Beratungsanfragen bei Veritas ein. Weil man schwer vorhersagen könne, wie lange eine Beratung dauert, sei die genaue Wartezeit auf einen Platz momentan unklar, sagt Vögeding. ""Gerade rechnen wir damit, dass man etwa mit einem halben Jahr rechnen muss. Wir haben aktuell zwei Personalstellen, sind aber hoffnungsvoll, dass wir personell aufgestockt werden. Das würde den Prozess beschleunigen."

Josef Holnburger teilt diese Forderung: "Die Organisationen brauchen mehr Geld, mehr Personal. Denn es wird weiterhin eine große gesellschaftliche Verantwortung sein, genau mit solchen verschwörungsideologischen Weltbildern und Familien umzugehen."

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Verschwörung, Rechtsextremismus, verschwörungstheorie, Verschwörungsmythen, Querdenker, VGWRP-350d16ec82d84d5a820e7507c9a683e3

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