Die absurde Geschichte eines österreichischen Nazi-Rappers

Mit geklauten Beats von 50 Cent, Jay-Z und dem Wu-Tang Clan lieferte Mr. Bond den Soundtrack für US-Neonazis und einen deutschen Attentäter. Jetzt drohen ihm 20 Jahre Haft wegen Volksverhetzung.

14 Dezember 2021, 4:21pm

Mr. Bond ist nicht irgendein Rapper. Er ist ein Rapper, der keine Schwarzen mag. Und keine Frauen. Und keine Juden, Muslime oder allgemein Menschen, die eine andere Ethnie haben als die seine (österreichisches Weiß). Er hat sich die HipHop-Kultur nur angeeignet und mit seiner rechtsextremen Weltsicht vermischt. In seinen meist englischsprachigen Liedern dichtete Mr. Bond jahrelang bekannte Pop-, Punk-, vor allem aber HipHop-Klassiker zu rassistischen Hasstiraden um. Mit seiner Musik wurde er zu einer Art Galionsfigur für andere Rechte und Neonazis. Spätestens dann, als der Terrorist von Halle im Jahr 2019 einen Mr. Bond-Song zu einem Videostream spielte, in dem er zwei Menschen tötete. 

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Die Wiener Staatsanwaltschaft hat nun eine umfassende Anklage gegen Mr. Bond eingereicht. Sie wirft ihm vor, sich "im nationalsozialistischen Sinne betätigt" zu haben. Darauf stehen bis zu 20 Jahre Gefängnis. Am letzten Tag der Frist legte Mr. Bonds Verteidiger allerdings Einspruch ein. Mr. Bond soll nicht selbst Verfasser der Texte sein, auf denen die Anklage aufbaut. Das Oberlandesgericht Wien muss nun entscheiden, wie es weitergeht.


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Der 36-jährige Philip H. - so heißt Mr. Bond mit richtigem Namen – soll tief in der Neonazi-Szene verwurzelt sein, so die Staatsanwaltschaft. H. soll neben seiner Musik enge Kontakte mit den rechtsextremen Identitären rund um Martin Sellner gepflegt und Treffen mit anderen Neonazis in Wien geplant haben. Glaubt man den Recherchen vom österreichischen Standard und der ARD, hat H. sogar das Manifest des Christchurch-Attentäters ins Deutsche übersetzt und dem Terroristen, der 51 Menschen tötete, einen Song gewidmet. 

Philip H. hatte offensichtlich viele fragwürdige Idole. Doch als der Halle-Terrorist Stephan B. ihn groß zelebrierte, konnte er damit offenbar wenig anfangen. Wie Kommentare in Online-Foren zeigen, blickte H. alias Mr. Bond sogar auf den Terroristen Stephan B. herab. Doch um zu verstehen, wie die Verbindung zwischen H. und dem Halle-Attentäter zustande kam, muss man zu den Anfängen von Mr. Bond zurück.

Gescheitert an der eigenen Eitelkeit?

Schon 2016 stellte H. alias Mr. Bond sein erstes Mixtape zusammen. Bis 2019, dem Jahr der tödlichen Anschläge von Christchurch, Halle und auf Walter Lübcke, veröffentlichte er vier weitere. Anfang 2021 wurde Philip H. dann wegen mutmaßlicher Verbreitung von NS-Gedankengut und Volksverhetzung festgenommen. Im Haus seiner Eltern, wo er wohnte. Als die Polizei das Haus durchsuchte, fanden die Beamten Waffen, eine Reichskriegsflagge, NS-Devotionalien, Festplatten und Liedtexte. 

Auffindbar hatte sich H. wohl durch seine Eitelkeit gemacht: Er hatte ein Bild von sich geteilt, vermummt zwar, aber doch so, dass man aus dem Hintergrund seinen Aufenthaltsort schließen konnte. Auf dem Foto sitzt er in der Kabine eines Skilifts und blickt gedankenverloren aus dem Fenster. Auf dem Kopf trägt er die dunkle Kapuze seiner Jacke und darunter die bordeauxrote Kapuze seines Sweatshirts, den unteren Teil seines Gesichts verdeckt ein grauer Schal. Nur die Stirn und seine Augen hinter seiner runden Brille sind erkennbar.

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Vor seiner Festnahme soll sich H. in der ganzen Welt mit anderen Rechten verbunden und ein Unterstützungsnetzwerk aufgebaut haben. Dem Standard zufolge habe H. unter anderem den US-Republikaner, Holocaust-Leugner und Rassisten Patrick Little im Wahlkampf unterstützt. Mittlerweile hat die Partei ihn rausgeworfen. Im Song "Dear Donald" wirft Mr. Bond dem ehemaligen US-Präsidenten vor, das Weiße Amerika verraten zu haben. 

Es bleibt offen, warum der Kärntner Neonazi H., der doch so einflussreich im Internet und darüber hinaus war, so lange unerkannt blieb. Beinahe ungestört vernetzte sich H. international mit anderen Rassisten, Rechtsextremen und Neonazis und schuf gleichzeitig den Sound, der deren Treiben unterstützen sollte. Damit baute sich H. eine so große Fanbase auf, dass sein musikalisches Schaffen den Weg in ein Terror-Video fand.  

