10 Fragen an eine Feuerwehrfrau, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Hast du Mitleid mit Menschen, die sich an Silvester selber Körperteile abfetzen? Wie schlimm sehen verbrannte Leichen aus?

22 Mai 2020, 3:00amSnap
10 Fragen, die du dich niemals trauen würdest zu stellen. Wirklich nicht.

Die meisten Menschen rennen aus einem Haus, wenn es brennt. Annika rennt rein – und es macht ihr sogar Spaß, sagt sie.

2016 arbeiteten 31.700 Menschen bei der Berufsfeuerwehr. Davon 559 Frauen. Annika, die eigentlich anders heißt, ist eine von ihnen. In ihrem 30-köpfigen Team ist sie die einzige Frau. Sie löscht Brände, kutschiert Notärzte und Notärztinnen umher und rettet Menschen aus ihren Wohnungen – in 24-Stunden-Schichten.

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"Ich brauche den Adrenalinkick einfach", sagt sie. Wir haben Fragen.

VICE: Hast du schon mal heimlich ein Feuer gelegt, um anschließend als Heldin da zu stehen?
Annika: Garantiert nicht. Ich kenne auch niemanden, der das macht. Ich habe allerdings schon häufiger in den Medien gehört, dass sowas bei der Freiwilligen Feuerwehr vorkommt. Man weiß aber letztendlich nie, ob man einen Pyromanen dabei hat. Es kann natürlich sein, dass so jemand auch mal bei der Berufsfeuerwehr ist.

Ich habe schon Kollegen, die größere Einsätze anziehen. Das ist manchmal komisch. Aber deshalb kann man nicht davon ausgehen, dass einer von denen was damit zu tun hat.

Was war das Widerlichste, das du während der Arbeit erlebt hast?
Verweste Leichen. Davon habe ich etwa zwei im Jahr. Das sind meistens Menschen, die in ihren Wohnungen sterben und dann mehrere Wochen da liegen. Gerade im Sommer bei 30 Grad ist das echt übel. Dann sagen schon die Fliegen und Maden Hallo. Es kann auch passieren, dass die Leichen beim Anheben platzen.

Einmal hatten wir einen Mann, der noch lebte und trotzdem fast geplatzt wäre. Er wog über 200 Kilo und hatte sehr viel Wasser in den Beinen. Wir mussten dann das Stück Teppich, auf dem er lag, ausschneiden und mitnehmen.

Den Verwesungsgeruch von Leichen kriegst du nicht mehr aus der Nase. Neulich stand ich bei einer Freundin vor der Haustür. Sie sagte, dass sie ihren Nachbarn ewig nicht gesehen hätte. Da habe ich zum Fenster geguckt und die Fliegen gesehen. Als wir in den Hausflur gingen, habe ich ihr direkt gesagt, dass sie die Polizei rufen kann. Den Nachbarn wird sie nicht mehr sehen. Ich habe gerochen, dass er tot ist.

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Wie schlimm sehen verbrannte Leichen aus?
Eigentlich nicht schlimm. Die sind einfach nur schwarz und zusammengefaltet. Wenn du ein Brathähnchen zu lange im Ofen lässt, zieht sich das ja auch zusammen. Dafür riechen die sehr übel. Wie verbranntes Schweinefleisch.

Wie sehr hasst du Menschen, die dich anrufen, weil ihre Katze im Baum festsitzt?
Gar nicht, weil ich selber zwei Katzen habe. Ich brauchte auch schonmal die Drehleiter, um meinen Kater aus der Dachrinne zu holen. Ich habe aber viele Kollegen, die in solchen Momenten richtig böse werden. Die fragen dann: "Habt ihr jemals ein Katzengerippe im Baum gesehen?"

Solche Einsätze müssen die Halter selbst bezahlen. Es werden nur Einsätze übernommen, die auch gerechtfertigt sind. Das ist vielen Leuten gar nicht bewusst. Neulich hatten wir aber eine Mutti, die den Weg raus aus der Tiefgarage nicht mehr gefunden hat. Dann hat sie die Brandmeldeanlage ausgelöst. Es kamen direkt zwei Löschzüge – die Rechnung muss sie selbst zahlen.

