Der Film 'Heathers' hat mir gezeigt, dass ich auch mal Außenseiterin sein kann

Das Teenagerleben ist voller Abgründe, zum Glück gibt es Winona Ryder.

Manchmal wollen wir sein wie sie: Das sind unsere Film-Vorbilder. Alle Texte findest du hier.

Im Film Heathers schreibt Veronica Sawyer, gespielt von Winona Ryder, in ihr Tagebuch: "Are we going to prom or to hell?" – Schulball und Hölle liegen für sie nah beieinander. Das Teenagerleben ist voller Abgründe. Abgründe, die sich tiefer anfühlen, als sie eigentlich sind. Bei einem Festival tranken meine Freundinnen und ich Mische (Fanta-Irgendwas) aus Plastikflaschen, die uns irgendwelche Typen im Konzertzelt hinstreckten. Mit 15 durften wir noch keinen Alkohol kaufen. Mische von fremden Typen war also die einzige Option. Und ich wollte nicht, aber mit 15 ist man alt genug für dieses Unwohlsein. Das ganze Konzert über klammerte ich mich an die Absperrung vor der Bühne und wartete darauf, dass mir schwindelig wird, weil ich aus einer fremden Flasche getrunken habe und weil das das echte Leben ist. Und so fühlt sich jedes Festival weniger wie Spaß an und mehr wie der Versuch, sich im echten Leben zurechtzufinden.


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Winona Ryders Charakter fängt dieses Nichtreinpassen ein. In diesem Film von 1989 spielt sie die eher introvertierte und meist genervt aussehende Veronica. Sie trifft sich mit einer Mädchenclique, den "Heathers", die aus drei beliebten Teenie-Girls besteht, die alle Heather heißen. Auch ohne den Film gesehen zu haben, ist es einfach, sich die Gruppe vorzustellen. Sie sind die Vorgängerinnen von The Plastics aus Mean Girls oder Blair und Serena aus Gossip Girl. Sie sind an der Spitze der Highschool-Hierarchie. Sie schikanieren und sehen dabei gut aus. Veronica erklärt das in ihrem Tagebuch so: "Dear Diary, Heather told me she teaches people real life. She said real life sucks losers dry. If you wanna fuck with the eagles, you need to learn to fly." Heather sieht es also als ihre Aufgabe, Unbeliebten zu zeigen, wie schwer das echte Leben ist. Die Schikanen muss man aushalten, um irgendwann in der sozialen Hierachie aufsteigen zu können.

Immer unangenehmer werden ihr der Hunger nach Macht und Beliebtheit der Heathers. 

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Nach einer Party mit Heather Chandler schreibt sie: "Tomorrow, I'll be kissing her aerobicised ass, but tonight, let me dream of a world without Heather - a world where I am free." Heimlich wünscht sich Veronica ein Leben ohne Heather, ein Leben in Freiheit. Als sie auf J. D. trifft, der immer irgendwo lehnt oder cool in seinem Stuhl hängt im Evergreen-Draufgängerlook (Lederjacke, ungestüme Haare, Grinsen), sieht sie in ihm einen Verbündeten. Gemeinsam sprechen sie darüber, dass Heather Chandler es verdient, zu sterben. Während für Veronica das Gespräch nur harmloses Dampfablassen ist, meint J. D. alles ernst. Am nächsten Tag wollen die beiden einer verkaterten Heather Chandler einen Streich spielen und ihr eine Hangovermedizin, die eigentlich eine Mischung aus Orangensaft und Milch ist, ins Zimmer bringen und hoffen, dass sie sich davon übergeben muss. Für J. D. scheint das jedoch alles nur ein Vorwand zu sein. Er will mehr als nur eine Heather Chandler mit Brechreiz. Heimlich vertauscht er den Becher mit einem anderen, den er mit Rohrreiniger gefüllt hat. Und so beginnt eine von J. D. eingefädelte Mordserie. Doch dann bringt Veronica den Mut auf, ihn aufzuhalten. 

