Welche Drogen werden den Klimawandel überleben?

Wein ist ernsthaft bedroht, für Heroin sieht es besser aus.

Wenn es richtig beschissen läuft, müssen wir das Ende der Welt zu allem Überdruss auch noch nüchtern erleben. Denn der Klimawandel wird verheerende Auswirkungen auf die Pflanzen haben, aus denen man bewusstseinsverändernde Substanzen gewinnt. Gerade für Mainstream-Stimulantien wie Kaffee, Bier und Wein sieht die Zukunft besonders finster aus, während illegale Betäubungsmittel wie Heroin, Kokain und Meth etwas besser dastehen.

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Heroin zum Beispiel hat durch die Erderwärmung bereits einen Aufschwung erlebt. Eine Studie zeigt, dass der steigende CO2-Gehalt unserer Atmosphäre die Potenz des Schlafmohns, aus dem das Heroin gewonnen wird, seit Mitte des 20. Jahrhunderts verdoppelt hat. Wein im Gegensatz ist ernsthaft bedroht. Die sich verändernden Niederschlagsmuster und verheerende Waldbrände haben renommierten Weinanbaugebieten in den vergangenen Jahren schwer zugesetzt.


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"Alle pflanzenbasierten Drogen, seien es Betäubungsmittel oder solche für medizinische Zwecke, werden sich ändern", sagt Lewis Ziska, leitender Autor der Schlafmohnstudie und Dozent für Environmental Health Sciences an der Mailman School of Public Health der Columbia University. "Tatsächlich verändert sich die Welt viel schneller, als wir diese Veränderungen beschreiben können."

Auch wenn noch einige große Fragen zu den Auswirkungen der Erderwärmung auf die Landwirtschaft ungeklärt sind, werden die Langzeitfolgen langsam sichtbar.

Kurz gesagt: Die Drogenwelt steht vor großen Veränderungen.

Bier: Doppelt so teuer

Laut einer im Jahr 2018 erschienen Studie könnte sich der Bierpreis durch den Klimawandel verdoppeln. In Irland, einem der trinkfreudigsten Länder der Welt, könnte sich der Preis sogar verdreifachen.

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Das liegt daran, dass die steigenden Temperaturen den Anbau der Braugerste erschweren und der Preis damit in die Höhe schießt. 

Teures Bier ist nur "eine andere Art, auf die der Klimawandel beschissen sein wird", postete Steven J. Davis, einer der Autoren der Studie, bei Twitter.

Wein: Ein Hauch Aschenbecher im Abgang

Für Wein sehen die kommenden Jahrzehnte wirklich nicht rosig aus. Kleiner Trost: Auch die Leute, die stundenlang über die feinen Unterschiede zwischen einem Pinot Noir und einem Cabernet Sauvignon oder einem Bordeaux und einem Châteauneuf-du-Pape dozieren können, werden die Zukunft hassen. 

Klimaforscher Benjamin Cook von der NASA sagt, dass die Menschheit zwar auch in 50 Jahren noch dieselbe Menge an Wein produzieren könne, aber sich die Qualität, der Geschmack und die Vielfalt ändern würden. Cook hat die Auswirkungen des Klimawandels auf die Weinbauregionen untersucht.

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"Man kann fast überall Weinreben anbauen und daraus Wein machen. Deswegen bekommt man im Supermarkt auch Flaschen für 1,99 Euro", sagt Cook. "Im Segment der Weine mit besonderen Eigenschaften, die sie teuer und wertvoll machen, werden die Auswirkungen allerdings potenziell verheerend sein."

Diese bestimmten Eigenschaften hängen nämlich von einem regionalen Mix aus Wetter, Niederschlagsmengen, Temperaturen und Luftfeuchtigkeit ab – und das alles stürzt der Klimawandel in ein großes Chaos. Wärmere Weinanbaugebiete wie in Australien und Kalifornien werde es besonders hart treffen, sagt Cook.

Aber nicht nur die steigenden Temperaturen machen den Weinbauern zu schaffen, sondern auch die immer häufiger auftretenden Waldbrände. Die Trauben können nämlich über den Rauch naher Brände eine ungewollte Rauchnote bekommen. Einige Weinbauern aus Kalifornien haben laut Washington Post darüber geklagt, dass der Rauch ihrem Wein einen "aschigen Abgang" gebe. 

Menschen wie Kwaw Amos, Besitzer der Gotham Winery in New York, suchen nach Lösungen für die Herausforderungen der Zukunft. Er kreuzt zum Beispiel traditionelle europäische Trauben mit zäheren amerikanischen Sorten, um Züchtungen mit einem besseren Schutz gegen Hitze und Pilzbefall zu erschaffen.

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"Kreuzungen sind nichts Neues im Weinbau", sagt Amos zu VICE. "Cabernet Sauvignon ist eine Kreuzung. Jetzt überlegen wir, welche neuen Kreuzungen wir im Anbetracht der Umstände brauchen."

Kaffee: Es sieht schwarz aus

Der Kaffee ist in Gefahr. Etwa die Hälfte der Fläche, auf der momentan die beiden wichtigsten Kaffeesorten, Arabica und Robusta, angebaut werden, könnte einer Studie zufolge bereits 2050 unbenutzbar sein. Arabica und Robusta machen 99 Prozent des weltweiten kommerziellen Kaffeeanbaus aus und können nur sehr begrenzt in anderen Gegenden angebaut werden.

Eine andere Untersuchung ergab, dass 60 Prozent der rund 124 Kaffee-Arten vom Aussterben bedroht sind. Experten befürchten, dass höhere Temperaturen den Pilzbefall auf Kaffeepflanzen begünstigen. Veränderte Niederschlagsmuster könnten sie zusätzlichem Stress aussetzen.

