Vom VHS-Tape zu TikTok: Die Evolution des Skatevideos

Das Medium hat sich in den letzten 50 Jahren zwar öfter geändert, aber das Interesse an packenden Aufnahmen von Kickflips und Co. ist ungebrochen.

26 January 2022, 1:44pm

Eigentlich ist beim Skateboarden nur eine Sache genauso wichtig wie der Spaß, die Rebellion und der Zusammenhalt: die Videos. Du kannst noch so viel von deinen Kickflips, Nosegrinds und Backside 360s reden – ohne Beweise für deine Skills ist das alles so viel wert wie ein gebrochenes Deck.

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Skateboarden ist aber auch genau wegen dieser Videos seit Jahrzehnten kontinuierlich beliebt. Das erste Skatevideo kam im Jahr 1965 raus: Skaterdater ist ein Coming-of-Age-Kurzfilm komplett ohne Dialoge, in dem mehrere junge Downhill-Skateboarder aus dem sonnigen Kalifornien hoffen, mit ihren Fähigkeiten auf dem Brett Mädels zu beeindrucken.

1966 gewann Skaterdater bei den Filmfestspielen von Cannes eine goldene Palme. Zudem ist der Kurzfilm immer wieder zum Thema von akademischen Arbeiten geworden und erreichte einen gewissen Kultstatus. Selbst heute ist Skaterdater noch von kulturellem Interesse, auch wenn der Film in seiner Art quasi nichts mit dem Style der Skatevideos gemeinsam hat, der sich im Laufe der Jahre etabliert hat. 

Weniger Kunst und Glamour, mehr Blut und Action

Als Skateboarden in den 80er Jahren bei jungen Menschen überall auf der Welt immer beliebter wurde, wollte auch Hollywood davon profitieren und platzierte das Brett mit den vier Rollen ganz bewusst in großen Produktionen wie Zurück in die Zukunft oder Gleaming the Cube.

Zu diesem Zeitpunkt fand Skateboarden vor allem in Pools, Bowls und Halfpipes statt. Das heißt aber nicht, dass die Community nur aus Ex-Surfern bestand, die ihre Wellentricks nun auf Beton nachmachten (auch wenn diese Ära des Skateboardens 2001 in der preisgekrönten Dokumentation Dogtown and Z-Boys von Szene-Legende Stacy Peralta aufbereitet wurde). Schon damals legten Skateboarder wie Rodney Mullen oder Mark Gonzales den Grundstein für das, was man heute als Street-Skateboarden bezeichnet – also Tricks auf der Straße und in der städtischen Architektur. Sie hatten eben bloß keine Kameramänner dabei.

1988 wurde schließlich Shackle Me Not veröffentlicht – quasi die Geburtsstunde des modernen Skatevideos. Der einstündige Film der 1986 in Kalifornien gegründeten Skateboard-Marke H-Street verzichtet auf eine wirkliche Handlung und verbindet stattdessen kompromissloses Skateboarden mit einem Punk-Soundtrack. So wurde er zur Blaupause für die unzähligen Skatevideos, die in den Jahren danach folgen sollten.  

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Die 90er Jahre begannen mit einem weiteren Skatevideo-Klassiker: Bei Video Days der Marke Blind aus dem Jahr 1991 führte der heute berühmte Hollywood-Regisseur Spike Jonze Regie. Er legte viel Wert auf Dynamik, Action und eine gewisse Rohheit. Aber auch andere Videos wie Questionable von Plan B, Mouse von Girl Skateboards oder Welcome to Hell von Toy Machine sorgten in der Szene für großes Aufsehen und prägten dieses Jahrzehnt des Skateboardens.

Der Sprung in den Mainstream

Was Skatevideos schließlich komplett durch die Decke gehen ließ, war die VX1000-Videokamera von Sony. Der relativ niedrige Preis, die einfache Bedienung und geringe Größe machten das Gerät zu einem essenziellen Teil der Skateboardszene. Plötzlich konnte jeder Videos drehen, es entwickelte sich schnell eine unverkennbare Skatevideo-Optik. Eines der auffälligsten Merkmale dieser Ästhetik ist dabei der große Blickwinkel, der durch Fisheye-Objektive ermöglicht wird und in quasi jedem Skatevideo der 90er und 2000er Jahre zu finden ist. Selbst heute setzen viele Skateboard-Brands weiterhin auf diese Optik.