Der Film beschreibt jugendliches Nichtdazugehören. Fühlen sich alle so einsam mit 15? Vielleicht. Als Teenager war meine Persönlichkeit wie ein widerspenstiger Hefeteig, der an den Fingern klebt und immer wieder in neue Formen zerfließt. Bin das ich? Bin ich stundenlanges My-Bloody-Valentine-hören? Bin ich mein Lieblingsregisseur? Bin ich meine Meinung zu Pulp Fiction? Bin ich Skateboarden, obwohl ich es gar nicht kann? Mag ich Skateboarden überhaupt? Als Teenager hatte ich den Drang, endlich mal anzukommen in der echten Welt. Ich dachte, endlich wissen zu müssen, wer ich bin. Wie wähle ich eine E-Mail-Adresse, die mir in zwei Jahren nicht peinlich ist? Wahrscheinlich keine die sich aus Wörtern wie "Peace" oder "Smiley" zusammensetzt.

Andere schienen es zu können. Das Jemand-Sein. Sie wussten, wie man sich wohlfühlt in der Mitte eines Raumes, wollten ihre Meinungen laut sagen oder konnten kiffen. Ich fühlte mich als würde ich aus der Form fließen, die ich mir zurechtgelegt habe. Wie Hefeteig. 

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Auch Veronica fühlt sich von Anfang an nicht zugehörig zu irgendeiner Gruppe. Doch Nase rümpfend, Augen verdrehend, Zigarette rauchend scheint sie im echten Leben angekommen zu sein und zu wissen wer sie ist. Ihre Außenseiterrolle macht ihr nicht zu schaffen. Sie erwidert jede schnippische Bemerkung der Heathers mit Augenrollen. Die einzige Person, die sie braucht, ist sie selbst.

Das wollte ich auch. Wahrscheinlich wird kaum ein Lebensabschnitt so oft in Filmen dargestellt wie die Jugend. Den Idealen, die da kommuniziert werden, können wir unmöglich gerecht werden. Man fängt an, merkwürdig auszusehen und soll es dann gefälligst auch noch genießen, denn Jungsein ist super. Das Leben könnte cooler und aufregender sein. Irgendetwas mache ich falsch. Und direkt schlüpfte ich in die Außenseiterrolle, weil das Leben bei anderen so einfach und besser aussieht. 

Als Teenager fühlte sich mein Leben an, wie der frisch gewischte Eingangsbereich eines Firmenhauptsitzes irgendwo in einer Vorstadt. Auf dem Linoleum stand breitbeinig eines von diesen gelben "Achtung Rutschgefahr"-Schildern. Und jeden Tag musste ich über den Boden zum Lift schlittern. Jede Situation bot die Möglichkeit für einen Fehltritt

Auf meinem Tumblr-Blog von 2014 sitzen zwischen The-Smiths-Songtexten und Kafka-Zitaten die Filmstills aus Heathers – Winona Ryder und Christian Slater wie sie durch den Wald rennen oder im Snappy Snack Shack Slushies trinken. Ich hangelte mich, wie wahrscheinlich viele Teenager es tun, an Bildern und Posts entlang auf der Suche nach einer Identität. Merkwürdig eigentlich, wie ich mir Verbündete in meinem Nichtdazugehören suchte. Bei den Außenseiterinnen wollte ich dazugehören. Ich orientierte mich an den Leuten, die sich fast schon peinlich stark über ihr Anderssein identifizierten. Winona Ryder ließ das jedoch am coolsten aussehen. Cooler als Morrissey oder Kafka oder Pop-Punk-Sänger mit weinerlicher Stimme. Die Teenie-Jahre fühlen sich an wie das Wartezimmer im Flur vor dem echten Leben. Wir hängen in der Schwebe zwischen dem Leben, das wir uns vorstellen und dem, das wir leben. Vielleicht ist das Dazwischen der genau richtige Ort. Für Veronica ist das so. Wahrscheinlich hat das echte Leben schon angefangen.

Älter werden bedeutet, herauszufinden, dass die meisten Dinge nicht aufhören. Manchmal das Gefühl haben, nicht dazuzugehören, und Pickel bekommen – das ist für immer. Wahrscheinlich will ich immer noch manchmal sein wie Winona Ryder. Manchmal fühlt sich mein Leben immer noch an wie ein frisch gewischter Eingangsbereich. Aber ich bin jetzt ganz gut darin, die Augen zu verdrehen und die Nase zu rümpfen.

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