Es wird wahrscheinlich schwerer, guten Kaffee anzubauen. Das hätte auch Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Über 125 Millionen Menschen weltweit sind unter anderem als Bauern, Rösterinnen und im Handel in der Industrie tätig. Genau wie das Bier wird wahrscheinlich auch der Kaffee teurer.

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Kokain: Läuft

Der Cocastrauch, aus dessen Blättern Kokain gewonnen wird, ist für seine Widerstandsfähigkeit bekannt. Das bedeutet, dass die Pflanze für die Klimaveränderungen der kommenden Jahrzehnte ganz gut aufgestellt ist.

Der Bodenchemiker Charles Helling hat die Pflanze für das US-amerikanische Landwirtschaftsministerium untersucht. Er geht davon aus, dass die steigenden Temperaturen dem Strauch nicht schaden werden, vielleicht würde er dadurch sogar in größeren Höhenlagen wachsen. 

"Coca ist schon etwas einzigartig, weil es eine sehr dicke Wachshaut hat, eine Schicht auf den Blättern", sagte Helling gegenüber Scientific American. "Die schützt ihn vor Wasserverlust. Es ist ein ziemlich zäher Strauch, viel zäher als eine typische Nutzpflanze." 

Ein anderer Pluspunkt für den Cocastrauch ist seine genetische Vielfalt. Pflanzen, die seit Langem in der Landwirtschaft kultiviert werden, würden genetisch immer einheitlicher, sagt Ziska. Wildpflanzen hingegen – die obendrein auch noch mehrere Ausrottungsversuche überlebt haben – wiesen eine größere genetische Wandelbarkeit auf. Die hilft ihnen dabei, flexibel auf eine sich verändernden Umwelt zu reagieren. 

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Ob der Cocastrauch wirklich von diesem Vorteil profitieren wird, bleibt abzuwarten.

Heroin: Stärker denn je

Wie bereits anfangs erwähnt ist das im Schlafmohn enthaltene Morphium heute doppelt so potent wie noch zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Verantwortlich dafür ist laut einer Studie der steigende CO2-Gehalt in der Atmosphäre.

Da die Studie 2008 veröffentlicht wurde, dürfte der Wert inzwischen sogar noch höher sein. Bis 2050 könnte sich der Morphingehalt verdreifachen und bis 2090 viereinhalb mal so stark sein, heißt es in derselben Studie. 

Die Ursache dafür ist laut Ziska noch nicht abschließend geklärt. Einer Theorie zufolge produzieren Pflanzen mehr Sekundärmetabolite – Stoffe, die für die Pflanze nicht überlebensnotwendig sind –, wenn die dafür benötigte Ressource in ihrer Umwelt verstärkt vorkommt. Diese Dynamik könnte erklären, warum ein steigender CO2-Gehalt den Schlafmohn dazu bringt, mehr Morphin zu produzieren.

Schlafmohn hat aber noch einen weiteren Vorteil: Die Pflanze ist besonders dürreresistent. Dieser Umstand hat Bauern in Afghanistan in den vergangenen zehn Jahren Rekordernten beschert. 

Cannabis: Es ist kompliziert

Gras dürfte ganz gut wegkommen, jedenfalls im Großen und Ganzen.

Der Biologe Olufemi Ajayi sagt, die Pflanze sei wahrscheinlich gut für ein Überleben in einem etwas heißeren und trockeneren Klima gerüstet. Er ist Autor einer kürzlich erschienen Studie über die Gefahren für Cannabis durch Schädlinge im Kontext des Klimawandels.

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Ajayi mahnt allerdings, dass das auch seine Grenzen habe. Extremere Temperaturen und Trockenperioden würden das Wachstum hemmen oder Pflanzen töten, sagt er.

Laut einer anderen Studie von 2011 dürfte die Zunahme an Treibhausgasen in unserer Atmosphäre der Pflanze nichts ausmachen.

Allerdings trägt der Cannabisanbau selbst zur Verschlechterung unserer Umwelt mit bei. Indoorplantagen, von denen es seit der Legalisierung in verschiedenen Ländern immer mehr gibt, verbrauchen eine Menge Elektrizität. Auch in Deutschland dürften die Indoorplantagen aus dem Boden sprießen, wenn die Legalisierungspläne der Regierung endlich mal umgesetzt sind.

Einer Schätzung zufolge kann die Zucht von etwa 30 Gramm Cannabis so viel Treibhausgase verursachen wie ein Auto mit einer ganzen Tankfüllung.

In den USA wird das meiste Cannabis indoor angebaut und im Bundesstaat Colorado übertreffen die Emissionen von Cannabisplantagen bereits die der dortigen Kohleindustrie.

In anderen Worten: Die Beziehung zwischen Klimawandel und Cannabis ist komplex. Selbst wenn die Pflanze gute Voraussetzungen mitbringt, um in einem etwas wärmeren Klima zu überleben, müssen wir ihren eigenen Energieverbrauch bedenken, wenn wir jemals ernsthaft die Treibhausgasemissionen reduzieren wollen.

Synthetische Drogen: Kein Grund zur Sorge

Drogen, die im Labor hergestellt werden, sollten vom Klimawandel verschont bleiben. Sie sind schließlich nicht vom Wetter und irgendwelchen Pflanzen abhängig. Der Nachschub an MDMA, Speed, Meth, LSD, synthetischen Cannabinoiden, Mephedron, Fentanyl und vielen anderen Substanzen dürfte also auch Ende dieses Jahrhunderts nicht bedroht sein. Selbst wenn die Erde dann in vielen Teilen unbewohnbar ist.

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