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Warum es Laura Larsson kaputt gemacht hat, eine Morningshow im Radio zu moderieren

"Es ist das Format, das die meiste Aufmerksamkeit bekommt, die Moderatorinnen sind die Gesichter des Senders. Aber zu Hause habe ich manchmal einfach geheult."

von Johann Voigt
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05 Juni 2019, 9:35am

Laura Larsson, Ex-Morningshow-Moderatorin  | Alle Fotos von Shirin Siebert

Laura Larsson träumte seit ihrer Kindheit von einer Karriere beim Radio. Nach einem Volontariat und einer eigenen Sendung bei einem großen Berliner Sender wurde sie Anfang 2019 Morningshow-Moderatorin bei einem Wettbewerber.

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Morningshow-Moderatorinnen sind die Stars der Sender, denn früh am Morgen hören die meisten Menschen Radio – unter der Dusche, beim Kaffeekochen. Aber auf den Moderatorinnen lastet ein enormer Druck. Larsson, die zusätzlich noch den wöchentlichen Podcast Herrengedeck produziert, musste für den Job jeden Tag mitten in der Nacht aufstehen, vernachlässigte ihr Privatleben und ihre Gesundheit. Gute Laune haben musste sie trotzdem. Nach nicht mal einem halben Jahr machte sie einen Cut und kündigte. Mit uns spricht sie darüber, wie man als Gute-Laune-Maschine zu einer Uhrzeit funktioniert, zu der die meisten Menschen noch mufflig und verschlafen sind.

VICE: Du hast knapp vier Monate die Morningshow eines großen Senders in Berlin moderiert, dann warst du wie ausgebrannt. Was hatte dich an der Morningshow gereizt?
Laura Larsson: Es ist das Format, das die meiste Aufmerksamkeit bekommt. Alle Augen sind auf die Morningshow gerichtet. Wenn irgendwo für einen Sender auf Plakaten geworben wird, dann gehen die immer mit der Morningshow raus. Die Moderatorinnen und Moderatoren sind die Gesichter des Senders. Natürlich sind die anderen genauso wichtig, aber morgens hören die Leute einfach am meisten Radio. Ich wollte außerdem lernen, wie eine Doppelmoderation funktioniert. Das war der Reiz. Und du wirst wegen der Arbeitszeiten natürlich auch besser entlohnt.

Morningshow-Moderatorinnen sind immer gut drauf. Wie hast du das eigentlich geschafft?
[Lacht] Gute Laune braucht man generell im Radio. Egal, zu welcher Tageszeit man moderiert. Auch wenn man starke Schmerzen hat oder dringend aufs Klo muss, darf man sich das während der Moderation nicht anmerken lassen. Ich weiß nicht, wie, aber sobald das Mikrofon an ist, geht das. Sobald du on the record bist, funktionierst du. Ich erinnere mich daran, dass meine Schwester im Krankenhaus lag und mir meine Mutter das während einer Nachmittagssendung geschrieben hat. Ich musste die Sendung trotzdem zu Ende führen und wusste nicht, wie ich das schaffen soll.


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Du hast also gelernt, wie du im Radio fröhlich klingst?
Ich habe beim Sprechtraining während meines Radio-Volontariats gelernt, dass ich beim Moderieren ein Lachen auf den Lippen haben muss. Dann klingt alles sofort fröhlicher.

Warum bist du Radiomoderatorin geworden?
Das wollte ich schon als Kind. Ich habe mich selber aufgenommen, habe viel geübt. Ich wollte was mit Sprache machen. Dann habe ich ein Praktikum beim Radio gemacht, um zu gucken, ob das wirklich was für mich ist. Nach dem Praktikum bin ich sehr schnell on air gegangen. Ich halte Radio nach wie vor für ein sehr romantisches Medium.

