Die Obi-Wan-Serie ist so traurig wie eine toxische Beziehung

Unser Verhältnis zu 'Star Wars' ist mittlerweile so ungesund wie das von Obi-Wan Kenobi zu Darth Vader.

Natürlich kämpft Darth Vader am Ende noch mal gegen Obi-Wan Kenobi. Inmitten einer Mondlandschaft voller phallischer Stalagmiten prallen sie aufeinander, das rote auf das blaue Lichtschwert, Gut auf Böse, Freundschaft auf Hass. Felsbrocken prasseln auf Körper, Laser schneidet in Fleisch und die freundschaftliche Liebe zwischen zwei Männern wird begraben unter den Vorwürfen, die sie sich und dem anderen machen. 

Die Serie zeigt aber nicht nur die toxische Beziehung von Obi-Wan und Anakin Skywalker, sondern sie macht in ihrer Struktur, ihrer Stimmung und der qualitativen Unstetigkeit dieselben Entwicklungen durch wie eine kaputte Beziehung. Vor allem aber ist sie selbst Beweis dafür, wie ungesund unser eigenes Verhältnis zum Star Wars-Franchise geworden ist, weil wir uns diesen Schund so selbstverständlich antun. 


Auch bei VICE: Die geheimen Hotel-Sex-Partys der Superreichen | Informer


Die Qualität unserer Beziehung zu Star Wars nimmt nämlich schon seit Jahren konstant ab. Wir waren aber die ganze Zeit so verliebt in die Reihe, dass wir das nicht wahrhaben wollten. Dabei baute unsere Liebe immer schon auf einer Lüge auf. Einer Verklärung, die daraus entstand, dass die Filme uns begegneten, als wir verwundbar waren, leicht zu beeindrucken und offen für alles, was Pew-Pew machte. Wir waren Kinder, wir wussten es nicht besser und waren geblendet von dem, was unsere Eltern uns vorlebten. Nämlich blinde Liebe zu Star Wars.

Die neue Star Wars-Serie Obi-Wan Kenobi erzählt unter anderem, die Geschichte zweier Männer: dem titelgebend Helden und seinem Gegner Anakin Skywalker, der mittlerweile zu Darth Vader geworden ist. Ursprünglich war er aber mal der Azubi und beste Freund Obi-Wans. Die Serie zeigt nun, wie sehr sich beide entfremdet haben –  durch die Ereignisse der Prequel-Trilogie Eine Dunkle Bedrohung, Angriff der Klonkrieger und Die Rache der Sith. Nun steht die ultimative Trennung bevor und sie wird beide endgültig verändern. 

Allerdings ist diese Trennung längst überfällig. Weil sie einander nicht ziehen lassen können, im Guten oder Schlechten, bleiben beide unfähig, ihr Potenzial zu entfalten. Der eine könnte so viel Gutes tun und der andere so herrlich viel Böses. 

Anakin Skywalkers Verrat, seine Abkehr vom gemeinsamen Projekt mit Obi-Wan, hat beide mürbe gemacht. Vader wurde wütender und wütender, besessen von der Idee, es seinem ehemaligen Mentor heimzuzahlen und dabei selbst oft die Vernunft zu ignorieren, wenn es Probleme zu lösen gab. Obi-Wan hingegen ließ sich von Schuldgefühlen zerfressen, blieb aber voller Hoffnung, dass die beiden womöglich doch noch einmal zusammenfinden würden. Super toxisch halt. Auch wir könnten währenddessen so viele bessere Serien und Filme schauen, uns in neue Welten eingraben, eine neue Liebe entwickeln – wenn da nicht immer noch Star Wars wäre, an das wir uns krankhaft klammern.

