"Es bricht uns das Herz": Junge Russen über den Einmarsch in die Ukraine

"Alle, die ich kenne, sind schockiert und angewidert und haben Angst." – Kristina, 25, Moskau

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Am Donnerstag protestierten Menschen auf der ganzen Welt gegen Russlands Invasion der Ukraine. Auch viele Russinnen und Russen sind schockiert vom Vorgehen ihres Präsidenten.

Am Donnerstagabend kam es in vielen russischen Städten zu Antikriegsdemonstrationen. Die Polizei ging brutal dagegen vor und nahm fast 2.000 Menschen fest. Die Behörden warnten, dass "negative Bemerkungen" zur Invasion als "Verrat" geahndet werden können.

Mehrere prominente Russinnen und Russen haben sich bereits gegen den Angriff auf die Ukraine ausgesprochen, darunter auch der Fußballspieler Fjodor Smolow und Maxim Galkin, einer der bekanntesten Fernsehmoderatoren des Landes.

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Wir haben mit jungen Russinnen und Russen über die Invasion gesprochen. Aus Angst um ihre Sicherheit wollten sie anonym bleiben.


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Alina, 24, Moskau: "Wir können nicht einfach hier sitzen und unserer Regierung dabei zuschauen, wie sie Menschen tötet und Leben zerstört"

"Alle sind schockiert. Es bricht uns das Herz. Man kann kaum glauben, dass dieser Krieg im Jahr 2022 stattfindet. Ich bin Halb-Ukrainerin, so auch viele meiner Freunde. Die Familie meines Vaters stammt aus einem Dorf in der Nähe von Donezk und Luhansk, an der russisch-ukrainischen Grenze. Meine Mutter stammt ebenfalls zur Hälfte aus der Ukraine. Der Konflikt geht mir also persönlich sehr nah.

Meine Freunde und ich werden heute zur Demonstration in Moskau gehen. Ich habe große Angst, weil man für die Teilnahme mindestens 15 Tage Gefängnis bekommen kann. Manchmal sind die Konsequenzen sogar schlimmer. Aber wir können nicht einfach hier sitzen und unserer Regierung dabei zuschauen, wie sie Menschen tötet und Leben zerstört.

Ich hoffe, dass viele Leute zur Demonstration kommen, aber ich bin mir nicht sicher, ob viele überhaupt davon wissen. Die ganzen Oppositionsführer sitzen im Gefängnis oder haben das Land verlassen, weil es hier nicht mehr sicher für sie ist. Es gibt auch ein Gesetz, das uns verbietet, im Internet zu Protesten aufzurufen. Es ist also schwer, so eine Veranstaltung öffentlich zu machen.

Aber meine Freunde und ich werden hingehen und hoffentlich noch viele andere junge Menschen. Vielleicht werden wir verhaftet, vielleicht kommen wir ins Gefängnis, niemand weiß es. Es macht mir Angst, aber was können wir sonst tun? 

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Ich habe auch große Angst um die Zukunft. Wir könnten am Ende hier im Land eingesperrt werden, mit geschlossenen Grenzen und keiner Chance auf ein Visum. Das ist eine grauenvolle Vorstellung. Ich will nicht, dass die restliche Welt die Menschen in Russland für ungehobelt, aggressiv und dumm hält. Natürlich will niemand mit einer unvorhersehbaren, aggressiven Nation zu tun haben. Aber Putin und die politische Führung repräsentieren uns nicht. Wir wollen keinen Krieg, wir wollen einfach nur unser Leben leben."

Kristina, 25, Moskau: "Ich will einfach nur heulen"

"Als ich die Nachrichten von der russischen Invasion sah, war ich schockiert. Ich konnte nicht glauben, dass das echt ist. Stundenlang haben wir nur dagesessen, durch die Nachrichten gescrollt und diese ganzen schlimmen Neuigkeiten gesehen. 

Die Stimmung in Moskau ist gerade sehr angespannt. Diesen Morgen haben wir ein paar Stunden versucht, Geld abzuheben, aber ohne Erfolg. Zu viele Leute wollten dasselbe tun, die Schlangen waren gigantisch.

Ich habe alle Freundinnen und Freunde aus der Ukraine gefragt, ob sie OK sind. Ich wollte ihnen eigentlich noch mehr sagen, aber ich wusste nicht was.

Alle, die ich kenne, sind schockiert und angewidert und haben Angst. Ich will am liebsten einfach nur heulen und dass das alles aufhört. Wenn ich allerdings ehrlich bin, befürchte ich, dass das nur der Anfang ist.

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Russland ist eine friedliche Gesellschaft, aber es ist die Bevölkerung, die die Konsequenzen zu spüren bekommt, nicht die Obrigkeit. Das Leben jedes Russen hat sich heute geändert. 

Meine Nachricht an die Menschen in der Ukraine: Passt auf euch und bleibt stark. Wir denken an euch." 

Sasha, 22, London: "Wenn ich ehrlich bin, fühlt sich Optimismus gerade wahnhaft an"

Zum Glück bin ich Teil einer Generation, die nie in nächster Nähe einen Krieg erleben musste. Das ist jetzt vorbei. Es ist ein unheimliches Gefühl und ich fürchte um meine ganzen lieben Freundinnen und Freunde in der Ukraine. Heute hat man gesehen, wie schnell und unerwartet die Lage eskalieren kann.

Wir haben uns nicht für den Krieg entschieden und wir haben uns nicht für diese Regierung entschieden, die uns in den Krieg führt. 

Das Beängstigendste ist, dass jeder weitere Schritt eines anderen Landes irgendwo auf der Welt die Situation noch verschlimmern kann. Man kann sich die Folgen kaum vorstellen – und wie die Welt in ein paar Wochen aussehen wird. Es fühlt sich an, als würden wir uns auf sehr dünnem Eis bewegen.

Alle, die sich ein bisschen mit Geschichte auskennen, wissen, dass Kriege alle Beteiligten kaputt machen. Angesichts der Verbreitung von Nuklearwaffen steht heutzutage noch mehr auf dem Spiel.

Ich hoffe, dass ich morgen aufwache und alles wieder vorbei ist. Aber, wenn ich ehrlich bin, fühlt sich jeder Optimismus gerade wahnhaft an.

Zu den Ukrainern möchte ich nur sagen: Passt auf euch auf. Alles Weitere sage ich euch lieber persönlich."

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