So leiden ungarische Dragqueens unter der Orbán-Regierung

Die Drag-Szene in Budapest floriert, gleichzeitig sind die rechtspopulistische Fidesz-Partei und die von ihr inszenierte mediale Hetzjagd eine wachsende Gefahr.

Die Dragqueen Valerie Divine war auf dem Weg zu ihrem Auftritt in einer Bar, als sie von einem kleinen Mädchen angesprochen wurde. Total fasziniert von dem leuchtend pinken Glitzerkleid und den voluminösen rosa Haaren wollte das Kind ein Foto mit Divine machen. Die dazugehörigen Expat-Eltern hatten nichts dagegen.

Divine kniete sich neben das Mädchen, beide lächelten in die Kamera. Die Familie war so sehr von der 30-Jährigen verzaubert, dass sie noch für ihren Auftritt blieb. Später postete ein Angestellter der Bar das Bild auf deren Facebook-Seite. Genau da ging der Stress los.


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Was niemand wusste: Die Facebook-Seite wurde von einem regierungsnahen Journalisten überwacht, der direkt eine Hetzkampagne gegen die Bar und gegen Divine lostrat. Erst zwei Wochen zuvor hatte das ungarische Parlament ein Gesetz erlassen, durch das auch verboten wurde, Minderjährigen Inhalte über Homosexualität oder Geschlechtsangleichungen nahezubringen.

Seit der ungarische Premierminister Viktor Orbán und seine rechtspopulistische Partei Fidesz 2010 wieder an die Macht kamen, wurde die ungarische Medienlandschaft schleichend umgekrempelt: Regierungskritische Zeitungen und Fernsehsender wurden verdrängt, während regierungsnahe Pressekanäle vor allem als Propagandawerkzeuge dienen.

Eine solches regierungsnahes Blatt schrieb über das Foto von Divine und dem kleinen Mädchen, es sei ein Beweis dafür, wie LGBTQ-Organisationen Kinder für ihre Propaganda nutzten. Eine andere Seite ging noch weiter und sagte, das Foto zeige, dass die Einführung des Kinderschutzgesetzes durch die ungarische Regierung nicht unbedingt voreilig gewesen sei. Besagtes Kinderschutzgesetz gehört zu den neuen Anti-LGBTQ-Maßnahmen. Es schreibt auch harte Strafen für Pädokriminelle vor. Vor allem zeigt es aber, wie die ungarische Regierung bewusst versucht, homosexuelle Menschen mit Kindesmissbrauch in Verbindung zu bringen.

Das ist Valerie Divine

"Meine Kolleginnen empfahlen mir, die Kommentare unter dem Foto nicht zu lesen, weil sie so schlimm seien", sagt Divine gegenüber VICE. "Ich habe mich in Ungarn immer sicher gefühlt. Seit dieses Gesetz erlassen wurde und es zu dem Zwischenfall mit dem Foto kam, frage ich mich aber immer häufiger, wohin ich umziehen könnte."

Valerie Divine heißt eigentlich Szabolcs Farkas und wuchs in der Kleinstadt Ózd nahe der slowakischen Grenze auf. "Als Teenager habe ich jahrelang junge Frauen um Dates gebeten und wurde immer zurückgewiesen. Sie wussten wohl etwas, das ich nicht wusste", sagt Farkas und lacht nervös. Seine Mutter stellte schließlich die Frage nach seiner Sexualität. Nach diesem Gespräch hatte er mit 19 sein offizielles Coming-out als Homosexueller. Farkas nutzt männliche Pronomen, während er in seiner Rolle als Valerie Divine auf weibliche Pronomen zurückgreift.

Die Welt des Drag eröffnete sich Farkas, als er vor fünf Jahren nach Budapest zog, um Schauspieler zu werden. Alles begann beim Junggesellinnenabschied einer Cousine, bei dem er in einem schnell zusammengeschusterten Kostüm und mit einer Perücke unter tosendem Applaus auftrat. Den eigentlichen Wendepunkt im Leben des jungen Manns stellte aber die Wahl zur "Drag Queen Hungary 2020" dar.

"So richtig fing ich erst ein Jahr vor dem Wettbewerb an. Ich musste also schnell viel lernen – vor allem beim Make-up", erzählt Farkas. "Es war aber sehr schön zu realisieren, dass ich ein Talent habe." Valerie Divine war geboren. 