Anzeige

Eigentlich war die Serie die perfekte Chance für Disney, um alle ins Boot zu holen: die Fans der ersten Stunde, aufgewachsen mit Episode IV bis VI, genauso wie die Fans der zweiten Stunde, aufgewachsen mit Episode I bis III. Nur die Fans von Episode VII bis IX blieben außen vor. Wer diese letzten drei Filme mag, ist aber ohnehin schon längst ersoffen in den Müllfluten des Star Wars-Meers.

Und doch: Obi-Wan Kenobi hätte die Serie sein können, die das Feuer wieder entfacht, die Liebe zurückbringt, unser Verhältnis zu Star Wars wieder zu dem macht, was es einmal war. Uns aus der Giftpampe zieht, in der wir inzwischen fast ertrunken sind. Stattdessen aber zeigt Obi-Wan Kenobi: Trash, der eigentlich alle verprellt und unglücklich zurücklässt.

Obi-Wan war doch mal die Figur, auf die sich alle einigen konnten. Er, und vor allem sein Darsteller Ewan McGregor, waren eines der wenigen Highlights der Prequel-Trilogie. Seine Geschichte hätte als Bindeglied zwischen beiden Filmreihen dienen können, den alten und den neuen, und dabei Fehler der Prequels rückwirkend relativieren, neuen Schwung in die ganze Story bringen können. Help me, Obi-Wan Kenobi, you’re my only hope, sozusagen.

Stattdessen aber ist die Serie eine Enttäuschung. Und sie lässt sogar Star Wars Episode IV: Eine neue Hoffnung ein bisschen billiger wirken, weil die Serie Löcher voller Fragen offen klaffen lässt. Spoiler: Vader weiß von Obi-Wan, entscheidet sich aber, ihn nicht mehr zu verfolgen? Obi-Wan kann Vader endgültig besiegen, entscheidet sich aber dagegen und lässt den Massenmörder weiter die Galaxie massakrieren?

Trotz geiler Momente und der letzten beiden Folgen bleibt Obi-Wan Kenobi rückblickend generischer Trash voller Kitsch und Albernheit, dümmster Fehler und Fahrlässigkeiten. Die Verfolgungsjagd im Wald? Die Wahl der Kinderdarstellerin? Diese furchtbaren Dialoge?

Star Wars könnte mit Obi-Wan Kenobi einfach enden und wir alle würden davon profitieren. Denn die Serie verarscht uns. Disney glaubt anscheinend, unsere Liebe wäre unzerstörbar und wir würden Star Wars für immer hörig bleiben.

Anzeige

Und wenn wir zurückblicken auf 50 Jahre Star Wars, dann sehen wir doch auch eine Entwicklung – wie die einer kaputten Beziehung. Am Anfang war alles gut, nicht wahr? Die Filme waren geil, erzählten stringente Geschichten, folgten einem großen Handlungsbogen und machten uns zu glücklicheren Menschen. Heute aber blicken wir zurück und fragen uns, zumindest wenn wir ehrlich sind: War damals wirklich alles so toll?

War nicht schon der erste Star Wars, also Episode IV, nun ja, auch sehr simpel? Klar, die Effekte waren geil, Luke Skywalker war unser aller Liebling und Darth Vader super creepy, aber war Luke nicht auch der blasseste Held, den ein Film je gezeigt hat, und blieb Darth Vader in seiner Boshaftigkeit nicht ohne jede Motivation und somit selbst komplett flach? 

Und auch die Vorlage für die heutige Serie Obi-Wan Kenobi, die drei Prequels: Fand die damals irgendjemand geil? Das Kindliche, das langweilig Politische, das Kitschige und Billige – eigentlich galten die Prequels als misslungen. Dann kamen Episode VII bis IX und plötzlich waren die drei Filme davor gar nicht mehr so übel. An den dunkelsten Tagen blicken wir wehmütig zurück auf die Zeit, in der aus heutiger Perspektive noch alles in Ordnung war. 

