"Layla": Warum es Quatsch ist, sexistische Lieder einfach zu verbieten

Und wie man stattdessen damit umgehen könnte.

Klar habe ich auch mal sexistische Lieder gebrüllt. Ich bin ein Mann Mitte 30, wer da in seiner Jugend keine sexistischen Lieder gesungen hat, war nie saufen. Ich bin darüber weder glücklich, noch denke ich, dass das in Ordnung war. Aber ich bin froh, die Möglichkeit gehabt zu haben, damit ich mir selbst Gedanken dazu machen konnte.


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Würzburg ist dieser Tage im Gespräch. Die Stadt hat ein Lied verbieten lassen, weil es einen sexistischen Text hat. Im Song "Layla" von DJ Robin x Schürze geht es, ganz kurz, um ein lyrisches Ich. Dieses lyrische Ich trifft einen Zuhälter, der ihm eine seiner Sexarbeiterinnen anpreist: 

"Sie ist schöner, jünger, geiler
La-La-La-La-La-La-La-Layla
La-la-la-la
Die wunderschöne Layla"

Das Lied ist richtig gehirnverbrannt und simpel, und wer den Text liest, hat den Sound schon im Ohr, ohne ihn je gehört zu haben. Er ist Mickie Krause, Atzen, Wendler und DJ Ötzi. Er ist richtig schlecht und der Text ist falsch und dumm. So dumm, dass die Stadt Würzburg entschieden hat, dass der Song nicht im Festzelt des Kiliani-Volksfest gespielt werden soll. Das ist falsch.

Lieder zu verbieten ändert nichts. Im Gegenteil. Lieder zu verbieten macht sie erst bekannt. Ich zum Beispiel hätte den Song nicht gegoogelt und ihn mir nicht angehört, wenn er nicht derzeit in aller Kehle wäre. Also die Diskussion über ihn. Ein Verbot gibt einem Song Bekanntheit und dieses Gefühl der Anrüchigkeit, die ja auch immer ein bisschen in den Lenden kribbelt. Wer verhindern will, dass Lieder gesungen werden, der lässt sie lieber aussterben, als zu versuchen, sie zu killen.

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Marco Buschmann ist Bundesjustizminister von der FDP. Ein hohes Tier im deutschen Jura-Betrieb. Ihm ist das "behördliche" Verbot "eins zu viel", wie er auf Twitter schreibt. Was Buschmann nicht zu wissen, oder zumindest zu ignorieren scheint, ist, dass es ein behördliches Verbot aber gar nicht gab. Dem stünde auch das Recht der Kunstfreiheit entgegen, die immerhin in der Verfassung verankert ist, wie der Anwalt Chan-jo Jun in einem Video erklärt.

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Vielmehr hat sich die Stadt Würzburg als Veranstalterin des Volksfest gewissermaßen entschieden, den Song nicht auf die Playlist zu nehmen – So wie du dich auch weigern würdest, auf deiner Metalparty die Backstreetboys zu spielen. Das ist schon ziemlich legitim und wenn die Stadt Würzburg das machen will, dann ist das ihr Ding. Und sie tut es nicht zum ersten Mal.

So sind es auch die Fans des Liedes und diejenigen, die die Debatte darum vor ihren braunverkrusteten Karren spannen können, die dafür sorgen, dass der Song so groß wird. Dass die meisten großen Medien darüber berichten. Dass ein Kulturkampf entbrennt um die Frage, ob man ein Lied verbieten darf – das nie verboten wurde. Aber das interessiert ja schon kaum noch jemanden.

Schon 2020 war Würzburg die erste Stadt, die sich der Forderung einer Petition anschloss, ein Lied aus dem Verkehr zu ziehen. Damals war es das "Donaulied", ein altes Volkslied, in dessen ursprünglicher Form eine Vergewaltigung romantisiert, ja glorifiziert wird. Hier schloss Würzburg Verträge mit Volksfest-Veranstaltern, damit diese auf sexistisches und rassistisches Liedgut verzichteten. Kein Verbot, eine Vereinbarung. 

Die Debatte darum sorgte allerdings dafür, dass der Song nicht aus dem Verkehr gezogen, sondern genau darin mit besagtem braunverkrusteten Karren herumkutschiert wurde. Alle sprachen plötzlich davon. Wie bei "Layla".

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Dabei ist das "Donaulied" ja sogar ein anderer Fall. Zwar wurde es nie verboten, aber wenn man wollte, wäre es leichter als bei "Layla". Denn Gewaltfantasien kann der Gesetzgeber oder viel eher die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien und die Staatsanwaltschaft als jugendgefährdend, gewaltverherrlichend bis volksverhetzend einstufen. Die Lösung kam dann aus der Musikbranche selbst: Modernere Textfassungen entschärften die kritische Stelle des "Donaulieds". 

Bei "Layla" geht es nicht um eine Vergewaltigung. Trotzdem dürften Frauen – und Männer – den Song trotzdem widerlich finden. Das ist nachvollziehbar. Denn natürlich grölen Männer den Song mit dem Gedanken im Kopf, dass alle Frauen es verdient haben, dass sie sie darauf reduzieren, wie "geil" sie sind. Und dass diejenigen Frauen weniger wert sind, die sie nicht "schöner, jünger, geiler" finden. Das ist natürlich entwürdigend. Sexistisch. Und dass die Frau besonders jung sein soll, ist ohnehin nochmal auf einer anderen Ebene gruselig.