Über die Ausführung des Halle-Attentats zeigte sich H. enttäuscht

War H. bis dahin eher ein szenerelevantes Internet-Phänomen, erlangte er im Oktober 2019 schließlich die Aufmerksamkeit der Behörden: Der Halle-Mörder Stephan B. hatte versucht, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur mit selbstgebauten Schusswaffen die Hallesche Synagoge zu stürmen. Als das nicht klappte, erschoss er die Passantin Jana Lange und den 20-jährigen Kevin Schwarze in einem Dönerladen. In weiten Teilen eines Videos, das B. während der Tat streamte, läuft im Hintergrund Mr. Bond. 

Als der Musiker das mitbekam, soll er sich zunächst gefreut haben. Wie der Standard schreibt, soll Philip H. anonym unter dem Namen anon24431009 in einem US-amerikanischen Szene-Forum kommentiert haben: "In dem Stream wurde ein Song von Mr. Bond gespielt?" Später aber schien er resigniert: Am 14. Oktober 2019, fünf Tage nach dem Anschlag, schrieb er in einem Forum: "Jetzt ist es offiziell. Der Typ erschoss nur zwei Deutsche, keine Moslems oder Ähnliches. Ein massives Versagen." H. spielt damit auf den ursprünglichen Plan des Attentäters an. Er hatte vor, die Synagoge zu stürmen und dort so viele jüdische Menschen wie möglich zu ermorden. Doch die Tür zum Gebäude hielt seinen Einbruchsversuchen stand. 

Auch an anderer Stelle signalisierte H. offen seine Sympathie für rechtsextreme Anschläge: Am 21. Juni 2019 schrieb er nach dem Mord an dem Kasseler CDU-Politiker Walter Lübcke in ein US-amerikanisches Forum: "Wir haben einen neuen deutschen Helden!" H. meinte den Täter. 

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Ob Mr. Bond hier schon von den Behörden beobachtet wurde, ist unklar. Der Standard und die ARD haben jedenfalls später rekonstruiert, wie fleißig Philip H., der Neonazi mit dem schwindenden Haar, im Internet war, dass er öffentliche Lobgesänge auf Terroristen schrieb, offen gegen Minderheiten hetzte und sich in jüdischen Weltverschwörungstheorien erging.  

Die eindeutigen Songtitel lassen sich auf Streaming-Plattformen immer noch nachlesen

Die Behörden sind dabei nicht die einzigen, die H. zunächst gewähren ließen. Trotz seiner offen rechtsradikalen Lyrics konnte er noch lange auf Streaming-Plattformen damit Geld verdienen. Spotify hat die Tracks von Mr. Bond zwar mittlerweile offline genommen, die grau eingefärbten Titel kann man aber noch einsehen. Welche Gesinnung in der Musik steckt, erkennt man auch, ohne sich die Songs anzuhören: Sie heißen etwa "Because I Sieg Heiled", "Camps a Make 'em Lamps" oder "I Wanna Gas You". Eines der Mixtapes von Mr. Bond ist nach dem Hitler-Buch Mein Kampf benannt. Das Cover zeigt Hitler mit dicker Goldkette und Sonnenbrille vor einer Limousine und einem Panzer. 

H.s artistisches Schaffen bestand darin, Songs zu klauen und die Lyrics in Nazi-Manifeste umzudichten: Aus den "99 Problems" von Jay-Z wurden zum Beispiel "88 Problems" von Mr. Bond. Die 88 steht für den achten Buchstaben im Alphabet: HH, Heil Hitler. Mr. Bond leugnet in seinen Songs den Holocaust ("Holohoax") und wünscht sich gleichzeitig einen neuen herbei. 

Ob sich H. seine Gefolgschaft aufbauen konnte, weil er solche Inhalte so lange ungestört verbreiten konnte oder ob rechtsextremes Gedankengut immer entsprechende Konsumierende finden wird, lässt sich nicht zweifelsfrei zurückverfolgen. Klar ist: Auch nach seiner Festnahme zeigen Zuhörende dem einstigen Mr. Bond ihre Unterstützung. Und nicht nur das. 

In Telegram-Gruppen versammeln sich Neonazis und beklagen die Verhaftung ihres Helden. So schreibt der Admin einer solchen Gruppe: "Mr. Bond [...] hat uns erahnen lassen, wie eine bessere Welt aussähe, in der wir nicht angekettet leben müssen und unsere Ansichten in ihrer Gänze ausgesprochen werden." Und: "Lasst die Erinnerung an ihn [...] niemals aus unserem Gedächtnis verschwinden." Seine internationalen Unterstützenden sammelten für Mr. Bond sogar finanzielle Spenden. Helfen wird es H. dennoch nicht. Der Administrator der Telegram-Fan-Gruppe schrieb kürzlich: "Freiheit wird er wohl lange nicht sehen." Vor Gericht bringt eben auch eine etablierte Fanbase nichts. 

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