"Ich kriege alle acht bis zwölf Wochen Testosteron gespritzt. Das ist ganz geil."

Oliver Polak über Hodenkrebs und seine neue Netflix-Show 'Your Life Is a Joke'.

10 November 2021, 4:28pm

Die Jüdische Allgemeine schrieb über ihn, er sei "Mario Barth auf Jüdisch". Mario Barth ist der Typ, der sich lustig findet, wenn er sexistische Klischees auf Bühnen kreischt und Oliver Polak ist so ziemlich das Gegenteil.

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Polak trägt zur Verleihung des Fernsehpreises ein pinkes Kleid, lädt in seine Talkshows nur Frauen ein oder deutet an, dass er mit Christian Ulmen knutschen würde, als sie zu zweit durch die Waschanlage fahren. Klar sind auch Wichswitze Teil seines Stand-up-Programms. Da hat er Sex mit Tieren und Bukakke kommt auch immer wieder vor. Nur dass er dafür keine übertriebenen Klischees von Männlichkeit bedienen muss.

In seiner neuen Netflix-Show Your Life Is a Joke fährt Oliver Polak einen Tag lang mit berühmten Menschen durch Berlin und Umgebung, lässt sich Orte zeigen, die ihnen etwas bedeuten, lernt sie auf sehr persönlicher Ebene kennen – und macht sich zum Schluss jeder Folge in einem Roast über sie lustig: Your Life Is a Joke halt.

Oliver Polak kommt aus Papenburg im Emsland und wurde 1976 als Sohn eines Holocaust-Überlebenden und einer Germanistin aus Sankt Petersburg geboren. Er hat mehrere Bücher geschrieben, etwa über den Antisemitismus in Deutschland oder seine Depressionen. 

Wir haben ihn gefragt, was Männlichkeit für ihn bedeutet.


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VICE: Ich würde gern mit dir über Männlichkeit reden. In einer Szene deiner Show Your Life Is A Joke stehst du mit Christian Ulmen im See und sagst, dass du ein femininer Typ seist. Was meinst du damit? 
Oliver Polak:
Ich denke gar nicht so darüber nach, was männlich und was weiblich ist. Habe ich auch noch nie. Wenn ich eine Tür aufhalte, dann mache ich das aus Höflichkeit und zwar für einen Mann genauso wie für eine Frau. Und wenn ich jemanden einlade, dann mache ich das, weil ich ihn gerne einladen möchte.

Aber du sagtest ja, du seist ein femininer Typ.
Im Emsland, wo ich herkomme, da drücken sich die Leute nicht so aus wie Richard David Precht und Markus Lanz. Da kommen von den Männern so Sprüche über Frauen wie "Die muss erst noch einmal auf die Weide". Das fand ich immer eklig und befremdlich, als Kind schon. Und das meine ich damit.

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Woher kam das?
Auf dem Land war alles derbe und asozial, rassistisch auch. Meine Mutter kommt aus Sankt Petersburg, studierte Germanistin, mein Vater liebenswürdig und höflich. Ich habe einfach eine gute Erziehung genossen, meine Mutter hat mir auch oft Mädchenklamotten von Oilily gekauft. 

Hat dich das gestört?
Gar nicht. Ich fand das schön. Bis heute nervt es mich, dass es für Frauen viel schönere Kleidung gibt; schönere Muster, schönere Prints. Ich finde Frauenklamotten echt Bombe, während die Klamotten für Männer eher oft sind wie die Sprache im Emsland.

War es also der Einfluss deiner Mutter?
Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nicht so einen richtigen Vater hatte. Mein Vater war für mich eher wie ein Opa, so ein ganz liebenswerter Typ. Ich hätte das vielleicht mal gebraucht, so einen Vater, der ein bisschen strenger ist.

Für welche Eigenschaft bist du deinen Eltern dankbar?
Dass ich immer wieder aufstehe. Ich kann eine Nervensäge sein, ich komme immer wieder. Ich hatte viele Niederschläge, aber mir ist das egal.

Kommt das eher von deiner Mutter oder deinem Vater?
Ich glaube, ich habe das mehr von meiner Mutter. Aber ich erinnere mich an einen Moment, als ich das erste Mal Krebs hatte. Ich lag in diesem Zimmer bei meinen Eltern im Emsland, in das man nur über eine Wendeltreppe kam. Mein Vater war da nie raufgekommen, er war ja auch schon alt. Mir ging es jedenfalls nicht gut und dann hörte ich ihn die Treppe hochkommen, mit 75 oder 76. Er setzte sich vor mich hin und meinte, ja, er verstehe, dass es mir nicht gut geht und alles. Aber ich müsse jetzt mal weitermachen. Das war für mich ein starker Moment, weil er sonst nie so gesprochen hat. 

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Meinst du manchmal, du müsstest härter sein?
Ich hatte mal ein Verhältnis mit einer Frau aus Georgien. Die meinte immer, der Mann muss das, der Mann muss das und ich saß nur da und dachte: Ich sehe hier keinen Mann. Ich fühlte mich unter Druck gesetzt. Ich war ja so verliebt, aber ich sollte irgendwas darstellen, was ich nicht bin. Ich hatte das Gefühl, dass das, wie ich bin, nicht OK ist. Das hat mich gestresst.

Würdest du gern als männlicher gesehen werden?
Es ist mir egal, was jemand anderes denkt. Ob ich feminin bin, maskulin, homosexuell, das ist mir alles egal. Ich bin ich.