Trotzdem ist auch klar, dass ein Verbot nichts in den Köpfen derjenigen ändert, die solche Inhalte singen und feiern. Dafür gibt es zu viele andere Songs, die eben das machen. Am Ballermann läuft, neben Sauf-Content, kaum etwas anderes. Dafür sind diese Menschen auch zu sehr aufgewachsen wie ich. Wäre mein Lebensinhalt nach wie vor das Volksfest, wer weiß, welche Lieder ich heute singen – und was ich mir dabei denken würde.

Einige Mitglieder der Jungen Union etwa fielen 2018 damit auf, dass sie das "Westerwaldlied", ein altes Militärlied, schmetterten. Dafür kritisiert, entgegneten sie, das Lied sei doch von 1932, also vor der Nazi-Diktatur entstanden und somit unbelastet. Dass es dennoch ein gängiger Schlager während des Zweiten Weltkriegs war und von den Nationalsozialisten instrumentalisiert wurde, ignorierten sie. Beschwert hatte sich zuerst übrigens eine jüdische Künstlerin, die nach einer Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Pogromnacht am 9. November noch in eine Kneipe gegangen war – und dort die Unions-Mitglieder das Lied singen hörte.

Es ist richtig und nachvollziehbar, dass gesellschaftliche Konventionen das Singen bestimmter Lieder an bestimmten Tagen – oder allgemein verurteilen. Zum Beispiel, wenn sie als Schlag in den Unterleib verstanden werden müssen für bestimmte Gruppen. Am 9. November zum Beispiel. 

Sie allgemein zu verbieten, würde aber zu weit gehen. Denn es wäre doch klar, was Mitglieder von NPD, Der III. Weg und AfD fortan besonders gerne singen würden: Diejenigen Lieder, die nicht nur ihre Gesinnung widerspiegeln, sondern gleichzeitig als Symbol gegen die sogenannte Political Correctness verstanden werden können. "Man darf ja nicht mal mehr alte Kriegslieder singen!". Die Lieder würden Märtyrer und damit weitere Kreise ziehen, als sie es sonst könnten.

Ich zum Beispiel war in den frühen 2000ern fasziniert von Kool Savas, der sich damals noch KKS nannte, King Kool Savas. Eines Tages brachte mein Kumpel Lars ein Tape mit den Songs "Pimplegioneah" und "LMS", beziehungsweise “Lutsch mein Schwanz” mit. Die Songs fand ich geil, hörte sie rauf und runter und kann sie wahrscheinlich heute noch auswendig. Und das nur, weil Lars stolz erzählte, dass sie verboten waren – die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hatte sie indiziert.

Nun sind es nicht nur rückwärtsgewandte Songs, die kritisiert, zensiert, verboten werden. Nach der Revolution 1848, dem ersten Versuch, Deutschland demokratisch zu gestalten, verboten die Herrschenden das Lied "Die Gedanken sind frei". Sophie Scholl spielte das Lied vor Gefängnismauern, als ihr Vater darin einsaß. 

Mittlerweile wurde "Die Gedanken sind frei" so oft gecovert, dass es selbst schon zum Partyschlager wurde, verschwunden ist es nie. Im Gegenteil: Es wurde zur Hymne für Menschen, denen Demokratie, Liberalismus, Menschenrechte am Herz liegen.

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In dem Lied geht es darum, dass man Gedanken nicht verbieten kann. "Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten?" Wer ein Lied verbietet, verbietet vielleicht, dass es im Bierzelt gesungen wird. Wer ein Lied verbietet, verbietet nicht das Gedankengut, das dahinter steht. 

Wenn wir Sexismus, Rape Culture und Menschen abwertenden Partyschlager abschaffen wollen, brauchen wir Bildung, Vorbilder, vielleicht auch individuelle Sanktionen für den Einzelnen. Aber im privaten Raum, nicht von oben herab, durch Institutionen, denen man schnell vorwerfen kann, "einem nichts mehr gönnen zu können". Wenn wir nur dumm rumschmunzeln, wenn wieder ein besonders ekliges Lied den Ballermann erobert, wird sich nichts ändern. 

Ich bin froh, dass ich heute keine sexistischen Songs mehr singe. Ich bin kein Fan davon, Menschen auf ihr Geschlecht zu reduzieren, selbst wenn sie hot sind. Das bin ich schließlich auch und will das auch nicht für mich. 

Vielleicht hätte ich in meiner Jugend die sexistischen Songs von "Zehn nackte Friseusen", "Natascha vorm Pascha" oder "Santa Maria" nicht gesungen, wenn kein Radio sie hätte spielen dürfen, kein Dorffest und kein Karnevalsverein. An meinen Witzen, meiner Erwartungshaltung gegenüber Frauen, meinen Gesprächen mit Freunden hätte das aber nichts geändert. Dafür musste ich erst wegziehen, reflektieren, und von einigen Menschen ziemlich direkt gesagt bekommen, was sie von alldem halten. Und ganz ehrlich, so ganz weg ist das alles immer noch nicht.

Das Lied "Layla" ist übrigens seit einigen Wochen auf Platz eins der Charts.

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