"Sobald du on the record bist, funktionierst du. Ich erinnere mich daran, dass meine Schwester im Krankenhaus lag und mir meine Mutter das während einer Nachmittagssendung geschrieben hat. Ich musste die Sendung trotzdem zu Ende führen."

Was ist denn am Radio romantisch?
In der Zeit, in der wir Playlists haben und durch Songs skippen, die wir hören wollen, ist es schön, beim Radio das Gefühl zu haben, roadtripmäßig nicht zu wissen, was als nächstes kommt. Außerdem hat das Radio eine Stimme. Ich kenne diese Stimme, und sie informiert mich. Wenn ich nachts mit dem Auto unterwegs bin, finde ich es schön, wenn mir jemand etwas erzählt. Ich fühle mich dann nicht allein.

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Wie hast du dir die Arbeit beim Radio vorgestellt, bevor du das erste Mal dort gearbeitet hast?
Ich dachte, dass die Moderatorinnen allein in einem Studio sind. Aber es gehört viel mehr dazu: eine Redaktion, ein Team. Das wusste ich früher nicht. Ich dachte, da sitzt ein Moderator, der sich alles merken muss, alles auswendig können muss. Und, dass man immer arbeiten muss. Auch an Feiertagen. Wenn ich an den Weihnachtsfeiertagen Radio gehört habe, hat meine Mutter immer gefragt: "Das willst du machen? Willst du Weihnachten wirklich arbeiten?"

Musstest du zu Weihnachten schon mal moderieren?
Nein, noch nie. [Lacht]

Wie unterscheidet sich die Morgenarbeit von der am Nachmittag?
Das war ein krasser Cut für mich. Das Stresslevel in der Morningshow ist höher. Am Nachmittag habe ich alleine moderiert, war für vieles alleine verantwortlich und konnte alleine entscheiden, was ich sagen will. Manchmal habe ich mich bei fünf Stunden Moderation auch einsam gefühlt. Das war in der Morningshow nicht mehr so. Da waren wir teilweise zu viert. Das kann herausfordernd sein, weil man sich in kürzester Zeit abstimmen muss, wenn der Song vielleicht nur noch 30 Sekunden geht.

Streitet man sich dann untereinander?
Nein. Aber man schlägt im Stress nicht immer den besten Tonfall ein. Die Uhr läuft runter, es muss schnell gehen. Ich habe mich bestimmt auch schon total im Ton vergriffen. Ich glaube, man darf das nicht so ernst nehmen. Streit habe ich aber noch nie erlebt. Die Goldene Regel ist, Konflikte immer erst nach der Sendung zu besprechen – während der Sendung ist das schlecht.

Der Job beginnt um 5 Uhr früh. Wann musstest du aufstehen?
Der Wecker hat nachts um halb vier geklingelt. Das habe ich unterschätzt. Ich dachte, es wäre einfach so früh aufzustehen. Jeden morgen, wenn der Wecker geklingelt hat, habe ich gedacht: Das ist ein Scherz. Aber das war nicht nicht das größte Problem.

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Sondern?
Freizeit, Familie und Freunde leiden unter dem Job extrem. Das war ein Grund dafür, dass ich den Job nicht lange machen konnte. Ich konnte mich im Sommer nicht spontan abends mit Freunden im Biergarten treffen, nicht zu einem Geburtstag gehen, weil ich spätestens um 21 Uhr schlafen musste.

Wie viele Tage hintereinander musstest du um 3:30 Uhr aufstehen?
Fünf Tage die Woche.

"Der Wecker hat nachts um halb vier geklingelt. Das habe ich unterschätzt."

Was hast du in der Zeit nach dem Aufstehen, und bevor du ins Studio gegangen bist, gemacht?
Mehr als Zähneputzen, anziehen und losfahren war nicht drinnen. Ich schminke und dusche mich morgens natürlich gerne oder mache mir mal eine Quinoa-Bowl. Das habe ich während meiner Nachmittagsshow geschafft, aber in der Morningshow-Zeit musste ich das alles streichen. Nach der Arbeit musste ich auch deswegen früh zu Hause sein, weil ich mein Essen für den nächsten Tag schon am Abend vorbereiten musste. Mein Tee stand früh schon abgefüllt da, meine Stullen waren geschmiert und geschnitten.