Heute jedenfalls fühlen wir uns immer noch mit Star Wars verbunden. Allein schon weil wir so viel Zeit investiert haben, um all die Filme und Serien zu schauen, die Disney mit zunehmend stärkerer Feuerkraft auf uns ballert. Es wirkt fast unmöglich, einfach aufzugeben, obwohl das, was uns vorgesetzt wird, schon lange nicht mehr unseren Ansprüchen genügt. Schon lange sehnen wir uns nach etwas anderem oder zumindest der Magie vom Anfang. 

Das Erwachen der Macht war noch vielversprechend, Die letzten Jedi schon Geschmacksache und Der Aufstieg Skywalkers nur noch Abfall. Aber es gab ja auch Lichtblicke, The Mandalorian zum Beispiel. Oder Rogue One. Nur häufen sich die Enttäuschungen, Solo, The Book of Boba Fett und jetzt halt Obi-Wan Kenobi. Wie lang halten wir es noch mit Star Wars aus, unserer ersten großen Liebe, die wir einfach nicht loslassen wollen, weil wir meinen, dass sie einen Teil unserer Persönlichkeit ausmacht. So viel haben wir mit ihr erlebt.

Obi-Wan Kenobi zeichnet dabei selbst in gewisser Weise den Zyklus einer Beziehung nach. Anfangs leichtfüßig, bunt und mitunter fröhlich, dabei aber auch holprig und voller Missverständnisse wird sie zunehmend düster, brutal und aber auch souveräner. Nur als Ganzes betrachtet ist sie: Zeitverschwendung.

In der sechsten und letzten Folge der Serie geschehen dann auch einige Dinge, die wirken, als hätten die Menschen, die Obi-Wan Kenobi geschrieben haben, selbst ihre verkorksten Beziehungen aufarbeiten wollen. Da muss sich Darth Vader entscheiden, ob er lieber Obi-Wan verfolgen sollte oder die Rebellen vernichten – also, ob er lieber nachtragend sein möchte oder die Probleme an der Wurzel packen, wirklich daran arbeiten. Ego gegen Grundlagenarbeit.

Obi-Wans Thema ist derweil, dass er lernen muss, seine eigenen Minderwertigkeitskomplexe zu überwinden, um sich aus der krankhaften Beziehung mit Anakin Skywalker zu lösen. Hinzu kommen Sätze wie "Who you become now – it is up to you", als sich eine andere Figur von ihrer Rachsucht befreit hat. Oder "Some things you can’t forget. But you can fight to make them better".

Obi-Wan Kenobi müsste uns gezeigt haben, dass die Macherinnen hinter Star Wars keine Ideen mehr haben, keinen Mut, gute Geschichten zu erzählen und uns das zu geben, was wir verdient haben. Nach all den Jahren nämlich, in denen wir der Maschine hinter Star Wars Geld in den Motor geworfen haben, haben wir es verdient, mit Respekt behandelt zu werden, mit Liebe und Wohlwollen. Und diese Serie zeigt nichts davon.

Folgt Robert auf Twitter und Instagram und VICE auf Facebook, Instagram, YouTube und Snapchat.

Tagged:

Star Wars, obi wan, toxische Beziehung, Beziehung, vgwrp-d8f283ce7b5f4746bb9baa6b43ef8223, anakin skywalker, serien

Lies
mehr davon
Feminismus in der Marvel-Serie 'She-Hulk': Gut gemeint, schlecht gemacht
In der neuen Staffel 'Stranger Things' lauert das größte Monster in deinem Kopf
Gaskrise: Wie ich das letzte mal ein heißes Bad nahm
Die Hälfte der deutschen Jugend trinkt nicht mehr: Was hat das zu bedeuten?
Die 'Game of Thrones'-Macher drohen uns mit einer Jon-Snow-Serie
Wir haben eine Expertin gefragt, wann endlich Frauen in der Formel 1 fahren
"Die Schwangerschaft abzubrechen, war für mich kein großes Ding. Ich bin froh."
Wir haben auf einer Erotikmesse die wildesten Sextoys gesucht und gefunden