Blutrünstiger Jäger oder niedliches Tier: Wie war der Tyrannosaurus Rex wirklich?

"In Filmen wie 'Jurassic Park' wird der T-Rex als Monster dargestellt. Aber das trifft nicht zu", sagt der Paläontologe Pasha van Bijlert.

21 juni 2021, 10:48am

Jurassic Park-Fans müssen jetzt ganz stark sein: Der Tyrannosaurus Rex – der unumstrittene Star der Filme – war vielleicht gar nicht so gefährlich und gefürchtet.

Forschende von Naturalis, einem niederländischen Institut und Museum für Biodiversität, haben vor Kurzem herausgefunden, dass der T-Rex damals in der späten Kreidezeit (also vor rund 68 Millionen Jahren) nur mit weniger als 5 km/h durch die Gegend watschelte. Das ist ungefähr die Geschwindigkeit, die wir Menschen bei einem gemütlichen Spaziergang draufhaben.

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"Mit 4,6 km/h zu gehen, ist eigentlich nicht langsam, sondern für Tiere normal", sagt Pasha van Bijlert, der Experte, der die Entdeckung gemacht hat. Zweibeiner wie Straußen und Menschen gingen bevorzugt mit einer Geschwindigkeit zwischen 4 und 5 km/h. Gleiches gelte für Vierbeiner wie Pferde und Gazellen.

"Aber sobald eine Gazelle einen Geparden an den Fersen kleben hat, kann sie mühelos bis zu 90 km/h schnell rennen", so van Bijlert weiter. "Bei der Gehgeschwindigkeit geht es mehr um die allgemeine Faulheit eines Tiers. Warum rennen, wenn man nicht muss?" Zwar hat van Bijlert selbst noch nicht die Höchstgeschwindigkeit des Tyrannosaurus Rex berechnet, aber in einer anderen Studie vermutet man, dass sie zwischen 20 und 29 km/h gelegen haben könnte. Das ist aber immer noch relativ langsam.

Hier baut Van Bijlert Trix zusammen | Foto: HANNEKE JACOBS

Der 27-jährige van Bijlert studierte ursprünglich Medizin. Als ihm eines Tages während einer Vorlesung langweilig war, las er einen Nachrichtenartikel über die Ausgrabung eines T-Rex-Skeletts namens Trix, das inzwischen im Naturalis-Museum ausgestellt wird. Inspiriert durch die beim Projekt involvierten Paläontologinnen und Paläontologen wurde dem jungen Mann klar, dass er seiner Leidenschaft folgen musste. Also schmiss er das Medizinstudium und schrieb sich für ein Studium der Bewegungswissenschaft ein.

Van Bijlert konnte Trix aber nie vergessen. Auch in der Uni war seine Faszination kein Geheimnis. Gegen Ende seines Studiums ermutigten die Professorinnen und Dozenten van Bijlert deswegen dazu, das Gelernte zur menschlichen Bewegung dazu einzusetzen, sein prähistorisches Lieblingstier besser zu verstehen. Also brachte sich van Bijlert selbst bei, die 3D-Modelle zu bauen, die ihm bei der Simulation von Trix' Gang helfen. 2018 entstand schließlich die Zusammenarbeit mit Naturalis für die BA-Arbeit. Seitdem arbeitet van Bijlert als 3D-Spezialist und Anatom für das Institut.

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"In der Physik lernen wir, dass Dinge eine Eigenfrequenz besitzen. Wenn man den richtigen Rhythmus gefunden hat, benötigt man für größere Bewegungen nicht mehr so viel Energie", erklärt van Bijlert. Um das zu verdeutlichen, wippt er ein kleines Gewicht auf und ab, das am Ende eines elastischen Bands befestigt ist. "Wenn ich das Gewicht fallen lasse, hüpft es von selbst auf und ab. Das ist die Eigenfrequenz. Wenn ich das Gewicht nun in einem anderen Rhythmus bewege – entweder zu schnell oder zu langsam –, muss ich mich mehr anstrengen als bei der Bewegung in der Eigenfrequenz."