So richtig Zeit zum Frühstücken blieb also auch nicht?
Meistens habe ich noch gar nichts runterbekommen. Also habe ich oft während der Sendung gefrühstückt und zwischen zwei Songs eine Stulle weggesnackt. Die schmeckst du dann gar nicht richtig, weil du im Kopf schon wieder bei der nächsten Moderation bist. Du isst nur, um den Magen vollzukriegen. Da geht ein Stück Lebensqualität flöten.

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Hat dich der Job psychisch belastet?
Auf jeden Fall. Ich glaube, dass andere Leute das besser hinbekommen als ich. Einige Moderatorinnen und Moderatoren machen das ja schon seit Jahren und kommen damit klar. Ich habe nach nicht mal einem halben Jahr gesagt, dass ich das nicht mehr kann. Mein Podcast, weitere Moderationen, das gepaart mit so wenig Schlaf hat mich richtig belastet. Ich habe manchmal einfach zu Hause geheult. Irgendwann hat mein Freund gesagt, dass es so nicht weitergehen kann. Ich glaube, wenn man eine Morningshow macht, muss man die zu 100 Prozent machen, sich voll darauf einlassen und nicht nebenher jobben und Social Media machen. Dann kannst du das schaffen.

"Ich bin abhängig von Energydrinks. Unter meinem Schreibtisch standen Müllsäcke voller leerer Dosen. Da lagen bestimmt 50 Euro Pfand."

Zu Hause zu weinen vor Erschöpfung, das klingt sehr nach einem Schwächeanfall.
Ja, die hatte ich. Aber ich war sicher auch mit Schuld daran, weil ich alle Jobs unter einen Hut bringen wollte. Ich wollte nicht einsehen, meine Podcast-Aufnahmen zu verschieben oder eine Einladung von Freunden auszuschlagen. Ich wollte einfach zu viel. Deswegen bin ich an meine persönlichen Grenzen gekommen.

Hast du als Morningshow-Moderatorin aufputschende Drogen konsumiert, um fit zu bleiben?
Ich bin abhängig von Energydrinks. Das ist kein Scherz. Ich mag keinen Kaffee und alle anderen Drogen kommen für mich nicht in Frage. Deswegen habe ich jeden Morgen in der Zeit von 5 bis 10 Uhr zwei oder drei Dosen Energydrink getrunken. Unter meinem Schreibtisch standen Müllsäcke voller leerer Dosen. Da lagen bestimmt 50 Euro Pfand.

Wie ging es weiter, nachdem du fünf Stunden auf Sendung warst?
Es gibt noch Redaktionskonferenzen, es werden Töne für den nächsten Tag geschnitten, neue Themen gefunden. Ich war bis mindestens 12 Uhr, manchmal bis um ein Uhr im Sender. Wenn ich dann nach Hause kam, war ich meistens erledigt und dachte "Ich will nicht mehr". Aber dann ging es weiter mit der Arbeit am Podcast.

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Würdest du noch mal eine Morningshow moderieren?
Moderieren im Radio will ich weiterhin, aber auf eine Morningshow würde ich mich nicht mehr bewerben. Zumindest nicht bei privaten Radiosendern. Bei öffentlich-rechtlichen Sendern ist die Morningshow anders organisiert. Da gibt es verschiedene Teams, die sich abwechseln, und du hast dann zwischendurch auch mal Zeit, dein Privatleben auf die Reihe zu bekommen. Das könnte ich mir vorstellen. Aber fünf Tage die Woche jeden Morgen moderieren, das mache ich nicht mehr.

Mit freundlichem Dank an das Café Kastanientörtchen.

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