Wie schwer war es, im Team als Frau akzeptiert zu werden?
Ich weiß, dass meine Jungs dagegen waren, dass eine Frau ins Team kommt. Vor Kurzem wurde mir aber gesagt, dass ich ihre Erwartungen übertroffen habe: Ich sei mehr ein Kumpel als eine Frau.

Die Feuerwehr ist halt ein Männerberuf. Da muss man die Jungs erstmal überzeugen, dass man nicht nur schön aussieht, sondern auch was auf der Kirsche hat. Ich musste zeigen, dass ich mitlaufen und auch die schweren Schläuche schleppen kann. Es hätte ja auch sein können, dass ein mäkeliges Püppchen kommt und die Feuerwehrwache als Laufsteg nutzt. Sowas können wir in unserem Beruf überhaupt nicht gebrauchen. Eine Kette ist immer nur so stark wie ihr schwächstes Glied.


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Hast du Mitleid mit Menschen, die sich an Silvester selber Körperteile abfetzen?
Nö. Dummheit muss bestraft werden. Wenn ich mir illegale Böller besorge, muss ich davon ausgehen, dass ich mir was abfetze. Wenn ich Feuerwerkskörper ordnungsgemäß handhabe, passiert da eigentlich nichts. Mir tun eher die Menschen leid, die mutwillig mit Raketen beschossen werden.

Weihnachten ist aber schlimmer als Silvester. Nicht wegen der brennenden Tannenbäume, sondern wegen der Depressionen. An diesem Tag haben wir besonders viele Suizidversuche.

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Wie oft verfolgen dich deine Einsätze in den Schlaf?
Nie. Ich bin ein Phänomen, was das angeht. Der einzige Einsatz, der mich verfolgt, passierte vor 20 Jahren während meiner Lehre. Damals wurde eine Zwölfjährige von einem LKW überfahren. Das war das schlimmste Erlebnis, das ich je hatte.

Damals konnte man noch keine psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. Also musste ich selber einen Weg finden, mit der Situation klarzukommen. Von dem Mädchen träume ich heute noch. Seitdem habe ich eine imaginäre Mauer um mich herum gebaut – und da kommt nichts durch.

Einige meiner Kollegen haken nach einem schweren Unfall nochmal nach, wie es dem Patienten geht. Ich nicht. Ich mache meinen Job und alles andere liegt nicht mehr in meiner Hand.

Gibt es Einsätze, vor denen du besonders Angst hast?
Einsätze, bei denen Kinder involviert sind. Die haben noch ihr ganzes Leben vor sich.

Um mich selbst habe ich nie Angst. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Mir ist egal, ob ich bei einem Verkehrsunfall, bei einem Feuer oder bei einem Sturz über die Teppichkante sterbe. Im Feuer stirbst du an den Rauchgasen. Den Rest kriegst du gar nicht mehr mit. Das ist nicht wie in den Filmen, dass die Menschen bei lebendigem Leib verbrennen – es sei denn, sie überschütten sich mit Benzin.

Wie oft geben deine Kollegen sexistische Kommentare ab?
Jeden Tag. Die Sprüche kann ich mir gar nicht alle merken. Jeder von uns muss zum Beispiel irgendwann Innendienst machen und kochen. Wenn ich dran bin, sagen sie sowas wie: Frauen gehören in die Küche.

Angebaggert werde ich bei der Arbeit aber nicht. Meine Regel ist: Don't fuck in the factory. Die Jungs wissen also, wo meine Grenzen sind. Sex mit einem Kollegen gibt nur Ärger. Feuerwehr ist Familie. Wir verbringen so viel Zeit miteinander. Wir machen sogar jedes Jahr eine Weihnachtsfeier, zu der die ganze Familie mitkommt. Wenn die Freundin daneben steht, sind die Jungs dann plötzlich ganz anders.

Hast du Mordgedanken, wenn du auf Gaffer triffst?
Nein, aber das nervt. Das Problem ist, dass schon Kinder so erzogen werden: Wenn wir mit einem Löschzug vor einem Haus stehen, sagen die Eltern: Guck mal, die Feuerwehr! Ist doch logisch, dass die das irgendwann von ganz alleine machen. Es ist auch krass, wie oft Leute plötzlich ihren Müll runterbringen müssen oder mit ihrem Hund Gassi gehen, wenn wir einen Einsatz haben.

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