Wir haben einen ausländischen Kämpfer auf seinem Weg in die Ukraine begleitet

Menschen aus der ganzen Welt wollen bei der Verteidigung gegen Russland helfen.

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Montagnacht in Przemyśl im äußersten Südosten Polens: Der 25 Jahre alte Luke, ein ehemaliger britischer Soldat, steigt in ein Taxi und lässt sich zum nahegelegenen Grenzübergang fahren. Sein Ziel: die Ukraine. Luke will beim Kampf gegen die russische Invasion helfen.

"Wir müssen uns daran erinnern, dass der Krieg vielleicht gerade in der Ukraine stattfindet, morgen könnte er aber in Westeuropa sein", sagt er, während wir im Taxi zur Grenze fahren. Der Fahrer ist Ukrainer und hat schon den ganzen Tag Kämpfer zur Grenze gebracht. 

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"Es ist recht offensichtlich, dass eine Menge Kugeln aus dem Westen in diesem Krieg zum Einsatz kommen, aber es gibt wahrscheinlich nicht genügend Menschen, um diese Kugeln abzufeuern", sagt Luke. Es sei wichtig, dass alle ihren Teil dazu beitragen zu helfen. Aus Sicherheitsgründen möchte Luke anonym bleiben. Er zeigt uns aber seinen Pass und sein Soldbuch sowie Fotos von ihm in Uniform. "Ich habe mit ein paar Kontakten gesprochen und hoffe, meine Fähigkeiten in der Luftabwehr einbringen zu können."

Am Grenzübergang angekommen sehen wir Luke ein letztes Mal, als er durch Gruppen von Geflüchteten in Richtung Ukraine verschwindet. "Ich war noch nie in einem Krieg, das dürfte also interessant werden", sagt er zum Abschluss.

Die Reise zur ukrainischen Grenze war für den jungen Briten denkbar einfach. Er kam mit dem Flugzeug aus England nach Krakau und fuhr dann noch einmal drei Stunden mit dem Zug nach Przemyśl. Die Grenze, auf deren anderer Seite sich eine Geflüchtetenkrise abspielt, konnte er schließlich problemlos überqueren.

Die Ukraine ist seit 2014 ein beliebtes Ziel von sogenannten Kriegstouristen und Söldnern aus dem Ausland, die sich vor allem Milizen im Donezbecken angeschlossen haben. Mit Beginn der russischen Invasion hat es die Regierung von Präsident Wolodymyr Selenskyj ausländischen Kämpfern noch einmal erleichtert, am Krieg teilzunehmen. Sie brauchen kein Visum mehr, und seit dem 27. Februar gibt es auch eine Fremdenlegion

Da die NATO-Mitgliedsstaaten und andere Regierungen zwar Waffen, aber keine Truppen in die Ukraine schicken, hat der Aufruf für freiwillige Kämpfer schon jetzt Reservisten und Veteranen aus Europa und Nordamerika in das Kriegsgebiet gelockt. Viele weitere werden noch erwartet. Nachdem die englischsprachigen VICE-Seiten mehrere Artikel über die Rolle ausländischer Kämpfer in der Ukraine veröffentlicht hatten, trafen Dutzende E-Mails von Menschen ein, die auch in das Konfliktgebiet reisen wollen.

"Ich bin ein 24 Jahre alter Amerikaner mit Waffentraining, der der Ukraine bei der Verteidigung ihres Landes helfen möchte", heißt es in einer E-Mail, die wir Ende Februar erhalten haben. "Ich frage mich, welche Transportmöglichkeiten es von der polnischen Grenze in die Ukraine gibt, und ob man noch nach Kiew reinkommt."

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Eine andere Nachricht kam von einem Mann, der angab, Veteran zu sein: "Ich möchte mich dem Kampf in der Ukraine anschließen. Ich bin ehemaliger Offizier der britischen Armee und gut ausgebildeter MG-Schütze, habe Erfahrung mit Gefechtstaktiken und Überseeeinsätzen. Bitte sagt mir, wen ich kontaktieren kann." 

Aber schon vor der neuesten Eskalationsstufe im Ukraine-Konflikt tobte im Donezbecken ein bewaffneter Konflikt, an dem sich viele ausländische Kämpfer beteiligt haben. Schätzungsweise 17.000 Menschen aus 50 Ländern sollen es seit 2014 gewesen sein. Lange befürchteten Expertinnen und Experten, dass sich der Krieg in der Ostukraine zu einer internationalen Front für ultrarechte Kämpfer aus dem Ausland entwickelt. Besonders bekannt sind das Regiment Asow, eine Miliz mit Verbindungen zu Neonazigruppen, und Prawyj Sektor, eine ultranationalistische politische Organisation und paramilitärische Gruppe, die bereits in der Vergangenheit Freiwillige aus dem Ausland aufgenommen hat, von denen viele aus dem Umfeld der extremen Rechten stammten.


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Auch Mollie Saltskog, eine Analystin der New Yorker Geheimdienst- und Sicherheitsberatung Soufan Group, sagt, der Zustrom ausländischer Kämpfer sei nichts Neues.

"Unsere Recherchen haben gezeigt, dass sich der Konflikt in der Ostukraine seit 2014 zu einem Mittelpunkt im transnationalen Netzwerk rassistischer Extremisten entwickelt hat", sagt sie. Diesen Umstand nutzt auch Putin gerne als Rechtfertigung für seinen Einmarsch in die Ukraine. Saltskog weist allerdings darauf hin, dass in der Vergangenheit auf beiden Seiten rechtsgesinnte Freiwillige gekämpft haben. "Es sind auch Neonazis eingereist, um auf der pro-russischen Seite zu kämpfen."

Gleichzeitig gibt es viele Kämpfer aus dem Ausland, die keinerlei Verbindungen zur extremen Rechten haben. Zum Beispiel die Georgische Nationallegion. Ob diese Menschen am Ende wirklich kämpfen werden oder sich aus den richtigen Gründen einer bewaffneten Einheit anschließen, steht auf einem anderen Blatt. In einer E-Mail, die uns erreichte, nannte der Verfasser eine frische Scheidung als Grund, in den Krieg ziehen zu wollen.

Etwas später meldet sich Luke wieder bei uns. Er sagt, er habe es bis zu einer Militärbasis in Lwiw geschafft. Dort habe man aber von ihm verlangt, sich für zwei Jahre beim ukrainischen Militär zu verpflichten. Dazu sei er nicht bereit gewesen. Er sei jetzt auf dem Rückweg zur polnischen Grenze, um den Geflüchteten zu helfen.

VICE konnte nicht unabhängig überprüfen, ob Luke es tatsächlich nach Lwiw geschafft hat. Bevor der Krieg vergangene Woche das ganze Land erfasste, verlangte das ukrainische Militär von allen ausländischen Kämpfern, dass sie sich für drei Jahre verpflichten.

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