Also bist du gar nicht unbedingt weiblich, sondern vor allem nicht klischee-männlich.
Ich bin halt nicht der breitbeinige Hengst. Dabei bin ich mehr mit Testosteron vollgepumpt als alle anderen, weil ich ja zweimal Hodenkrebs hatte und eben keine Hoden mehr habe. Deshalb kriege ich einmal alle acht bis zwölf Wochen Testosteron gespritzt. Das ist ganz geil.

Bist du dann immer superhorny?
Willst du das jetzt auch, oder was? Das ist jedenfalls immer anders. Aber es geht auch gar nicht nur um die Libido, obwohl ich damals in den ersten zwei Monaten nach den OPs schon gemerkt habe, dass die wegging. Aber du brauchst Testosteron ja nicht nur wegen der Hornyness, sondern auch wegen Knochen und so weiter. Ich würde sagen, mit dem Testosteron fühlt es sich vor allem wieder normal an.

Hat sich deine Selbstwahrnehmung als Mann nach deiner Hoden-OP verändert?
Ich dachte keine Sekunde, oh, ich bin jetzt kein Mann mehr. Ich habe mich nur gefreut, dass dieser bösartige Tumor weg ist. Klar habe ich jetzt keine Party gefeiert beim zweiten Mal, als dann alles weg war. Aber ich denke jetzt nicht, dass ich kein Mann mehr bin.

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Kannst du noch Kinder zeugen?
Ich habe mein Sperma vor langer Zeit eingelagert. Und, weil wir bei VICE sind: Das weiße Sekret kommt da noch raus. Viele fragen, ob da Luft rauskommt, aber nee. Das weiße Sekret wird ja in der Prostata produziert. Das heißt, das Jizz schießt immer noch raus.  

Willst du denn Kinder?
Grundsätzlich ja. Ich komme mit Kindern gut zurecht. 

Der andere Grund, weshalb ich mit dir über Männlichkeit sprechen wollte, ist dein Outfit beim Comedypreis. Du trugst ein pinkes Kleid. Was war da dein Gedanke?
Ich habe mir keine Gedanken gemacht, ich hab mich so angezogen, weil ich mich danach gefühlt habe. Überhaupt finde ich gut, wenn man mal etwas Neues probiert und nicht immer der gleiche ist.

Frauenklamotten waren einfach mal was anderes?
Ich glaube, das kommt auch von meinem Vater. Der fand Travestie-Künstler immer spannend. Mary and Gordie zum Beispiel, damals in den 80ern waren die berühmt wie Thomas Gottschalk.

Hast du dich da früher schon dran probiert?
Als ich 15 war, gab es in so einer Veranstaltungshalle bei uns eine Party und mittendrin so einen Wettbewerb. Der Moderator meinte, der Mann, der zuerst perfekt als Frau verkleidet auf der Bühne steht, gewinnt eine Reise nach Paris. Ich war schon ein bisschen angetrunken und wohnte nur sieben Minuten entfernt, rannte also so schnell ich konnte nach Hause, ins Schlafzimmer meiner Eltern, in den begehbaren Kleiderschrank meiner Mutter und warf mir alles an, was ich greifen konnte: Strumpfhose, Schuhe, Lippenstift, alles. Als ich wiederkam, war ich der erste und gewann die Reise. Die war dann leider mit Rainbow Tours, eine Mischung aus FlixBus, Ryanair und Gulag. Der Preis war also eigentlich eine Strafe, aber das wusste ich vorher nicht. 

Gibt es so etwas wie eine deutsche Männlichkeit?
Die habe ich neulich gesehen, auf dem Titelblatt der B.Z.. Da haben Polizisten Liegestütze im Holocaust-Mahnmal gemacht. 

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Was hat es mit dir gemacht, das zu sehen?
Ich habe nur gelacht. Was soll ich denn sonst machen? Um meinen Freund Micky Beisenherz zu zitieren: Der Holocaust ist jetzt auch im Bürgerlichen angekommen. Es gibt aber auch andere Männlichkeiten. Ich war gerade in Paris, da ist sie anders. 

Wo sind die Unterschiede? 
In Paris ist Männlichkeit diese gleichzeitige Höflichkeit und Arroganz.

Der deutsche Mann ist also unhöflicher.
Würde ich so auch nicht sagen. Der deutsche Mann ist der deutsche Mann.

Fußball, Bier und ein teurer Grill.
Genau. In Paris wären es gute Klamotten, gutes Essen, guter Wein. Und in Deutschland ein gutes Auto, Grillwurst vom Lidl und billiges Benzin. Und so richtig saufen.

Saufen. Woran liegt das wohl?
Meine Theorie ist, dass das viel mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun hat. Die Männer kamen aus dem Krieg. Wie willst du das alles verarbeiten? Es gab überhaupt keine Therapie. Die haben das einfach weg geschwiegen und weg gesoffen.

Als du dich damals in Therapie begeben hast wegen deiner Depressionen, hat das was mit mit seinem Selbstbild als Mann gemacht?
Natürlich war es für mich ein Thema, Schwäche und Verletzlichkeit zu zeigen. Du bist dann ja auch in so einem Wahn. Du glaubst, wenn du Verletzlichkeit zeigst, denken die anderen, du seist schwach. Aber das ist ja genau der Fehler in unserer Gesellschaft. Dieses Bild von der starken Männlichkeit ist ja eine Illusion.

Update vom 10.11.2021, 18:15 Uhr: Unser Interviewpartner hat nach der Autorisierung eine Angabe konkretisiert. Wir haben die Headline und die zugehörige Stelle im Text entsprechend angepasst.

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