Durch den technologischen Fortschritt des Internets konnten Skateboarderinnen und Skateboarder um die Jahrtausendwende herum tief in die Geschichte ihres Hobbys eintauchen: Filesharing-Dienste wie Limewire machten es möglich, die eigene Festplatte mit allen möglichen Skatevideos zu füllen – egal ob nun Amateuraufnahmen von anderen Skatern oder richtige Produktionen von etablierten Brands.

Gegen Ende der 2000er kam eine neue Plattform für Skatevideos ins Spiel: YouTube. Diese Entwicklung war der Todesstoß für die Skate-DVD, die selbst ja schon die Skate-VHS-Kassette als Medium abgelöst hatte. Skateboard-Magazine wie Thrasher oder Transworld, die ihre Verkaufszahlen vorher oft mit beigelegten DVDs gepusht hatten, mussten neue Wege finden, relevant zu bleiben. Und das in einer Szene, in der man plötzlich kein Geld mehr für neuen Content ausgeben musste.

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Thrasher schaffte den Sprung ins digitale Skateboard-Zeitalter relativ problemlos: 2006 startete das Magazin seinen YouTube-Kanal und hat bis heute über 2,8 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten gesammelt. Zudem erscheint bald die 500. Ausgabe. Ein deutliches Zeichen, wie wichtig der Skateboard-Szene die Erhaltung ihrer analogen Kultur ist – selbst wenn man dafür etwas zahlen muss.

Das ist die VX1000 von Sony, die es plötzlich allen möglich machte, Freunde beim Skateboarden zu filmen

Social Media stellt alles auf den Kopf

Während YouTube bereits die Ära der kürzeren Skateclips eingeläutet und die Aufmerksamkeitsspanne der Zuschauer verringert hatte, legte die Instagram ab den 2010ern mit einer (anfangs) maximalen Videolänge von einer Minute noch mal einen drauf. Plötzlich galten 10 bis 20 Minuten lange Skatefilme als übertrieben. Während Instagram zwar für noch mehr kostenlose Inhalte sorgte, ging dennoch etwas verloren: Vorbei war es mit dem Zauber von ausgedehnten Skatevideo-Abenden mit Bier, Pizza und Freunden.

Als TikTok 2016 an den Start ging, wurde alles sogar noch extremer und knapper. Immerhin öffneten die superkurzen Clips die Skateszene für mehr Menschen als je zuvor: Auch queere und nicht-binäre Menschen, die gerne skaten, haben jetzt verschiedene Plattformen, um sich zu vernetzen.

Für Skateboarderinnen und Skateboarder eröffneten die sozialen Medien zudem neue Wege, Eigenwerbung zu betreiben. Heutzutage ist es einfacher denn je, Skateboard-Brands auf sich aufmerksam zu machen: Wo man früher noch mühsam Aufnahmen von den eigenen Skills zu den jeweiligen Teams schicken musste, reicht heute ein einfacher Upload auf einer Social-Media-Plattform. Wenn dann noch die View- und Follower-Zahlen stimmen, klopfen die Brands bei den Skatern an – und nicht mehr andersherum. 

Mit beigelegten DVDs versuchten Skateboard-Magazine lange, ihre Verkaufszahlen zu pushen

Aber nicht jeder wandte sich vom alten Skatevideo-Format ab. Seit einigen Jahren ist sogar eine gewisse Trendwende erkennbar. Beliebte Brands wie Palace oder Bronze 56K veröffentlichen wieder längere Skatevideos, und William Strobeck – einer der aktuell beliebtesten Filmer und Produzenten – setzt bei seinen Arbeiten für Supreme ebenfalls wieder auf die traditionelle Länge. Seine Filme Cherry (2014) und Blessed (2018) sind direkt zu Klassikern avanciert und beeindruckten selbst junge Skateboarderinnen und Skateboarder, die sich nie für Skatevideos im Langformat interessiert hatten. 

So haben früher die Regale vieler Skateboarderinnen und Skateboarder ausgesehen

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