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Divine schlug in die Budapester Drag-Szene ein wie eine Bombe und wurde im August 2020 auch direkt zur besten Dragqueen Ungarns gekürt. Ihre Mutter und ihre Schwester waren bei ihrem Auftritt im Publikum und jubelten ihr zu. Nach 29 Jahren voller unterdrückter, nur schwer definierbarer Emotionen hatte Farkas endlich das Gefühl, angekommen zu sein. 

Das ist Szabolcs Farkas ohne Kostüm und Make-up

Obwohl die ungarische LGBTQ-Community in den vergangenen zehn Jahren immer mehr zum Angriffsziel der Regierung geworden ist, floriert die Drag-Szene des Landes. Jedes Jahr trauen sich immer mehr Dragqueens auf die Bühnen Budapests und wollen ihre Fähigkeiten neben etablierten Künstlerinnen und Künstlern wie Joe Black, Bimini Bon-Boulash oder Bianca Del Rio beweisen. In einer Szene, in der Kunst und Entertainment über allem stehen, ist man eng verbunden. 

Der "Drag Queen Hungary"-Wettbewerb wurde 2019 in der Kimberly Bar zum ersten Mal veranstaltet, damals sahen rund 40 Leute zu. 2020 zog die Veranstaltung ins größere Crush Budapest, fast 150 Menschen sahen Divine bei ihrem überzeugenden Auftritt zu. Und dieses Jahr machten über 300 Leute das Bakelit Multi Art Centre am Rande von Budapest voll, wo eine Dragqueen namens Sa’soon die Krone von Divine übernahm. Am Anfang setzte sich das Teilnehmendenfeld nur aus Hobby-Dragqueens zusammen, inzwischen nehmen auch Profis teil.

Trotz dieser erfreulichen Entwicklung ist die unablässige Panikmache  und Hetze der Fidesz-Partei gegenüber der LGBTQ-Community eine schwere Belastung. "Hier hat gerade jeder eine flaues Gefühl im Magen, weil wir nicht wissen, was als nächstes passiert und welche Rechte man uns noch wegnehmen könnte", sagt Gyula Antal Horváth, der Veranstalter von Drag Queen Hungary, gegenüber VICE.

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Schon vor den Anti-LGBTQ-Maßnahmen im Juni erließ das ungarische Parlament ein Gesetz, das es gleichgeschlechtlichen Paaren im Grunde verbietet, Kinder zu adoptieren. Das Gesetz definiert eine Familie als eine Institution, "die auf der Ehe und der Eltern-Kind-Beziehung basiert". Die Mutter müsse dabei eine Frau und der Vater ein Mann sein. Und im Mai 2020 beendete das Parlament die rechtliche Anerkennung von Transmenschen, indem man es ihnen nicht mehr möglich machte, das Geschlecht in behördlichen Dokumenten zu ändern.

Was Farkas aber am meisten Sorgen bereitet, ist die Wirkung solcher politischer Schritte auf junge homosexuelle Menschen außerhalb von Budapest. Die leben nämlichen in Kleinstädten und Dörfern, in denen die regierungsnahen Medien vorherrschen – und damit auch die Behauptung, dass Homosexualität einen Gefahr für die ungarischen Familienwerte sei. "Heute ist es viel schwieriger, sich zu outen, als zu der Zeit, in der ich das tat", sagt Farkas. "In vielen dieser Orte gibt es absolut keine Unterstützung für die jungen Menschen. Und das kann sehr beängstigend sein." Aber auch in Budapest werden Leute aus der LGBTQ-Community inzwischen immer vorsichtiger, wenn sie außer Haus gehen. Dragqueens wie Divine sind entweder nur noch in der Gruppe unterwegs oder nehmen ein Taxi. Öffentliche Verkehrsmittel sind für sie keine Option mehr.

Farkas besucht jedes Jahr die "World Press Photo"-Ausstellung, um sich die besten Bilder des Jahres anzuschauen. Mads Nissens siegreicher Beitrag aus dem Jahr 2015 geht dem Kunstliebhaber dabei bis heute nicht aus dem Kopf: Das Foto zeigt ein junges, schwules Pärchen, das in einer kleinen Wohnung in St. Petersburg ganz innig daliegt. Die Vorhänge des Zimmers sind zugezogen, einer der beiden Männer blickt den anderen mit einem fast schon manischen Blick an. "Ich frage mich immer: Sind wir das vielleicht bald? Ist es hier bald wie in Russland? Muss ich mich bald in meiner Wohnung einsperren? Muss ich bei meinem Leben die Vorhänge zuziehen?", sagt Farkas. Fast rollt ihm eine Träne die Wange hinunter, er wischt sie elegant weg. Dann ist er still. Mehr kann er nicht sagen.

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