Beim T-Rex war es ähnlich: Wenn der Dinosaurier lief, bewegte sich sein Schwanz durch die Verbindung über die Bänder mit auf und ab. "Wenn wir davon ausgehen, dass der Schrittrhythmus mit der natürlichen Eigenfrequenz übereinstimmte, können wir ein physisches Modell bauen und die Gehgeschwindigkeit basierend auf den Schwanzbewegungen rekonstruieren", sagt van Bijlert.

Auf gewisse Art normalisieren die Erkenntnisse der Forschenden den T-Rex – er war auch nur eines von vielen Tieren, die damals über die Erde streiften. "In Filmen wie Jurassic Park, von denen ich großer Fan bin, wird der Tyrannosaurus Rex immer als Monster dargestellt. Das trifft aber nicht zu", sagt van Bijlert. "Wenn man den Mythos mal außen vor lässt, kann man dieses außergewöhnliche Wesen als normales Tier betrachten, das in seinem eigenen Ökosystem existierte. Das macht mir am meisten Spaß. Und genau das ist unser Ziel."

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Das Team rund um van Bijlert arbeitet zum Beispiel gerade an einer wissenschaftlich akkuraten Animation von einem T-Rex, der auf die Betrachter zuläuft. "In dieser Animation sieht der Dinosaurier gar nicht aus wie das Monster, das wir aus Jurassic Park kennen", sagt van Bijlert. "Ich habe das Ganze schon mehreren Biologinnen und Biologen vorgeführt, die fanden das fast schon niedlich. Da habe ich mir gedacht: 'Mission erfüllt.'"

Der Schädel eines Triceratops und ein überglücklicher Pasha van Bijlert | Foto: SERVAAS NEIJENS

Laut van Bijlert teile sich die paläontologische Community in zwei Lager auf. Auf der einen Seite stehen die klassischen Paläontologinnen und Paläontologen, die nichts mehr lieben, als Knochen auszugraben und zu messen, um mit ihren Entdeckungen die Evolutionsstammbäume weiter auszuarbeiten. Und auf der anderen Seite stehen die Forscherinnen und Forscher, die mehr daran interessiert sind, wie sich die Dinosaurier bewegten, verhielten und in ihrem Ökosystem existierten.

Immer wenn van Bijlert gefragt wird, warum man sich im 21. Jahrhundert noch mit Dinosauriern auseinandersetzt, antwortet der Wissenschaftler, dass diese Wesen oft ein wichtiges Sprungbrett seien, um Kinder für die Naturwelt zu begeistern. "Ich glaube, man unterschätzt, wie häufig die Forschung von Dinosauriern dazu führt, dass eine Unterhaltung über die Wissenschaft entsteht", sagt er. "Natürlich muss das Kind später mal nicht in der Paläontologie tätig sein, außer es ist so vernarrt wie ich. Aber vielleicht arbeitet es in einem anderen Bereich der Wissenschaft. Und das alles dank der Dinosaurier."

Dazu kommt, dass das Wissen, wie sich einer der größten Zweibeiner überhaupt bewegt hat, dabei helfen kann, Probleme in der modernen Robotertechnik zu lösen. "Wenn wir Menschen laufen, fallen wir dabei normalerweise nicht oft um und verbrauchen nicht viel Energie", erklärt van Bijlert. "Roboter brauchen beim Gehen hingegen viel Energie, um aufrecht und stabil zu bleiben. Sie haben ja keine elastischen Bänder, die Energie speichern." Dieses Problem tritt bereits bei kleinen Robotern auf und wird größer, wenn auch die Roboter wachsen.

"Darauf basiert eine meiner ausgefalleneren Ideen", sagt van Bijlert. "Ich glaube, ich kann bald beweisen, dass Dinosaurierkörper Bewegungen sogar noch cleverer ermöglichten als der menschliche Körper."

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